Archive for the 'world wide watching' Category

07
Mar
11

Ich sehe fern also bin ich – das Phänomen Fernsehen in der Türkei

Mit acht Stunden täglichem Fernsehkonsum, sind es laut einer OECD-Studie die Bürger der USA, die weltweit am meisten fern sehen. Auf Platz 2 folgt die Türkei mit 5 Stunden täglich. In der Tat gibt es viele Konsum-Parallelen zwischen den USA und der Türkei. Der Fetisch Fernsehen gehört zu den auffälligsten.

Das wichtigste Möbelstück in der Türkei ist der Fernseher. Türkische Wohnzimmer sind deshalb in der Regel um den Fernseher herum angeordnet. Die ökonomische Situation der Familie bzw. die Klasse scheint da ausnahmsweise einmal keine Rolle zu spielen. Denn auch wenn die Familie noch so arm und der Fernsehapparat auch noch so klein und flimmrig ist, bekommt er den Promiplatz, in der Regel gleich neben dem Elektro-Heizgerät/Ventilator.
Wer keinen Fernseher hat oder fern sieht, outet sich nicht nur als Herausforderer Status Quo, sondern scheint geradezu asozial. Schliesslich kann der nicht fern sehende Mensch weder das hoch geschätzte und bis ins kleinste Detail ausdiskutierte private Leben der türkischen Celebrities verfolgen, noch über die vielen un- bis mitteltalentierten “Künstler”, der unzähligen Talentshows herziehen. Viel schlimmer als das wiegt aber, dass einem das Gemeinschaft stiftende frühabendliche Ritual Serien in Serie zu schauen abgeht und mensch lediglich Zuschauer bleibt während sich Freunde, Nachbarn und Verwandte täglich über die letzten unfassbaren Ereignisse von “Kurtlar Vadisi” und den “Kücük Kadinlar” in Rage reden. Der Fernseher scheint aber nicht nur ein wichtiges Status-Element, sondern hat auch eben auch eine wichtige soziale Rolle in der türkischen Gesellschaft inne.


In Istanbul leben geschätzte 20 Millionen Menschen, die in Millionen Häusern leben in denen Millionen von Fernsehapparaten stehen. Präziser: Millionen Satellitenfernsehapparate, die von Millionen von Satellitenschüsseln bespielt werden. Kabelfernsehen gibt es in der Türkei nicht. Die überall aus dem Boden stakenden mehrstöckigen ohnehin schon unfassbar hässlichen Apartment-Blöcke, die ihre Funktion der Massenunterbringung förmlich ausstrahlend dennoch uneingeschränkte Popularität in Istanbul geniessen, werden von den charakteristisch schmutzig-weißen konkaven Scheiben in ihrer Funktionssucht noch betont. Sie kleben an den Häusern wie tote Fliegen an der Windschutzscheibe und tatsächlich hängen sie mitunter auch direkt vor den Fenstern. Denn wer braucht schon Licht, wenn den ganzen Tag gearbeitet wird und abends eh fern gesehen wird? Oder sich abends in der Bar über Fernsehen unterhalten wird….

Eine Freundin, die Regisseurin ist, hat seit einigen Monaten einen Regie-Assistentenjob einer vom staatlichen Fernsehkanal TRT1 produzierten Serie: “Leyla ile Mecnun”, ist der Name des Paares aus 1001 Nacht, das bei uns als Romeo und Julia bekannt ist und jetzt den Stoff für die absurde Serien-Komödie bildet, die das arabeske Märchen durch den urbanen Istanbul-Kakao zieht. Als mich besagte Freundin neulich zu ihrem Geburtstags in eine Bar eingeladen hatte, entpuppte sich der Umtrunk als verschleiertes Filmset-Teamtreffen, denn auch hier drehten sich die Gespräche, wenn auch weniger um den Inhalt der Serie, so doch um die Produktionsstrapazen.

Aber Fernsehen ist längst keine Privatangelegenheit mehr. Dudel- und Brüllkästen hängen in Kaffee- und Teehäusern und selbst in den allseits beliebten Lokalen, in denen es Essen zu erschwinglichen Preisen gibt, glotzen einem Nachrichtenmoderatoren beim Essen zu oder belästigen einen mit Horrornachrichten, die mensch zumindest beim Essen mal gerne ausblenden würde. Aber drauf geschissen. Wenn ich mir gerade eine Gabel Spinat mit Joghurt in den Mund schiebe, explodiert garantiert wieder irgendwo eine Bombe, Granatsplitter fliegen, Blut, Leichenteile, Menschen kreischen in die Kamera. Scheint aber keinen weiter zu stören, es wird munter drauf losgefuttert und wirklich zuhören tut eh keiner. Alles schon tausendmal gesehen. Das Opium fürs Volk wirkt aber trotzdem, denn es hält die nicht essenden Menschen in gefesselter Apathie und stattet sie mit Meinungen aus, deren ursächliches Ereignis sie gleich mitgeliefert bekommen. Aha- und Lerneffekt: 2in1.
Die einmalige Ruhe der Fähre (im Sinn von kein Verkehrslärm außer dem Motorengerattere, kein Geschrei außer dem Çay-Mann), die alle 20 Minuten zwischen den Kontinenten hin- und her gondelt, gehört mittlerweile auch der Vergangenheit an. Denn in den neuen, noch geräumigeren und noch luxuriöseren Fähren prangen neuerdings auf jedem Stock alle fünf Meter Riesenflachbildschirme, aus dem mensch mit den letzten sensationellen Nachrichten des Landes beeimert wird. Das Fernsehen ist im öffentlichen Raum angekommen.

Neulich während einer der zahlreichen Abende bei meiner türkischen Familie, wurde ich fassungsloser Zeuge einer neuen Fernsehshow auf einem Privatsender: der Kreis. Die Regeln: Sechs ausgewählte Personen müssen sich 76 Stunden in einem Kreis von ca. 2 Meter Radius aufhalten und dabei möglichst wenig essen und trinken. Wer Durst oder Hunger hat, muss virtuelles Cash opfern und erhält als Gnadenerlass sein Essen auf einem Silbertablett, das dann, als ob man andere für seine “Sünden” (denn das Essen ist hier die Sünde) leiden lassen möchte, den hungrigen Kreis-Gefangenen triumphierend unter die Nase gehalten wird. Die Show ist garniert mit retrospektiven Interviewsequenzen der geläuterten Überlebenden, die über ihre Kreis-Mitleidenden herziehen, wie in all den anderen Stirb-Langsam-oder-tu-wenigstens-so-Reality-Shows. Gewonnen hat, wer es am längsten ohne essen aushält bzw. zum Schluss noch genug virtuelles Geld im Speicher hat. Die Show erinnerte mich an etwas, was mir tagelang nicht einfallen wollte, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: die Agenda der AKP-Regierung: populistisch agieren, privat wirtschaften (virtuelle Cash-Crops im global Polit-Showbiz anzapfen) und Frömmigkeit zum Lebensprinzip erheben (Fasten wie an Ramadan, mit zwischendurch auf Silbertellern servierten Köstlichkeiten). Islamisch verträglicher Neoliberalismus auf türkisch.

Definitiv unterhaltsamer als “der Kreis” ist eine türkische Talkshow, die auf Youtube unter “turkish flying man” zu finden ist und die, obwohl schon Jahre seit der ersten Live-Ausstrahlung vergangen sind, noch immer für Lachkrämpfe beim Publikum sorgt. Der fliegende Mann erzählt dort von einer gewissen göttlichen Bio-Energie, die ihn persönlich zum Fliegen veranlasse. Als er zum Fliegen aufgefordert wird, springt er plötzlich wie von der Tarantel gestochen und inbrünstig schreiend von der Couch rotiert und wälzt sich auf dem Boden. Während der kurzen Darbietung, rennen nervöse, aufgebrachte Menschen durchs Bild. Die Moderatorin reagiert gelassen: “Evet….evet…” (Dt.: Jaaa….jaa….) und unterhält sich schließlich mit dem Überflieger weiter, der sich mittlerweile wieder auf der Couch eingefunden hat, als wäre nichts passiert. Ein anderer türkischer Talkmaster einer anderen Show, die der auf dem Boden fliegende Mann aufsuchte, ist direkter: “Den Scheiß glaub Ihnen doch niemand!” Als der Mann wie zum Beweis wieder seinen Anfall bekommt, wird er vor laufender Kamera freundlich aufgefordert einen Psychologen aufzusuchen. Anthropologen, die bislang dachten, Besessenheit könne erst durch Trancezustände hervorgerufen werden, werden hier eines Besseren belehrt;)

05
Sep
10

Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010

Fast 50 Millionen Menschen sind inzwischen in Deutschland online. Neun von zehn Menschen unter 50 nutzen das Internet regelmäßig. Bei den über 50-Jährigen ist es immerhin knapp jeder zweite. Das ergibt die aktuelle ARD-ZDF-Onlinestudie (1) vom Frühjahr 2010. Demnach wird rund die Hälfte der Zeit, die online verbracht wird, für Kommunikation genutzt, etwa ein Fünftel dient der Informationsbeschaffung. Zu den meist genutzten Inhalten im Netz gehören außerdem aktuelle Nachrichten.

Die Ergebnisse der aktuellen ARD-ZDF-Onlinestudie bestätigen die Ergebnisse früherer Jahre. Nämlich dass die meisten Angebote durch eine nur geringe Zahl von Onlinern mit Inhalten versorgt werden, der Kreis der aktiven Web 2.0 Nutzern sinkt bei den meisten Anwendungen. Es festigt sich außerdem das Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft der Mitmachanwendungen: Neben massenattraktiven Formen wie Videoportalen, wikipedia und privaten Netzwerken, stehen solche, die relativ kleine Zielgruppen bedienen, wie etwa Foto-Communities, Weblogs und Twitter.

Generation und Gender

Interessant dabei: Die “Generationskluft” hat sich verschoben. Sie verläuft nicht mehr wie noch vor einigen Jahren zwischen den unter und über 50-Jährigen, sondern zwischen unter und ab 65-Jährigen. Eine andere Kluft hat sich dagegen stärker geschlossen: Das “Gender Gap” wird laut der -Online-Studie immer geringer, Frauen sind also immer häufiger online (47% der deutschen Internetnutzer sind Frauen. Im Vergleich: 1997 kam auf drei männliche Nutzer eine Nutzerin). Männer gehen häufiger und länger ins Netz und sind dabei “aktiver” und “experimentierfreudiger”. Die einzigen Anwendungen die laut der Studie häufiger von Frauen, als von Männern genutzt werden, sind Online-Communities.

Social Media

Die Idee Bilder und Videos im Netz hochzuladen oder sich selbst zu repräsentieren und Kontakte zu pflegen, ist nur ein paar Jahre alt und schon zum multimedialen Massenphänomen geworden, dem sich mehrere 100 Millionen Menschen angeschlossen haben. “Social Media und Videos sind in der mitte der Gesellschaft angekommen”, schreiben Birgit von Eimeren und Beate Frees in Media Perspektiven 7-8/2010, in der die Ergebnisse der aktuellen Onlinestudie veröffentlicht sind.
In manchen Gebieten der BRD ist inzwischen sogar eine – wie Kommunikationswissenschaftler es ausdrücken – Sättigung erreicht: Bei den 14 bis 19-Jährigen sind dort bis zu 100 Prozent online. Im gesamten Frühjahr 2010 nutzten rund 69,4 Prozent der deutschsprachigen Erwachsenen wenigstens gelegentlich das Internet.

Videos und Mediatheken

Laut einer Youtube-Statistik werden 53 Prozent aller Videos weniger als 500 Mal angeschaut, 30 weniger als 100 Mal. Nur 0,3 Prozent der Videos erzielt mehr als eine Million Abrufe. Die meisten Videos werden nur Sekundenweise angeschaut. Parallel zum Anstieg der Videoportale nutzen immer mehr Menschen auch die Mediatheken der Fersehsender. Die Nutzung, so Eineren und Frees sei aber noch nicht habitualisiert.

Audio

Das Internet ist außerdem für den Hörfunk ein weiterer Distributionsweg geworden, also eine Plattform für Inhalte, die im und für das Radion produziert werden. Fast 27 % aller onliner haben 2010 schon einmal Radio als Livestream gehört. Charakteristisch ist eine eher gelegentliche Nutzung.

Tendenzen

Die Bedeutung von “Social Media” steigt weiter an und grundsätzlich gehört die Nutzung von Bewegtbildern zu den weiter wachsenden Bereichen des Internets. Die Konvergenz zwischen Fernsehen und Internet nimmt ebenso zu. Zeitversetztes Fernsehen über das Internet wird immer beliebter. Videos im Netz werden dabei (noch) ergänzend zu herkömmlichen Fernsehen genutzt. Die Befürchtung, dass professionelle oder nicht-profesionelle Videos die Fernsehinhalte verdrängen, kann die Studie somit nicht bestätigen.
Grundsätzlich kann die Studie keinen Verdrängungswettbewerb zwischen alten und neuen Medien feststellen. Statt eines “entweder oder” gebe es ein “sowohl als auch” sowohl für die Anbieter als auch für das Nutzerverhalten. Der Medienkonsum steigt tendenziell an. Das gilt, so Eimeren und Frees, auch für die Erwartungen an die traditionellen Medien. Da die Grenzen zwischen “klassischen” Medien und Internet verschwimmen, steigen auch die Erwartungen an die multimediale Vernetzung der Inhalte. Von Fernseh-, Radio- und Printinhalten wird demzufolge erwartet, dass sie “zum zeit- und ortssouveränen Abruf im Netz bereit gestellt werden”.

(1) Die Langzeitstudie untersucht seit 1997 die Entwicklung der Internetnutzung in Deutschland. Für die aktuelle Studie wurde mit 1804 Erwachsenen ab 14 Jahren ein vollständiges Interview durchgeführt.

31
Aug
10

Fauxtography – der Bilderkrieg um die Wahrheit


Das ist kein Bilderrätsel. Das sind zwei Bilder. Eines davon ist Fauxtography. Soll heißen: manipulierte Fotografie und journalistische Sorgfaltspflicht auf erhöhtem Prüfstand. Das erste Bild zeigt die Aufnahme eines unbekannten Fotografen, das am 31. März 2010 an Bord der türkischen Mavi Marmara, der Gaza Hilfs-Flotte, entstanden ist. Auf dem Bild zu sehen: Ein überwältigter israelischer Soldat, neben ihm ein mit einem Messer bewaffneter Mann, auf dem Gelände eine Blutlache, im Hintergrund ein ebenfalls verletzter israelischer Soldat. Die Aufnahme wurde nach der Konfrontation zwischen Aktivisten der Hilfs-Flotte und israelischen Streitkräften, bei der neun Menschen ums Leben kamen, auf der Webseite der IHH (türkisch: İnsani Yardım Vakfı, deutsch: Stiftung für humanitäre Hilfe) veröffentlicht. Die IHH ist eine von unterschiedlichen Organisationen, die an Bord der Mavi Marmara präsent war. Bei wem es sich um IHH handelt ist unklar. Laut tagesschau.de, wurde die Wikipedia-Eintrag der IHH in den 48 Stunden nach der Konfrontation 150 Mal umgeschrieben. Der Vorwurf der Kritiker: Die IHH habe Kontakte zur Hamas. Verteidiger machen darauf aufmerksam, dass die IHH ein von den Vereinten Nationen anerkannte Hilfsorganisation sei.

Das Bild darunter wurde kurz nach dem Vorfall von Reuters veröffentlicht. Zu sehen: kein Messer, fast kein Blut und ein stark verdunkelter, verwundeter israelischer Soldat. Das Bild wird zudem verdreht herum von Reuters veröffentlicht. So wird nicht der Eindruck vermittelt, dass der Soldat in diesem Moment die Treppen heraufgezogen wird. Charles Johnson, ein kalifornischer Web-Designer, erkennt die Fauxtography und schreibt auf seinem blog Little Green Footballs:

“That’s a very interesting way to crop the photo. Most people would consider that knife an important part of the context. There was a huge controversy over whether the activists were armed. Cropping out a knife, in a picture showing a soldier who’s apparently been stabbed, seems like a very odd editorial decision. Unless someone was trying to hide it.”

Auch dieses Bild, das die FT veröffentlichte, gehört zu den zwei von insgesamt sechs Bildern, die von Reuters nachträglich bearbeitet wurden. Das Messer eines bewaffneten Aktivisten, ist auf dem Reuters Foto wegretuschiert. Später dementierte ein Reuters-Sprecher gegenüber der israelischen Zeitung „Haaretz“ jede vorsätzliche Absicht: man habe lediglich branchenübliche Änderungen vorgenommen und umgehend die Originalbilder nachgereicht, als die weggeschnittenen Messer auffielen.

“The images in question were made available in Istanbul, and following normal editorial practice were prepared for dissemination which included cropping at the edges,” and “When we realized that a dagger was inadvertently cropped from the images, Reuters immediately moved the original set as well.”

Eine seltsam anmutendes Statement für eine Nachrichtenagentur, die schon ein Jahr zuvor Negativ-Schlagzeilen gemacht hatte. Das war die Geschichte mit dem “Green Helmet Man” aus dem Südlibanon, auf den ebenfalls blogger aufmerksam wurden, weil er erstaunlich oft auf Fotos aus dem Dorf Kana im Südlibanon auftauchte, das am Tag zuvor von israelischen Flugzeugen bombardiert wurde und darauf Kinderleichen wie Trophäen in die Kamera reckte. Und die getürkten apokalyptischen Rauchsäulen aus dem Libanon-Krieg. In beiden Fällen bearbeitete und veröffentlichte Fotos von Adnan Hajj, einem Reuters-Fotografen.

Pleiten, Print und Pannen. Manche davon – wenn sie die Unfähigkeit der Rechercheure nicht so bloßstellen würden – sogar lustig. Hier eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa), die am 10. September 2009 um 9.38 Uhr berichtete: „In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein“. Die deutsche Rapper-Combo “Berlin Boys” habe sich demnach in der kalifornischen Kleinstadt mit zwei Bomben selbst in die Luft gesprengt. Das Dementi folgte kure Zeit später. Das angebliche Bombenattentat war nämlich frei erfunden. Alle Online-Quellen – vom vpk-Video über die Homepages mit Behörden-Telefonnummern bis zu einem Wikipedia-Eintrag über Bluewater – waren von dem Schauspieler Jan Henrik Stahlberg („Muxmäuschenstill“) manipuliert worden, um seinen Film „Shortcuts to Hollywood“ zu promoten. Die dpa-Redakteure gingen der Finte auf dem Leim. Der Bluewater-Fake gehört zu den schwerwiegendsten Fehlmeldungen der dpa.

Trotz dieser in jüngster Vergangenheit aufgetreten Pannen gelten Nachrichtenagenturen nach wie vor verlässlicher als Print- und Hörfunk-Redaktionen was die Qualität der Recherche angeht. Ein Ausdruck dafür, dass Nachrichtenagenturen viel an Objektivität und Ethik gelegen ist, zeigt sich beispielsweise daran, dass bei AP “Bylines”, die Zeile in der ggf. der Korrespondentenname genannt wird, nur dann benutzt wird, wenn der Journalist am Ort des Geschehens war. In der Einführung zum “Handbuch für Reuters-Journalisten” heißt es beispielsweise: “Alles, was wir Reuters Journalisten tun, muss unabhängig sein.” Daraufhin folgen absolute Regeln, in denen es um die größmöglichste Wahrheitstreue geht. Dazu zählt auch, etwaige Fehler offen zu berichtigen, jeden Interessenskonflikt einem Vorgesetzten zu melden, keine Fotos zu verfälschen und niemals eine Story zu bezahlen. Das sind theoretische Richtlinien. Was die einzelnen Journalisten in der Praxis machen steht auf einem anderen Blatt – oder auf einem anderen Foto.

27
Aug
10

Wer hat Angst vor Google Street View?

Die Widerspruchsfrist gegen Google Street View wurde auf den 15. Oktober verlängert. Wer Einspruch erheben möchte, kann das einmalig bis zum 15.10.10 tun – und zwar unabhängig davon, ob mensch selbst der Eigentümer des Hauses ist oder nur dort wohnt.

Eine knappe Mehrheit in Deutschland möchte die Außenfassade ihrer Häuser nicht in Google Street View sehen. Das berichtete heise online. Mit 66 Prozent ist der Anteil der Frauen, die sich diesbezüglich kritisch äußern, deutlich größer als der der Männer (37 Prozent). Nach einem Bericht der Berliner Zeitung hat Google bereits eine fünfstellige Zahl an Widersprüchen gegen die Veröffentlichung von Häusern bei Street View erhalten. Widerstand, den der amerikanische Journalist Jeff Jarvis nicht versteht. Auf seinem blog buzzmachine schreibt er:

What is it that makes Germans go bonkers about Google? Is it media trying to gain an advantage against their competitor? Is is anti-Americanism? Is it some inner anti-capitalism? I’m serious. I can’t figure them out and I think they should sit down and try to figure themselves out.

In den USA ist Google Street View seit drei Jahren für Nutzer abrufbar. In Deutschland sollte der Dienst bereits im Frühjahr 2009 angeboten werden, doch schnell machte sich Widerstand breit, als die mit Kameras bewappneten Google-Autos durch deutsche Städte fuhren und munter drauf los fotografierten. Als herauskam, dass das Google während der Street-View-Tour “versehentlich” die Daten und Koordinaten von privaten Wlan-Funknetzen aufspürte, platzte einigen der Kragen während andere, wie ein blogger auf netzmensch-design. com, darin eine reine Vorwand-Diskussion sahen:

Die Google-speichert-Wlan-Daten-Problematik war nun wieder Öl für das Feuer der Kritiker, allen voran Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Sie prangert Google an und will eine lückenlose Aufklärung über die Vergehen gegen den Datenschutz – wohlgemerkt schafft es unsere Regierung nicht, den Abmahnwahn zu stoppen, unternimmt nichts gegen 90€ Freeware-Downloadseiten, wollte Internetsperren errichten, will mit ELENA eine Arbeitnehmer Datenbank aufbauen, in der z.B. Fehltage (ursprünglich waren sogar Streiktage eingeplant), Abmahnungen und “mögliches Fehlverhalten” auf unbestimmte Zeit gespeichert werden sollen , … – das zum Thema Datenschutz. Auch ist es diese Regierung, die absolut nichts gegen ACTA – ein geplantes multilaterales Handelsabkommen auf völkerrechtlicher Ebene, welches im Prinzip die Regierungen zu Helfern der Content-Industrie macht – unternimmt. Der ACTA-Regelkatalog wird zudem unter Ausschluss der Öffentlichkeit und des EU Parlaments erstellt. Das muss man sich mal vorstellen: Unternehmen diktieren (einseitig), wie Regierungen gegen sog. “Raubkopierer” vorgehen sollen. Aber gut, ich rege mich schon wieder auf…”

Arbeitnehmer-Datenbanken ja, ACTA-Gespräche hinter verschlossenen Türen, RFID-Chips in Personalausweisen und Pässen. Aber nein zu Google Street View. Wirklich viel Sinn macht das tatsächlich nicht.

Die positiven Stimmen für Google Stree View in der Gesellschaft mehren sich und haben bisweilen, wie Thomas Darnstädt, der in Spiegel online über “Die lächerliche Angst vorm bösen Blick”witzelt, teilweise recht überzeugende Argumente:

Mein Haus, mein Auto, mein Gärtchen: Wenn dies künftig als verfassungsrechtlich geschützter Ausdruck des Menschenwürde gelten soll, tun wir uns keinen Gefallen. Das macht nicht nur den Datenschutz lächerlich, den wir so dringend brauchen, um etwa Leute in die Schranken zu weisen, die unter Verweis auf amerikanische Vorbilder Internet-Pranger für Sexualverbrecher fordern oder Passagiere am Flughafen nacktscannen wollen.

Eine Frage artikuliert sich immer deutlicher: Wollen wir diesselben (Un-)Freiheiten in der virtuellen Parallelwelt wie im “real life”? Wenn es allgemein erlaubt ist im öffentlichen Raum zu fotografieren, warum sollte es Google dann nicht dürfen? “Erst Dienste wie Street View machen den öffentlichen Raum wirklich öffentlich”, findet Mario Sixtus auf dem zdf-blog und denkt, dass es eigentlich gar nicht um Streetview geht, sondern darum, dass sich offliner und onliner um Netzneutralität streiten. Passend dazu schrieb Kai Biermann unlängst in der Zeit online, darüber “Wie ich lernte, Street View zu lieben”:

Ja, ich möchte mich von Staat, Nachbarn und Passanten zurückziehen können und dürfen. Gleichzeitig aber möchte ich, dass es Räume gibt, die jedem zur Verfügung stehen und die niemand einschränken kann und darf. Denn auch das ist Freiheit. Und diese Freiheit soll es bitte auch im Netz geben.

Freiheit, die für Gerd Blank auf stern.de zur reinen Dienstleistung wird. Google Street View helfe schliesslich bei der Wohnungssuche, schreibt er euphorisch. “Und wer einen Kurztrip in eine andere Stadt plant, kann schon einmal am Monitor die geplante Shoppingtour ablaufen.”

In Kürze wird sich das Kurztrippen womöglich erledigen. Dann nämlich, wenn Google Street View seinen Besuchern erlaubt die abgefilmten Läden auch online zu betreten und munter drauf loszukaufen. Wenn der Nutzer überhaupt erst in den Genuss einer Kreditkarte gekommen ist. Denn ob jemand kreditwürdig ist, wird mittlerweile nicht nur daran berechnet, ob mensch zahlungsfähig ist, sondern auch daran, in welcher Wohngegend er/sie wohnt. Das nennt mensch Geo-Scoring. Rechtlich mehr als bedenkliche Verfahren wie diese, scheinen für jemanden wie Blank noch nicht ausreichend ausgeschöpft zu sein, wenn er schreibt: “Künftig könnten Versicherungen, aber auch andere Institutionen einfach mal schauen, in was für einer Wohngegend der Kunde lebt.” Schön, dass Journalisten sich heute immer mehr für das Wohl von “Versicherungen, aber auch anderen Institutionen” interessieren.

Während sich die gesamte Diskussion an Google aufhängt, sollte Beachten sollte mensch jedoch auch beachten, dass es nicht nur böse, amerikanische Firmen an der virtuellen Erfassung unserer materiellen Realität interessiert sind, sondern auch deutsche Firmen schon längst vogelperspektivische Bilder ins Netz stellen. Wer beispielsweise im Telefonbuch registriert ist, dessen Haus wird wahlweise auf einer Karte, aus der Luftansicht oder Vogelperspektive angezeigt . Ein anderes Beispiel ist sightwalk.de, wo mensch bislang Berlin, Bonn, Düsseldorf, Hamburg, Köln, München und Stuttgart inklusive seiner unkenntlich gemachten Bewohner bzw. Besucher virtuell erspähen kann. Ebenso auf immonet.de und meinestadt.de. Noch genauere Luftbilder finden sich in den Landesvermessungsämtern der einzelnen Bundesländer. Hier kann mensch die Karten kombinieren und mit den Adressen und der Grundstücksfläche verbinden.

Google wird das toppen. Ob der Internetkonzern seinen Geschäftsslogan “Don’t be evil” noch selber glaubt, oder nicht, bis Ende des Jahres will Google den Panoramadienst Street View mit Aufnahmen von verpixelten Straßen, Häusern und unkenntlich gemachten Menschen aus zunächst 20 deutschen Städten ins Netz stellen. Was dann passiert, prognostiziert ein Nutzer auf einem IT-News-Forum:

Ich denke, der neue Volkssport wird sein, verpixelte Häuser in Street View zu suchen, fotographieren und dann die Bilder mit Geotags auf möglichst viele Plattformen hochzuladen. 1000 mal besser als Geocaching!

Und da Ideen im Netz nicht selten im Sekundentakt ihre Eigentümer wechseln, hat auch diese Idee bereits eine eingetragene Homepage. Bei der Aktion “Verschollene Häuser” fordert der IT-Berater Jens Best Gleichgesinnte dazu auf bei Street View verpixelte Häuser abzufotografieren und – mit Geodaten angereichert – im Netz veröffentlichen. Es gehe ihm dabei “dem Recht auf einen Digitalen Öffentlichen Raum Nachdruck zu verleihen”.

21
Apr
10

YouChange – The machine is us/ing Us – Anthropology 2.0

Wir vergeuden viel zuviel Zeit damit, unsere Studenten zum Auswendiglernen zu bringen. Und hinterher fragen wir diese Informationen in Examen wieder ab! Das muß aufhören!

sagt Micheal Wesch, ein Dozent der kulturellen Anthropologie an der Kansas State University. Wesch belässt es nicht beim Kritisieren. Er ist Pragmatiker. Ein Experiment des Anthropologen besteht darin, dass sich seine Studenten gegenseitig Noten geben. Was für viele Anhänger alternativer Lehrmethoden absurd und nach dem Reproduzieren von Leistungssystemen klingt, hat für Wesch klare Vorzüge:

Sie müssen die Arbeit des anderen wertschätzen. Die Studenten teilen sich viel mehr mit, sie arbeiten härter und genauer. Denn sie müssen, wenn sie eine Note geben sollen, über viele Sachen nachdenken – genau über die Sachen, von denen wir wollen, dass sie sie reflektieren. Die Studenten haben gemerkt, dass sie jeden im Seminar auf ein bestimmtes Niveau bringen müssen. Sonst kapiert der andere Student ihre eigene Arbeit womöglich nicht – und gibt ihnen möglicherweise eine schlechte Note. Jeder muss also in die Lage versetzt werden, den Essay eines Kommilitonen einzuschätzen und zu bewerten.

Geht es nach Wesch, sollen Studenten nicht als Informationsapparate benutzt werden. Ihre Meinungen seien wichtiger wie der Vortrag des Dozenten. Bereits bei den physikalischen Räumen fange das Problem der konventionellen Lehre an, so Wesch. Wissen einfach nur zu vermitteln, sei eine ziemlich primitive Form von dem, was Lernen eigentlich sein kann. Die großen Momente des Lernens entstünden nicht durch Memorieren, sondern durch Transformieren. Das heißt, jeder aktive Prozess des Lernenes gehe mit der Zerstörung von Vorstellungen einher. “Wenn du wirklich etwas Neues lernst, dann musst du die Mauern deiner bisherigen Gedankengebäude einreißen.” Doch Welsch belässt es nicht bei den Gedanken, auch die physikalischen Räume müssten eingerissen werden: “Die Lehrgebäude der Hochschulen und die Klassenzimmer diktieren uns, wie wir Sachen lehren und lernen.”
Lehrer hätten ein grundlegend falschen Ansatz beim Konzept der Lehre, indem sie ständig fragen: Wie kriege ich mein Wissen in deinen Kopf. Laut Wesch “ein Konzept, das Totenstille verursachen kann”. Die Frage ist: Ist nicht auch seine Methode eine Art Wissen in die Köpfe von anderen zu bringen? Handelt es sich hier vielleicht um ein entwicklungspädagogisches Lehr- und Lernkonzept, ähnlich der Hilfe zur Selbsthilfe, in diesem Fall also eine Anleitung zum autodidaktischen Lernen? Ohne Hierarchien zu lehren, bleibt in jedem Fall ein Traum des US-Kulturanthropologen.

Nichts nimmt mir so den Wind aus den Segeln wie der erste Vorlesungstag. Man kommt in den vollen Hörsaal. Man kann sein eigenes Wort kaum verstehen, weil alle miteinander reden und voller Energie sind. Aber plötzlich hat man absolutes Schweigen. In dem Moment, an dem ich ans Pult trete, ist es absolut still. Ich frage mich in dem Moment: Was hat ihre Seelen geholt? Was diszipliniert sie derart, dass ein kleines Männlein wie ich sie verstummen lässt? Wer hat ihnen das angetan? Ich sehne mich nach dem Tag, an dem sie nicht mehr verwirrt sind, wenn ich ans Pult trete. Das wäre großartig.

Eines von Wesch’s Lern-Videos gibt es auf

05
Apr
10

1×1 der Chat-Kommunikation und der blogosphäre

TANJ??? wtf??? omg! Mal wieder kein Plan was blauetrude auf ick-will-dir-kennenlernen.com im Chat gebabbelt hat? Nur kryptische Zeichen und bedeutungslose Abkürzungen gesehen? Surfst Du aus Leidenschaft und hast immer noch keinen Plan, was es mit diesen blöden Cookies auf sich hat? Bloggst Du was das Zeug hält, aber weisst nicht was ein template ist? Hoffnungslos lost im weiten großen Netz? Für alle, die noch eine Sprache dazulernen wollen, hier ein erster kleiner Versuch: Akronyme und andere Begriffe aus dem ver-slangten Web und der blogosphäre zum pdf-download.

Bei tigerweb oder at-mix gibt es für alle Neugierigen ausgereifte Internet-Glossare.

Wer sich das texten noch nicht zutraut aber schonmal den hyper-langweiligen Emoticons auf Skype oder anderen Kommunikations-Plattformen vorbeugen will, hier die gängigsten zum Selbermachen:

:-) Klassischer Smiley: lächelnd, fröhlich
:-( traurig
:)) lacht laut
=)) wälzt sich vor lachen auf dem Boden
=(( sehr traurig, weint
:P streckt die Zunge raus
;-) zwinkert
:D grinst
:-* Kuss
:-/ skeptisch
:-> zynisch
C:-) Heiligenschein
>:-) Teufel (steht oft für einen gemeinen aber klagen Gedanken)
=:| gesträubtes Haar
:~) erkältet
*-o) Clown
\V/ Von Fans der Serie Raumschiff Enterprise eingeführt: vulkanischer Gruß = Lebe lang und glücklich!
o(_|_)o bildlich für Arsch mit Ohren
C. Computervirus
@–>–>– Rose
(-_-) stilles Lächeln
>:-( wütend­
:-@ erstaunt
:-o Ausruf “oh!”

01
Apr
10

Facebook und der Datenhunger

Soziale Netzwerke im Internet boomen. Knapp ein Viertel der Deutschen nutzt regel­mäßig Portale wie Facebook, Myspace oder StudiVZ, bei Jugendlichen liegt der Anteil dreimal so hoch. Pingdom.com veröffentlichte kürzlich eine Graphik (siehe oben), die die permanent steigenden Mitgliederzahlen von Facebook mit den Einwohnerzahlen von Russland und China vergleicht. Demnach hat es facebook im Februar 2010 auf 400 Millionen Mitglieder gebracht. Pro Monat kommen derzeit durchschnittlich 21 Millionen dazu.

Die Zahlen verwundern, verdeutlicht mensch sich den unstillbaren Datenhunger von Facebook. Dort heißt es zum Beispiel beim Erstellen oder Bearbeiten der eigenen Seite: „Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, unentgeltliche, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest“. Unter IP-Inhalte ist das geistige Eigentum beispielsweise an Texten und Bildern gemeint. Wer seine persönlichen Daten etwa bei Facebook vor Unbekannten schützen will, muss umständlich Einstellungen suchen und ändern. Seit Dezember 2009 sind die Einstellungen bei Facebook so geändert worden, dass viele Profildaten wie Name, Nutzerfoto und Mitgliedschaft in Gruppen für jeden Nutzer einsehbar sind.

In Zukunft soll es für Facebook noch leichter sein, Daten seiner Nutzer, leichter an Dritte weiterzugeben. Zu der “Generellen Information” der Nutzer, die weitergegeben wird, zählen

“your and your friends’ names, profile pictures, gender, connections, and any content shared using the Everyone privacy setting. We may also make information about the location of your computer or access device and your age available to applications and websites in order to help them implement appropriate security measures and control the distribution of age-appropriate content.”

Die Daten beinhalten also auch den “soziale Graphen”, sprich die Verbindungen des Nutzers zu anderen. Bei den Unternehmen, die im Netzwerk-Jargon so gerne Dritte genannt werden, handelt es sich um “vorher überprüfte” Web-Angebote und Programme. Die Angebote, deren Vertrauenswürdigkeit von Facebook selbst beurteilt wird, können selbstverständlich geblockt werden – wenn der Nutzer clever genug ist. Denn natürlich ist alles nur zum Vorteil der Nutzer ausgerichtet. Die sollen in Zukunft schliesslich noch mehr Möglichkeiten haben “auch außerhalb Facebooks mit den Freunden zu interagieren und sie zu finden”. Dazu sei die Weitergabe “einer kleinen Menge grundlegender Daten” notwendig. Man wolle aber zunächst nur mit einer “kleinen, ausgewählten Gruppe von Partnern” zusammenarbeiten.

Durch einen peinlichen Zufall, wurde die “kleine, ausgewählte Gruppe von Partnern” von der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch zur interessierten Weltöffentlichkeit. Wie die Webseite gawker.com berichtete, waren am 31. März alle Mailadressen, die bei Facebook angegeben sind, für eine halbe Stunde lang für alle einsehbar. Auch für “Nicht-Freunde”. Der Fauxpas scheint wie geschaffen in das Konzept des Firmengründers Mark Zuckerberg zu passen. Der nämlich hält Privatsphäre für eine “alte Konvention”. Im Gespräch mit dem Tech-Blogger Michael Arrington anlässlich einer Preisverleihung im Silicon Valley, sagte der 25-jährige Firmengründer, Facebook habe sich schlicht an die heutigen “gesellschaftlichen Normen” angepasst.

“Als ich im Studentenwohnheim in Harvard angefangen habe, fragten viele Leute noch, warum man überhaupt irgendwelche Informationen ins Internet stellen wolle.” In den letzten sechs Jahren habe sich mit dem Bloggen und anderen neuen Diensten aber sehr viel verändert. Die Leute fühlen sich nicht nur wohl dabei, mehr und andersartige Informationen zu teilen, sondern offener und mit mehr Leuten.”

Der viel beachtete IT-Journalist Marshall Kirkpatrick, der das Interview mit dem Facebook-Boss transkribierte und ins Netz stellte, hält Zuckerbergs Aussage für unglaubwürdig: “Facebook reflektiert nicht einfach die Veränderungen der Gesellschaft. Ich denke, Facebook selbst schafft soziale Veränderungen.”

Und es schafft Kunden. Der Medienwissenschaftler Hendrik Speck von der Fachhochschule Kaiserslautern, der sich seit langem mit Sozialen Netzwerken beschäftigt, argumentierte gegenüber dem dem stern, Facebook verhalte sich wie ein “blinder Passagier auf dem sozialen Graphen des Nutzers”. Mit sozialem Graphen ist hier das gesamte Spektrum der sozialen Aktivitäten im Netz gemeint. Nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip, werden hier die Identitäten nach Lust und Plattform gewechselt. “In World of Warcraft sind Sie der Goldene Krieger, in Wer-kennt-Wen der Knuddelprinz und auf eBay der Schnäppchenkönig.” Für die Sozialen Netzwerke sei es spannend, all diese Teilidentitäten zusammenzuführen. “Was früher in getrennten Datensilos war, wird jetzt zusammengezogen.” Wer rund um die Uhr über sämtliche Plattformen hinweg die Nutzeraktivitäten verknüpfe, könne Werbekunden exakt die von ihnen gewünschte Zielgruppe bieten. Mithilfe der GPS-Ortung aktueller Smartphones könne die Werbung zusätzlich auf den jeweiligen Standort des Nutzers zugeschnitten werden.

Diese Aussage deckt sich mit der einer anonymen Facebook-Mitarbeiterin, deren Interview seit geraumer Zet im Netz kursiert. Daraus ein Auszug:

Rumpus: When you say “click on somebody’s profile,” you mean you save our viewing history?
Employee: That’s right. How do you think we know who your best friends are? But that’s public knowledge; we’ve explicitly stated that we record that. If you look in your type-ahead search, and you press “A,” or just one letter, a list of your best friends shows up. It’s no longer organized alphabetically, but by the person you interact with most, your “best friends,” or at least those whom we have concluded you are best friends with.

Die anonyme Facebook-Mitarbeiterin, die einige Kommentatoren für erfunden halten, weil sie zu leichtfertig zu viele “heiße” Firmendetails enthüllt habe, fügt später hinzu: “We track everything. Every photo you view, every person you’re tagged with, every wall-post you make, and so forth.” Desweiteren erfährt mensch, dass es sich bei Facebook um den weltweit größten Foto-Anbieter handelt und alle Nachrichten, egal ob sie gelöscht sind oder nicht, gespeichert bleiben. Und das trotz der gefühlten Drohung, die eine “echte” Freundin neulich erhielt, als sie ihr Profil löschen wollte: Wenn du jetzt deine Daten löscht, sind sie unwiderruflich gelöscht und du kannst unter diesem Namen nie wieder eine Seite anlegen!

Ob das Interview nun gefälscht ist, die Dame schon längst gefeuert oder nicht. Fest steht, dass soziale Netzwerke wie Facebook die Rechte ihrer Nutzer stark einschränken, gleichzeitig aber sich selbst weitreichende Rechte genehmigen, vor allem bei der Weitergabe der Daten an Dritte. Zu diesem Befund kommt eine aktuelle Studie der Stiftung Warentest.
Und tatsächlich: Wer gibt, bekommt Aufmerksamkeit, aus allen möglichen, oft unbemerkten Richtungen. Das aktuelle Facebook-Programm für das iPhone beispielsweise ermöglicht die Einbindung aller “Freunde” ins Handy-Telefonbuch. Gleichzeitig verlangt Facebook den Datenaustauch auch in die Gegenrichtung. “Wenn du diese Funktion aktivierst, werden alle Kontakte von deinem Handy (Name, E-Mail-Adresse, Telefonnummer) an Facebook gesendet”, heißt es nach dem Update der App auf dem iPhone.

Natürlich sei man bei Facebook immer stark an der Meinung seiner Nutzer interessiert, das sei schliesslich Teil des “offenen und transparenten Systems” des Unternehmens. Ein Kommentator auf taz.de hat sich seine Meinung schon lang gebildet: Facebook braucht die Menschen…aber kein Mensch braucht Facebook.




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