Archive for the 'megapolis' Category

05
Sep
12

Ein Algorithmus soll mit Infrarot-Kameras Betrunkene erkennen

Wie das Wired Magazin aus Großbritannien gestern berichtete, haben zwei Computer Wissenschaftler in dem Internationalen Journal für Elektronische Sicherheit und Digitale Forensik zwei Algorithmen veröffentlicht mit denen sie Betrunkene in der Öffentlichkeit leichter ausfindig machen wollen.

Wie die beiden Computer Wissenschaftler Georgia Koukiou und Vassilis Anastassopoulos von der Universität Patras in Giechenland erklärten, sollen die Algorithmen den Sicherheitsbeamten dabei helfen Alkoholisierte nicht nur aufgrund ihres Verhaltens zu identifizieren.

Die Algorithmen funktionieren aufgrund von thermischen Daten. Mit Hilfe von Infrarot-Kameras werden sie aus den Gesichtern potentiell Verdächtiger gelesen. Was die Kamera auffängt sind die Blutgefäßerweiterungen, die unter Alkoholeinfluss auf der Haut “sichtbar” werden. So werden bestimmte Gesichtspartien wie die Nase wärmer als andere Regionen des Gesichts, beispielsweise die Stirn.

Trotz einer Studie von 2003, die die Treffsicherheit der Infrarottechnik zur Entlarvung von Infektionskrankheiten wie SARS aufdeckt, wurde genau eine ähnliche Methode in der Vergangenheit angewandt um potentiell SARS infizierte Passagiere auf Flughäfen zu entlarven. Auch auf dem Flughafen Frankfurt waren 2010 Nacktscanner zum Einsatz gekommen, um Gefahrenstoffe auszuspähen.Wie sich allerdings herausstellte boten die Testgeräte weniger Sicherheit als die herkömmliche Methode mit Metalldetektor und Abtasten. Denn bereits Schweißflecken unter den Achseln oder Papiertaschentücher in der Hosentasche der Passagiere wurden von den Scannern als Sicherheitsrisiko gewertet. Hierdurch mussten viele Fluggäste manuell nachkontrolliert werden, was die Personenkontrollen verzögerte.  Nachdem 10 Monate lang809.000 Passagiere gescannt wurden entschied Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich Ende August 2011, vorerst auf den flächendeckenden Einsatz von Körperscannern an deutschen Flughäfen zu verzichten.

Trotzdem kommt die Infrarot-Technik nach wie vor zum Einsatz, wenn es darum geht so genannte Delinquenten oder Kriminelle dingfest zu machen. Die europäische Grenzschutzpolizei Frontex beispielsweise wendet die Technik routinemäßig an um geschleußte Flüchtlinge an Bord von LKW’s zu erfassen.

Auch bei Occupy Protesten in Großbritannien suchten die Infrarot-Kameras von Sicherheitsbehörden in Helikoptern nach Zelten, die von Menschen besetzt gehalten wurden und solchen, die leer waren.

Mit wissenschaftlichen Errungenschaften wie diesen begibt sich die Wissenschaft einmal mehr in Abhängigkeitsverhätnisse, wie sie nicht erst seit dem Bologna Prozess in Gang getreten wurden. Denn Delinquenten aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften zu “entlarven” hat nicht nur hierzulande Tradition. Rasseforschung hatte Kolonisatoren und Nationalsozialisten gleichermaßen gedient um deren tödliche Ideologien gegen “Wilde”, “Unreine”, “Asoziale”, Nicht-Deutsche wie Juden, Sinti und Roma und andere Systemkritiker, wissenschaftlich zu legitimieren. Je mehr Körper-Technologie zu Körper-Politik wird, reisen wir nicht nur in eine Zukunft in der unser Körper zum gesellschaftlichen Sicherheitsrisiko wird, sondern auch in eine Vergangenheit, die es nicht zu wiederholen gilt.

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26
Oct
11

Glänz glänz, glitzer glitzer – Gender und Konsum in der Türkei

“Piril piril!” ruft Arzu Freude strahlend aus. “Piril piril!” gibt Nebahat anerkennend zurück. Piril piril ist Türkisch und heißt soviel wie “shiny shiny” oder auf deutsch “glitzer glitzer”. Die beiden Studentinnen sind gerade in Cevahir, dem größten Konsum-Tempel Europas angekommen. Sie lachen aufgeregt. Ihr Körper schüttet Endorphine aus. Glänzende Marmorfußböden und andere spiegelglatte Oberflächen, luxuriöse und ausladende Innenarchitektur. Hier sind sie wer. Hier ist es egal, ob sie eigentlich aus einem unteren Mittelklasse-Viertel stammen. Hier fühlen sie sich wie Prinzessinnen – selbst wenn sie auf der Toilette ihr Geschäft verrichten. Alles ist sauber, die Luft, die Böden, das Glas. Die Menschen sind gut gekleidet, als würden sie gleich bei einem Werbe-Casting für die neue Zara-Winterkollektion vorsprechen. 48 Stockwerke voller Dinge, die sie sich schon lange gewünscht haben. Doch wohin zuerst? Arzu möchte auf direktem Weg zum Adidas Store, sie hat Schuhe in der Werbung gesehen, die sie unbedingt anprobieren möchte. Nebahat möchte lieber zu Mango. Noch bevor sie die Läden ihrer Begierde erreicht haben, überfällt sie der Hunger. Burger King oder lieber zum traditionellen Muhallebici nebenan, der türkische Milchsüßspeisen verkauft? Die Mädchen diskutieren. Bei 343 Läden wird die Wahl leicht zur Qual.

Arzu’s Telefon klingelt. Ihr Vater ist am Apparat und möchte wissen wo sie ist. Dieses mal muss sie nicht, wie sonst so oft, lügen. “Cevahirdayiz” (dt.: Wir sind in der Cevahir), sagt sie gut gelaunt. Der Vater wünscht viel Spaß und bestellt einen Gruß von der Mutter und einen an ihre Freundin. Arzu weiß, dass es ihren Eltern gefällt, wenn sie in der Shopping-Mall ist. Es beruhigt sie zu wissen, dass ihre Tochter in einer sicheren und sauberen Umgebung ist. An einem gut gekühlten öffentlichen Ort, wo sie zwar auch mit dem gefährlichen anderen Geschlecht konfrontiert wird, jedoch in einer Prestige trächtigen Umgebung. Es beruhigt die Eltern auch zu wissen, dass Arzu nicht allein ist und somit “tugendhafter” erscheint. Die Eltern sehen es nicht gern, wenn Arzu draußen auf der Straße herumläuft. Frauen, die draußen – womöglich noch alleine – herumlaufen, riskieren sexuelle Belästigungen.

Die Tempel des globalen Bürgertums

Früher waren Einkaufstrips zu Shopping-Malls der Elite vorbehalten. Mittlerweile sind Shoppingmalls zum Symbol einer demokratischen Massenkultur geworden, zu der auch untere Klassen Zugang besitzen und damit eine Stück vom Kuchen der Konsumfantasie, des Raumexzesses und des Massenspektakels abbekommen und somit am “globalen Bürgertum” partizipieren. Die Shopping-Mall ist deshalb nicht nur ein Ort des reinen Konsums von Waren. Sie ist auch ein Ort an dem bessere Lifestyles imaginiert werden, auf und durch den Wünsche projiziert werden. Shopping Malls können als Tempel der kollektiven Imagination interpretiert werden. Das reiche, moderne und luxuriöse Ambiente animiert die Sinne der Flaneure und lässt in ihnen das Gefühl keimen der globalen, urbanen Welt anzugehören. Die Flaneure von Shopping Malls befinden sich gleichzeitig und gleichräumlich in München, Singapore, Lima, Austin oder Kapstadt. Im Gegensatz zu einem normalen Laden, ist es möglich in einer Shopping-Mall einfach nur herumzuhängen und sich trotzdem dazugehörig zu fühlen. Die soziale Identität bleibt im Autohaus. Shopping-Malls sind Orte der Rollenspiele.
Wikipedia listet 73 aktuelle Shopping Malls in Istanbul, 14 weitere befinden sich in Planung. Und dennoch – die Einkaufskultur bleibt vielschichtig.

Konsumwelten in der Türkei

Die Shoppingmall-Einkaufskultur der Türkei unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem Einkaufen auf dem Bazar oder dem Einkaufen in kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein traditioneller, überdachter und ebenerdiger Bazar in der Türkei ist eine Männer-Domäne. Konsumenten stehen in der Regel männlichen Verkäufern gegenüber, die sie oft und üblich auf einen Tee einladen, einen Schwatz mit ihnen halten und mit denen sie über den Preis verhandeln können. Die “offenen” Bazare, also die nicht überdachten unterscheiden sich von den geschlossenen dadurch, dass sie zunehmend auch weibliche Verkäuferinnen zulassen. Im Gegensatz zu den Bazaren, kann in den kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft zwar nicht ganz so selbstverständlich über den Preis der Produkte verhandelt werden. Ausschlag gebend ist aber die Beziehung des Konsumenten zum Verkäufer/Ladenbesitzer. Ist dieses Verhältnis gut, kann durchaus auch über den Preis verhandelt werden, mehr noch, es kann “angeschrieben” werden. Das “Kaufen auf Pump” ist eine gängige Praxis innerhalb der Handelskultur einzelner (unterer Mittelklasse) Nachbarschaften. Mit diesem Prinzip werden Beziehungen aufrecht erhalten. Wenn Person X Person Y noch etwas schuldig ist, ist Person X solange an Person Y gebunden bis sie ihre Schuld beglichen hat. Hat sie ihre Schuld beglichen, wächst automatisch das Vertrauensverhältnis zwischen X und Y und Y ist ggf. beim nächsten Einkauf von X bereit ihr noch einen größeren Kauf “auf Pump” zu gewähren. Das Verhältnis wird somit immer reziproker (gegenseitiger). Neben dem informellen Kreditsystem bieten kleine Läden in der Nachbarschaft ihren Kunden auch Hausservice an. Wenn X, die in einem Mehrfamilienhaus im 3. Stock wohnt beispielsweise Brot, Milch und Oliven aus dem nächsten Bakkal (Tante Emma Laden) braucht, ruft sie den Bakkal ihres Vertrauens an, der in der Regel ein Kind oder einen Jugendlichen mit den Bestellungen zum Haus von X schickt. X lässt daraufhin einen Korb an einer Leine mit dem vom Bakkal angeforderten Betrag herunter, das Geld wird entnommen und die Bestellungen werden hinein gelegt – fertig ist der Einkauf.

Obwohl die Art des Einkaufes stark mit der sozialen Klasse der Konsumenten zusammenhängt, ist die Segregation von Klasse, Alter, Gender und Ethnie des Konsums bei Shopping Malls weitest gehend aufgehoben. Je höher die Klasse jedoch, desto eher können die Konsumenten flexibel zwischen unterschiedlichen Einkauf-Settings profitieren. Im Stadtteil Etiler, einem obere Mittelschicht Viertel beispielsweise haben Konsumenten die Wahl zwischen Bakkals in der Nachbarschaft, zwei Shoppingmalls und einem Open-Air-Bazar des Typs Sosyete pazari (High Society Bazar).
In allen Einkaufsräumen jedoch, werden die Kunden wie Könige behandelt. Ob sie auf dem Bazar mit dem Händler pazarlik betreiben, also handeln, ihre Waren ins Haus geliefert bekommen, “auf Pump” kaufen können oder in einer Shopping-Mall beraten werden, das Konsum-Erlebnis in der Türkei ist ein personalisiertes, Vertrauen orientiertes.

Genderorientierter Konsum in der Türkei

Unter bestimmten Berufsgruppen, wie Händlern, Bauern und Besitzern kleiner Läden, ist es üblich, dass die Männer die Einkäufe übernehmen und in der Regel auch die Kontrolle über den Finanzhaushalt der Familie besitzen. In solchen Familien entscheiden die männlichen Oberhäupter was für die Familie oder für Gäste gekocht wird.

Einer türkischen Studie des Sosyal Egitim ve Danismanlik Sirketi zufolge, die in 37 Läden, welche üblicherweise in Shoppingmalls vertreten sind (wie etwa Benneton, Mudo und Bata) ausgeführt wurde, sind 54,7 Prozent der Manager Frauen, die in der Regel sehr Karriere orientiert sind und einer “protestantischen Arbeitsethik” folgen. Manager gaben grundsätzlich an, dass sie keine Frauen einstellen wollen, die Kinder oder Familie haben, da diese nicht in der Lage wären sich an die Arbeitsstunden zu halten und eine 6 bis 7-Tage-Woche zu absolvieren, bei der pro Tag 12 Stunden gearbeitet wird.

Tendenziell besetzen Frauen die Spitze in der “Hierarchie des Geschmacks”, während Männer eher die Spitze in der “Hierarchie des Wohlstandes” bilden.
Während Frauen mit ihren Männern shoppen, haben sie die Möglichkeit finanzielle Entscheidungen mit zu beeinflussen und die Männer stärker in die alltäglichen Aktivitäten und Familienangelegenheiten einzubinden. Das Shopping kann so zu einem Machtinstrument der Frauen über ihre Männer werden. Kann das Shoppen also als ein emanzipatorische Akt begriffen werden?

Das Shoppen und Konsumieren von Produkten und Waren gehört sowohl bei Männern, als auch bei Frauen zu einer Prestige-Aktivität. In Shopping-Malls bekommen Frauen Zugang zum kapitalistischen Markt durch individuelle Erfüllungen anstelle durch Gemeinschaft orientierte, soziale Aktivitäten.
Während sie bestimmte Waren anderen Waren bevorzugen, wählen sie gleichzeitig eine bestimmte Kultur, während sie sich von einer anderen abgrenzen. Sätze wie “Wie widerlich, da steht vielleicht ein Dorfmädchen drauf” drücken Frauen nicht nur ihre Geringschätzung gegenüber einem Produkt, sondern betonen auch ihren Klassen-Status.

Shoppen ist eine Erfahrung, die viele KritikerInnen als passiv begreifen. Tatsächlich kann diese Aktivität aber durchaus auch aktiven Zielen dienen, auch wenn diese nicht unbedingt bewusst gelebt werden.

Dieser Text wurde informiert und inspiriert durch den Artikel “Encounters at the Counter: Gender and the Shopping Experience” von
Ayse Durakbasa und Dilek Cindoglu aus dem Buch: “Fragments of Culture: the everyday of modern Turkey” von Deniz Kandiyoti und Ayse Saktanber (Hg.)

21
Mar
09

Sulukules’s Death and the Lighthouse Affair

As a consequence of the implementation of urban renewal policies and so called gentrification processes, the Fatih district municipality in İstanbul evicted hundreds of people out of their homes in order to build new middle-class villas. Among them, the inhabitants of thousand-year-old Gypsy Roma quarter of Sulukule which by now is completely annihilated. For the past three years, the adviser of Fatih Mayor and AKP (islamic, neoliberal and actual reigning party of Turkey with its head and president Tayyıp Erdoğan) member Mustafa Çiftçi and others have been mediating the sale of property deeds, some of which date back 300 years. As Hürriyet Daily News reported the Fatih Municipality told the homeowners they would receive a compensation of 500 Turkish Liras per square meter in payments made over five years. Fearing a major monetary loss, about half of the homeowners have sold their properties for little more than the municipality offered. At least most of them.
Recently I visited the former lively Roma commune which now remains as a demolished area of ruins that triggers associations of war. The few families, who resisted to move out to the periphery of the city where the majority of Sulukule’s inhabitants are resettled or couldn’t sell their properties, have to find a home by themselves. As the mother of two children told me: “We don’t want to leave. We have to go to the streets, we don’t know yet what will happen.”

New inquiries that were concerned about the motives of politicians involved in the project, withdrew that AKP officials bought some of the land and new houses. This is no big surprise. However, according to As HürriyetDailyNews.com, among landowners who were allocated houses are also several Fatih Municipal Assembly members, religious sect leader Mahmut Ustaosmanoğlu and İsmet Büyükkılıç, the notary currently being investigated as part of the Lighthouse e.V. scandal.
The Lighthouse e.V. scandal involved the collection of donations from Turks living in Germany and the use of the funds in Turkey for business purposes. A court in Frankfurt last September jailed three managers of the charity for embezzling 14.5 million euros. Several people based in Turkey, including several bureaucrats appointed by the AKP and businessmen close to the government, were implicated.
Büyükkılıç who is currently suspended pending a trial over his involvement in the channeling of funds and it reports said he purchased his two Sulukule houses last July and August, just as the Lighthouse scandal was hitting the news.

30
Jan
09

the zabaleen – the world biggest recycling community

In Cairo, the capital of Egypt, the garbage of the population is not removed by garbage collectors that are employed by the state. Rather the garbage is removed and separated into organic and inorganic matters by the community of the Zabaleen, meaning “garbage people” in Arabic. The Zabaleens live in the south-eastern Manshiyet Nasr district of Cairo, known as Garbage City, close by the cemeteries since around forty years. Being around 30.000 to 40.000 in number they recycle up to half of the daily 6,000 tons of solid waste produced by the approximately eight million Cairenes every day. The organic waste collected is used to feed the goats, dogs and pigs while the inorganic material is sorted by hand for valuables and later recycled for cash. Of all the trash that ends up in Manshiyet Nasser around 80 percent is reused or recycled.
This has not much to do with an raising awareness of environmental issues but is rather a possibility to earn money with. However, recently 120 young Zabaleens boys are studying at the Recycling School in Manshiyet Nasr (1).

Photo by Brian Pellot showing Hanna Fathy who demonstrates a water heater he made with recycled plastic bottles.

Photo by Brian Pellot showing Hanna Fathy who demonstrates a water heater he made with recycled plastic bottles.

Since a few years there are efforts by the government to move the Zabaleen out of the Muqattam hills of Cairo to Torah which lies at the outskirts of the capital. To push the Zabaleens to move to Torah, the Ministry for the Environment and the Cairo governorate have brought legal and fiscal pressure to bear upon the Zabaleen due to their raising of pigs. The up to 40,000 animals consume the organic waste the Zabaleen bring back from the city. The dung produced by the pigs is used to create composting, exported to desert regions for the purposes of land reclamation (2).

The Zabaleen are Copts which are Egyptians whose ancestors embraced Christianity in the first century. Their place as Copts in a predominantly Muslim society is defined by the sharia, the Muslim religious legal code which designates Christians and Jews as dhimmi (which is a protected since monotheistic, but unequal status to that of Muslims). Since, according to old but still applied Ottoman law, the construction of new churches is not allowed, the Zabaleen rather excavate their sanctuaries out of the Muqattam hills they live on. There is a video on youtube about the work of the charismatic Father Sammaan with the Zabaleen where he tells how he lead them to Jesus. According to Marsh, an anthropologist who conducted fieldwork among the Zabaleen, the community’s religious leader, seems to have a complex relationship with the Cairene authorities. “Despite his proselytizing and the ‘miracles’ of conversion, he is reported to be encouraging the Zabaleen to accept the move to Torah” (2). This appears rather strange to the efforts the Father put into building their sanctuaries and serving them. However, if the Zabaleen are removed. However, the wahis, the feudal lords of the Zabaleen, who own and control the large dustcarts that move rubbish from the city to Manshiet Nasr, have themselves begun to relocate their recycling operations to. If the government do not provide equipment for the Zabaleen to work with or offer alternative work possibilities, the Zabaleen people will probably remain to do one of the most important work in Cairo how they know it.

photo by Brian Pellot

photo by Brian Pellot

The anthropologist Adrian Marsh compares the Zabaleen with Gypsy groups: “As a group whose identity is defined both by their occupation and their marginalized status, who also experience dislocation on a generational basis the Zabaleen are very similar to the Ghagar and other Gypsy groups” (2).

(1) Brian Pellot (2009). Environmental Progress in Middle East May Hinge on Financial Gains

(2) Adrian Marsh (2000). Gypsies and non-Gypsies in Egypt: the Zabaleen and Ghagar Communities of Cairo.

See pictures of the Zabaleen Community @ adbusters

Highly recommendable is also the movie of Louise Palmer that was presentated at exposures, the UK student film festival. The movie that won the Grand Jury and Documentary Award in 2006 tells the story of story of Milad, a ‘Zabbaleen’ who earns his money recycling Cairo’s waste.
http://video.google.com/videoplay?docid=-4429068319073655150

28
Dec
08

Ein Tag in Istanbul

Ich schreie und wache auf. Unsere kleine Tiger-Katze beißt gerade herzhaft in meine Hand wie in einen saftigen Rinderbraten und glotzt mich dabei triumphierend an. Es ist morgens um sieben in Galata/Istanbul und ich habe Uni. Wie immer zu spät stolpere ich aus dem Haus. Nur der Regenschirm- und Tempotaschentuchverkäufer, der Granatapfel-Saftpresser an der Ecke und der Kuttel-Schneider haben bereits ihre Rollläden hochgefahren und bieten ihre Dienste an. Die Luft ist kalt. Es riecht nach nassem Stein. Von irgendwo weht eine Börekschwade in meine Nase. Heerscharen von scheinbar schlaflosen Straßenkatzen, fressen sich durch die Müllreste vom letzten Abend. Ich laufe den steilen Hang zum Hafen runter, die Sonne geht über dem Bosporus auf, taucht die unscharfen, von Nebel umhangenen Silhouetten der Moscheen auf der anderen Seite der Meeresenge in ein milchiges gelb. Die Angler stehen schon seit Stunden auf der Galatabrücke und am Ufer um sich ihre Brötchen zu fischen. An der neuen Fährstation (die alte ist vor ein paar Wochen mal eben bei einem Sturm im Bosperus versunken) treffe ich zwei slowenische Kommolitoninnen. Bei Çay und Sesamkringeln schaukeln wir auf die asiatische Seite zum Busbahnhof. Wir haben Glück, der Bus ist noch nicht da, das heißt wir müssen höchstwahrscheinlich nicht während der einstündigen Fahrt eingepfercht wie ein Huhn zwischen hundert anderen im Hühnerfabrik-Käfig Bus fahren. Eine Duftskala billiger Parfums und Körpergerüche zieht an meinem malträtierten Riechorgan vorbei, wie die Betonwüste von Hochhäusern und Autobahnkreuzen an meinen Augen. Die Gebäudearchiktektur der asiatischen Seite besticht durch ihre schamlose Funktionalität. Shoppingmalls und Hochhauskomplexe, die in ihrer Ästhetik an den Gropius-Bau von Berlin erinnern, sind so unsensibel in die Landschaft gesetzt, dass sich nur das zäheste Gestrüpp und die mutigsten Gräser am Rande der mehrstöckigen Schnellstraßen ein bisschen Grün zutrauen.
Die kilometerlangen Autoschlangen ziehen bleiern Richtung Horizont, aus dem die Häuserschluchten tauchen wie steinerne Riesen einer Dystopie. Je weiter unser Bus in den Nordosten vordringt, desto häufiger ragt ein Minarett, wie eine verzierte Giftpfeilspitze aus dem Betonmeer um sogleich wieder von ihm verschluckt zu werden. Vor dem protzigen Eingangsportal spuckt der Bus die gleichmütige Studentenmasse aus, von denen sich die Hälfte ein weiteres Mal für fünf Minuten in den Campus-Shuttlebus quetscht. Vor dem Eingang steht ein Sicherheitsbeamter, der jedes Auto, das auf den Campus fährt inspiziert und mit einem Spiegel unter den Fahrzeugboden schaut um zu sehen, ob auch niemand einen Bombe druntergebastelt hat. Wir zeigen unsre ID-Eintrittskarte und laufen in Richtung Seminargebäude.

Wir haben “Anthropology of Modern Turkey”. Unsere Professorin ist Leiterin des Instituts, eine international anerkannte Anthropologin, die so beschäftigt ist, das während des Unterrichts mindestens fünfmal ihr Telefon klingelt. Sie ist leicht untersetzt, lächelt immer freundlich und ist so opportunistisch wie das Amen in der Kirche. Es ist der letzte Kurs vor der Endklausur. Sie erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden (“ah Irmak, dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehn,”) und dann danach wie wir ihr Seminar (zu dem sie persönlich ganze vier Mal erschienen ist) fanden. Ein paar verhaltene Stimmen melden sich zu Wort. Sie hätten sich mehr aktuelle Themen gewünscht. Die Kurden werden angesprochen, über die während des gesamten Semesters kein einziges Wort verloren wurde. Ein Student platzt heraus: “The yougsters who join the PKK are as brainwashed as the diamond diggers in Africa.” Gut, danke. Der nächste bitte. Das “armenian issue” fällt.
Eine kleine Rückschau: Vor ein paar Tagen hat sich ein Redakteur der türkischen Tageszeitung Radikal (von politischer Durchschlagkraft und Schärfe vergleichbar mit unsrer taz) das erste Mal öffentlich für den Genozid an den Armeniern entschuldigt. Die Rede ist hier nicht von einem Pamphlet oder einem Brief, sondern lediglich von fünf mageren, aber bekennenden Zeilen, in denen folgendes geschrieben steht: “Mein Gewissen erlaubt es nicht, teilnahmslos gegenüber dem großen Unglück zu bleiben, dass die osmanischen Armenier 1915 erlitten, oder es zu verleugnen. Es weist dieses Unrecht zurück, teilt für sich Gefühl und Schmerz meiner armenischen Brüder, die ich um Verzeihung bitte.”  Für die türkische Presselandschaft, aber vor allem für AnhängerInnen des türkischen Staates ein Skandal (trotz der Tatsache, das zu dem damaligen Zeitpunkt die Türkei, die erst 1923 gegründet wurde, noch nicht existierte). Im Netz zirkulierte die Entschuldigung als Petition unter türkischen Intellektuellen schon Tage im Voraus und wurde innerhalb kürzester Zeit von 13.000 einschlägigen NGOs und Prominenten unterschrieben. Nicht jeder, der wollte konnte sein Signum hinterlassen. Eine meiner anderen Professorinnen beispielsweise muss damit rechnen ihre Stelle zu verlieren, wenn sie unterschreibt, was sie gern tun würde. Die Yeditepe Uni ist eine Privatuni. Gegründet von Dalan, einem ehemaligen neo-konservativen Bürgermeister Istanbuls, produziert sie massenweise unkritische StudentInnen mit zahlungwilligen Eltern, die in der Regel, wenn sie etwas zu sagen haben, den hegemonialen Konsens und Nonsens runterbeten, der ihnen während ihrer schulischen und universitären Karriere eingeimpft wurde.
Zurück im Seminarraum. Eine Studentin, die die Entschuldigung nicht gelesen hat, meldet sich zu Wort und sagt: “Hocam, if we apologize for something that was just a casual war and defintely not a genocide, then they start claiming money and territory, we can and should not do it!” Dann erzählt sie von ihrem Großvater, einem Soldat und seinen furchtbaren Erlebnissen im Vernichtungskrieg gegen die Armenier, woraufhin unsere Professorin ihrerseits von Verwandten und Bekannten und ihren furchtbaren Erlebnissen im Krieg gegen Griechen und Gruppen vom Balkan berichtet und dann sagt: “Many poeple die in this world every day, who apologizes for killing them?” Damit ist die Diskussion beendet. Vielleicht dauert es noch weitere 100 Jahre dauern, bis dieses Thema auch an türkischen Privatunis diskutiert werden kann.

Vorgestern war ich mit meinem Freund das erste Mal im kleinen Büro der türkischen Grünen Partei, die erst vor ein paar Monaten gegründet wurde. Als wir gehen wollten, kam eine Frau schreiend, außer sich in den Raum gerannt. In ihren Augen Verzweiflung, Wut, Hoffnungslosigkeit. Wie sich herausstellte, hatte sie soeben erfahren, dass das türkische Innenministerium “höchstpersönlich” die Website der oben beschriebenen ArmenierInnen-Petition gehackt hatte und nun frei über deren Inhalt und (Nicht-)Weiterverbreitung verfügen kann. Ob jetzt 13.000 mit Hilfe des wegen “Verunglimpfung des Türkentums, des Staates und seiner Organe” (§ 301, das türkische Pendant zum deutschen § 129a) angezeigt werden und von der Bühne der Meinungsfreiheit gefegt werden, wie bereits 462 Personen (inklusive den Youtube-Betreibern) dieses Jahr vor ihnen? Würde sich dann vielleicht etwas tun in der morschen, von Tabus durchzogenen Gesellschaft der Türkei, in der nicht nur kritische Journalisten ihre Nachrichten zwischen den Zeilen vermitteln müssen und täglich um ihren Job bangen?

Es ist Mittagspause. Ich gehe mit einem Freund in die Mensa, die original aussieht wie ein Burger King-Ableger. An den Wänden hängen riesige LCD-Flachbildschirme, es läuft Werbung und MTV. Es gibt es Lahmacun, gefüllte Paprika, Joghurtsalat und türkischen Kaffee zum Nachtisch. Wir treffen ein paar Kunst-Studenten, die auf der Yeditepe studieren können, weil sie ein Stipendium bekommen haben. Wir tratschen und lästern über die verwöhnten,  handtäschchenschwingenden Kids der Yeditepe, die den Campus leidenschaftlich gerne mit einem Laufsteg verwechseln. Mensch versucht sich abzugrenzen. Ich gehe auf die Toilette und versuche mir einen Weg durch die Massen von sich eindeodorierender und Lippenstift nachziehender Mädels zu bahnen. An der Wand hängt eine Haarglättmaschine. Für umgerechnet 50 Cent kann sich frau hier ihre Wellen aus der Frisur bügeln.

Nintendo als Pausenbrot

Nintendo als Pausenbrot

Wir haben “Politische Anthropolgie”, ein Lichtblick am grauen Horizont, denn unsere Professorin ist ein wahres Goldstück und im Gegensatz zur Leiterin unseres Instituts ist ihr sehr viel an kritischem Denken gelegen und sie gibt einen feuchten Dreck darauf was “die Yeditepe sagt”. Sie ist Türkin mit griechischem Hintergrund, ist mit einem Italiener verheiratet, forscht seit Jahren über Zypern und die zypriotische Diaspora und hat an der London School of Economics gelehrt, bevor sie von Heimweh getrieben, wieder nach Istanbul zurückgekommen ist. Wir lesen Foucoult, Gramsci, Hobsbawm, Žižek und Arextaga, lernen u.a. was der türkische “Sub-Staat” ist, welche prominente Rolle das Militär hier spielt und mit welchen Instrumentarien ein Staat seine Leute an sich bindet und kontrolliert.
Es ist eines dieser seltenen Seminare, in denen mensch sich von Geistesblitzen getroffen der Erleuchtung nahe wähnt. Ein Rausch. Unsere Professorin erzählt gerade von Susuluk, einer türkischen Stadt, in der Anfang der 90er Jahre ein Auto in einen LKW raste. Als  die vier Opfer des PKWs geborgen wurden, von denen nur ein einziger überlebte, fand mensch die folgende Passagierkonstellation vor: Abdullah Catli, einer der größten Mafia-Bosse der Türkei und gleichzeitig Mitglied von MIT (dem türkischen Geheimdienst ), Hüssein Kodcadaĝ, der türkische Polizeichef, der Abdullah Catli, einen “grünen” Reisepass und eine Waffenlizenz verschafft hatte), Sedat Bucak, ein Parlamentarier und eine Prostituierte. Von den genannten vier überlebte nur der Parlamentarier, dessen Familienclan in den darauf folgenden Wochen Horden Journalisten von seinem Krankenbett fernhielt. Die Journalisten, die nach monatelanger Recherche über den Fall, der sicherlich für das zynische Verhältnis der Bevölkerung gegenüber ihrem Staat mitverantwortlich ist, einschlägige Informationen sammeln konnte, wurden über kurz oder lang von “Unbekannten” getötet. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran wie ironisch der Atatürks Leitspruch für “seine” Türken unter diesen Umständen anmutet: “Ne mutlu Türküm diyene” (dt.:Wie glücklich ist jemand, der sagen kann er ist ein Türke). Mein Blick fällt auf den Gipfel eines Berges (ein recht ungewöhnlicher Anblick in Istanbul), der gleich neben unserem Campus thront. Auf dem Berg steht ein Strommast. Daneben weht eine überdimensionale türkische Flagge (ein recht gewöhnlicher Anblick in Istanbul). Neben der Flagge ist ein überdimensionales Portrait Atatürks installiert. Die Nation der Türkei (die Mutter, türk.:Anavatan), und ihr Staat (der Vater, türk.: Devlet Baba) steht an oberster Stelle, über ihr steht Atatürk (der Übervater), darüber gibt es nur noch Himmel und Allah.

Vater Staat

Vater Staat

Die Schule ist aus und mein Kopf voll. Vor dem Eingang wartet Yunus, ein kurdischer Freund, der mich heute seinem Vater vorstellen will. Wir brausen mit seinem Motorrad Richtung Maltepe, einem Viertel auf der asiatischen Seite. Auf der Schnellstraße fahren wir durch das Meer roter Rücklichter, zwischen denen waghalsige Blumen- und Sesamkringelverkäufer ihre Produkte feilbieten. Zwischen den laufenden Motoren mutieren ihre Rufe zu stummen Schreien. Die Luft ist rauchgeschwängert, der Himmel in Rottöne getaucht, die an blutende Augen erinnern, es riecht nach Feuer und Abgasen, die konturlosen Hochhäuser flimmern wie Geister in der Luft. Yunus konzentriert sich auf den Verkehr, balanciert sein Motorrad virtuos wie ein Seiltänzer durch den stehenden Verkehr und kommt mir in diesem Moment vor wie ein apokalyptischer Reiter.
In “Wahrheit” ist er Notfallapotheken-Schildaustauscher und verdient dabei sehr wenig. Aber es macht ihm nichts aus, sagt er, denn er lebt gerne wie ein “cingene” auf der Straße, pennt mal hier, mal dort und kann sich auf eine Reihe guter Freunde verlassen. So wie der Waschmaschinenverkäufer, vor dessen Laden wir jetzt halten und der ihm auf eine Scherzbemerkung hin einen 50 Lira-Schein in die Hand drückt. Wir gehen Köfte essen. Im Lokanta hängen die obligatrischen Fernseher (die Türken sind weltweit, nach den US-Amerikanern, die Nation mit dem höchsten Fernsehkonsum) in denen Arabesk-Klassiker laufen. Arabesk Musik ist hier so etwas wie der türkische Blues, türkische Lyrik (“das Leben meint es nicht gut mir”, “ich hab kein Geld und keine Frau”) mit arabischen Melodien, gesungen von Männern, die in ihren pathetischen Videoclips in der Regel den Tränen nahe stehen. Es ist zum Heulen.
Kurze Zeit später stehen wir vor der Arztpraxis seines persischen Vaters. “Halt die Augen auf”, sagt Yunus. augenzwinkernd, “wir gehen jetzt ins Paradies”. Die Tür geht auf, vor uns steht ein bleicher Mann (Yunus selbst hat die dunkle Haut seiner kurdischen Mutter), in weißem Kittel, der zwei Köpfe gößer ist als Yunus. “Hoşgeldiniz, kommt rein,” sagt er und strahlt wie der Weihnachtsmann höchstpersönlich.
Wir treten ein – ins Paradies. Der lange Flur ist gesäumt von Plastikblumen in den schillernden Farben des Regenbogens. Auf einem kleinen goldenen Tischchen steht ein auf alt gemachtes Telefon aus silbernem Plastik, das an eine leuchtende Fake-Aquariumsäule angeschlossen ist, in der Plastikfische schwimmen. Er bittet uns in den Salon aus dem klassische Musik kommt. Wir nehmen auf der knallvioletten exquisiten Polstercouchgarnitur Platz. Auf der anderen Seite des Raumes steht eine Staffelei auf der ein Riesenbild eines anonymen Babys thront. An den Wänden hängen kitschige Birkengemälde. Der Doktor kommt in den Raum geeilt, serviert uns Kaffee, Sahnekuchen und gefüllte Weinblätter. “Sie haben aber viele Blumen”, sage ich, weil mir grade nichts Blöderes einfällt. “Ja, das ist persische Kultur, wir haben einen Sinn für das Schöne”, sagt er, schaltet die Musik aus und bedient einen Apparat aus dem künstliches Vogelgezwitscher trällert. “Ach so”, antworte ich “ich dachte immer die persische Kultur ist berühmt für ihre Lyrik,” Bei dem Stichwort steht er auf und bringt mir ein Buch, aus dem er handgeschriebene persische Liebesgedichte rezitiert. Dann fragt er ob ich gerne in die Disco gehe. Als ich bejahe, schaltet der die Vögel aus und steht jetzt mit der Fernbedienung vor seinem Plasmabildschirm, legt Trance-Techno aufund fordert mich zum Tanzen auf. Fassungslos ob der absurden Situation lehne ich dankend und lachend ab. Das scheint ihn nicht weiter zu stören und er fängt an wie ein 20jähriger das Tanzbein zu schwingen, bewegt den Kopf im Takt der monotonen Beats. Wenn er mir später nicht den Operationsraum seiner Praxis (er ist Internist), den Chirurgieinstrumente-Schrank und das Wartezimmer gezeigt hätte, ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich in einer Arztpraxis befinde oder vielleicht eher bei einem durchgeknallten Psychiater, dessen kranke Patienten durch die paradiesische Aura seiner Praxis geheilt werden. Irgendwie  fühle ich mich erstaunlich frisch, als wir seine Praxis verlassen.
Es ist acht als wir aufbrechen. Yunus fährt mich zur Fähre. Eine schnelle Höllenfahrt durchs nächtliche Schnellstraßen-Inferno von Istanbul. Die Geschwindigkeit der Maschine raubt mir den Atem. Ich sitze bibbernd vor Kälte und Angst auf dem Sitz, klammere mich an seine Hüften und schicke Stoßgebete zum Himmel. Als wie an der Fährstation ankommen fühle ich mich wie neugeboren.

Um 22:00  bin ich in Taksim zum Abendessen verabredet. Als ich die Istiklal-Cadessi (sowas wie der Istanbuler Ku`damm) betrete, sehe ich wie vorwiegend männliche Studenten von Polizisten kontrolliert werden. Alexis lässt grüßen. Die Studenten-Proteste in Griechenland, die dem Tod des 15-jährige Alexis, der unlängst in Athen von den Kugeln so genannter Sicherheitsbeamter tödlich getroffen wurde, folgten, lösen Panik beim türkischen Staat aus. Kontrollen unter Studenten werden verschärft durchgeführt, denn KritikerInnen werden nicht geduldet. 1984 im Jahr 2008.
Vor einigen Wochen wurde ein junger Mann auf der Straße verhaftet. Er war Mitglied einer linken Organisation und verteilte Flyer, die auf den Fall seines im vorigen Jahr gefolterten Freundes aufmerksam machten. Sein Freund hatte damals wie er selbst Flyer verteilt um auf den desolaten Zustand der Meinungsfreiheit in der Türkei aufmerksam zu machen. Er wurde daraufhin von so genannten Sicherheitsbeamten in Gewahrsam genommen, gefoltert und ist seitdem querschnittsgelähmt. Sein Freund, der den Fall seines Freundes nun kürzlich bekannt machen wollte, wurde seinerseits ebenfalls während der Gewahrsamnahme gefoltert. Nach einigen Tagen erlag er seinen Kopfverletzungen und starb.
Allein in diesem Jahr sind bereits fünf Minderjährige durch Schußwaffen der Polizei in der Türkei ums Leben gekommen – abseits massenmedialer oder internationaler Wahrnehmung.
Wenn ich die Robo-Cops mit ihren gezückten abschussbereiten MG sehe, wie sie vor der Moschee postieren, den Finger immer am Abzug, spüre ich ernsthafte Aggressionen in mir aufsteigen.
Die Türkei, “ein Land zwischen Tradition und Moderne” heißt es sooft in deutschsprachigen Medien, die über das Land, das den Nahen Osten mit Europa verbindet. Aber wo ist die von Atatürk und seinen kemalistischen NacheiferInnen so hochgepriesene Moderne? Wird die Moderne von den technoiden Robocops verkörpert? Stakst die Moderne auf der Istiklal Cadessi, der Konsum-und Partymeile Istanbuls, in Minirock und Highheels ohne den geringsten Plan, was Moderne außer Minirock und Highheels noch bedeuten könnte? Sitzt die Moderne in der Cafeteria auf unserem Campus vor dem LCD-Flachbilschirm und zockt Playstation während der Pause? Arbeitet die Moderne in Etiler in gläsernen Skyscrapern und verabredet sich abends im avantgardistischen Kosmopolitenviertel auf Sushi und italienischen Weißwein und redet über die furchtbaren Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise? Und die Tradition, wo ist die Tradition? Wartet die Tradition in den heruntergekommenen Vierteln von Tarlibasi oder Sulukule auf den Abriss ihrer “illegalen”, selbst gebauten Häuser? Feiert die Tradition mit einem ungeheuerlichen Aufmarsch an Sicherheitskräften den Tag der Unabhängigkeit von den Allierten Mächten? Liegt die Tradition in Form einer traditionellen Şalvar-Hose im Regal eins Textilienverkäufers – made in China? Oder spielt die traditionelle Musik etwa in einem der unzähligen Türkischen Bars, in denen sie auch Champagner reichen, weil man ja seinen fremden Gästen auch was bieten muss?

Die Türkei (oder zumindest die wenigen Teile, die ich bislang kennengelernt habe) ist mehr als nur eine gespaltene Gesellschaft. Sie ist zerprungen, wie die unzähligen kleinen Teile eines gebrochenen Spiegels und sie ist schizophren. Mit Sicherheit wird es noch eine Weile dauern bis ich hier durchsteige – durch das Minenfeld der tabuisierten Diskurslandschaft, durch die 1001 Widersprüche, durch die abermillionen Details, durch die Straße der Sprache und die der Hochschulen. Aber ich bin zuversichtlich. Meine neuen Weggefährten und die Rampen und Schlaglöcher des Alltags machen mich vertraut mit dieser Welt. Alles wird gut. Inshallah.

Medien, die über das Land, das den Nahen Osten mit Europa verbindet. Aber wo ist die von Atatürk und seinen kemalistischen NacheiferInnen so hochgepriesene Moderne? Wird die Moderne von den technoiden Robocops verkörpert? Stakst die Moderne auf der Istiklal Cadessi, der Konsum-und Partymeile Istanbuls, in Minirock und Highheels ohne den geringsten Plan, was
Moderne außer Minirock und Highheels noch bedeuten könnte? Sitzt die Moderne in der Cafeteria auf unserem Campus vor dem LCD-Flachbilschirm und zockt Playstation während der Pause? Arbeitet die Moderne in Etiler in gläsernen Skyscrapern und verabredet sich abends im avantgardistischen Kosmopolitenviertel auf Sushi und italienischen Weißwein und redet über die furchtbaren Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise? Und die Tradition, wo ist die Tradition? Wartet die Tradition in den heruntergekommenen Vierteln von Tarlibasi oder Sulukule auf denAbriss ihrer “illegalen”, selbst gebauten Häuser? Feiert die Tradition mit einem ungeheuerlichen Aufmarsch an Sicherheitskräften den Tag der Unabhängigkeit von den Allierten Mächten? Liegt die Tradition in Form einer traditionellen Salvar-Hose im Regal eins Textilienverkäufers – made in
China? Oder spielt die traditionelle Musik etwa in einem der unzähligen Türkischen Bars, in denen sie auch Champagner reichen, weil man ja seinen fremden Gästen auch was bieten
muss?
Die Türkei (oder zumindest die wenigen Teile, die ich bislang kennengelernt habe) ist mehr als nur eine gespaltene Gesellschaft. Sie ist zerprungen, wie die unzähligen kleinen Teile eines gebrochenen Spiegels und sie ist schizophren. Mit Sicherheit wird es noch eine Weile dauern bis ich hier durchsteige – durch das Minenfeld der tabuisierten Diskurslandschaft, durch die 1001 Widersprüche, durch die abermillionen Details, durch die Straße der Sprache und die der Hochschulen. Aber ich bin zuversichtlich. Meine Weggefährten und die Rampen und Schlaglöcher des Alltags machen mich vertraut mit dieser Welt.  Alles wird gut. Inshallah.

04
Dec
08

Istanbul

Mit den “orientalischen” Bildern und Metaphern von 1001 Nacht hat Istanbul schon lange nichts mehr zu tun. Geschätzte 20 Millionen Menschen (vor 50 Jahren waren es noch 1 Million), von Norden nach Süden 100 km lang, ein Moloch aus Zement, ein Labyrinth aus Myriaden von Straßen und Gässchen, durch die ein permanenter Menschen- und Verkehrsfluß strömt. Stadtkarten, wie sie in anderen Großstädten gerne gegen die geographische Orientierungslosigkeit eingestzt werden, versagen hier regelmässig: Die Stadt wächst im Sekundentakt. Mensch – egal ob Einheimische(r) oder Touri, alle fragen sich durch. Oder lassen sich einfach davontragen vom Fluß der Stadt. Den hat Veysel Gençten in einem seiner fulminanten Videos eingefangen. Ein Film über die Stadt in einer ihrer 1001 Metaphorsen:
http://www.youtube.com/watch?v=NFhJT_gBuPM

Veysel Gençten hat eine künstlerische Technik kreiiert, in denen er seine Dokumentarfilme und Fotos verfremdet. Heraus kommt ein Istanbul, das irgendwo zwischen 3-D Animation, GothamCity und Utopistanbul angesiedelt ist. Eine kleine Auswahl seiner Werke:

dsc_2006
dsc_2004
dsc_2001
dsc_2000
dsc_1997
dsc_1992

Eine interaktive Stadtkarte von Istanbul lässt sich unter dem folgenden Link finden:
www.wikimapia.org/#y=41031715&x=28998756&z=13&l=0&m=h




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