Archive for the 'istanbul' Category

26
Oct
11

Glänz glänz, glitzer glitzer – Gender und Konsum in der Türkei

“Piril piril!” ruft Arzu Freude strahlend aus. “Piril piril!” gibt Nebahat anerkennend zurück. Piril piril ist Türkisch und heißt soviel wie “shiny shiny” oder auf deutsch “glitzer glitzer”. Die beiden Studentinnen sind gerade in Cevahir, dem größten Konsum-Tempel Europas angekommen. Sie lachen aufgeregt. Ihr Körper schüttet Endorphine aus. Glänzende Marmorfußböden und andere spiegelglatte Oberflächen, luxuriöse und ausladende Innenarchitektur. Hier sind sie wer. Hier ist es egal, ob sie eigentlich aus einem unteren Mittelklasse-Viertel stammen. Hier fühlen sie sich wie Prinzessinnen – selbst wenn sie auf der Toilette ihr Geschäft verrichten. Alles ist sauber, die Luft, die Böden, das Glas. Die Menschen sind gut gekleidet, als würden sie gleich bei einem Werbe-Casting für die neue Zara-Winterkollektion vorsprechen. 48 Stockwerke voller Dinge, die sie sich schon lange gewünscht haben. Doch wohin zuerst? Arzu möchte auf direktem Weg zum Adidas Store, sie hat Schuhe in der Werbung gesehen, die sie unbedingt anprobieren möchte. Nebahat möchte lieber zu Mango. Noch bevor sie die Läden ihrer Begierde erreicht haben, überfällt sie der Hunger. Burger King oder lieber zum traditionellen Muhallebici nebenan, der türkische Milchsüßspeisen verkauft? Die Mädchen diskutieren. Bei 343 Läden wird die Wahl leicht zur Qual.

Arzu’s Telefon klingelt. Ihr Vater ist am Apparat und möchte wissen wo sie ist. Dieses mal muss sie nicht, wie sonst so oft, lügen. “Cevahirdayiz” (dt.: Wir sind in der Cevahir), sagt sie gut gelaunt. Der Vater wünscht viel Spaß und bestellt einen Gruß von der Mutter und einen an ihre Freundin. Arzu weiß, dass es ihren Eltern gefällt, wenn sie in der Shopping-Mall ist. Es beruhigt sie zu wissen, dass ihre Tochter in einer sicheren und sauberen Umgebung ist. An einem gut gekühlten öffentlichen Ort, wo sie zwar auch mit dem gefährlichen anderen Geschlecht konfrontiert wird, jedoch in einer Prestige trächtigen Umgebung. Es beruhigt die Eltern auch zu wissen, dass Arzu nicht allein ist und somit “tugendhafter” erscheint. Die Eltern sehen es nicht gern, wenn Arzu draußen auf der Straße herumläuft. Frauen, die draußen – womöglich noch alleine – herumlaufen, riskieren sexuelle Belästigungen.

Die Tempel des globalen Bürgertums

Früher waren Einkaufstrips zu Shopping-Malls der Elite vorbehalten. Mittlerweile sind Shoppingmalls zum Symbol einer demokratischen Massenkultur geworden, zu der auch untere Klassen Zugang besitzen und damit eine Stück vom Kuchen der Konsumfantasie, des Raumexzesses und des Massenspektakels abbekommen und somit am “globalen Bürgertum” partizipieren. Die Shopping-Mall ist deshalb nicht nur ein Ort des reinen Konsums von Waren. Sie ist auch ein Ort an dem bessere Lifestyles imaginiert werden, auf und durch den Wünsche projiziert werden. Shopping Malls können als Tempel der kollektiven Imagination interpretiert werden. Das reiche, moderne und luxuriöse Ambiente animiert die Sinne der Flaneure und lässt in ihnen das Gefühl keimen der globalen, urbanen Welt anzugehören. Die Flaneure von Shopping Malls befinden sich gleichzeitig und gleichräumlich in München, Singapore, Lima, Austin oder Kapstadt. Im Gegensatz zu einem normalen Laden, ist es möglich in einer Shopping-Mall einfach nur herumzuhängen und sich trotzdem dazugehörig zu fühlen. Die soziale Identität bleibt im Autohaus. Shopping-Malls sind Orte der Rollenspiele.
Wikipedia listet 73 aktuelle Shopping Malls in Istanbul, 14 weitere befinden sich in Planung. Und dennoch – die Einkaufskultur bleibt vielschichtig.

Konsumwelten in der Türkei

Die Shoppingmall-Einkaufskultur der Türkei unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem Einkaufen auf dem Bazar oder dem Einkaufen in kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein traditioneller, überdachter und ebenerdiger Bazar in der Türkei ist eine Männer-Domäne. Konsumenten stehen in der Regel männlichen Verkäufern gegenüber, die sie oft und üblich auf einen Tee einladen, einen Schwatz mit ihnen halten und mit denen sie über den Preis verhandeln können. Die “offenen” Bazare, also die nicht überdachten unterscheiden sich von den geschlossenen dadurch, dass sie zunehmend auch weibliche Verkäuferinnen zulassen. Im Gegensatz zu den Bazaren, kann in den kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft zwar nicht ganz so selbstverständlich über den Preis der Produkte verhandelt werden. Ausschlag gebend ist aber die Beziehung des Konsumenten zum Verkäufer/Ladenbesitzer. Ist dieses Verhältnis gut, kann durchaus auch über den Preis verhandelt werden, mehr noch, es kann “angeschrieben” werden. Das “Kaufen auf Pump” ist eine gängige Praxis innerhalb der Handelskultur einzelner (unterer Mittelklasse) Nachbarschaften. Mit diesem Prinzip werden Beziehungen aufrecht erhalten. Wenn Person X Person Y noch etwas schuldig ist, ist Person X solange an Person Y gebunden bis sie ihre Schuld beglichen hat. Hat sie ihre Schuld beglichen, wächst automatisch das Vertrauensverhältnis zwischen X und Y und Y ist ggf. beim nächsten Einkauf von X bereit ihr noch einen größeren Kauf “auf Pump” zu gewähren. Das Verhältnis wird somit immer reziproker (gegenseitiger). Neben dem informellen Kreditsystem bieten kleine Läden in der Nachbarschaft ihren Kunden auch Hausservice an. Wenn X, die in einem Mehrfamilienhaus im 3. Stock wohnt beispielsweise Brot, Milch und Oliven aus dem nächsten Bakkal (Tante Emma Laden) braucht, ruft sie den Bakkal ihres Vertrauens an, der in der Regel ein Kind oder einen Jugendlichen mit den Bestellungen zum Haus von X schickt. X lässt daraufhin einen Korb an einer Leine mit dem vom Bakkal angeforderten Betrag herunter, das Geld wird entnommen und die Bestellungen werden hinein gelegt – fertig ist der Einkauf.

Obwohl die Art des Einkaufes stark mit der sozialen Klasse der Konsumenten zusammenhängt, ist die Segregation von Klasse, Alter, Gender und Ethnie des Konsums bei Shopping Malls weitest gehend aufgehoben. Je höher die Klasse jedoch, desto eher können die Konsumenten flexibel zwischen unterschiedlichen Einkauf-Settings profitieren. Im Stadtteil Etiler, einem obere Mittelschicht Viertel beispielsweise haben Konsumenten die Wahl zwischen Bakkals in der Nachbarschaft, zwei Shoppingmalls und einem Open-Air-Bazar des Typs Sosyete pazari (High Society Bazar).
In allen Einkaufsräumen jedoch, werden die Kunden wie Könige behandelt. Ob sie auf dem Bazar mit dem Händler pazarlik betreiben, also handeln, ihre Waren ins Haus geliefert bekommen, “auf Pump” kaufen können oder in einer Shopping-Mall beraten werden, das Konsum-Erlebnis in der Türkei ist ein personalisiertes, Vertrauen orientiertes.

Genderorientierter Konsum in der Türkei

Unter bestimmten Berufsgruppen, wie Händlern, Bauern und Besitzern kleiner Läden, ist es üblich, dass die Männer die Einkäufe übernehmen und in der Regel auch die Kontrolle über den Finanzhaushalt der Familie besitzen. In solchen Familien entscheiden die männlichen Oberhäupter was für die Familie oder für Gäste gekocht wird.

Einer türkischen Studie des Sosyal Egitim ve Danismanlik Sirketi zufolge, die in 37 Läden, welche üblicherweise in Shoppingmalls vertreten sind (wie etwa Benneton, Mudo und Bata) ausgeführt wurde, sind 54,7 Prozent der Manager Frauen, die in der Regel sehr Karriere orientiert sind und einer “protestantischen Arbeitsethik” folgen. Manager gaben grundsätzlich an, dass sie keine Frauen einstellen wollen, die Kinder oder Familie haben, da diese nicht in der Lage wären sich an die Arbeitsstunden zu halten und eine 6 bis 7-Tage-Woche zu absolvieren, bei der pro Tag 12 Stunden gearbeitet wird.

Tendenziell besetzen Frauen die Spitze in der “Hierarchie des Geschmacks”, während Männer eher die Spitze in der “Hierarchie des Wohlstandes” bilden.
Während Frauen mit ihren Männern shoppen, haben sie die Möglichkeit finanzielle Entscheidungen mit zu beeinflussen und die Männer stärker in die alltäglichen Aktivitäten und Familienangelegenheiten einzubinden. Das Shopping kann so zu einem Machtinstrument der Frauen über ihre Männer werden. Kann das Shoppen also als ein emanzipatorische Akt begriffen werden?

Das Shoppen und Konsumieren von Produkten und Waren gehört sowohl bei Männern, als auch bei Frauen zu einer Prestige-Aktivität. In Shopping-Malls bekommen Frauen Zugang zum kapitalistischen Markt durch individuelle Erfüllungen anstelle durch Gemeinschaft orientierte, soziale Aktivitäten.
Während sie bestimmte Waren anderen Waren bevorzugen, wählen sie gleichzeitig eine bestimmte Kultur, während sie sich von einer anderen abgrenzen. Sätze wie “Wie widerlich, da steht vielleicht ein Dorfmädchen drauf” drücken Frauen nicht nur ihre Geringschätzung gegenüber einem Produkt, sondern betonen auch ihren Klassen-Status.

Shoppen ist eine Erfahrung, die viele KritikerInnen als passiv begreifen. Tatsächlich kann diese Aktivität aber durchaus auch aktiven Zielen dienen, auch wenn diese nicht unbedingt bewusst gelebt werden.

Dieser Text wurde informiert und inspiriert durch den Artikel “Encounters at the Counter: Gender and the Shopping Experience” von
Ayse Durakbasa und Dilek Cindoglu aus dem Buch: “Fragments of Culture: the everyday of modern Turkey” von Deniz Kandiyoti und Ayse Saktanber (Hg.)

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07
Mar
11

Ich sehe fern also bin ich – das Phänomen Fernsehen in der Türkei

Mit acht Stunden täglichem Fernsehkonsum, sind es laut einer OECD-Studie die Bürger der USA, die weltweit am meisten fern sehen. Auf Platz 2 folgt die Türkei mit 5 Stunden täglich. In der Tat gibt es viele Konsum-Parallelen zwischen den USA und der Türkei. Der Fetisch Fernsehen gehört zu den auffälligsten.

Das wichtigste Möbelstück in der Türkei ist der Fernseher. Türkische Wohnzimmer sind deshalb in der Regel um den Fernseher herum angeordnet. Die ökonomische Situation der Familie bzw. die Klasse scheint da ausnahmsweise einmal keine Rolle zu spielen. Denn auch wenn die Familie noch so arm und der Fernsehapparat auch noch so klein und flimmrig ist, bekommt er den Promiplatz, in der Regel gleich neben dem Elektro-Heizgerät/Ventilator.
Wer keinen Fernseher hat oder fern sieht, outet sich nicht nur als Herausforderer Status Quo, sondern scheint geradezu asozial. Schliesslich kann der nicht fern sehende Mensch weder das hoch geschätzte und bis ins kleinste Detail ausdiskutierte private Leben der türkischen Celebrities verfolgen, noch über die vielen un- bis mitteltalentierten “Künstler”, der unzähligen Talentshows herziehen. Viel schlimmer als das wiegt aber, dass einem das Gemeinschaft stiftende frühabendliche Ritual Serien in Serie zu schauen abgeht und mensch lediglich Zuschauer bleibt während sich Freunde, Nachbarn und Verwandte täglich über die letzten unfassbaren Ereignisse von “Kurtlar Vadisi” und den “Kücük Kadinlar” in Rage reden. Der Fernseher scheint aber nicht nur ein wichtiges Status-Element, sondern hat auch eben auch eine wichtige soziale Rolle in der türkischen Gesellschaft inne.


In Istanbul leben geschätzte 20 Millionen Menschen, die in Millionen Häusern leben in denen Millionen von Fernsehapparaten stehen. Präziser: Millionen Satellitenfernsehapparate, die von Millionen von Satellitenschüsseln bespielt werden. Kabelfernsehen gibt es in der Türkei nicht. Die überall aus dem Boden stakenden mehrstöckigen ohnehin schon unfassbar hässlichen Apartment-Blöcke, die ihre Funktion der Massenunterbringung förmlich ausstrahlend dennoch uneingeschränkte Popularität in Istanbul geniessen, werden von den charakteristisch schmutzig-weißen konkaven Scheiben in ihrer Funktionssucht noch betont. Sie kleben an den Häusern wie tote Fliegen an der Windschutzscheibe und tatsächlich hängen sie mitunter auch direkt vor den Fenstern. Denn wer braucht schon Licht, wenn den ganzen Tag gearbeitet wird und abends eh fern gesehen wird? Oder sich abends in der Bar über Fernsehen unterhalten wird….

Eine Freundin, die Regisseurin ist, hat seit einigen Monaten einen Regie-Assistentenjob einer vom staatlichen Fernsehkanal TRT1 produzierten Serie: “Leyla ile Mecnun”, ist der Name des Paares aus 1001 Nacht, das bei uns als Romeo und Julia bekannt ist und jetzt den Stoff für die absurde Serien-Komödie bildet, die das arabeske Märchen durch den urbanen Istanbul-Kakao zieht. Als mich besagte Freundin neulich zu ihrem Geburtstags in eine Bar eingeladen hatte, entpuppte sich der Umtrunk als verschleiertes Filmset-Teamtreffen, denn auch hier drehten sich die Gespräche, wenn auch weniger um den Inhalt der Serie, so doch um die Produktionsstrapazen.

Aber Fernsehen ist längst keine Privatangelegenheit mehr. Dudel- und Brüllkästen hängen in Kaffee- und Teehäusern und selbst in den allseits beliebten Lokalen, in denen es Essen zu erschwinglichen Preisen gibt, glotzen einem Nachrichtenmoderatoren beim Essen zu oder belästigen einen mit Horrornachrichten, die mensch zumindest beim Essen mal gerne ausblenden würde. Aber drauf geschissen. Wenn ich mir gerade eine Gabel Spinat mit Joghurt in den Mund schiebe, explodiert garantiert wieder irgendwo eine Bombe, Granatsplitter fliegen, Blut, Leichenteile, Menschen kreischen in die Kamera. Scheint aber keinen weiter zu stören, es wird munter drauf losgefuttert und wirklich zuhören tut eh keiner. Alles schon tausendmal gesehen. Das Opium fürs Volk wirkt aber trotzdem, denn es hält die nicht essenden Menschen in gefesselter Apathie und stattet sie mit Meinungen aus, deren ursächliches Ereignis sie gleich mitgeliefert bekommen. Aha- und Lerneffekt: 2in1.
Die einmalige Ruhe der Fähre (im Sinn von kein Verkehrslärm außer dem Motorengerattere, kein Geschrei außer dem Çay-Mann), die alle 20 Minuten zwischen den Kontinenten hin- und her gondelt, gehört mittlerweile auch der Vergangenheit an. Denn in den neuen, noch geräumigeren und noch luxuriöseren Fähren prangen neuerdings auf jedem Stock alle fünf Meter Riesenflachbildschirme, aus dem mensch mit den letzten sensationellen Nachrichten des Landes beeimert wird. Das Fernsehen ist im öffentlichen Raum angekommen.

Neulich während einer der zahlreichen Abende bei meiner türkischen Familie, wurde ich fassungsloser Zeuge einer neuen Fernsehshow auf einem Privatsender: der Kreis. Die Regeln: Sechs ausgewählte Personen müssen sich 76 Stunden in einem Kreis von ca. 2 Meter Radius aufhalten und dabei möglichst wenig essen und trinken. Wer Durst oder Hunger hat, muss virtuelles Cash opfern und erhält als Gnadenerlass sein Essen auf einem Silbertablett, das dann, als ob man andere für seine “Sünden” (denn das Essen ist hier die Sünde) leiden lassen möchte, den hungrigen Kreis-Gefangenen triumphierend unter die Nase gehalten wird. Die Show ist garniert mit retrospektiven Interviewsequenzen der geläuterten Überlebenden, die über ihre Kreis-Mitleidenden herziehen, wie in all den anderen Stirb-Langsam-oder-tu-wenigstens-so-Reality-Shows. Gewonnen hat, wer es am längsten ohne essen aushält bzw. zum Schluss noch genug virtuelles Geld im Speicher hat. Die Show erinnerte mich an etwas, was mir tagelang nicht einfallen wollte, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: die Agenda der AKP-Regierung: populistisch agieren, privat wirtschaften (virtuelle Cash-Crops im global Polit-Showbiz anzapfen) und Frömmigkeit zum Lebensprinzip erheben (Fasten wie an Ramadan, mit zwischendurch auf Silbertellern servierten Köstlichkeiten). Islamisch verträglicher Neoliberalismus auf türkisch.

Definitiv unterhaltsamer als “der Kreis” ist eine türkische Talkshow, die auf Youtube unter “turkish flying man” zu finden ist und die, obwohl schon Jahre seit der ersten Live-Ausstrahlung vergangen sind, noch immer für Lachkrämpfe beim Publikum sorgt. Der fliegende Mann erzählt dort von einer gewissen göttlichen Bio-Energie, die ihn persönlich zum Fliegen veranlasse. Als er zum Fliegen aufgefordert wird, springt er plötzlich wie von der Tarantel gestochen und inbrünstig schreiend von der Couch rotiert und wälzt sich auf dem Boden. Während der kurzen Darbietung, rennen nervöse, aufgebrachte Menschen durchs Bild. Die Moderatorin reagiert gelassen: “Evet….evet…” (Dt.: Jaaa….jaa….) und unterhält sich schließlich mit dem Überflieger weiter, der sich mittlerweile wieder auf der Couch eingefunden hat, als wäre nichts passiert. Ein anderer türkischer Talkmaster einer anderen Show, die der auf dem Boden fliegende Mann aufsuchte, ist direkter: “Den Scheiß glaub Ihnen doch niemand!” Als der Mann wie zum Beweis wieder seinen Anfall bekommt, wird er vor laufender Kamera freundlich aufgefordert einen Psychologen aufzusuchen. Anthropologen, die bislang dachten, Besessenheit könne erst durch Trancezustände hervorgerufen werden, werden hier eines Besseren belehrt;)

06
Dec
10

roma and urban transformation in sarıgöl/ istanbul

“Können sie uns sagen, wie wir nach Sarıgöl kommen?” fragen wir ein paar Çay trinkende Männer in einem Kaffeehaus. Sarıgöl ist ein mahalle (Nachbarschaft, Stadtviertel) in Gaziosmanpaşa auf der europäische Seite von Istanbul. Araber, Kurden und viele Roma leben dort. Wir haben gehört, dass dem mahalle ein ähnliches Schicksal bevorsteht wie Sulukule vor zwei Jahren: Stadtviertelerneuerung. Das Wort klingt gut, ist es aber nicht. Die kleinen, einstöckigen slumartigen Häuser im Viertel, so genannte gecekondus, die meisten mehrere Jahrzehnte alt, sollen abgerissen werden. Wir wollen wissen, was es damit auf sich hat.

“Sarıgöl? Das ist kein Viertel für euch, Mädchen. Es ist gefährlich. Dort hinuzugehen ist gefährlich. Was wollt ihr denn dort?” “Wir machen eine Recherche zum städtischen Wandel.” “Das ist schön, aber ihr solltet dort wirklich nicht hingehen.” Ein anderer sagt: “Ja, er hat Recht, ich wohne dort selbst seit vielen Jahren und selbst ich würde Euch diesen Ort nicht empfehlen.” “Also ich mein, wenn ihr dort unbedingt hinwollt, dann begleite ich euch natürlich” lässt der erste gönnerhaft verlautbaren, “wartet noch bis ich meinen Çay getrunken habe.”

Sarıgöl liegt am Hügel, kleine steile Gässchen winden sich in das Tal, das aussieht wie eine Riesenmüllhalde. Dazwischen vereinzelt ein paar gecekondu-Häuschen (über Nacht ohne Baulizenz gebaute Häuser). Roma Frauen in langen bunten Röcken laufen den Strassen. Wir werden neugierig, aber freundlich angeschaut. Weniger misstrauisch als sonst. Mensch begrüsst uns. Wir fühlen uns weder bedroht noch unwohl. Wir kommen mit den ersten Romanlar ins Gespräch, stellen uns vor. Wir fragen sie, ob sie wissen würden, dass die Stadt hier Häuser abreissen will. “Die Stadt will hier Häuser abreissen? Nein, davon haben wir noch nichts gehört, woher wisst ihr das?” Wir haben das in einer Kurzmeldung in der Hürriyet gelesen.” “Doch, natürlich wissen wir das,” mischt sich eine andere Frau ein. Sie waren schon da und haben unsere Häuser ausgemessen. Dort drüben, seht ihr, dort wo jetzt keine Häuser mehr stehen”, sie weist auf die Müllhalde, die andere Seite des Hügels, dort haben sie schon angefangen.” “Ja, unser mahalle hat der Stadtgemeinde schon einen Brief geschrieben, dass wir nicht damit einverstanden sind. Wir sind arme Leute, wir haben nichts. Unsere Häuser sind brüchig. Seit über 20 Jahren dürfen wir offiziell unsere Häuser nicht selbst sanieren und von der Stadt kommt keine Hilfe. Nicht einmal einen Nagel dürfen wir in unsere Häuser schlagen, obwohl sie unsere Väter selbst gebaut haben. Die Stadt sagt, die Häuser gehören uns nicht, weil wir damals keine Baulizenz hatten. Toki (das größte Bauunternehmen der Türkei) will uns jetzt die Häuser abkaufen.” “Wieviel Geld bieten sie Euch dafür?” “50 Milliarden YTL (2500 Euro).” “Aber ich werde mein Haus nicht für so einen Spottpreis verhökern. Ich habe eine Familie und vier Geschwister. Wenn die Stadt uns ein paar Stockwerke auf unser Haus bauen würde und wir weiter darin leben können, würde ich es verkaufen, aber sonst keine Chance.” “Was macht ihr, wenn sie wie in Sulukule einfach mit dem Bagger kommen und die Häuser einreissen?” “Was sollen wir machen? Wir sind arm.” “Seid ihr organisiert?” “Organisiert? Was heißt das? Das verstehe ich nicht.” “Ich meine, habt ihr eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass eure Häuser nicht eingerissen werden?” “Nein, so etwas haben wir nicht”. “Werdet ihr euch denn wehren, wenn sie kommen?” “Ja, auf jeden Fall werden wir uns wehren. Wir leben hier seit Jahren, wir haben uns an hier gewöhnt.” “Dort unten,” wir zeigen in das Tal “wer wohnt denn dort?” “Dort könnt ihr nicht hin, Mädchen, dort unten ist es wirklich gefährlich, nicht so wie bei uns,” “Ja, wirklich” eine andere Frau pflichtet ihr bei “dort unten könnt ihr um diese Zeit (es ist 4 Uhr nachmittags) auf keinen Fall hin. Die verkaufen Drogen dort unten, Haschisch und Heroin, sie rauben euch aus und wollen euch vergewaltigen. Ich lebe hier seit 31 Jahren. Wir sind saubere Leute. Hier bei uns auf den Strassen seid ihr sicher, aber dort unten ist es vorbei” “Wer wohnt denn dort?” “Die meisten sind Kurden. Dort drüben, dort wo sie die Häuser bereits eingerissen haben, hatten sich die Bewohner bei der Stadtgemeinde beschwert, weil vor ihren Häusern Drogen verkauft wurden. Sie haben sich nicht mehr sicher gefühlt. Eine Weile später wurden ihre Häuser eingerissen.” “Mädchen, wenn ihr wollt, gehen wir ins Haus, kommt wir können dort etwas trinken und uns dort weiter unterhalten. Aber nur die Mädchen”. Unser Begleiter, der uns die ganze Zeit keinen Meter von der Seite rücken wollte, verabschiedet sich von uns. Wir sind froh ihn loszuwerden. Ceriye führt uns in ihr Haus. Wir ziehen die Schuhe aus und steigen in ein kleines, enges Zimmer, in dem zwei Sofas und ein Fernseher stehen. Der Raum ist sehr sauber. Der Ofen glüht, es ist warm. Ihr Mann holt einen Fruchtsaft und Kekse. Eine Nachbarin und der erwachsene Sohn sind anwesend. Auf ihre Frage wer wir sind, antworten sie, dass wir Journalisten sind. “Wisst ihr, wenn sie uns umsiedeln, siedeln sie nicht das ganze mahalle um. Das ist das schlimmste, das wir dann nicht mehr zusammen wohnen können. Sie versuchen uns kaputt zu machen. Unsere Männer arbeiten als Musiker oder Verkäufer. Sie kaufen Klamotten, Telefone und so weiter. Sie haben ihre Märkte und Kunden hier.” “Ja, schaut, ich arbeite in der Kosmetikbranche”, sagt der Ehemann von Ceriye und kramt eine Gucci-Parfumschachtel aus einem Schrank. Es ist gutes Parfum, wenn ihr welches kaufen wollt…” und bevor ich etwas sagen kann sprüht er mir das Parfum auf die Hand. Entschuldigend winke ich ab und gebe zu, dass ich nicht viel für Parfums übrig habe. “Ja wir haben gute Jobs, wir verkaufen keine Drogen, wir sind saubere Leute.” “Nennt ihr euch eigentlich Roma oder Zigeuner?” Der Mann antwortet lachend: “Zigeuner? Nein, wir sind keine Zigeuner, wir sind Romanlar.” “Und wer sind die Zigeuner?” fragen wir zurück. “Die Zigeuner sind die, die zum Beispiel unter der Brücke in Esenler am Busbahnhof leben. Sie leben in Zelten und arbeiten als Müllsammler, als Papiersammler, sie haben nicht so gute Jobs wie wir.”

13
Nov
10

Wenn Atatürk die Zeit anhält

Morgens neun Uhr mitten in Istanbul: Ich sitze eingequetscht in einem Linienbus zwischen zwei Sitzen auf einer Ablage, die eigentlich für Gepäck vorgesehen ist, als plötzlich eine schrecklich laute Sirene zu heulen beginnt. Es ist die Art Sirene, die mensch bei einer Bombenwarnung erwartet. Wenn Metall schreien könnte, würde es sich so anhören: kreischend, unerbittlich für jeden hörbar. Die Kakophonie der Muezzine ein Glockenspiel dagegen. Die wenigen Buspassagiere, die einen Sitzplatz ergattern konnten, stehen auf. Keine Spur von Hektik, geschweige denn Panik. Sie erheben sich in Würde, bleiben einfach stehen, starren Löcher in die Luft. Ich bleibe sitzen, starre irritiert nach draußen wo das tägliche Verkehrschaos zum Stehen gekommen, das allgegenwärtige Hupen der Autos verstummt ist. Der Sesamkringel-Verkäufer verkauft auf einmal keine Sesamkringel mehr, sondern steht wie angewurzelt vor seinem Stand. Die Großstadt erprobten Autofahrer, steigen aus ihren Wagen. Die Hundertschaften von Arbeitenden, die gerade noch über die Kreuzung geeilt sind, halten mitten im Schritt inne, setzen die Füße nebeneinander, wie in der ersten Balletposition. Ihr Kinn ist leicht angehoben. Ihre Arme hängen gerade an ihren Seiten, ihre Fingespitzen zeigen gen Boden. Mehr noch als einer Volksballett-Kompanie oder einem stadtweiten Flashmob, gleichen sie einem Heer freiwilliger Soldaten.
Die Szenerie ist surreal, sie gleicht einem Traum, in dem Meister Hora die Zeit angehalten hat. Meister Hora alias Mustafa Kemal Atatürk. Sein Geist bzw. der seiner Schäfchen scheint zu flüstern: Stand still, don’t move. Think about the one who saved you. Nur wenige Momos eilen weiter, scheinbar ohne ihre eingefrorenen Weggenossen auch nur annähernd zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn so fasziniert von ihrem Anblick zu sein wie ich es bin.

Quelle: Haber Online TR vom 10.11.10

Es ist der 10.November, 9:05 Uhr. Vor genau 72 Jahren ist Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der türkischen Republik gestorben. Doch Atatürk lebt weiter in Myriaden von Bildern, Statuen, Sprüchen, Erzählungen, politischen Überzeugungen, Fahnen, Fotografien, Ansteckern usw., sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum. Die Ehre, die diesem Politiker so viele Jahre nach seinem Tod von einem ganzen Volk beschert wird, dürfte weltweit nicht nur einzigartig, sondern mutet auch ironisch angesichts der Tatsache an, dass er selbst gesagt hat: “Mein bescheidener Körper wird eines Tages zu Erde werden. Aber die türkische Republik wird auf immer leben!” (“Benim naçiz vücudum nasıl olsa bir gün toprak olacaktır. Fakat Türkiye Cumhuriyeti ebediyen yaşayacaktır.”) Sie wird leben und sie wird einmal im Jahr stehen bleiben.

22
Feb
10

Istanbul’s cultural production – beyond the worlds cultural capital 2010

Social-critical street artists performing on Istiklal


the common way people usually get groceries from a little shop nearby, especially if they are old and live in upper floors


An antique trader next to the Galata Tower sells paintings of Atatürk and Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, the religious leader of the Sufi order that has been forbidden during Atatürk times. Today the Sufi lure mainly tourists from the West.


An old woman in an islamic quarter at the very periphery of Istanbul


informal trade and fishbread-lunch in Karaköy


Decoration that has been carved into the concrete of a mosque in Sultanbeyli due to a lack of money for further construction


costumes in a 2nd-hand store at Galata


Antique traders in Kadiköy


A beggar takin shelter from the rain and claiming for help in Taksim

12
Oct
09

“The problems occur at night” – Being a transsexual in Istanbul

It’s late afternoon in Taksim, the centre of Istanbul. Ebru, Demet and some of their friends are sitting in a violett painted, yet quite empty room, somewhere in a side street of the lively district. The women chat over a cup of tea, exchanging the latest news: new relationships, politics, the job market, cooking recipies. Everything seems normal untill I enter the scenery, asking them how life as a transsexual in Istanbul feels for them, what sort of difficulties they face. One of the women looks at me, confused by the question. She responds: „It’s good, my life is good, I don’t have many problems.“ I am puzzled. Demet jumps into the conversation: „But as a transsexual, she means, we face problems in our lifes, don’t we? Friends of us get killed by their lovers, we are harassed by the police, shop-keepers charge us more because of our sexual identity. We have problems.“
Problems that prompted Demet and her friend Ebru six months ago to rent the little room we are sitting in now. Problems that caused them to offer a safe space for transgender and transsexual friends, for counseling, debating, exchanging news, chatting.

Ebru Kırancı and Demet Demir on the İstiklal Cadessi in Istanbul

Ebru Kırancı and Demet Demir on the İstiklal Cadessi in Istanbul


Working conditions and legal situation

News that did not make it to the news: One day after the last Pride Parade at the end of June 2009, a 19 year old transvestite from Şişli/ İstanbul was killed. The story of facts is as short as her life. The transsexual was picked up by a customer in the centre of Istanbul. What happened afterwards in the customer’s car remains unclear. The dead body of the transvestite has been dropped by its murderer in Zeytinburnu, another district of Istanbul, around 20 minutes away from the centre. A relative of the transsexual sewed the case and LGBTT people in Turkey tried to spread the news over their own information channels like their homepage or facebook groups. Besides this, no public attention has been paid to the killing of this young person. Recently there is no media coverage of violence against transvestites. The only way to do something, says Demet, is to protest. “Then the police is forced to find the murderers.”

One of the major problems transsexual face are linked to working conditions for transsexuals, especially in cases where they earn their money as sex-workers. “We can’t even work at home.The state and the local government use to close houses in which transsexuals and transvestites work, even if we live there.“ Due to a new regulation, private houses are assaulted and closed down for three month. After this period local authoratives close them down again for the same period. This has not always been like that claims Demet: “I saw the coup d’etat in the 1980s and how everything changed. Before the coup the environment was considerably friendly. After the coup transsexuals have been unrightfully taken to prison, raped, murdered. This continued until the new millenium. Since 2000, after the EU-negotiations things became more easier for transvestites, at least for a brief period. Then when AKP came into power things started to get more difficult again. Before they came into power 2002, they would close down houses for 10 days. Recently the period has been expanded to three months. Even the state runned brothels are closed down one after the other under the islamist-neoliberal AKP (Justice and Development Party) administration. After 1995 there were around 10.000 sex workers. Around half of them were registred. Now there around 4000 registred sex-workers but the total number is near a hundred thousand. So the number of unregistred sex-workers has been increased incredibly.“

In order to survive many of the sex-workers go to the street where they are confronted with new difficulties. On the pretext of blocking the traffic, disturbing public life, sex-workers get arrested on a regular basis due to a law that has been passed by the islamist-neoliberal AKP government in power. Another law that made life more difficult for transsexuals is the recently passed, so called, exhibitionist law. Transsexuals, officially being accused of showing their sexual organ in public, Ebru argues that „even transsexuals who show up in the most conservative dress are taken over by the police“. „They take you to the police department where they charge you between 60 and 70 YTL. On top of that we are supposed to pay food and rent. It is not possible to live like that. We can’t work. In this situation we say just give us a monthly payment. But they don’t want that either. They want us to starve and die,“ Demet adds. According to her, this situation where transsexuals can’t neither work in their homes nor in the streets, forces transgender people who work in the sex-business to their last station of choice – the highways. „There our friends get raped and killed by the customers or cars run over them. The responsible organ for that is the state because they force us to work there.“ Moreover, the state began a programme based on a court decision, that has been passed around two years ago on which basis transsexuals and transgendered are transferred into mental institutions. Being transsexual, according to the court, was considered, as a mental sickness that needs to be cured. „We know about 100 transsexual and transgender people that have experienced such assaults by state representatives. “We could only convince a couple of them to sew them because they are scared“, says Demet. „However, when we file reports concerning sexual harrassment at the police station the answer we get is: ‚it’s probably because you shook your tail, thats why he jumped on you ’“, says Demet.

However, there are also more positive examples. Başak, a friend of the group, recently got accepted as a teacher in an elementary school. The kids don’t know about my sexual identity, she says and claims that so far no problems have been occured, even not with teachers or parents.

Family situation and marriages among transsexuals
Demet came out when she was 22. Afterwards she lived for one year with her parents “but I am an exception”, she states. In contrast to her, Ebru has not seen her family for 20 years. Both of them agree that after coming out in the family it is hard to find a place in the transsexual community. Sex-work is mostly the only chance to survive for transsexuals. „Usually,“ Demet says „if you give money to your family they still consider you their daughter, if not then you are the fagot kid. Most families of transsexuals cut ties untill they die. If they die though they are hunting for what remains of the person“. Demet knows around 10-15 transwomen who got married while their husbands know about their sexual identity. However, when they get divorced, the men generally take advantage of this knowledge and pretend that they did not know before and that now, when they find out, they want to get divorced.


Transphobia among heterosexuals and LBGTs

Being a transsexual, even in the westernized centre of Istanbul, means being constantly in struggling not only with state authoratives representing a strongly patriarchal system but also with the Istanbulite population, including family, neighbours and shop- and house owners who perform a starkly unfriendly social environment for transsexual and transgender people. Interestingly, not just heterosexual oriented people exclude transsexuals and transgender socially, politically and economically. Yet there exist also transphobia among gay and lesbian people, another reason for Demet and Ebru, who worked in a well established LGBT organisation to open the first little association for transvestites and transsexuals.While many gays and lesbians feel that “transgender” is simply a name for a part of their own LGBT community, others actively reject the idea that transgender people are part of their community, seeing them as entirely separate and distinct. In the latter cases it is for instance controversely debated if transsexuals are homosexuals or not. The old discussion among scholars that are involved in gender studies becomes here a precarious tool for discrimination: What is the difference between gender and sexuality? If for example a transwoman is attracted only to other women, she is either lesbian by nature, being a woman, or is otherwise a heterosexual man which causes transphocic LGBT to exclude other transvestites transsexuals from their community. The implacability of the question whether a transgender person considers him- or herself as homosexual or not has been overcome by the rise of Queer Theory in the 1990s and the Queer community, which defines “queer” as embracing all variants of sexual identity, sexual desire, and sexual acts that fall outside normative definitions of heterosexuality. Thus a heterosexual man or woman as well as a transgender person of any sex can be included in the category of queer through their own choice.

More information on webpage of the lgbtt group or on other LGBT platforms in Turkey such as

LGBT Rights Platform

Kaos GL
LGBTT Association

Lambdaistanbul
LGBT Solidarity Association

MorEL (PurpleHand)
Eskisehir LGBT Initiative

Pembe Hayat (Pink Life)
LGBT Association

Piramid LGBT Diyarbakir
Initiative 

Siyah Pembe Ucgen (Black Pink Triangle) Izmir Association

Cases of hate crimes against transsexuals, transgender and transvestites who have been murdered in Turkey in the last two years:

On 15 July 2008 Ahmed Yıldız was shot dead in Üsküdar, Istanbul
On 10 November 2008, transsexual Dilek Ince was shot dead in Ankara.
On 19 December 2008, an unidentified transsexual was shot dead with two bullets through the chest at a roadside in Gebze.
On 10 March 2009, transsexual Ebru Soykan was stabbed to death at her home in Cihangir, Istanbul.
On 20 March 2009, transvestite L.D. (29) was stabbed in the stomach and wounded by three people in Eskisehir.
On 22 March 2009, the body of a transvestite, whose head and sexual organ had been cut off, was found in a rubbish container in Bursa.
On 27 March 2009, Yasar Sert (35) killed Sükrü Gençer (57) for suggesting a sexual relation (Edirne).
In Istanbul, the bodies of Yasar Mizrak (44), Mehmet Naci Zeyrek (30), Enes Arici (25) and Ercan Coskun were found in a well. The murderer, Özkan Zengin, said he had killed them for being gay.
On 11 April 2009, Melek K. (25) was stabbed to death in her home in Ankara.
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12
Oct
09

istanbul – ode an eine stadt

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stadt der tausend gesichter.
wieviele welten hat eine welt?

istanbul, mein herz blutend in deinen eingeweiden
wenn sich deine katzen streiten und ihre schrillen schreie sich anhören
wie die einsamer babies in ihren wiegen
wenn sich auf der fähre die ruhe zwischen den kontinenten in mir ausbreitet
mit einem çay und in begleitung der möwen

Foto: Esin Demirel

Foto: Esin Demirel


wenn die menschen sich gegenseitig auf den strassen liebevoll ‘bruder’ und ‘schwester’ nennen

wenn der erste herzerschütternde ruf des muezzins durch die mahalles tönt
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gefolgt von einer kurzen atempause, stillstand für den bruchteil einer sekunde
bevor sich die wege der menschen wieder verknoten, wie kabelsalate in internetcafes


istanbul, meine ohren verloren in deinem klang

wenn der niemals endende verkehr in der ferne sich bei geschlossenen augen anhört
wie das rauschen des meeres
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wenn die çaylöffel ritualisiert synchron in den gläsern rühren
ungeduldig auf den zucker warten der sich in dem tee löst und im blut

Foto: Esin Demirel

Foto: Esin Demirel


wenn die reklame aus den kehlköpfen der werbenden lokalbesitzer kommt
“kommt leute, kommt essen! ihr werdet nicht drum rum kommen,
früher oder später werdet ihr hunger bekommen!”
wenn der flehende gesang deiner strassenmusiker meinen körper vibrieren lässt
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wenn ich meine 70-jährige nene höre wie sie gerade das fünfte mal an diesem tag betet
und 10 minuten später flucht: “der hurensohn soll sich endlich verpissen!”
wenn die stimmen deiner hochzeiten durch die strassen schwirren
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wenn ich im bus sitze, der bosporus sich auf beiden fensternseiten
vor unseren augen erstreckt und meinen sitznachbar gedankenverloren sagt:
“das meer sieht heute aus wie ein bettlaken” und ich grinsen muss weil
im türkischen das wort für bettlaken (çarşaf) auch das bezeichnet was wir
als burka kennen
taksim und seine kakophonie bei nacht, wo sich kommerz und wahnsinn die hand geben

istanbul, meine nase verirrt in deinem duft
wenn der saure schweissgeruch im bus sich mit den billigen parfums
und abgasen auf dem city-highway vermischt
wenn der stewart im bus oder der lokalbesitzer gelbes kolonia in unsere hände schüttet
stinkend erfrischend
wenn der duft der frischen sesamkringel die abgase und fleisch-schwaden übertüncht


istanbul, meine zunge tastend in deinem fleisch

wenn die oliven aus den fässern auf dem wochenbazar in meinen mund wandern

Foto: Esin Demirel

Foto: Esin Demirel


das cremige geschmackserlebnis der lahana-dolmas
vom teyse fatima laden in der ömer hayyam caddesi
wenn ich tutku-kekse und profiterol on ice verschlinge
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wie andere menschen hier linsensuppe
wenn der saure regen in meine kehle fällt und sich durch die
löcher in meinen schuhen frisst

istanbul, meine hand fühlend auf deiner haut

wenn ich die weissen bohnen durch meine finger rieseln lasse wie sandkörner am strand
wenn ich deine alten gemäuer berühre, zeitreisen in dein innerstes unternehme
Foto: C. Kern

Foto: C. Kern


wenn ich in gedanken über die vielen falten in deinem gesicht
von ihrem lachen angesteckt werde
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wenn ich deine granatäpfel und feigen vom baum pflücke
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küsse des kennenlernens und verabschiedens
wenn ich deine katzen streichle, die obdachlosenheime haben
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im gegensatz zu den menschen
Foto: Esin Demirel

Foto: Esin Demirel

istanbul, meine augen tauchend in deinem anblick
wenn die laden-besitzer bei nacht das schmutzig-glänzende wasser
vor ihren türen ausschütten, es sich seine wege bahnt durch die rillen,
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ritzen, gräben und strassen, vorbei an den menschen-füssen, ratten und kakerlaken
wenn ich noch immer nach mülleimern suche, die schon längst abgeschraubt wurden,
damit niemand mehr bomben in ihnen verstecken kann
wenn leben face-to-face kommunikation heisst und sitzen eine neue dimension bekommt
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wenn der mann vor seinem mobilen kopierer den generator anwirft
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die vor der polizei davonrennenden roma, die ihre blumenstrauesse packen um
fünf minuten später wieder anselber stelle zu stehen und zu rufen: “bir million, biiiiir million!”
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wenn ich die gläubige muslimin auf der strasse sehe, verhüllt in ihre burka, neben
der modernen türkin im minirock und pumps
wenn ich den blinden saz-spieler auf der strasse sehe
der schlechteste sänger istanbuls, dessen sohn ihm für stunden das mikrofon hält
die vor zuckersirup und honig tropfenden leckereien in den schaufenstern der pattiserien
die abermillionen lichter der stadt als wären sie heruntergefallene sterne
das wasser das den rakı zur löwenmilch macht
wir, alchemisten der nacht, berauscht von dem was wir sehen können und wollen
auf der suche nach einer bar die qual der wahl, in jedem haus in jedem stockwerk
sesam öffne dich

der verwunderte blick des mondes wenn er auf uns herunterschaut




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