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17
Mar
12

Afghanistan Reloaded – ein Feature

Es gehört für viele zu den bitteren Wahrheiten in dieser Zeit, dass der Krieg in Afghanistan nur durch Krieg näher gerückt ist!” Mit diesem Satz eröffnete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am 22.12.2001 seine Rede vor dem Bundestag, mit der er für den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan warb. Der Kampf am Hidukusch gegen das Terrornetz der Taliban an dem insgesamt 130.000 Soldaten aus 50 Nationen beteiligt waren, 5000 von ihnen aus Deutschland, führte weder zu einer humanitären Intervention noch zu einem langfristigen Frieden. Vielmher führte er zu einem Krieg, dessen Ende immer weiter in die Zukunft zu rücken scheint, er führte zu gezielten Tötungen von Zivilisten, dem Einsatz von Drohnen und Amokläufen von US-Amerikanischen und afghanischen Soldaten, die unter post-traumatischen Belastungsstörungen leiden. Doch interessieren tut das eigentlich kaum einen mehr. “Die Luft ist draußen” kommentierte ein SPD-Politiker unlängst die Abzugsperspektive der Soldaten, die für 2014 vorgesehen ist und beschreibt damit auch das Interesse, dass sie Mainstream-Medien derzeit noch für Afghanistan übrig haben.

Zehn Jahre später sprechen ein deutscher Soldat und ein afghanischer Flüchtling von ihren Erfahrungen in, um und mit diesem deutschen Kriegseinsatz. Beide erzählen von Flucht und Ankommen, von Illusionen und Fremdheit, von Angst und Momenten des Glücks. Ihre Geschichten erzählen von seelischen und physischen Schmerzen, Zerbrechlichkeit und Krisen des Selbst. Beides sind die selbstlosen Geschichten von großen Empathieträgern. Während der Soldat, “ein ganz ganz kleines Rad an diesem großen Wagen” zwischen den Themen hin- und herswitcht, von Schröder’s gescheiterter Politik, das Nüsse essen mit einem Afghanen über das Nicht-mehr-Einkaufen Können in Deutschland, erzählt der Flüchtling seine Flucht, die ihn aus Afghanistan über Pakistan zu Fuß in die Türkei mit dem Truck und einem kleinen Schlauchboot nach Griechenland und einem gefälschten Flugticket bis nach Deutschland brachte. Auf der einen Seite ein Mensch auf der Flucht, dessen schiere Existenz auf seine Papiere beschränkt bleibt, dessen Leben von Kontakten und dem Wissen um Überlebensstrategien abhängt und auf der anderen ein heimgekehrter Soldaten, der nichts ausrichten konnte für die Bevölkerung in Afghanistan, mit der unerträglichen Banalität des Seins in Form seines ehemaligen Chefs konfrontiert wird, der nicht weiß, wohin er seine gebrauchten Senfgläser bringen soll.
‘Was ist in Afghanistan los?’ ‘Was würden Sie einen heimgekehrten Soldaten fragen?’ ‘Was würden Sie einen Flüchtling fragen?’ ‘ Was würden Sie ihnen sagen?’ ‘Wie stehen sie dazu, dass Deutschland Flüchtlinge aus Afghanistan aufnimmt?’ haben wir 26 LeipzigerInnen gefragt und die Antworten waren frappierend. Sätze wie “Die haben alle in ihren Ländern genug Platz und Leute, die da ein bisschen aufräumen können. Ich denke nicht, dass wir Mutter Teresa für alle Länder spielen sollten” oder “Warum hat er [der Flüchtling] sich gerade Deutschland ausgesucht und nicht ein Land, das seiner Menthalität, also asiatisch, mehr entspricht?” gehörten eher zur Regel als zur Ausnahme. Viele sprachen als Familienangehörige von Soldaten. Im Laufe unserer Recherche wurde deutlich, dass die Narrative des Soldaten, des Flüchtlings, aber auch der in Deutschland lebenden Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise um den Begriff “Heimat” zirkulieren. Heimat wird dabei als trutzige Festung verstanden (“nicht einfach Leute hereinlassen in das Land”), als Erinnerung an den verschwundenen Vater (“unsere Familie weiß bis heute nicht, ob er noch am Leben ist oder nicht”) oder als Konsumhölle (“wenn du die Zustände siehst, in denen die Menschen da leben müssen, fällt es dir schwer hier einkaufen zu gehen”). So, wie sich der Flüchtling in seiner eigenen Geschichte physisch immer weiter von seiner Heimat entfernt, entfernt sich der Soldat durch seinen erinnerten Einsatz und die darauffolgende Rückkehr psychisch immer stärker von Deutschland. Was für Beckmann zum postmoderner Kriegsalbtraum wird, ist dem Soldat zur posttraumatischen Belastungsstörung geworden. Die Heimat von gestern ist nicht mehr die von morgen.

Afghanistan Reloaded erschafft einen Diskurs, der sowohl in der sozialen Realität, als auch im medialen Diskurs, nicht zustande kommt, da er Narrative von Menschen vereinigt, die sonst nicht miteinander ins Gespräch kommen. Die Muster, die dieses Stimmgewebe offenlegt, zeigen parallele Erfahrungswelten von Menschen, deren Biographien und Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie zeigen, dass wir auf die Unterstützung unserer Umgebung angewiesen sind – nicht im militärischen Sinn.

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