Archive for the 'medien' Category

31
Dec
12

Scheinheilige Meinungsfreiheit – ein Kommentar

Demonstration gegen "Innocence of Muslims" in London am 6.10.12, Foto: Rob Pinney, www.demotix.com

Demonstration gegen “Innocence of Muslims” in London am 6.10.12, Foto: Rob Pinney, http://www.demotix.com

Zumindest medial scheinen Muslime in den westlichen Medienkanon integriert. Bieten sie doch permanenten Diskussions- und Zündstoff für immer noch mehr islamophobe Diskurse. Nach den Mohammed-Karikaturen der dänischen Jylland Posten von 2006, sorgte dieses Jahr “Innocence of Muslims”für tödliche Schlagzeilen. Medien sprachen von 80 Todesopfern weltweit, die der Film und seine Verbreitung ausgelöst haben sollen. Afghanistan, Ägypte, Libyien, Indonesien, Saudi Arabien, Malaysia, Indien and Singapore blockten den Youtube-Link zum Film. Auch das bringt Meinungsfreiheit mit sich: Abschaltung der Meinungsfreiheit.

Die Meinungsfreiheit ist zum “Allahu akbar” des Westens geworden. “Das wird man doch noch sagen dürfen” beeilen sich Rechtfertiger á la Sarrazin zu sagen, wenn sie einmal wieder Öl ins Feuer der strenggläubigen Muslime gegossen haben. Tatsächlich kann man vieles sagen und meinen. Schlimm genug, dass dafür ein Recht geschaffen werden musste. Aber bedeutet Rechte zu haben, auch jederzeit davon Gebrauch machen zu müssen? Bedeutet Meinungsfreiheit andere solange mit der eigenen Meinung zu penetrieren, bis sie Gewalt anwenden? Kann man dann überhaupt noch von Meinung sprechen? Und wer hat hier überhaupt das Recht auf freie Meinungsäußerung?

Die westliche Presse und das Internet ist mit seinen Unternehmensgruppen selbst Teil einer öffentlichen Meinungsmonopolisierung. Wenn es um Muslime geht, die ihren Glauben verletzt sehen, wird sich im Westen gern auf die Meinungsfreiheit berufen. So geschehen bei den Nachdrucken der Mohammed-Karikaturen der dänischen Jylland-Posten in deutschen Tageszeitungen. Damals schrieb der Presserat, nachdem “Die Welt” die Karikaturen erneut abgedruckt hatte,  dass durch die Veröffentlichungen “weder die Religionsgemeinschaft noch deren Mitglieder geschmäht oder herabgesetzt” würden. Zu diesem Zeitpunkt waren schon über 150 Menschen bei Auschreitungen ums Leben gekommen. Sie fühlten sich in ihrer Ehre verletzt.

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Diese Gefühlsregung ist auch dem aufgeklärten christlichen Abendland nicht fremd. Das gibt auch der Presserat zu, der die Titanic unlängst dafür rügte, dass sie den Pontifex mit befleckter Soutane auf ihrem Cover abdruckte. Ein Fleck auf einem Kleidungsstück – das offizielle Ende der Toleranzgrenze für Meinungsfreiheit im Westen? “Was dem Deutschen heilig ist, erkennt man daran was er nicht darf,” schrieb ein Blogger daraufhin. Während man sich über Christen nicht lustig machen darf, verbreiten westliche Medien fleißig anti-muslimische Inhalte.

Wenn wir über Freiheit schreiben, müssen wir auch von Verantwortung schreiben, denn beide bedingen einander. Handeln kann nicht frei von Verantwortung sein. Auf Kosten der anderen werden Europäer und Nordamerikaner ihre Haut nicht retten. Moralische Ansprüche dürfen nicht nur gefordert, sondern müssen auch auf uns selbst angewandt werden. Das heißt: Eine gleiche Behandlung für alle Gläubigen. Oder wie war das nochmal mit der Demokratie?

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17
Mar
12

Afghanistan Reloaded – ein Feature

Es gehört für viele zu den bitteren Wahrheiten in dieser Zeit, dass der Krieg in Afghanistan nur durch Krieg näher gerückt ist!” Mit diesem Satz eröffnete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am 22.12.2001 seine Rede vor dem Bundestag, mit der er für den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan warb. Der Kampf am Hidukusch gegen das Terrornetz der Taliban an dem insgesamt 130.000 Soldaten aus 50 Nationen beteiligt waren, 5000 von ihnen aus Deutschland, führte weder zu einer humanitären Intervention noch zu einem langfristigen Frieden. Vielmher führte er zu einem Krieg, dessen Ende immer weiter in die Zukunft zu rücken scheint, er führte zu gezielten Tötungen von Zivilisten, dem Einsatz von Drohnen und Amokläufen von US-Amerikanischen und afghanischen Soldaten, die unter post-traumatischen Belastungsstörungen leiden. Doch interessieren tut das eigentlich kaum einen mehr. “Die Luft ist draußen” kommentierte ein SPD-Politiker unlängst die Abzugsperspektive der Soldaten, die für 2014 vorgesehen ist und beschreibt damit auch das Interesse, dass sie Mainstream-Medien derzeit noch für Afghanistan übrig haben.

Zehn Jahre später sprechen ein deutscher Soldat und ein afghanischer Flüchtling von ihren Erfahrungen in, um und mit diesem deutschen Kriegseinsatz. Beide erzählen von Flucht und Ankommen, von Illusionen und Fremdheit, von Angst und Momenten des Glücks. Ihre Geschichten erzählen von seelischen und physischen Schmerzen, Zerbrechlichkeit und Krisen des Selbst. Beides sind die selbstlosen Geschichten von großen Empathieträgern. Während der Soldat, “ein ganz ganz kleines Rad an diesem großen Wagen” zwischen den Themen hin- und herswitcht, von Schröder’s gescheiterter Politik, das Nüsse essen mit einem Afghanen über das Nicht-mehr-Einkaufen Können in Deutschland, erzählt der Flüchtling seine Flucht, die ihn aus Afghanistan über Pakistan zu Fuß in die Türkei mit dem Truck und einem kleinen Schlauchboot nach Griechenland und einem gefälschten Flugticket bis nach Deutschland brachte. Auf der einen Seite ein Mensch auf der Flucht, dessen schiere Existenz auf seine Papiere beschränkt bleibt, dessen Leben von Kontakten und dem Wissen um Überlebensstrategien abhängt und auf der anderen ein heimgekehrter Soldaten, der nichts ausrichten konnte für die Bevölkerung in Afghanistan, mit der unerträglichen Banalität des Seins in Form seines ehemaligen Chefs konfrontiert wird, der nicht weiß, wohin er seine gebrauchten Senfgläser bringen soll.
‘Was ist in Afghanistan los?’ ‘Was würden Sie einen heimgekehrten Soldaten fragen?’ ‘Was würden Sie einen Flüchtling fragen?’ ‘ Was würden Sie ihnen sagen?’ ‘Wie stehen sie dazu, dass Deutschland Flüchtlinge aus Afghanistan aufnimmt?’ haben wir 26 LeipzigerInnen gefragt und die Antworten waren frappierend. Sätze wie “Die haben alle in ihren Ländern genug Platz und Leute, die da ein bisschen aufräumen können. Ich denke nicht, dass wir Mutter Teresa für alle Länder spielen sollten” oder “Warum hat er [der Flüchtling] sich gerade Deutschland ausgesucht und nicht ein Land, das seiner Menthalität, also asiatisch, mehr entspricht?” gehörten eher zur Regel als zur Ausnahme. Viele sprachen als Familienangehörige von Soldaten. Im Laufe unserer Recherche wurde deutlich, dass die Narrative des Soldaten, des Flüchtlings, aber auch der in Deutschland lebenden Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise um den Begriff “Heimat” zirkulieren. Heimat wird dabei als trutzige Festung verstanden (“nicht einfach Leute hereinlassen in das Land”), als Erinnerung an den verschwundenen Vater (“unsere Familie weiß bis heute nicht, ob er noch am Leben ist oder nicht”) oder als Konsumhölle (“wenn du die Zustände siehst, in denen die Menschen da leben müssen, fällt es dir schwer hier einkaufen zu gehen”). So, wie sich der Flüchtling in seiner eigenen Geschichte physisch immer weiter von seiner Heimat entfernt, entfernt sich der Soldat durch seinen erinnerten Einsatz und die darauffolgende Rückkehr psychisch immer stärker von Deutschland. Was für Beckmann zum postmoderner Kriegsalbtraum wird, ist dem Soldat zur posttraumatischen Belastungsstörung geworden. Die Heimat von gestern ist nicht mehr die von morgen.

Afghanistan Reloaded erschafft einen Diskurs, der sowohl in der sozialen Realität, als auch im medialen Diskurs, nicht zustande kommt, da er Narrative von Menschen vereinigt, die sonst nicht miteinander ins Gespräch kommen. Die Muster, die dieses Stimmgewebe offenlegt, zeigen parallele Erfahrungswelten von Menschen, deren Biographien und Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie zeigen, dass wir auf die Unterstützung unserer Umgebung angewiesen sind – nicht im militärischen Sinn.

05
Sep
10

Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010

Fast 50 Millionen Menschen sind inzwischen in Deutschland online. Neun von zehn Menschen unter 50 nutzen das Internet regelmäßig. Bei den über 50-Jährigen ist es immerhin knapp jeder zweite. Das ergibt die aktuelle ARD-ZDF-Onlinestudie (1) vom Frühjahr 2010. Demnach wird rund die Hälfte der Zeit, die online verbracht wird, für Kommunikation genutzt, etwa ein Fünftel dient der Informationsbeschaffung. Zu den meist genutzten Inhalten im Netz gehören außerdem aktuelle Nachrichten.

Die Ergebnisse der aktuellen ARD-ZDF-Onlinestudie bestätigen die Ergebnisse früherer Jahre. Nämlich dass die meisten Angebote durch eine nur geringe Zahl von Onlinern mit Inhalten versorgt werden, der Kreis der aktiven Web 2.0 Nutzern sinkt bei den meisten Anwendungen. Es festigt sich außerdem das Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft der Mitmachanwendungen: Neben massenattraktiven Formen wie Videoportalen, wikipedia und privaten Netzwerken, stehen solche, die relativ kleine Zielgruppen bedienen, wie etwa Foto-Communities, Weblogs und Twitter.

Generation und Gender

Interessant dabei: Die “Generationskluft” hat sich verschoben. Sie verläuft nicht mehr wie noch vor einigen Jahren zwischen den unter und über 50-Jährigen, sondern zwischen unter und ab 65-Jährigen. Eine andere Kluft hat sich dagegen stärker geschlossen: Das “Gender Gap” wird laut der -Online-Studie immer geringer, Frauen sind also immer häufiger online (47% der deutschen Internetnutzer sind Frauen. Im Vergleich: 1997 kam auf drei männliche Nutzer eine Nutzerin). Männer gehen häufiger und länger ins Netz und sind dabei “aktiver” und “experimentierfreudiger”. Die einzigen Anwendungen die laut der Studie häufiger von Frauen, als von Männern genutzt werden, sind Online-Communities.

Social Media

Die Idee Bilder und Videos im Netz hochzuladen oder sich selbst zu repräsentieren und Kontakte zu pflegen, ist nur ein paar Jahre alt und schon zum multimedialen Massenphänomen geworden, dem sich mehrere 100 Millionen Menschen angeschlossen haben. “Social Media und Videos sind in der mitte der Gesellschaft angekommen”, schreiben Birgit von Eimeren und Beate Frees in Media Perspektiven 7-8/2010, in der die Ergebnisse der aktuellen Onlinestudie veröffentlicht sind.
In manchen Gebieten der BRD ist inzwischen sogar eine – wie Kommunikationswissenschaftler es ausdrücken – Sättigung erreicht: Bei den 14 bis 19-Jährigen sind dort bis zu 100 Prozent online. Im gesamten Frühjahr 2010 nutzten rund 69,4 Prozent der deutschsprachigen Erwachsenen wenigstens gelegentlich das Internet.

Videos und Mediatheken

Laut einer Youtube-Statistik werden 53 Prozent aller Videos weniger als 500 Mal angeschaut, 30 weniger als 100 Mal. Nur 0,3 Prozent der Videos erzielt mehr als eine Million Abrufe. Die meisten Videos werden nur Sekundenweise angeschaut. Parallel zum Anstieg der Videoportale nutzen immer mehr Menschen auch die Mediatheken der Fersehsender. Die Nutzung, so Eineren und Frees sei aber noch nicht habitualisiert.

Audio

Das Internet ist außerdem für den Hörfunk ein weiterer Distributionsweg geworden, also eine Plattform für Inhalte, die im und für das Radion produziert werden. Fast 27 % aller onliner haben 2010 schon einmal Radio als Livestream gehört. Charakteristisch ist eine eher gelegentliche Nutzung.

Tendenzen

Die Bedeutung von “Social Media” steigt weiter an und grundsätzlich gehört die Nutzung von Bewegtbildern zu den weiter wachsenden Bereichen des Internets. Die Konvergenz zwischen Fernsehen und Internet nimmt ebenso zu. Zeitversetztes Fernsehen über das Internet wird immer beliebter. Videos im Netz werden dabei (noch) ergänzend zu herkömmlichen Fernsehen genutzt. Die Befürchtung, dass professionelle oder nicht-profesionelle Videos die Fernsehinhalte verdrängen, kann die Studie somit nicht bestätigen.
Grundsätzlich kann die Studie keinen Verdrängungswettbewerb zwischen alten und neuen Medien feststellen. Statt eines “entweder oder” gebe es ein “sowohl als auch” sowohl für die Anbieter als auch für das Nutzerverhalten. Der Medienkonsum steigt tendenziell an. Das gilt, so Eimeren und Frees, auch für die Erwartungen an die traditionellen Medien. Da die Grenzen zwischen “klassischen” Medien und Internet verschwimmen, steigen auch die Erwartungen an die multimediale Vernetzung der Inhalte. Von Fernseh-, Radio- und Printinhalten wird demzufolge erwartet, dass sie “zum zeit- und ortssouveränen Abruf im Netz bereit gestellt werden”.

(1) Die Langzeitstudie untersucht seit 1997 die Entwicklung der Internetnutzung in Deutschland. Für die aktuelle Studie wurde mit 1804 Erwachsenen ab 14 Jahren ein vollständiges Interview durchgeführt.

04
Sep
10

Roma und die pathologisierende Berichterstattung



Die französische Regierung folgt derzeit dem „Sicherheitspaket“ Italiens aus dem Jahr 2008. So genannte “Nomaden” wurden damals als Bedrohung der nationalen Sicherheit dargestellt. Auf Grundlage der damit verbundenen Notstandsgesetzgebung wurden schließlich alle nicht italienischen Roma ausgewiesen. Dass es schon lange Praxis innerhalb der EU ist, die größte europäische Minderheit systematisch zu “entfernen”, hat die Medien bislang relativ wenig interessiert. Dafür, dass sonst – außer den üblichen Sterotypen – nur wenige etwas über Roma/Zigeuner zu wissen scheinen, wird seit Beginn der Deportationen der Roma in Frankreich nun erstaunlich viel “Fachwissen” über sie verbreitet. Und mit dem vermeintlichen Fachwissen werden erneut Sterotype transportiert.

In einem aktuellen Artikel der Welt mit dem Titel “Die Macht der Roma-Clans behindert ihre Integration” listet der Autor Pierre Heumann anhand von sechs “Hindernissen” auf, weshalb Roma es nicht schaffen sich in westliche Gesellschaften zu integrieren. In Folge werde die meines Erachtens problematischten “Hindernisse” (die ersten vier) kurz unter die Lupe nehmen.

“Hindernis Nr. 1: das Verhältnis zur Arbeit” (oder: Individuell=arbeitsuntauglich?)

“Eigene Fehler hindern viele Roma daran, Anschluss an die Moderne zu finden”, so Heumann und pathologisiert im Folgenden ungeniert ihre Kultur. Als “eigene Fehler” wertet der Autor hier “kulturelle” Merkmale. Roma sind demnach selbst schuld, dass die systematisch von Abschiebungen bedroht sind? Gute Journalsitische Artikel leben davon, dass sie mehrere Seiten beleuchten und nicht nur eine. Die Schuld einer Kultur in die Schuhe zu schieben ist historisch schon immer einfach und schmerzfrei für die Ankläger-Seite gewesen. Kulturen bevölkern aber gemeinsam die Regionen in denen sie leben und sie beeinflussen sich. Sarkozy nach dem Mund zu reden und zu behaupten, Roma seien eben nicht integrationswillig, verkürzt die Realität. Auch wenn Roma sich historisch schon immer von ihren Mehrheitsbevölkerungen abgegrenzt haben, waren es gleichzeitig auch diese Mehrheitsbevölkerungen, die sie ausgegrenzt haben.

Roma, so Heumann, dulden keine hierarchischen Strukturen. Der Sozialanthropologe Thomas Acton, der seit den 1960er Jahren zur Sozialstruktur von Roma in Europa forscht, interpretiere dies als Reaktion auf die Unterwerfung unter die Nichtroma (die sogenannten Gadsche), welche die Roma seit ihrer Einwanderung nach Europa vor rund tausend Jahren hinnehmen mussten.

Diese Ablehnung von Hierarchien (vor allem auch unter Einbeziehung der historischen Aspekte) ist sehr verständlich. Wieso kommt der Autor nicht auf die Idee das Prinzip Hierarchie grundsätzlich zu hinterfragen? Denn, was ist eigentlich gut an Hierarchien? Mittlerweile gibt es in unserer “mobilen und flexiblen” postmodernen Gesellschaft viele Gruppen, die hierarchische Strukturen am Arbeitsplatz ablehnen, bzw. abbauen möchten. Der Terminus “flache Hierarchie” gilt in der Ära der sozialen Netzwerke und interaktiven Open-Source-Technologien , nicht nur als arbeitnehmerfreundlich, sondern auch als obligatorisch für jene Arbeitgeber, die sich gerne als modern und hip outen.

Ein anderer Aspekt des “Hindernis Nr. 1” ist, laut Heumann, die nicht vorhandene Fähigkeit von Roma in langen Zeiträumen zu planen. Dies wäre einer Integration in die moderne Industriegesellschaft abträglich.

Abgesehen davon, dass es sich hier um eine grobe, ungeprüfte Verallgemeinerung handelt, frage ich mich, ob wir mittlerweile schon so weit sind, dass hier nur leben darf, wer in langen Zeiträumen planen kann? Ob Herrn Heumann außerdem schon einmal aufgefallen ist, dass die Fähigkeit in langen Zeiträumen zu planen nicht nur Menschen abgeht, die nichts für unsere “Zeit-ist-Geld-Gesellschaft” übrig haben, sondern tendenziell auch unseren lieben Politikern, die mit “Nachhaltigkeit” zwar gerne Wahlkampf betreiben, aber in der Regel höchstens bis zur nächsten Legislaturperiode sehen. Welchen Grund gibt es hier, einer Minderheit so exklusiv eine Eigenschaft zu verpassen, die unserer ach so homogenen Gesellschaft entgegenläuft, außer genau diese Minderheit zum genuin “Anderen” hochzustilisieren?

“Hindernis Nr.2: Kultur” (oder: Kein Geld, keine Rechte?)

Wer über Kultur schreibt, sollte sich damit auskennen, oder sehr sorgfältig recherchieren: Beides trifft auf Heumann nicht zu. Ansonsten stehen die so genannten “kulturellen Merkmale” schnell synonym für das, was mensch früher als “rassisch bedingt” interpretiert hat.

Ein Beispiel. Über die Kultur der Roma, weiß Heumann nach der Lektüre einer Quelle, die nicht weiter benannt wird: “Was nach dem Tod eines Familienvorstandes nicht zerstört wurde, wurde verkauft. Man wolle nicht in einem Haus leben oder Land besitzen, das mit dem Toten assoziiert werde. So ist es nicht möglich, Vermögen aufzubauen.”

Der letzte Satz soll wohl selbst erklärend sein: Wer kein Vermögen aufbauen kann, hat hier nichts zu suchen!?
Tatsächlich gibt es beispielsweise bei den Sinti in Südtirol (siehe Elisabeth Tauber) oder bei den Manuš in Zentralfrankreich (siehe Patrick Williams), den Brauch den Wohnraum des Verstorbenen zu verlassen, zu zerstören, oder auch im Falle der ökonomischen Dringlichkeit zu verkaufen – ohne dabei allerdings Wert auf einen guten Deal zu legen. Der Grund dafür, der hier von Heumann ausgeblendet wird, liegt im Respekt gegenüber den eigenen Toten. Stille und Vergessen sind die vollsten Formen des Respekts, der “Gläubigkeit” gegenüber den Toten, gegenüber der Erinnerung. Respekt gegenüber den Toten walten zu lassen, ist eine Fähigkeit, die der medialen Berichterstattung übrigens oft abgeht. Ich erinnere nur an das medial aufbereitet Sterben der schwedischen Außenministerin Anna Lindh oder den entgleisten Chroniken zu Michael Jackson’s Tod. Respekt vor dem Tod, so scheint es, wird heute weniger Wert beigemessen, als der Fähigkeit kapitalwirksames Vermögen aufzubauen.

“Hindernis 3: Schule und Ausbildung” (oder: Lektionen in Demut)

Heumann schreibt:

“Mit der Betonung der Gegenwart einher geht die Skepsis gegenüber einer schulischen Ausbildung. In Deutschland kommen die meisten Kinder von Roma-Familien zwar der Schulpflicht nach. Doch viele besuchen die Lektionen unregelmäßig, stellte die deutsche Ethnologin Ute Koch bei einer Feldstudie mit Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien fest, die in einer westdeutschen Großstadt leben.”

Der Nationalstaat hat ein Interesse daran die Menschen in seinem Land zu integrieren. Soziologen, Philosophen und Anthropologen, sie sich mit National-Staaten beschäftigt haben, sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne von staatlicher Kontrolle. Ein Grund übrigens, weshalb Menschen ohne festen Wohnsitz wie Nomaden, vom Staat davon abgehalten werden, Ländergrenzen zu übertreten: Wer nicht erfasst ist, zahlt keine Steuern und entzieht sich der staatlichen Bildung. Aus staatlicher Perspektive ein No-go.

Für viele Roma und auch andere Gruppen wie beispielsweise englische Traveller macht das staatliche Bildungssystem wenig Sinn. In die Schule zu gehen bedeutet nämlich nicht immer relevante Dinge zu lernen. Die werden vielmehr in der familiären Ausbildung weiter gegeben und sind oft mit Tätigkeiten verbunden, die seit Generationen von der jeweiligen Familie praktiziert werden wie traditionellem Handwerk.
Bei unserem Bildungssystem hört die Individualität auf. Schüler, die in bestimmten Bereichen gefördert werden möchten/sollten, müssen dafür teilweise kostenpflichtige AGs besuchen (in Köln ist beispielsweise an vielen Schulen der Kunst-Unterricht abgeschafft worden und durch kostenpflichtige AGs ersetzt worden), sich dafür in ihrer Freizeit kümmern oder haben, sollten sich die Eltern keine Vereine etc. leisten können, schlicht Pech gehabt.

“Hindernis 4: Eigentumsbegriff” (oder: Teilen ist asozial)

Heumann dazu:

Die Eigentumsverhältnisse sind fließend. Man helfe sich wie unter Brüdern gegenseitig aus, ganz im Sinne einer Gemeinschaftsethik, die einem egalitären Verhältnis unter Roma entspreche. Statt vom individuellen Eigentum werde das Roma-Denken in vielen Fällen vom Primat des kollektiven Familienbesitzes geleitet, meint der tschechische Anthropologe Marek Jakoubek.

Wird über Eigentum geredet wird, ist die “individualistische Perspektive” wieder angebracht, die beim Thema Arbeit und Kultur noch als hinderlich eingestuft wurde. Die Frage, die sich hier aufdrängt: Kann diese Gemeinschaftethik, die sich im übrigen bei den meisten nicht-westlichen Kulturen findet, Ausschlag gebend dafür sein, dass es Roma nicht gelingt sich zu integrieren? Oder ist es so, dass wer sich hilft wie unter Brüdern, bei uns fremd ist?

Soll dieser Artikel eine Erklärung für die völlig inakzeptable politische Praxis der französischen Regierung sein? Weshalb schreibt der Autor nur darüber, dass Roma sich nicht integrieren wollen? Wieso erwähnt er in keiner Zeile die strukturellen, staatlich bedingten Faktoren, die einer solchen Integration im Wege stehen? Weshalb wird nicht darauf verwiesen, dass Deportationen das Gegenteil von Integration darstellen, nämlich aktive Exklusion? In dem Artikel werden auffallend viele Anthropologen und Tsiganologen wie Thomas Acton, Michael Stewart und Marek Jacoubek zitiert. Diese Leute sind in langjährige Forschungen mit und bei Roma involviert. Ihre Stimmen einzuholen ist sinnvoll und wichtig und trotzdem: Wieso kommt kein einziger betroffener Rom selbst zu Wort?

Mir liegt es fern, Heumann`s Artikel ausschließlich schlecht zu machen. Ich möchte ledigleich darauf hinweisen, dass sehr viele Passagen missverständlich sind. Gleichzeitig gibt es auch gute Passagen, wie beispielsweise das Ende, wo Heumann auf das eigentliche Dilemma verweist: Auf der einen Seite sollen Roma sollen im Interesse ihrer Integration die westlichen Kulturprämissen annehmen. Anderseits sollen sie auch ihre Eigenart und ihre Kultur bewahren.

Seit es Roma gibt, leben sie in einem Spannungsverhältnis zur jeweiligen Mehrheitsbevölkerung. Tatsächlich ist das wahrscheinlich die einzige Gemeinsamkeit, die die sehr verschiedenen Roma-/Zigeunergruppen eint. Vielleicht wollen sich manche nicht integrieren, ganz sicher aber haben auch viele Nicht-Roma kein Bedürfnis daran sie in ihre Gesellschaft zu integrieren. Bisher hat es (abgesehen von den ehemaligen Ostblock-Staaten) noch kein National-Staat geschafft, sie in seinem Interesse zu integrieren und assimilieren. Roma sind wer sie sind. Versuche sie zu vertreiben werden auf längere Sicht scheitern. Nicht nur weil die Grenzen in der EU offen sind und die deportierten Roma mit noch mehr Verwandten zurückkommen. Sondern, weil eine Gesellschaft, die sich plural nennt und beginnt bestimmte (ethnische Gruppen) zu exkludieren, sich selbst zerstört.

Mehr Informationen aus der Presse gibt es hier:

Artikel von Georges Soros in der Welt. Soros ist Vorstand des Open Society Instituts, Schüler von Karl Popper und Milliardär. Seit Jahren setzt er sich für die strukturelle Gleichberechtigung von Roma ein.

Artikel aus dem Schweizer Tagesanzeiger vom Beginn der Deportationen in Frankreich.

“Darf Frankreich Roma massenweise ausweisen?” Ein hinterfragender Artikel auf tagesschau.de

“Auf der Flucht von den Bulldozern”. Ein Artikel aus der taz

Eine andere Perspektive bietet Alexandre Lévy auf seinem französischen blog “Western Balkans”. Hier ein Post über die “Galaxie Rom” und die Arbeit der französischen Kalderasch

Eine aktuelle Zusammenstellung des Eurotopics.net von unterschiedlichen europäischen Tageszeitungen zum Thema Roma in Europa

Am 4. September gab es eine Protestmarsch in Belgrad, der vor die französische Botschaft und das EU-Hauptquartier in der serbischen Hauptstadt zog. Roma und Nicht-Roma protestierten gemeinsam. Vor der französischen botschaft riefen sie den Slogan der französischen Revolution “Liberté, égalité, fraternité, solidarité”. Es entstand eine Audioslide-Show




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