Archive for the 'religion' Category

31
Dec
12

Scheinheilige Meinungsfreiheit – ein Kommentar

Demonstration gegen "Innocence of Muslims" in London am 6.10.12, Foto: Rob Pinney, www.demotix.com

Demonstration gegen “Innocence of Muslims” in London am 6.10.12, Foto: Rob Pinney, http://www.demotix.com

Zumindest medial scheinen Muslime in den westlichen Medienkanon integriert. Bieten sie doch permanenten Diskussions- und Zündstoff für immer noch mehr islamophobe Diskurse. Nach den Mohammed-Karikaturen der dänischen Jylland Posten von 2006, sorgte dieses Jahr “Innocence of Muslims”für tödliche Schlagzeilen. Medien sprachen von 80 Todesopfern weltweit, die der Film und seine Verbreitung ausgelöst haben sollen. Afghanistan, Ägypte, Libyien, Indonesien, Saudi Arabien, Malaysia, Indien and Singapore blockten den Youtube-Link zum Film. Auch das bringt Meinungsfreiheit mit sich: Abschaltung der Meinungsfreiheit.

Die Meinungsfreiheit ist zum “Allahu akbar” des Westens geworden. “Das wird man doch noch sagen dürfen” beeilen sich Rechtfertiger á la Sarrazin zu sagen, wenn sie einmal wieder Öl ins Feuer der strenggläubigen Muslime gegossen haben. Tatsächlich kann man vieles sagen und meinen. Schlimm genug, dass dafür ein Recht geschaffen werden musste. Aber bedeutet Rechte zu haben, auch jederzeit davon Gebrauch machen zu müssen? Bedeutet Meinungsfreiheit andere solange mit der eigenen Meinung zu penetrieren, bis sie Gewalt anwenden? Kann man dann überhaupt noch von Meinung sprechen? Und wer hat hier überhaupt das Recht auf freie Meinungsäußerung?

Die westliche Presse und das Internet ist mit seinen Unternehmensgruppen selbst Teil einer öffentlichen Meinungsmonopolisierung. Wenn es um Muslime geht, die ihren Glauben verletzt sehen, wird sich im Westen gern auf die Meinungsfreiheit berufen. So geschehen bei den Nachdrucken der Mohammed-Karikaturen der dänischen Jylland-Posten in deutschen Tageszeitungen. Damals schrieb der Presserat, nachdem “Die Welt” die Karikaturen erneut abgedruckt hatte,  dass durch die Veröffentlichungen “weder die Religionsgemeinschaft noch deren Mitglieder geschmäht oder herabgesetzt” würden. Zu diesem Zeitpunkt waren schon über 150 Menschen bei Auschreitungen ums Leben gekommen. Sie fühlten sich in ihrer Ehre verletzt.

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Diese Gefühlsregung ist auch dem aufgeklärten christlichen Abendland nicht fremd. Das gibt auch der Presserat zu, der die Titanic unlängst dafür rügte, dass sie den Pontifex mit befleckter Soutane auf ihrem Cover abdruckte. Ein Fleck auf einem Kleidungsstück – das offizielle Ende der Toleranzgrenze für Meinungsfreiheit im Westen? “Was dem Deutschen heilig ist, erkennt man daran was er nicht darf,” schrieb ein Blogger daraufhin. Während man sich über Christen nicht lustig machen darf, verbreiten westliche Medien fleißig anti-muslimische Inhalte.

Wenn wir über Freiheit schreiben, müssen wir auch von Verantwortung schreiben, denn beide bedingen einander. Handeln kann nicht frei von Verantwortung sein. Auf Kosten der anderen werden Europäer und Nordamerikaner ihre Haut nicht retten. Moralische Ansprüche dürfen nicht nur gefordert, sondern müssen auch auf uns selbst angewandt werden. Das heißt: Eine gleiche Behandlung für alle Gläubigen. Oder wie war das nochmal mit der Demokratie?

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12
Feb
10

buchstabensalat a la turca

<a href="http://www.feverandthirst.com/thebook.php">Fever and Thirst </a>. Dr. Grant and the Kurdish Tribes of Kurdistand by Gordon Taylor
Nestorianische Christen in Persien, vermutlich gegen Ende des 19.Jahrhunderts, Anfang des 20 Jahrhunderts. Quelle: “Dr. Grant and the Kurdish Tribes of Kurdistan by Gordon Taylor

Eine “Wahrheit” mit dem der Reisende in der Türkei oft konfrontiert wird ist, dass Türken im Vergleich zu anderen Nationen unschlagbar seien. Das muss man nicht wortwörtlich nehmen. Doch Sevan Nişanyan, Kolumnist der türkischen Tageszeitung Taraf wollte es genau wissen. Worin sind die Türken unschlagbar? Nicht wie unsereins gedacht hätte im Aufstellen von Nationalfahnen oder der anhaltenden Verehrung des Republikgründers – auch noch über 70 Jahre nach seinem Tod. Nein, unschlagbar sind die Türken in der Verwendung ihres Alphabets.
Nişanyan zufolge ist Türkisch das einzige Alphabet, das im Laufe seiner Sprachgeschichte acht verschieden Alphabete verwendete. Die einzige Sprache, die das noch getoppt habe sei Persisch gewesen, das vier Alphabete nutzte. Alle anderen zwei. An eine Sprache, die drei verwendete kann er sich nicht mehr erinnern. Für die erste Türkische Schriftsprache wurde das Köktürk Alphabet verwendet. Nicht einmal hundert Jahren später adaptierten die Uiguren das mitteliranische Sogdisch. Später als die Hälfte der Türken zum Buddhismus konvertierte, wurde das Brahmanische Alphabet importiert. Mit dem Islam im 11. Jahrhundert wurde Arabisch adaptiert, das für die folgenden 800 Jahre verwendet wurde. Im 20. Jahrhundert schliesslich führte Atatürk mit seinen (Sprach-)Reformen schliesslich das Lateinische Alphabet ein, für wiederum die Hälfte der Bevölkerung, während die andere Hälfte das kyrillische Alphabet der Soviet Union “wählte”. Zusätzlich gibt es eine reiche türkische Literatur in Armenisch und Griechisch seit dem 14. Jahrhundert.

Am Ende, schliesst Nişanyan, ist ein Alphabet zwar nur ein praktisches Werkzeug, ein “signalisierendes” System, auf der anderen Seite ist es ein grundlegendes Element mit dem sich eine Kultur und Zivilisation identifiziert. Während Reiche und Regierungen gehen, die Welt sich wie im Fluß verändert, scheint es bei manchen Alphabeten, als verkörpern sie den Fels in der Brandung ihrer Kulturen. Das Griechische Alphabet ist beispielsweise seit rund 2800 Jahren unverändert geblieben und stellt damit wahrscheinlich das einzige Element des Griechisch Seins dar, das sich nicht veränderte. Auch das Hebräische Alphabet blieb im Laufe von 2600 Jahren unverändert und verschmolz mit der jüdischen Identität. Das Lateinische Alphabet wiederum kann als Fundament des Römischen Reiches und seiner Weiterführung in der westlichen Europäischen Zivilisation angesehen werden. Ähnliche sieht es mit dem Chinesischen, dem Hindi und dem Amharischen und dem Armenischen Alphabet.

Doch was sagt uns das? Wie können wir es interpretieren, dass die Türken ihre Alphabete wechselten, als wären es Socken? fragt Nişanyan. Und waren es wirklich nur die Alphabete, die die Türken sich aneigneten wie die Osmanen auf ihren Expansionszügen all die leckeren Speisen anderer Kulturen? Nişanyan fällt da noch was anderes ein: die Religionen. Die Türken, behauptet er, seien die einzige Nation, die kollektiv vier unterschiedlichen, großen Religionen angehörte – dem Christentum, dem Judentum (1), dem Buddhismus und dem Islam.



Islamische Kalligraphie und reich verzierte Herrschergräber während der arabischen Schriftphase der Türkei

Der Historiker Gordon Taylor, der eine Englische Übersetzung von Nişanyan’s Kolumne auf seinem blog veröffentlichte, fügte hinzu, dass der Journalist ein Alphabet vergessen habe. Nämlich das der nestorianischen Christen aus Mesopotamien und Persien, die sich in den Hochtälern um Hakkari unter den Kurden ansiedelten und über mehrere Jahrhunderte in den ersten Jahren der christlichen Ära ihre Missionare nach Turkistan und in die Mongolei schickten. In dieser Zeit konvertierten Gordon zufolge viele Türkisch sprachigen Menschen zum Christentum und man finde noch immer Gräber von Turkistan, die in Türkisch geschrieben sind und dabei das Aramäische, auch syrianisch oder syrisch (2) genannte Alphabet verwendeten. Das Alphabet, das sich ca. 1500 v. Chr. aus der phönizischen Schrift heraus entwickelte, wich erst im 7. Jahrhundert dem arabischen Alphabet.

Syrianische Christen in Mardin/Südostanatolien an der syrischen Grenze
Syrianische Christen in Mardin/Südostanatolien nahe der syrischen Grenze im Sommer 2009

Sprache ist für Gordon der entscheidende gemeinsame Faktor, alles andere sei konstruiert. Und tatsächlich hat es in der vergangenen Jahrhunderten nur wenige “echte” Türken (3) in der Türkei gegeben hat. Statt dessen viele Kasachen, Usbeken, Uiguren – sprich zentralasiatische Turkvölker. Heute sind “Türken” Anatolier, die Türkisch sprechen oder Türkisch begonnen haben zu sprechen, nachdem sie ihre Muttersprache aufgegeben haben. Türkische Nationalisten wiederum sind der Meinung, dass alle nicht verräterischen Anatolier Türkisch sprechende sunnitisch muslimische “Türken” sind. Demzufolge, so Gordon, ist es die Sprache die überdauert hat, nicht die Türken selbst. Den Grund dafür sieht er in den idealen Grundbedingungen der Türkischen Sprache. Die Grundstrukturen sind simpel, es gibt weder ein Geschlecht noch Deklinationen und kann ohne weiteres Wörter anderer Sprachen entlehnen, was es auch zu Tausenden gemacht hat. Tatsächlich besitzt Türkisch eine Fähigkeit fremde Wörter aufzunehmen und sie zu Verben, Adverben und Adjektiven zu transformieren.

Transformiert wurde im Übrigen auch das Zeitsystem. Zum 1. März 1917 fand in der Türkei eine Umstellung vom islamischen Kalender auf den gregorianischen Kalender, der “westlicher Kalender” (arab.: takvim-i garbi). Bei der Umstellung gingen 13 Tage und 2 Monate verloren. Am 26. Dezember 1925 schliesslich wurde durch Atatürk die abendländischen Jahreszählung AD, der so genannte “Internationaler Kalender” (türkisch: Beynelmilel Takvim) eingeführt. Ein Grund war dabei sicher auch, dass sich der silamische Kalender für wirtschaftliche Verwaltung als ungeeignet entpuppte. Mit einem Schlag zeigte die Jahreszahl 585 Jahre (584 Differenz plus Jahreswechsel) mehr an! Denn auf 1341 MI folgte 1926 AD. Und trotzdem tickt die islamische Zeit weiter und scheint dabei die gregorianische nicht wirklich zu stören. Auf dem Pazar in Eminönü arbeiten die Standbesitzer nach internationalem Standard aber wenn der Muezzin ruft, eine islamisches Fest gefeiert oder Ramadan gehalten wird, halten die Gläubigen sich an den Mond. Dann beginnt das Jahr, der Monat und der Tag wieder mit dem ersten Sichtbarwerden des Mondes.


Was tun wenn man in einem Zeitsystem geboren und in einem völlig anderen gestorben ist? Man bleibt pragmatisch. Ein Grabstein auf dem Pierre Lotti Friedhof in Istanbul zeigt das Geburtsdatum des Verstorbenen in islamischer Jahreszahl während sein Sterbejahr im neuen, gregorianischer Zeitauffassung widergegeben ist.

Im Laufe der türkischen Geschichte wurden nicht nur Buchstaben und Zahlen, sprich Schriften und Zeiten geändert. Auch die Menschen, die Kulturen selbst änderten, sich, verschmolzen miteinander, trennten sich wieder. Der Freund von heute wurde, wie heute noch überall auf der Welt, zum Feind von morgen. Selbst die Sprache, und hier möchte ich Gordon widersprechen, hat es nicht geschafft die Zeit zu überdauern und ist als Zeit überdauerendes Gemeinschaft stiftendes Element, nicht haltbar. Allein die Geschichte des heutigen Hochtürkisch ist von Unterbrechungen und Umwälzungen geprägt. Und mir scheint, dass Religion und Politik bei der Aneignung von (neuen) Sprachen eine oft zentrale Rolle gespielt hat. Ein Phänomen, dass es weiter zu untersuchen gilt, dass aber defintiv das Entstehen des Altanatolischen – der Sprache, auf die das heutige Hochtürkisch im weitesten Sinne zurückgeht – beeinflusst hat. Denn erst im 11. Jahrhundert als die Seldschuken nach Kleinasien vorstiessen kam es zu einer schrittweise Islamisierung und Turkisiserung Kleinasiens, das bis dahin unter griechischer und byzantinischer Herrschaft stand. Mit dem Zusammentreffen der turkisierten und islamisierten Seldschuken und der anatolischen Bevölkerung bildete sich schliesslich das Alt-Anatolisch heraus. Ab dem 15. Jahrhundert, mit den Eroberungszügen der Osmanen entstand das Osmanische Türkisch, eine Amtssprache, die stark vom Persischen und Arabischen beeinflusst war. Parallel zu dieser elitären Kunstsprache entwickelte sich eine oder mehrere Volkssprachen. Auf dem Istanbuliter Dialekt dieser Volkssprache baute schliesslich Atatürks modernes Anatolische Türkisch auf, dessen Ziel es nicht nur die Bevölkerung zu alphabetisieren, sondern auch die Sprache von Arabismen und persischen Lehnwörtern zu reinigen. Das heute gesprochene Türkisch ist wie viele andere Sprachen auch so dynamisch, das man ohne weiteres behaupten kann es verändere sich jeden Tag durch Jugendkulturen, die Medien, das Ausland und nicht zuletzt auch Binnenmigration.
Die Idee einer konstruierten ethnischen Reinheit, kann also auch die Sprache nicht standhalten.

(1) Die Türkischen Chasaren in Südrussland und auf der Krim adaptierten das Judentum.

(2) Während die Schrift verschwand, hielt sich die Sprache bis heute. Syrisch ist allerdings nicht die Sprache, die in Syrien gesprochen wird, sondern die Sprache der syrischen Christen, die vorwiegend im Osten der Türkei, Norden des Iraks, und Nordosten Syriens lebt.

(3) Wenn Anatolien Reisende im 19. Jahrhundert von Türken sprachen, stellte sich in der Regel heraus, dass es sich eigentlich um Albaner, Tscherkessen oder Bosniaken handelte. Und auch heute noch ist die Türkei ein Vielvölkerstaat, auch wenn dieser Umstand durch jahrzehntelange und erfolgreiche Assimilationspolitik oft unter den Gebetsteppich gekehrt wird. Kurden, Zaza, Araber, Roma, Lasen, Bosniaken, Albaner, Tscherkessen, Armenier/Hemşinli, Bulgaren/Pomaken, Aramäer, Georgier, Tschetschenen und Griechen u.v.m.

02
Feb
10

Der “Voodoo” und das Erdbeben – Ein Kommentar zur Haiti-Berichterstattung der FAZ

Medienberichterstattung kann informativ sein. Manchmal kann sie auch böse Geister heraufbeschwören. Letzteres scheint bei der derzeitigen Haiti-Berichterstattung von immer größerem Interesse zu sein, auch wenn die Berichte über das zerstörte Land, wie gewohnt, aktuelleren Themen Platz machen, und in den Zeitungen immer weiter nach hinten rutschen. Die undifferenzierte Verquickung des Glaubenssystems Vodou mit dem unsäglichen Erdbeben ist mittlerweile eher die massenmediale Regel als die Ausnahme.
Ein Artikel beispielloser lückenhafter Recherche und verfälschter Darstellung ist der FAZ-Artikel von Josef Oehrlein. Darin interpretiert er den “Voodoo-Kult” nicht nur auffällig eurozentristisch, sondern auch verkürzt funktionalistisch: “Er bietet den durch korrupte Herrscher, Not, Armut und Katastrophen geprüften Haitianern ein wenig Halt in ihrem miserablen Alltag und Erklärungen selbst für manche grausamen Vorkommnisse, weil die Götterfiguren, die sie verehren, letztlich sehr menschliche Verhaltensweisen zeigen.” Welchen beachtlichen Teil wir selbst, als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft an der von “korrupten Herrschern, Not, Armut und Katastrophen geprüften Haitianern” tragen, bleibt ganz natürlich außen vor. Stattdessen entrüstet sich Oehrlein über die Verquickung von Vodou und Katholizismus unter Jean-Bertrand Aristide, der bis er nach den bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen 2004 “freiwilllig” von den USA ins Exil ausgeflogen wurde, Präsident von Haiti war: “Ausgerechnet der katholische Priester Aristide hatte den Voodoo-Kult mit einem Dekret zu einer staatlich anerkannten Religion erhoben.” Ich möchte Herr Oehrlein an dieser Stelle fragen: Gibt es ihrer Meinung nach eine “pure” Religion? Oder ist es nicht die Regel, dass religiöse Systeme mit- oder untereinander verschmelzen und nicht beginnen aus dem luftleeren Raum heraus zu existieren. Schwerer wiegt jedoch Oehrlein’s Subtext: Katolizismus und “Voodoo-Kult” können doch gar nichts miteinander zu tun haben. Eine solche Annahme würde tatsächlich nicht nur in Haiti weit an der Realität vorbei gehen. In der Tat praktizieren viele Vodou-Anhänger in Haiti auch den Katholizismus. Wie mühelos beide Glaubenssysteme miteinander korelieren zeigen Rituale wie das Saut d’Eau Ritual, bei dem jährlich tausende Vodou-Gläubige zu dem Wasserfall Saut d’Eau pilgern. Es wird angenommen, dass vor 150 Jahren der Geist der Heiligen Maria auf einer Palme nahe des Wasserfalls erschien. Während des Rituals werden Pilger regelmässig von Vodou Gottheiten besessen, oder wie sie es selbst nennen “geritten”.

Synkretismen, also Verschmelzungen religiöser Systeme solcher Art sind Menschen, die den “bösen” Vodou auf Haiti am liebsten durch das “gute” Christentum vertrieben wissen möchten, scheinbar nicht bekannt. Denn Ronald Graf, der Oehrleins Text in der FAZ online kommentierte, schreibt offenbar noch ahnungsloser als Oehrlein: “Es gibt immer mehrere Faktoren, die ein Land in extremer Misere festhalten: Fehlende Schulbildung, Korruption, Machtgier etc. Aber das alles basiert immer auf dem egoistischen bis kindischen menschlichen Verhalten der verantwortlichen Machtträger. Diese treffen ihre (falschen) Entscheidungen aufgrund der von ihnen anerkannten moralischen Werte, die fast immer auf religiösem Volksglauben ruhen. Wenn man nun diesen Volksglauben sucht, ist es in Haiti der Voo-Doo. Ein Totengeister-Dämonenkult, der den Bürger an die toten Vorahnen bindet. Letztere bestimmen, was gut und was böse ist. Darum sind “unsere” christlichen Werte dort nicht bestimmend, sondern die dämonischen, wie Blutrache, blutige Kämpfe der Familien-Clans um die Macht, masslose Geldgier, Rücksichtslosigkeit etc. Seit 200 Jahren leidet und blutet die Bevölkerung Haitis schon an ihrer Geisterreligion und es ist kein Ende abzusehen. Die christlichen Werte der Nächstenliebe allein können dort einen Wandel herbeiführen.” Amen. Wenn mensch um bei FAZ online einen Leserkommentar zu schreiben, sich nicht umständlich und datenreich registrieren müsste, würde ich Ronald Graf gerne antworten. Dann würde ich ihm sagen, dass sein Kommentar selbst meine nicht-christliche Wenigkeit dazu ermutigte mich bestürzt zu bekreuzigen. Und ich würde ihn beruhigen, dass er sich wirklich keine Sorgen machen brauche, da die christlichen Werte schon längst in Haiti angekommen sind. Und dann würde ich ihm gerne meinen Respekt dafür zollen, dass sein Kommentar den messerscharfen Analysen US-amerikanischer TV-Prediger, die den Grund des Erdbebens im “verfluchten Voodoo” suchen, in nichts nachsteht.

Vodou war schon immer, wie kein anderes Glaubenssystem, Projektionsfläche westlicher Phantasien. Reflektierte Analysen scheinen bislang – und auch nicht immer – Ethnologen und Religionswissenschaftlern vorbehalten. Doch was hat Vodou eigentlich nochmal mit dem Erdbeben zu tun? Wie das Wort Islam symptomatisch seit Jahren in beinahe jedem Medienbericht auftaucht, der das Thema “Terror” behandelt, gibt es auch nur wenige Artikel über das zerstörte Haiti ohne dass der wissbegierige Leser über “Voodoo” “aufgeklärt” wird. Da macht natürlich auch unser “Voodookult-Experte” Oehrlein keine Ausnahme. Mehr noch, Oehrlein weiss, dass es zwischen der blutigen Politik und dem blutigen Kult eine Verbindung geben muss: “Der Voodoo-Kult liefert schließlich auch eine einleuchtende Erklärung, warum Gewalt und Gegengewalt, Unterdrückung und Machtkämpfe, Morden und Marodieren in Haiti fast schon wie Rituale praktiziert werden: Alle Gegenstände, die im Voodoo eine Rolle spielen, bedeuten zwar jeweils etwas Bestimmtes, doch fast immer zugleich auch etwas anderes, bisweilen sogar das Gegenteil. Sie verwandeln sich unaufhörlich in etwas Neues. Selbst die banalsten alltäglichen Gerätschaften wie Wassergläser oder Spiegel nehmen übernatürliche Kräfte an. Im Voodoo-Kult verliert der Mensch rasch jede Art von Maß und Ziel.” Solche undifferenzierten, geistlosen, ja bis zur semantischen Sinnfreiheit verunstalteten Eingebungen lassen vermuten, dass es vor allem Oehrlein ist, der hier das Gefühl für Maß und Ziel verliert. Ob dieser haarsträubenden Berichte über Haiti, die das progressive Abendland direkt ins dunkle Mittelalter zurückkatapultieren, bringen ausgewogenere und kritische Berichte tatsächlich wieder Licht in die Finsternis. Die taz beispielsweise berichtet davon, dass Haiti alles andere als nur ein “Katastrophenland” war und beispielsweise das erste Land, das 1804 mit der Haitianischen Revolution die Sklaverei abschaffte. Auch der blog cirquedelire widmet sich beinahe ausschliesslich Haiti und dem Vodou und analysiert, konterkariert und eruiert dabei profund, differenziert und anspruchsvoll.

Vodou ist ein Glaubenssystem. Es gibt seinen Anhängern wie denen anderer Glaubenssysteme Sinn, Halt, Hoffung und Mut. Auch wenn manche Anhänger des Vodou das Erdbeben aus ihrer Perspektive heraus zu erklären versuchen, sollten sich die Medien bemühen diese Sichtweise darzustellen – wenn ihnen schon auf einmal so viel daran liegt eine Naturkatastrophe mit der Religion der Betroffenen in Verbindung zu bringen (warum hat eigentlich bei Katrina oder dem verheerenden Tsunami niemand von der Vermutung geschrieben, dass es sich auch hierbei um eine Strafe Gottes gehandelt haben könnte?) und nicht ihre Götter anderen Menschen aufoktroyieren wie Kolonialherren den Beherrschten ihre Fremdherrschaft. Oder wie war das nochmal mit der von der säkularen Moderne erkämpften Religionsfreiheit? Gilt die etwa nur auf dem eigenen Boden?

Wer mehr über Vodou als Glaubenssystem und seine medizinischen Aspekte in Erfahrung bringen will dem sei „Juju only works on Believers“ – Heil und Heilung im Vodou nahegelegt.

13
Sep
09

Atatürk – Kult oder Mythos vom türkischen Säkularismus?

Atatürk neben türkischer Flagge in Karaköy/Istanbul: wachsam, stolz, überlebensgross

Atatürk neben türkischer Flagge in Karaköy/Istanbul: wachsam, stolz, überlebensgross


SchülerInnen von Sultanbeyli vor dem alltäglichen Schwur unter der Büste Atatürks

SchülerInnen von Sultanbeyli vor dem alltäglichen Schwur unter der Büste Atatürks

“To expect help from the dead is a disgrace for a civilized society” (Mustafa Kemal Atatürk, 1925).

Es ist Montagmorgen, halb acht in der Grundschule von Sultanbeyli, einem islamisch geprägten Randbezirk von Istanbul. Eine Armee von wild durcheinander lachenden und redenden Schülern (1.-8. Klasse) strömt auf den Schulhof. Sie versammeln sich unter dem wachsamen Auge des Schulleiters vor der Büste Atatürks. Der Rektor hebt die Hand. Augenblicklich wird es mucksmäuschenstill, die Schüler ordnen sich in Reih und Glied. Dann winkt er einen Schüler zu sich. Es ist Zeit für das Gelübde, mit dem jeder Schultag in der Türkei beginnt. Der Rektor nickt kurz, das ist das Kommando. Der ausgewählte Schüler steht stramm, sein Kinn ist leicht angehoben. Die Wörter, die er ruft knallen wie Gewehrsalven aus seinem Kehlkopf: “Ich bin Türke!” (Türküm!). In militärischer Manier brüllt die Schüler-Heerschar im Chor: “Ich bin Türke!” (Türküm!). “Ich bin aufrichtig!” (Doğruyum!) donnert er gegen die Front. Stolzen Hauptes ruft der Chor: “Ich bin aufrichtig!” (Doğruyum!). Keine Sekunde vergeht: “Ich bin fleißig!” (Çalışkanım!) dirigiert der Schüler. “Ich bin fleißig!” (Çalışkanım!) hallt es augenblicklich zurück. “Mein Gesetz gebietet mir die Kleinen zu beschützen, den Alten Respekt zu zollen und mein Land und meine Nation mehr als mein eigenes Leben zu lieben.” Wie aus einem Mund wird der Befehl rezitiert (Yazam: küçüklerimi korumak, büyüklerimi saymak, yurdumu milletimi, canimdan çok sevmektir). Und dann: “Möge meine Existenz ein Geschenk für die Existenz der Türkei sein!” Varliğim, Türk varliğina armağan olsun). Das Gelübde ist lang. Aber die Kinder kennen die Abfolge der Worte in- und auswendig, auch wenn sie sie nicht immer verstehen. Es ist die nationale Pädagogik der Wiederholung, die die Schüler mit diesen Worten so vertraut gemacht hat, wie Eltern ihre Kinder mit dem Nachhauseweg. Weil es Montag und der Anfang der Woche ist, wird danach, genau wie Freitags auch, noch der İstiklâl Marşı, die türkische Nationalhymne gesungen.
Atatürk wird bereits in der Grundschule zum ständigen Lebensbegleiter. Die biographischen Daten des selbst ernannten Vaters der Türken werden solange gelernt, bis sie im Schlaf beherrscht werden. Selbst gebastelte Atatürk-Kalender und Fotoalben gehören genauso zum Unterricht wie das Auswendiglernen von verbalen Äußerungen Atatürks zu Lebzeiten, wie: “Wer sagen kann er ist ein Türke, ist ein glücklicher Mensch” (Ne mutlu Türküm diyene). In der Pubertät folgt dann in der Regel das, was man als die Befreiung von dem Helden bezeichnen könnte. Dazu gehören Witze über den Übermenschen und Gerüchte wie die, dass Atatürk homosexuell gewesen sein soll, ein Alkoholiker, ein Casanova. Worüber in privaten Runden gelacht und gewitzelt wird, ist im öffentlichen Raum absolutes Tabu.

Der ganze Artikel zum download hier: atatürk-kult

17
Jul
09

Turkish ultra-nationalist fundamentalists protest against wine consumption at classical concert in Istanbul

Header: This Week’s Art Activities

Header: This Week’s Art Activities

Last week, on the the 11th of June, the world-reknowned pianist Idil Biret came to the Istanbul to perform a classical concert. The concert took place in the famous Topkapı Palace, an early palace of the Ottoman Empire that is generally flooded with tourists, who come to see Ottoman’s artifacts, such as crown jewels and important Islamic relics such as the Holy Mantle, the Holy Banner and a hair of the beard of Mohammed. The palace, especially its vast courtyards, has been the site for world-reknowned concerts for the last decades. However, during the concert of Idil Biret, a group of around fifty to a hundred protestors, led by an ultranationalist-islamist group called the Alperenler, caused aproar in front of the concert doors, calling out Allah-u Akbar (arabic: God is great) while tearing down and burning the concert posters. They further knelt on a Turkish flag to pray. Although, the show went on as planned, the performers had to escape out the back door. The Alperenler crowd, held in check by the police, made its way through local neighborhoods shouting Allahu Akbar. The day before the happening, the rightwinged extreme Islamist newspaper Vakit published an article entitled “Alcohol will flow like water in the sacred place” that abeted its reader to react on the fact that alcohol was to be served at the concert in proximity to the relics of the Ottoman relics.
Yet, there is a restaurant inside the Palace where alcohol is served to the guests every day, a fact that the mob as well as the newspaper Vakit, was not aware of or simply forgot about. Moreover, it is very likely that even in Ottoman times alcohol was served in the Harem, the very private and sacrosanct place of the palace. As often the case in Istanbul when politics meets religion the reaction of the public is restrained – and especially taken with a good portion of humour that often turns cynical. Some commentators of Jenny White who wrote about the incident on her Kamil Pasha blog stated for example the organizers’s wondering if there was a sacredmeter to measure safe distance from sacred relics. Moreover, the organizer had a somewhat plausible explanation for serving alcohol at the concert: classical music, he is reported to have said, is difficult to listen to, so they served wine to people to help them wash the music down.
Also the Turkey’s four main satirical magazines covered the demonstration against the ultra-nationalists:

Vakit, the Islamist newspaper that initiated the protest against the concert on the grounds that wine was being consumed near some Islamic relics in the Topkapi museum. The paper’s headlines are:  In the Culture-Art section: This weekend where will we attack? Books To Burn On Vacation. The Biennial Is Approaching: Are You Ready? Beatsticks can be found at the central ticket office. The bands to bash up at Rock'n Coke festival.

Vakit, the Islamist newspaper that initiated the protest against the concert on the grounds that wine was being consumed near some Islamic relics in the Topkapi museum. The paper’s headlines are: In the Culture-Art section: This weekend where will we attack? Books To Burn On Vacation. The Biennial Is Approaching: Are You Ready? Beatsticks can be found at the central ticket office. The bands to bash up at Rock'n Coke festival.

But back to the serious part of the issue: the Alpenler group which are the paramilitary organization of the turkish-islamist conservative Big Solidarity Party (Büyük Birlik partisi; BBP), whose leader recently died in a up to now unclarified helicopter accident, were heavily involved in the Sivas massacre. At this massacre, which happened to be at the 2nd of july 1993, over 37 progressive intellectuals, young activists and artists gathered in Sivas to commemorate their cultural icon Pir Sultan Abdal, a poet from the Alevi community, a syncretistic Muslim sect and minority that has been the target of discrimination and killings for especially orthodox muslim ultra-nationalists. The most important guest of the meeting and the most wanted target of the islamist mob was the reknowned and subversive writer Aziz Nesin, who incidentally at the time started translating Salman Rushdie’s “Satanic Verses” into Turkish. Local fundamentalist who came from their Friday Prayers including members of the Alperenler, who later turned out to be a major agitator of the fundamentalist uprising, set the hotel on fire, killing 37 people.
Furthermore, a member of Alperenler, Yasin Hayal, turned out as a main enthuser of Ogün Samast, the murderer of the famous Armenian writer Hrant Dink. Generally, the ultranationalists’ understanding of Turkishness, such as this of the Alperenler, reaches deep into Central Asia and encompasses all Turkic-speaking peoples, with an emphasis on Uighurs. Interestingly, the Uighurs are the people who became recently the victims of outrages in China).
I wonder why the Alperenler who are so concerned about their heritage don’t keep themselves busy with demonstrating for their sisters and brothers in China that they claim to have such strong primordial bonds to, instead of trying to keep a classical concert audience from drinking alcohol in an old Ottoman Palace.

18
May
09

The sacred transformation of coca-cola

martinez-4in

Why is Coca-Cola in a rural village of Mexico perceived as a holy beverage by its inhabitants? How can religion become secular? And how can sacred things turn profane? How is the mutual relationship of society and religion? Is religion a “sigh of the opressed creature” as Marx said it or a personal motivation as Geertz suggests? What, after all, is religion? These an similar questions are explored in the following essay:

The “Los Altos” Highlands around San Cristóbal, the capital of the southeast Mexican state Chiapas, are inhabited by around 80.000 Tzotziles, who are direct descendants of the Classic Maya Civilization and live in around hundred villages around the mountains. San Juan Chamula, a more wealthy community with around 400 inhabitants is the political and religious centre of the Tzotzil highlands. The religion of the Tzotzils is highly syncretic. Being officially catholic Christians, as the majority of the mexican population, they merged Christ and the Sun into the figure of Our Father, the Sun/Christ, and merged the Virgin Mary, the Moon, and the Earth into a single female entity, Our Mother, the Earth-Moon/Virgin. Catholic saints, imbued with Maya characteristics, are viewed as helpers of the Sun and the Moon.

Located in the centre of San Juan Chamula, the 484-year-old church is frequently visited by a lot of Tzotzil people from all over the highlands, as well as tourist. The latter are convinced by local agencies that a visit to the Chamula church is by any means an adventure. The church of Chamula offers its visitors no banks. Instead the floor is covered with hay, pine needles, flowers and hundreds of thin candles. In front of the walls are the statues of several pale catholic saints positioned. According to a Tzotzil member, who I spoke to, the real Mayan gods are hidden inside the catholic statues who are hollow. During colonialism, when the Tzotzil were forced to convert to Catholizism, this was how they kept on living their own religious traditions: While they were
officially praying to the catholic saints, they in fact prayed to their Mayan Gods.
The smell of resin, incense and paraffin is lingering through the air. Next to the Tzotzil who sit on the floor uttering prayings in their mother-tongue, the visitor is irritated by the presence of three things: running chickens, a reasonable amount of pox, a traditional sugarcane liquor, Coca Cola and Pepsi batteries and a lot of people burping. Chickens are sacrificed in the church. In case of illness,
for example, the supernatural forces who are responsible for the illness are supposed to pass over the chicken. Later the animal is wrapped into a plastic bag and buried. Pox is a sacred beverage and drunk while praying in order to get in touch with devine powers. The precondition of the encounter between the humans and the devine is purity of body and mind which is achieved by first drinking pox and then Coca Cola or Pepsi. Both beverages, the alcohol and the soda irritate the stomach which induces the consumers to burp. Consumers are little children as well as adults. Burping in this case is understood as the obligated cleansing and expulsion of the spirits who leave the body and release the evil from the soul. Because drinking serves a higher purpose and is therefore valued throughout society, drunken people in public, are quite common.

Read the full essay: the sacred transformation of coca cola

21
Apr
09

Das Pali-Tuch – Evergreen-Accessoire oder politische Botschaft?

Die Kufija - bei uns auch als Pali-Tuch bekannt

Die Kufija - bei uns auch als Pali-Tuch bekannt

Als ich 14 war (das war vor über 12 Jahren), war das Pali-Tuch bei uns schwer angesagt. Eigentlich war damals alles bei uns angesagt was irgendwie schlabberte und sich leicht verknoten oder zerlöchern liess. Das Pali-Tuch war wie geschaffen dafür. Eine politische Bedeutung hatte es damals glaube ich für die wenigsten von uns. Klar wussten wir, dass es Pali-Tuch hiess, weil es aus Palästina kam und dass die Palästinenser und die Israelis um Palästina/Israel kämpfen. Aber vielmehr nicht. Mit 16 las ich dann den Baader-Meinhof-Komplex und verband mit Palästina die RAF, weil ich gelesen hatte, dass Meinhof und Konsorten sich gemeinsam mit ihren palästinensischen Kollegen militärisch ausbilden liessen. Die Verirrungen pubertierender Möchte-gern-Rebellen können fatal sein – das ist heute nicht anders.
14-jährige tragen immer noch Pali-Tücher. Der Trend, scheint ähnlich wie bei den Converse-Tretern (im Kult-Jargon: Chucks) nicht einreisen zu wollen. Und seit letztem Jahr scheint der Trend seinen Klimax erreicht zu haben, denn Pali-Tücher gibt es jetzt überall dort wo es Plastikmüll und Klamotten aus China zu kaufen gibt. Pink-neongelb, mit wahlweise Spitzen, Pailetten oder aufgestickten Emblemen glitzert und funkelt es mittlerweile auch aus den Schaufenstern edler Modeboutiquen.

In der Tat scheint das Tuch auch in der politischen Landschaft vor beinahe keiner politisch motivierten Kreatur Halt gemacht zu haben. Punks, Globalisierungskritische Abenteuerreisende, Öko-AktivistInnen und GewerkschaftlerInnen tragen das Tuch stolz wie eine Transparent um Kopf, Hals und Hüfte. Auch Neo-Nazis, die sich seit einigen Jahren die Symbole aus der linken Szene zueigen machen und mit dem Tragen des Pali-Tuches auch gleich ihre systematisch verirrte Denkweise gegenüber Juden zur Schau tragen können, werden immer öfter mit dem schwarz-weissen “Diskurslappen”, wie es neulich ein taz-Redakteur trefflich ausdrückte, gesichtet. Nur die lieben Anti-Deutschen mit ihrer kategorischen Israel-Solidarität, haben das Tuch aus ihrem Symbol-Repertoire verbannt, denn in ihrer verbrämten Logik bedeutet uneingeschränkte Solidarität mit Israel, uneingeschränkte Solidarität mit den USA und – wer hätte es gedacht, zero Toleranz für Palästina. In Leipzig bedeutet das, wer mit Pali-Tuch in diverse von Anti-Deutschen dominierte Lokalitäten aufsuchen will, muss entweder das Tuch ablegen oder selbst vor der Tür bleiben. Das ist kategorischer Nonsens und erinnert an Kindergeburtstage, an denen nur ein Mädchen als Prinzessin verkleidet kommen darf, weil sie sonst von der anderen rituell verachtet wird.

Mehr zum bizarren Dasein des Diskurslappens in der taz




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