Archive for the 'writing' Category

05
Apr
10

1×1 der Chat-Kommunikation und der blogosphäre

TANJ??? wtf??? omg! Mal wieder kein Plan was blauetrude auf ick-will-dir-kennenlernen.com im Chat gebabbelt hat? Nur kryptische Zeichen und bedeutungslose Abkürzungen gesehen? Surfst Du aus Leidenschaft und hast immer noch keinen Plan, was es mit diesen blöden Cookies auf sich hat? Bloggst Du was das Zeug hält, aber weisst nicht was ein template ist? Hoffnungslos lost im weiten großen Netz? Für alle, die noch eine Sprache dazulernen wollen, hier ein erster kleiner Versuch: Akronyme und andere Begriffe aus dem ver-slangten Web und der blogosphäre zum pdf-download.

Bei tigerweb oder at-mix gibt es für alle Neugierigen ausgereifte Internet-Glossare.

Wer sich das texten noch nicht zutraut aber schonmal den hyper-langweiligen Emoticons auf Skype oder anderen Kommunikations-Plattformen vorbeugen will, hier die gängigsten zum Selbermachen:

:-) Klassischer Smiley: lächelnd, fröhlich
:-( traurig
:)) lacht laut
=)) wälzt sich vor lachen auf dem Boden
=(( sehr traurig, weint
:P streckt die Zunge raus
;-) zwinkert
:D grinst
:-* Kuss
:-/ skeptisch
:-> zynisch
C:-) Heiligenschein
>:-) Teufel (steht oft für einen gemeinen aber klagen Gedanken)
=:| gesträubtes Haar
:~) erkältet
*-o) Clown
\V/ Von Fans der Serie Raumschiff Enterprise eingeführt: vulkanischer Gruß = Lebe lang und glücklich!
o(_|_)o bildlich für Arsch mit Ohren
C. Computervirus
@–>–>– Rose
(-_-) stilles Lächeln
>:-( wütend­
:-@ erstaunt
:-o Ausruf “oh!”

02
Feb
10

Der “Voodoo” und das Erdbeben – Ein Kommentar zur Haiti-Berichterstattung der FAZ

Medienberichterstattung kann informativ sein. Manchmal kann sie auch böse Geister heraufbeschwören. Letzteres scheint bei der derzeitigen Haiti-Berichterstattung von immer größerem Interesse zu sein, auch wenn die Berichte über das zerstörte Land, wie gewohnt, aktuelleren Themen Platz machen, und in den Zeitungen immer weiter nach hinten rutschen. Die undifferenzierte Verquickung des Glaubenssystems Vodou mit dem unsäglichen Erdbeben ist mittlerweile eher die massenmediale Regel als die Ausnahme.
Ein Artikel beispielloser lückenhafter Recherche und verfälschter Darstellung ist der FAZ-Artikel von Josef Oehrlein. Darin interpretiert er den “Voodoo-Kult” nicht nur auffällig eurozentristisch, sondern auch verkürzt funktionalistisch: “Er bietet den durch korrupte Herrscher, Not, Armut und Katastrophen geprüften Haitianern ein wenig Halt in ihrem miserablen Alltag und Erklärungen selbst für manche grausamen Vorkommnisse, weil die Götterfiguren, die sie verehren, letztlich sehr menschliche Verhaltensweisen zeigen.” Welchen beachtlichen Teil wir selbst, als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft an der von “korrupten Herrschern, Not, Armut und Katastrophen geprüften Haitianern” tragen, bleibt ganz natürlich außen vor. Stattdessen entrüstet sich Oehrlein über die Verquickung von Vodou und Katholizismus unter Jean-Bertrand Aristide, der bis er nach den bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen 2004 “freiwilllig” von den USA ins Exil ausgeflogen wurde, Präsident von Haiti war: “Ausgerechnet der katholische Priester Aristide hatte den Voodoo-Kult mit einem Dekret zu einer staatlich anerkannten Religion erhoben.” Ich möchte Herr Oehrlein an dieser Stelle fragen: Gibt es ihrer Meinung nach eine “pure” Religion? Oder ist es nicht die Regel, dass religiöse Systeme mit- oder untereinander verschmelzen und nicht beginnen aus dem luftleeren Raum heraus zu existieren. Schwerer wiegt jedoch Oehrlein’s Subtext: Katolizismus und “Voodoo-Kult” können doch gar nichts miteinander zu tun haben. Eine solche Annahme würde tatsächlich nicht nur in Haiti weit an der Realität vorbei gehen. In der Tat praktizieren viele Vodou-Anhänger in Haiti auch den Katholizismus. Wie mühelos beide Glaubenssysteme miteinander korelieren zeigen Rituale wie das Saut d’Eau Ritual, bei dem jährlich tausende Vodou-Gläubige zu dem Wasserfall Saut d’Eau pilgern. Es wird angenommen, dass vor 150 Jahren der Geist der Heiligen Maria auf einer Palme nahe des Wasserfalls erschien. Während des Rituals werden Pilger regelmässig von Vodou Gottheiten besessen, oder wie sie es selbst nennen “geritten”.

Synkretismen, also Verschmelzungen religiöser Systeme solcher Art sind Menschen, die den “bösen” Vodou auf Haiti am liebsten durch das “gute” Christentum vertrieben wissen möchten, scheinbar nicht bekannt. Denn Ronald Graf, der Oehrleins Text in der FAZ online kommentierte, schreibt offenbar noch ahnungsloser als Oehrlein: “Es gibt immer mehrere Faktoren, die ein Land in extremer Misere festhalten: Fehlende Schulbildung, Korruption, Machtgier etc. Aber das alles basiert immer auf dem egoistischen bis kindischen menschlichen Verhalten der verantwortlichen Machtträger. Diese treffen ihre (falschen) Entscheidungen aufgrund der von ihnen anerkannten moralischen Werte, die fast immer auf religiösem Volksglauben ruhen. Wenn man nun diesen Volksglauben sucht, ist es in Haiti der Voo-Doo. Ein Totengeister-Dämonenkult, der den Bürger an die toten Vorahnen bindet. Letztere bestimmen, was gut und was böse ist. Darum sind “unsere” christlichen Werte dort nicht bestimmend, sondern die dämonischen, wie Blutrache, blutige Kämpfe der Familien-Clans um die Macht, masslose Geldgier, Rücksichtslosigkeit etc. Seit 200 Jahren leidet und blutet die Bevölkerung Haitis schon an ihrer Geisterreligion und es ist kein Ende abzusehen. Die christlichen Werte der Nächstenliebe allein können dort einen Wandel herbeiführen.” Amen. Wenn mensch um bei FAZ online einen Leserkommentar zu schreiben, sich nicht umständlich und datenreich registrieren müsste, würde ich Ronald Graf gerne antworten. Dann würde ich ihm sagen, dass sein Kommentar selbst meine nicht-christliche Wenigkeit dazu ermutigte mich bestürzt zu bekreuzigen. Und ich würde ihn beruhigen, dass er sich wirklich keine Sorgen machen brauche, da die christlichen Werte schon längst in Haiti angekommen sind. Und dann würde ich ihm gerne meinen Respekt dafür zollen, dass sein Kommentar den messerscharfen Analysen US-amerikanischer TV-Prediger, die den Grund des Erdbebens im “verfluchten Voodoo” suchen, in nichts nachsteht.

Vodou war schon immer, wie kein anderes Glaubenssystem, Projektionsfläche westlicher Phantasien. Reflektierte Analysen scheinen bislang – und auch nicht immer – Ethnologen und Religionswissenschaftlern vorbehalten. Doch was hat Vodou eigentlich nochmal mit dem Erdbeben zu tun? Wie das Wort Islam symptomatisch seit Jahren in beinahe jedem Medienbericht auftaucht, der das Thema “Terror” behandelt, gibt es auch nur wenige Artikel über das zerstörte Haiti ohne dass der wissbegierige Leser über “Voodoo” “aufgeklärt” wird. Da macht natürlich auch unser “Voodookult-Experte” Oehrlein keine Ausnahme. Mehr noch, Oehrlein weiss, dass es zwischen der blutigen Politik und dem blutigen Kult eine Verbindung geben muss: “Der Voodoo-Kult liefert schließlich auch eine einleuchtende Erklärung, warum Gewalt und Gegengewalt, Unterdrückung und Machtkämpfe, Morden und Marodieren in Haiti fast schon wie Rituale praktiziert werden: Alle Gegenstände, die im Voodoo eine Rolle spielen, bedeuten zwar jeweils etwas Bestimmtes, doch fast immer zugleich auch etwas anderes, bisweilen sogar das Gegenteil. Sie verwandeln sich unaufhörlich in etwas Neues. Selbst die banalsten alltäglichen Gerätschaften wie Wassergläser oder Spiegel nehmen übernatürliche Kräfte an. Im Voodoo-Kult verliert der Mensch rasch jede Art von Maß und Ziel.” Solche undifferenzierten, geistlosen, ja bis zur semantischen Sinnfreiheit verunstalteten Eingebungen lassen vermuten, dass es vor allem Oehrlein ist, der hier das Gefühl für Maß und Ziel verliert. Ob dieser haarsträubenden Berichte über Haiti, die das progressive Abendland direkt ins dunkle Mittelalter zurückkatapultieren, bringen ausgewogenere und kritische Berichte tatsächlich wieder Licht in die Finsternis. Die taz beispielsweise berichtet davon, dass Haiti alles andere als nur ein “Katastrophenland” war und beispielsweise das erste Land, das 1804 mit der Haitianischen Revolution die Sklaverei abschaffte. Auch der blog cirquedelire widmet sich beinahe ausschliesslich Haiti und dem Vodou und analysiert, konterkariert und eruiert dabei profund, differenziert und anspruchsvoll.

Vodou ist ein Glaubenssystem. Es gibt seinen Anhängern wie denen anderer Glaubenssysteme Sinn, Halt, Hoffung und Mut. Auch wenn manche Anhänger des Vodou das Erdbeben aus ihrer Perspektive heraus zu erklären versuchen, sollten sich die Medien bemühen diese Sichtweise darzustellen – wenn ihnen schon auf einmal so viel daran liegt eine Naturkatastrophe mit der Religion der Betroffenen in Verbindung zu bringen (warum hat eigentlich bei Katrina oder dem verheerenden Tsunami niemand von der Vermutung geschrieben, dass es sich auch hierbei um eine Strafe Gottes gehandelt haben könnte?) und nicht ihre Götter anderen Menschen aufoktroyieren wie Kolonialherren den Beherrschten ihre Fremdherrschaft. Oder wie war das nochmal mit der von der säkularen Moderne erkämpften Religionsfreiheit? Gilt die etwa nur auf dem eigenen Boden?

Wer mehr über Vodou als Glaubenssystem und seine medizinischen Aspekte in Erfahrung bringen will dem sei „Juju only works on Believers“ – Heil und Heilung im Vodou nahegelegt.

03
Jan
10

wikileaks – das offizielle whistleblower portal

Wikileaks ist der erste öffentliche Geheimdienst. Das Informatiosportal, das Dokuemnte veröffentlicht, die aus einem Informationsleck entspringen. Sprich es veröffentlicht Dokumente, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen sind, an denen die Öffentlichkeit aber großes Interesse hat. In Zahlen gemessen hat sich wikileaks bis Oktober 2009 zu einer zentralen Sammelstelle mit 1,2 Millionen Dokumenten von Regimekritikern und anonymen Quellen entwickelt. Das beinhaltet Informationen über Machtmissbrauch in Firmen, Korruption in Parteien, innere Angelegenheiten des US-Militärs etc. Welche Inhalte zu Wikileaks gelangen, wird nicht von den Betreibern gesteuert, sondern von den Interessen Menschen weltweit, die ihre Dokumente zu den Betreibern schicken. Enstanden ist das online Wissensportsal aus Diskussionen von Menschen auf der ganzen Welt, die ihren Unmut über die heutigen Publikations-Standards, Informations-Politik und Datenschutz zum Ausdruck brachten.
Die Sicherheit der Quellen ist dabei unschlagbar geschützt. Alle Publikationen werden anonym publiziert, es werden keine logfiles oder Statistiken der Nutzer gespeichert, die Dokumente zur Verfügung stellen. Der Dienst ist anonym und unzensierbar. Die Stärke von wikileaks ist der ideelle Gewinn. Niemand profitiert finanziell, weder indem eine Person das Portal unterstützt, noch indem er es korrumpiert. Auch wenn wikileaks den Finanzsektor wie wahrscheinlich keinen anderen beeinträchtigen kann. Denn Informationen sind das, was auch das fragile Sytem der Wirtschaft beinflusst, konkret Aktienkurse.
Großen Bekanntheitsgrad erlangten durch wikileaks bislang die Guantánamo Bay Handbücher, die Plünderung Kenias, die Steuermanöver der Julius Bär Bank, wikileaks verfügt außerdem über die größte Sammlung an Aufzeichnungen der Scientology-Kirche und veröffentlichte 200 alle knapp 13 000 Namen und Adressen der British National Party. Auf dem 26. Chaos Communication Congress in Berlin stellten Ende 2009 Wikileaks-Aktivisten, darunter der Mitbegründer von wikileaks und Programmierer Julian Assange den Plan vor, in Island einen sogenannten “Datenhafen” zu errichten.
Einen sehr hörenswerten Beitrag über wer und was wikileaks ist, um was es dort geht, wie delikat die gehandelten Informationen sind, in welche rechtlichen Rahmenbedingungen wikileaks eingebunden ist und welche Beispiele wikileaks prominent gemacht hat, könnt ihr hier auf chaosradio finden, das den den von fritz radio produzierten beitrag zum direkten download bereitgestellt hat. Direkt zum Portal gehts auf wikileaks.

27
Apr
09

Silence

Silence can be a plan
rigorously executed

the blueprint to a life

It is a presence
it has a history a form

Do not confuse it with any kind of absence

by Adrienne Rich

15
Apr
09

Can there be a “halfie” ethnography?”

Clifford (1986) once argued that every ethnography can only represent partial truths. In this sense and in a Nietzschean way of thinking all of the truths are possibly made by powerful “lies” of exclusion and rhetoric: “Even the best ethnographic texts -serious, true fictions – are systems, or economies, of truth. Power and history work through them in ways their authors cannot fully control” (Clifford 1986: 7). This today`s common assumption among anthropologists is perfectly illustrated in Malinowski’s posthumously published “A Diary in the Strict Sense of the Term” (1967) where the homogenous picture that the polish born anthropologist draws of the Trobriand society by representing “the native’s point of view” became scattered and questionable by his frustration with the indigenous, the author`s sexual fantasies with the Trobriand women, the officially denied relationship to other white people in the field and his homesickness. Yet, the publication of his diary initiated on the one side the breakdown of epistemological and moral confidence, pre- and intended in the “Argonauts of the Western Pacific” and on the other fruitful debates about how anthropologists represent the Other (see “Writing Culture” and “Othering”
debate).
In the following essay I want to explore what indicators are responsible for making systems of truths partial and in which ways and under which occurring difficulties ‘native’, ‘halfie’ and also feminist anthropologists are dealing with constructing an Other that they seek to represent through themselves. Are they, due to their intimate knowledge, in a more advantageous position in contrast to their non-native counterparts? Or does their “self-shifting” make them blind for an etic
perspective?

For the full essay in pdf-version click here: can_there_be_a_halfie_ethnography_essay

30
Mar
09

Die Mär vom Eingeborenen

Die Geschichte des Begriff “native”, weshalb er bis heute verwendet wird und welche Alternativen es gibt

pdf-Version hier: natives

Die Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin hat eine lange, steinige Wanderung hinter sich. Seit ihrer Geburt während des Kolonialismus, als AnthropologInnen noch sozialdarwinistische Evolutionsmodelle entwarfen und sich nicht nur dem Postivismus verschrieben hatten, sondern auch einhellig an Objektivität im Feld glaubten, hat sich viel getan. Mittlerweile ist die Ethnologie eine hochgradig selbst-kritische und in durch den Einfluss diverser Schulen (wie beispielsweise der feministischen Antropologie) auch selbst-reflexive Wissenschaft geworden, die wie keine andere Disziplin so viel Kapital aus ihrer Selbstanklage schlagen konnte. Begriffe wie Kultur, Mentalität, Staat, der Andere, Teilnehmende Beobachtung etc. werden buchstäblich auseinander genommen, analytische Methoden werden wie chirurgisches Instrument benutzt, diskursiv wird die Legitimität der Begriffe wie durch Säure weggeätzt – und trotzdem schafft es ein neuer, alternativer Begriff nur selten den älteren, der seit Jahrhunderten in der anthropologischen Rhetorik Wurzeln geschlagen hat, zu ersetzen.

Im Laufe meines Ethnologie-Studiums habe ich mich oft gefragt, weshalb solche Begriffe derart scharf (und berechtigt) kritisiert werden ohne, dass die Debatten letzten Endes zu fruchten scheinen; weshalb einige Begriffe, die ursprünglich dem Vokabular von Missionaren, Reisenden und Kolonialherren entnommen wurden aus dem anthropologischen Vokabular entfernt wurden, während andere trotz harscher Kritik bis heute in der Ethnologie eine prominente Stellung einnehmen und in einem großen VerwenderInnen-Kreis zirkulieren.
Ein Beispiel ist der Begriff des Eingeborenen (indigenous, native), der ursprünglich den Begriff des Primitiven ersetzen sollte, der zeitgenössische AnthropologInnen oft in Verlegenheit bringt. Aber auch die Kritik an den Begriff “native” ist vielfältig gewesen und löste kontroverse Debatten (Othering, “native” anthropologists, Writing Culture) aus. Nichtsdestotrotz wird “native” weiterhin verwendet. Ob im Rahmen von “native belief-systems”, “native agriculture” oder “native knowledge”, ob mit oder ohne Anführungsstriche, der Begriff hat nach wie vor Hochkonjunktur.

Appadurai, der in seinem Essay “Putting Hierarchy in Its Place” die Genealogie des Begriffes “native” nachzeichnet, ist davon überzeugt, dass der Begriff auf die Idee der Hierarchie zurückgeht, mit der AnthropologInnen es geschafft haben bestimmte Kulturen (wie z.B. Indien) einzufrieren um so ihren Teil zum Verständnis der human condition beizutragen.
Wie ambivalent der Begriff “native” ist, lässt sich laut Appadurai an der Ambivalenz des Wortes nativistisch (nativistic) ablesen, ein Begriff, der nicht nur verwendet wird um eine bestimmte Art des revivalism zu beschreiben, sondern vielmehr diesen revivalism mit bestimmten Bevölkerungsgruppen in Verbindung zu bringen.
Wenn man den Begriff des “native” etymologisch betrachtet, der auf das Lateinische natere zurückgeht, impliziert er an sich keine Wertung: Eine Person, die an einem bestimmten Ort geboren ist und dort zu Hause ist, ist eine Aussage, die an sich recht neutral erscheint. Das Problem ist aber, dass wir “native” nicht in diesem Kontext verwenden. Obwohl wir alle “native” irgendwo sind beziehen wir uns dabei in der Regel auf Personen und Gruppen, die zu den Teilen der Welt “gehören”, die weit vom metropolitanen Westen entfernt sind. Wenn wir von Elementen sprechen, die unserer eigenen Kultur eigen sind, verwenden wir in der Regel den Begriff “volks-” (folk) oder in linksalternativen Kreisen auch “volx”, ein Begriff der in jedem Fall weniger wertend zu sein scheint (im Englischen sicherlich weniger als im Deutschen).

Für Appadurai sind “natives” nicht nur an bestimmten Plätzen geboren, sondern werden in der Regel auch als diesen Plätzen angehörig gedacht. Warum das so ist, erklärt er durch ihre scheinbare Immobilität: “Natives” leben an bestimmten Plätzen, die von Missionaren, Reisenden, AnthropologInnen, Administratoren und anderen “Outsidern” besucht werden, die als grundsätzlich mobil betrachtet werden. Obwohl sich “natives” auch fortbewegen können, werden diese Bewegungen letztlich nur als Fluchtbewegung wahrgenommen, sobald diese “Outsider” in ihr “Territorium” dringen (S.37). Sicherlich werden heutzutage Kulturen durch die Bewegungen von MigrantInnen und verschiedensten Diasporas mobiler gedacht als früher, doch letzten Endes werden die einzelnen Angehörigen dieser “exilierten” Gruppen als Frucht in einem Korb gedacht, der zwar den Ort wechselt, aber weiterhin dieselbe Frucht enthält.
Die andere Annahme, weshalb “natives” als verbunden mit den Plätzen, an denen sie geboren wurden sieht Appadurai nicht in einer physischen Zuschreibung, sondern auch in einer ökologischen. Diese Argumentationsmuster beschreibt die Anpassung der “natives” an ihre Umgebung, die es ihnen erlaubt materielle Fähigkeiten, und step by step Technologien, zu entwickeln, mit denen sie ökonomische Nischen zu besetzen (S. 37).
Der wirkliche kritische Punkt, ist laut Appadurai jedoch, dass die Verbindung der “natives” zu ihren Plätzen auch eine moralische und intellektuelle Dimension einnimmt. In diesem Sinne wird “native” mit den Dingen, die sie fühlen, denken und wissen assoziiert, was sie zu Gefängnisinsassen ihres eigenen Denkmodus macht. Besonders anschaulich wird das in einer Passage aus Evans-Pritchard’s Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande, in dem er, obwohl sonst darauf zu achten scheint den Unterschied zwischen europäischer und Azande Mentalität nicht allzu groß erscheinen zu lassen:”…the difficulty of discussing the subject of witchcraft with Azande, for their ideas are imprisoned in action and cannot be cited to explain and justify action” (Evans-Pritchard 1937: 82f).

Appadurai geht davon aus, dass es zwei Annahmen gibt, die die Idee der intellektuellen und räumlichen Angehörigkeit der “natives” miteinander verbinden. Das eine ist die Idee, dass Kulturen ganzheitlich sind und die andere, dass die intellektuellen Operationen der “natives” unweigerlich an ihre Nischen und ihre Situationen geknüpft sind. Sie werden, in den Worten von Levi-Strauss als “Wissenschaftler des Konkreten” betrachtet (S.38).
Appadurai weist aber auch auf Anthropologen hin (Boas, Mintz, Oakely, Wolf ), die kulturelle Charakteristiken als Elemente erkennen, welche teilweise über riesige kulturelle Gebiete geteilt und übermittelt wurden und sich während dieser Prozesse auch änderten. Ein Beispiel hierfür ist die indo-europäische Sprachgruppe, die sich über viele unterschiedliche geographisch versprengte Gebiete erstreckt. AnthropologInnen werden heute öfter denn je mit der Tatsache konfrontiert, dass viele kulturelle Beobachtungen, die als authentisch und historisch tief in der Gruppe oder Gegend verwurzelt erschienen, in Wahrheit die Produkte transregionaler Interaktionen waren (ebd.). Ein Phänomen, dem sich beispielsweise intensiv der Diffusionismus widmet.
Appadurai ist klar, dass es heutzutage in einer globalisierten, von den Medien dominierten Welt, in der jeder Platz x mit einem anderen Platz y verbunden ist oder die Möglichkeit besteht in Sekundenschnelle eine Verbindung herzustellen, es immer weniger der vermeintlichen “natives” geben kann. Vereinnahmt vom internationalen Markt, der die von ihnen produzierten Objekte, die einst Teil ihrer Identität waren, als Andenken, Geschenke und Modeartikel verkauft. Auf der Suche nach Identität und Authentizität wird “nativeness” von der materiellen (Massen-)Kultur absorbiert und konsumiert.

Doch gibt es diese “natives” wirklich, fragt Appadurai (S. 38). Eine rhetorische Frage, denn seine Argumentationsweise scheint das Gegenteil beweisen zu wollen. Seiner Meinung nach, gibt es beispielsweise die reine Punan Kultur auf Borneo nicht, da sie sich bei näherer ethnologischer Betrachtung als höchstwahrscheinlich spezialisierte Adaption der größeren Dayak Communities entpuppt; ebenso hat es sich bei den San aus Afrika herausgestellt, dass sie schon seit langer Zeit in komplexe Symbiosen mit anderen Gruppen involviert sind. Auch melanesische Gruppen haben Handel über große Distanzen betrieben, der Teil ihrer komplexen regionalen Beziehungen zu anderen Gruppen gewesen ist. Selbst Gruppen, die bis heute nur minimalen Kontakt zu weit agierenden, äusseren Kräften hatten, wie die Inuit-Gruppen oder viele Aboriginis in Australien, haben hochkomplexe “interne” Formen von Handel, Heirat und Sprachaustausch entwickelt, was bedeutet, dass sie nie wirklich in einem einzigen Platz verwurzelt oder von ein einem bestimmten Denkmodus gefangen waren. Appadurai schliesst daraus, dass “natives”, oder “authetische Gesellschaften” wie sie Lévi-Strauss nennnt, lediglich als Kreaturen in der anthropologischen Fantasie existieren. Dem ist hinzuzufügen, dass “natives” mittlerweile als solche nicht nur von AnthropologInnen, sondern auch von Abenteuerreisenden, Journalisten bezeichnet werden und der Begriff damit schon längst den Sprung in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat. Die Anthropologie habe, so Appandurai, mehr als andere wissenschaftliche Disziplinen, mit “Bilderalben” gearbeitet hat, die es ihr ermöglicht haben bestimmte Vorstellungen durch bestimmten Begriffen zu etablieren. Ideen, wie die der Hierarchie oder der “natives”, schliesst Appadurai werden im Laufe der Zeit metonymische Gefängnisse für bestimmte Plätze. Und nicht nur dass, während Ideen und Bilder von Platz zu Platz reisen, mutieren sie auf ihrem Weg zu bestimmten Anordnungen, die sich, sobald sie geformt sind Modifikation oder Kritik widersetzen.

Leider verpasst es Appadurai einen Alternativbegriff vorzuschlagen, auch wenn er gegen Ende seines Artikels anstelle von “native”, “local” verwendet, ein Begriff, der zumindest freier von historischer Bürde zu sein scheint, als “native”. Aber wie können wir uns gegen die Dominanz topologischer Stereotype, die unser Verständnis mehr einschränken als bereichern, wehren? Appadurai schlägt drei Ansätze vor:

1. Sich zu bewusst zu sein, dass Ideen die “Essenzen” oder essentialistische Vorstellungen repräsentieren oder vermitteln wollen letzten Endes nur die temporäre Verortung von Ideen sind, die von unterschiedlichen Plätzen rühren.

2. Die Produktion und Wertschätzung von Ethnographien zu fördern, die der Diversität von Themen Nachdruck verleiht, welche an jedem Platz bearbeitet werden können

3. Einen theoretischen Ansatz zu kreieren, in denen Plätze polythetisch miteinander verglichen werden können. In Rahmen eines solchen Ansatzes würden beispielsweise Familien an unterschiedlichen Plätzen miteinander verglichen werden, wobei unterschiedliche Übereinstimmungen und Kontraste aufgezeigt werden. Dieser polythetische Vergleich hat den Vorteil aufzuzeigen, dass Plätze nicht von “natives” bewohnt werden, da die Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Familien die eine kulturelle Grenze zwischen ihnen verschwimmen lässt und aufbricht.


Quellen:

Appadurai, Arjun (1988). Putting Hierarchy in Its Place. In: Cultural Anthropology, Vol.3, No. 1, pp. 36-49
Evans-Pritchard, E. E. (1937). Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande. Oxford:Clarendon Press

15
Jan
09

The Anthropologist as a Writer – Empowering Author, Reader or the “Other”?

A critical essay on the ethnographic writings of Malinowski’s “Argonauts of the Western Pacific”, his “A Diary in the Strict Sense of the Term and Levi-Strauss’ “Tristes Tropiques”

Representing the Other is the bread of social scientists who work in the field of Anthropology. Over the history of Ethnography, the forms of representing the other became various in number and manner. By degrees it became evident in ethnographic discourse how much a representation of a certain culture does not just depend on the sort of construction or image that is drawn of the society-of-study, but also on the manner of the ethnographer presenting him or herself. To put it into semantic terms: the signifance of the significant is highly affected by the very nature of the signifier. In reference to Foucault`s “What is an author?”, I therefore want to stress that the act of writing is not just a method of manifesting a subject of interest with language but rather “a question of creating a space into which the writing subject constantly disappears,” (Foucault 1977: 102). The more an author is using this space-creating tool, the more he or she is able to empower his or her own authorship. In standing behind the scenery, above or next to the subjects of interest, suggesting the view of a camera, the author  consiously or subconsiously   raises authority on his or her perception of things in pretending a neutrality that is at least suggestive and at the most constructed….

The whole essay can be downloaded here:
ethnographic-writing




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