Archive for the 'öko-imperialismus' Category

19
Sep
10

Wurst


Wenn ich an meine Grundschulzeit denke, denke ich vor allem an eines: an Wurstbrot essende Kinder. Der fleischige Geruch hängt bis heute in meiner olifaktorischen Erinnerung fest und raubt mir beim Gedanken daran sämtliche Sinne.

Der Horror begann, wenn die Schulglocke zur großen Pause läutete. Dann rissen, die sich wie im Wahn auf ihre Amigo-und Scout Schulranzen stürzenden Kinder, ihre in Alu verpackten Pausenbrote und Bifis aus ihren Plastik-Ranzen. Noch bevor sie Mama’s Proviant auspacken konnten, waberte bereits Lyoner- und Salamigeruch durch das ohnehin schon sauerstoffarme und kaugummi-aromatisierte Zimmer. Um den Wurstbrot essenden und Wurstbrot ausdünstenden Kindern zu entkommen, versuchte ich, bevor sie die Alu-Pakete aus ihren Ranzen fingerten, das Weite zu suchen. Mein Wurstbrot-Eskapismus scheiterte in der Regel aber bereits im Schulflur wo ich mich in einer Masse wurstbrot- und kaugummikauender Kinder-Zombies wiederfand, die sich in einer undefinierbaren Masse Richtung Schulhof quetschten.

Zum Glück haben Grundschulbesuche wie alles andere ein Ende, nur die Wurst…

Hörbares zu Wurst, Kindergruppen besuchende Kinder und Frust

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13
Nov
08

Das schwarze Gold

Im folgenden der verschriftlichte Vortrag, den ich in unterschiedlichen Leipziger Foren gehalten habe. Er beschäftigt sich mit dem Kaffee (historisch, ökonomisch) im allgemeinen, mit der Situation der Kaffeebauern in Chiapas/Mexiko im speziellen und dort mit der Arbeit der zapatistischen Kaffeekooperative Mut Vitz, die ich im Sommer 2006 besucht habe, im Mikroskopischen. Er stellt er das Prinzip des Fairen Handels vor und hinterfragt es kritisch im Zusammenhang mit den zunehmend populäreren Strategien mit denen global players das Segment fair trade für sich entdecken. Gegen Ende des Artikels werden Alternativen und potentielle Lösungsansätze diskutiert.

1. Kaffee allgemein

1.1 Geschichte des Kaffees

Kaffee taucht das erste Mal 1140 in Abessinien (heutiges Äthiopien) auf .
Um die Entdeckung des Kaffees als Getränk ranken sich eine Reihe von Legenden. Ein Hirte soll in Äthiopien Mönche um Rat gefragt haben, denn die Tiere seiner Herde schliefen nachts nicht mehr sondern waren ausgesprochen munter. Beobachtungen der Mönche ergaben, dass die Tiere Beeren eines wildwachsenden Baumes fraßen, die für das ungewöhnliche Verhalten verantwortlich zu sein schienen. Die Mönche pflückten daraufhin einige der Beeren um sie zu untersuchen. Da sie roh nicht genießbar waren, kochten und tranken sie einen Aufguss. Sie waren angenehm überrascht von der belebenden Wirkung des Getränks, das sie fortan nutzten, um während langer nächtlicher Gebetsübungen wach zu bleiben.
Von der abessinischen Provinz Kaffa aus gelangte der Kaffee nach Jemen und wurde dort zunächst als Heilmittel verwendet, wie Aufzeichnungen aus dem 11. Jahrhundert zeigen. Von Jemen breitete sich die Kaffeekultur durch Nomaden über den arabischen Raum und später über die ganze Welt aus. Wie aus alten Schriftstücken hervorgeht, wird seit Mitte des 15. Jahrhunderts in Arabien Kaffee getrunken. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts und Anfang des 16. Jahrhunderts eroberte Kaffee das Arabische Reich und gelangte in die Türkei. Die Türken verbreiteten den Kaffee weiter über das osmanische Reich bis ins südöstliche Europa.
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Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurde Kaffee zum Luxusgetränk der höfischen Gesellschaften und zu ein Modegetränk des Adels – Kaffee war teuer und damit ein Symbol für Reichtum. Für die breitere Öffentlichkeit eröffnete 1645 das erste Kaffeehaus in Venedig, andere europäische Städte folgten. Ein reger Kaffeehandel begann, wobei zu dieser Zeit das Kaffeemonopol bei den Arabern lag. Durch den wirtschaftlichen Aufstieg und die Zunahme der Handelsmacht waren die Kolonialmächte ebenfalls am Anbau und Handel mit Kaffee interessiert und durchbrachen schließlich das Monopol der Araber. Von den Kolonialmächten wurde der Kaffeeanbau auf alle geeigneten Gebiete der Erde ausgedehnt.
Parallel dazu hielt der Siegeszug des Getränks in Europa und Nordamerika an. Zwischen 1750 und 1850 entstanden große Plantagen in Brasilien, wo der Kaffeeanbau aufblühte. Im 19. Jh. bildete sich auf Kaffee spezialisierter Handel heraus, der durch die Verbesserung der Transportbedingungen erleichtert wurde. Um 1850 war Kaffee zum Volksgetränk geworden.
Mittlerweile dominieren zwei Kaffeesorten den Kaffeemarkt. Sie heißen Arabica und Robusta. Arabica wächst vor allem in hochgelegenen Gegenden und ist der Kaffee mit der besseren Qualität und wird beispielsweise für Espressi verwendet, Robusta hingegen wächst eher im Tiefland und ist zwar preiswerter aber qualitativ schlechter.

1.2 Kaffee – nach Erdöl der meist gehandelte Rohstoff weltweit

Insgesamt gibt es ca. 60 Arten verschiedener Kaffeepflanzen. Angebaut werden vor allem Coffea arabica (Arabica-Kaffee) und Coffea Canephora (Robusta-Kaffee). Diese beiden Arten sind von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Arabica liefert 61 % der Weltkaffeeproduktion, Robusta rund 39 %. Ingesamt 25 Millionen Kleinbauern weltweit verdienen mit dem braunen Gold ihr Geld.

Der Kaffeekonsum stieg während diverser Wirtschaftswunder in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg stetig, weshalb immer mehr davon produziert wurde. Deshalb wurde der Kaffee immer billiger, die Konkurrenz unter den Röstern immer heftiger, bis rein über den Preis kaum mehr Gewinne erzielt werden konnten. Die Zeit war reif für eine Produktdiversifizierung, wie sie zuvor bereits auf dem Markt für Backwaren eingesetzt hatte und bei Genussmitteln des Alltags wie Bier und Zigaretten laufend weiter stattfindet. So sind Marktsegmente entstanden, in denen wieder verdient werden kann: Gourmetkaffee, Biokaffee, Aromakaffee, Fertigmischungen, Kaffee-Pads – und eben ein Segment für fair gehandelten Kaffee.
Die Kaffeepreise sind im Keller, seit 1989, als das internationale Kaffeeabkommen durch den Druck der USA zusammenbrach, das bisher Angebot und Nachfrage mit einem einigermaßen festen Preisrahmen regelte. Seither herrscht der freie Markt, das heißt, die Kaffeebörsen in New York (Sorte Arabica) und London (Sorte Robusta) bestimmen den Preis der braunen Bohne.
Kaffee wird wie Aktien an der Börse gehandelt. Sein Preis steigt und fällt, fällt und steigt. 1997 war der Rohkaffe so teuer wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dann fiel er im Laufe von fünf Jahren von über 400 auf 41 US-Cent pro Pfund (454 Gramm). Wie war das möglich? Der starke Anstieg des Preises hatte neue Produzenten auf den Plan gerufen – namentlich in Vietnam. Gleichzeitig rationalisierten die Brasilianer ihre Anbaumethoden. Das führte zu einem strukturellen Überangebot. Es war der Beginn einer Spirale, die Hunderttausende von Bauern in Armut – oder in den Drogenanbau – trieb. Um zu überleben sparten viele Produzenten bei den Kosten, was zulasten der Qualität ging. So mussten die Kaffeemultis erkennen, dass niedrige Rohkaffeepreise nicht nur schlecht für die Bauern sind, sondern auch fürs Geschäft von den multinationalen Unternehmen.
Seit dem Höhepunkt der Kaffeekrise 2001 sind die Weltmarktpreise für Kaffee erheblich gestiegen.
Da die großen Röst-Konzerne wie Tchibo, Nestlé, Kraft, Procter& Gamble, Sara Lee etc.auf die guten Arabica-Qualitäten angewiesen sind, versuchen sie, über lokale Aufkäufer an die nötigen Mengen zu kommen. Der Preis schoss deshalb kurzfristig nach oben. Im Jahr 2006 erwirtschafteten die Kaffee-Konsumländer rund 40 Milliarden US-Dollar mit Kaffee-Produkten. Die Exportländer für Rohkaffee erzielten dagegen lediglich einen Erlös von sieben bis acht Milliarden US-Dollar. Kaffeebäuerinnen und -bauern haben kaum von den gestiegenen Weltmarktpreisen profitiert, viele leben nach wie vor am Existenzminimum.

2. Kaffee in Mexiko
Kaffee ist, wie in vielen anderen Ländern der Welt auch in Mexiko ein Kolonialprodukt und wurde vor allem mit deutschem Kapital nach Südmexiko, speziell nach Chiapas eingeführt: Im frühen 20. Jahrhundert waren 32 von 46 Kaffeeplantagen in Chiapas deutsch. Obwohl Kaffee in Mexiko nicht heimisch ist, nimmt es mittlerweile einen hohen sozialen, ökonomischen und kulturellen Stellenwert ein: Insgesamt produzieren in Mexiko derzeit 320.000 Bauern Kaffee, 6% der mexikanischen Bevölkerung sind von dem braunen Gold für ihr überlebenstechnisch abhängig
Der meiste Profit bleibt jedoch beim Zwischen- und Großhandel hängen, die KleinbäuerInnen haben wenig davon.
Wer sind diese Kaffebauern und bäuerinnen? Die mexikanischen KaffeebäuerInnen sind zu achtzig Prozent Indigene in den Bundesstaaten Guerrero, Oaxaca, Chiapas, San Luis Potosi, Nayarit, Colima und Jalisco, die seit je zu den armen Zonen Mexikos zu rechnen sind und infolgedessen immer wieder von Aufständen und Auseinandersetzungen betroffen sind. Insgesamt sind 28 der knapp 60 indigenen Gruppen in Mexiko in die Kaffeeproduktion involviert.

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3. Kaffee in Chiapas
Kaffee gehört in Chiapas zu den größten Wirtschaftszweigen. Auf 20% der landwirtschaftlich genutzten Flächen wird Kaffee angebaut, nicht selten im Rahmen von Cash Crops (engl. für Geld-Früchte), die im Gegensatz zu Food Crops nicht der Selbstversorgung dienen, sondern für eine globale Massenproduktion- und Konsumption gedacht sind. Eine mögliche Auswirkung dabei ist, dass die Produzenten Hunger leiden müssen, obwohl das Land tausende Tonnen Agrarprodukte exportiert (siehe auch Brasilien mit Soja, Zuckerrohr, Rindfleisch etc.).
Ein knappes Drittel der Kaffee-Ernte Mexikos wird in Chiapas eingefahren, was bedeutet, dass dieser Bundesstaat Mexikos größter Kaffeeproduzent ist. Allerdings gab es in den letzten Jahren im Hochland von Chiapas aufgrund von Klimaschwankungen und der Auswirkungen der Hurrikane Wilma und Stan eine schlechtere Ernte als sonst. Im Erntezyklus 2006/07 beispielsweise brach die Ernte um 50% ein.

3.1 Die zapatistische Kaffeeekooperative Mut Vitz
Mut Vitz ist eine die erste offizielle zapatistische Kaffee-Kooperative im Süden Mexikos. Im folgenden wird kurz erklärt, um wen es sich bei den Zapatisten handelt und was ihre Motive und Intentionen sind.

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3.1.1 Hintergrund der politischen Ebene
Die indigene Bevölkerung in Chiapas hat genug von den neoliberalen Strukturanpassungen der mexikanischen Regierung. Die aufständischen Gemeinden wollen eine wirtschaftliche und politische Autonomie erreichen, um ihre Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Selbstbestimmung ist als basisdemokratische Organisationsform zu verstehen und ist nicht zu verwechseln mit einer Abspaltung vom mexikanischen Staat. Die aufständischen Indígenas wollen nicht länger als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, sondern als vollwertige BürgerInnen Mexikos mit eigener Kultur und politischer Selbstbestimmung anerkannt sein.

3. 1.2 Der zapatistische Aufstand

Am 1. Januar 1994 besetzten einige tausend indigene KämpferInnen der EZLN (Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung) die Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas und weitere Bezirkshauptstädte im Bundesstaat Chiapas. Der zapatistische Aufstand steht in der Tradition des Jahrzehnte alten Kampfes der MexikanerInnen um Arbeit, Land, Behausung, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit als Voraussetzung für ein würdiges Leben.
Auf der politischen Ebene sehen sich Genossenschaftsmitglieder weiterhin unter der Bedrohung von Angriffen seitens staatlicher und bundesstaatlicher Regierungskräfte. Seit Anfang 1995, mit dem Beginn der militärischen Invasion im Lakandonischen Urwald und der weiteren Aufstandsbekämpfung in vielen Gebieten des Dschungels und dem Hochland, haben von der offiziellen Parteilinie und ihrer Strukturen unabhängige Organisationen kontinuierliche Angriffe erdulden müssen.

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Zur Kriegsführung (Stichwort: Krieg niederer Intensität) der mexikanischen Regierung gegen die zapatistische Basis gehört neben der starken Repressionen durch Militärs und Paramilitärs auch der Versuch, diese mit ökonomischen Mitteln zu bekämpfen oder zu kaufen. Daher suchen die Indigenen nach Wegen und Mitteln sich ihre Autonomie zu bewahren. Eine Möglichkeit ist die Bildung einer eigenen Kooperative. Aber nicht nur aufgrund miltärischer Interventionen der mexikanischen Regierung, sondern auch um den Zwischenhändlern und den Schwankungen des Weltmarktpreises nicht wehrlos gegenüber zu stehen, schließen sich immer mehr Bauernfamilien zu Kooperativen zusammen, um geschlossen auf dem Markt aufzutreten und Infrastrukturkosten gemeinsam zu tragen.

3.2 Fairer Kaffee bei Mut Vitz
Der Kaffee ist für viele Bauernfamilien oft die einzige Einnahmequelle. Durch den direkten Verkauf ihres Kaffees zu einem fairen Preis erreichen die 8000 indigenen Kleinbauern aus vier autonomen Bezirken ein existenzsicherndes Einkommen.
Am Fuße des Berges Mut Vitz hat sich die Kooperative 1997 gegründet, um den autonomen indigenen Gemeinden im Widerstand im Hochland von Chiapas eine Möglichkeit zu geben, ein relativ gesichertes Einkommen zu garantieren und ihren Kaffee gemeinsam zu fairen Bedingungen zu vermarkten.

Faire Kriterien beinhalten grundsätzlich folgendes:
den ProduzentInnen Preise zu zahlen, welche die Kosten der Produktion decken
einen Aufpreis zu zahlen, die die ProduzentInnen in Entwicklung investieren können
teilweise Vorfinanzierungen, wenn die ProduzentInnen darum bitten
Verträge abschließen, die eine langfristige Planung und eine nachhaltige Produktion ermöglichen

Die Mitglieder der Kooperative Mut Vitz stellten von “natürlicher” auf zertifizierte biologische Produktion um, und legen verstärkt Aufmerksamkeit auf den nachhaltigen Anbau von Schatten spenden Bäumen in den Kaffeepflanzungen.

Was bedeutet Kaffeanbau unter Schattepflanzungen?

1.)Besserer Geschmack, besseres Aroma, mildere Säure Der Kaffee ist während des Reifens nicht direkter Sonneneinstrahlung und damit auch weniger Wäreme ausgesetzt. Daher reift er langsamer und kann seine Eigenschaften (im Falle unseres Kaffees gute Eigenschaften) besser entwickeln.

2.)Lebensraum für Zugvögel und andere Vögel

3.)Verhinderung bzw. Verminderung der Erosion des Bodens

4.) Angenehmeres Arbeiten bei der Ernte

Die Kooperative erhieltet 2003 für ihren Arabica-Kaffee das Bio-Gütesiegel.
Mut Vitz koordiniert ein Netzwerk von 56 freiwilligen Beratern für Bio-Anbau, die in ihren 24 Gemeinschaften arbeiten, um den Umstellungsprozess zu begleiten und die Kenntnisse im ökologischen Kaffeeanbau zu vertiefen. (Dabei wird die Kooperative von der mexikanischen Organisation CertiMex und dem Programm “Campesino a Campesino” beraten.)
Noch lange nicht alle der zapatistischen Unterstützungsbasis zugerechneten Familien sind in Mut Vitz organisiert. Aufgrund der schlechten Erfahrungen, die viele Kaffeebauern mit Kooperativen gemacht haben, sind die Vorbehalte groß und eine Mitgliedschaft ist auch mit Pflichten verbunden. So erfordert der biologische Landbau Mehrarbeit (z.B. Handpflückung)

Exkurs Handpflückung:
Die Reifezeit innerhalb einer Anbauregion zwischen der ersten reifen Kirsche und der letzten reifen Kirsche kann bis zu drei Monaten variieren. Nur eine reif geerntete Kaffeekirsche kann ihren fruchtig-aromatischen, süßlichen Geschmack auf die Bohne übertragen. Unreif geerntete Kirschen ergeben unausgereifte Säure und ungenügenden Geschmack. Überreife Kirschen können beginnen zu faulen und demtsprechend schmecken.
Sollen also nur reife Kirschen geerntet werden bleibt nichts anderes übrig als die Ernte einzelner reifer Kirschen von Hand. Nur so kann Kaffee unserer Qualität produziert werden.

Andere, schlechtere Erntemethoden sind das Abstreifen ganzer Äste (stripping) nachdem der Großteil der Kirschen reif ist bzw. die noch schlechtere Methode, die maschinelle Ernte, bei der ganze Plantagen gleichzeitig geerntet werden.

Zurück zu den Schwierigkeiten die mit einer Kooperativen-Mitgliedschaft verbunden sind: Mitglieder müssen sich am internen Entscheidungsprozess beteiligen und werden durch interne und externe Organe geprüft. Regelmäßige Delegiertentreffen sollten in jeder Kooperative normal sein und sind bei Mut Vitz von großer Bedeutung. An diesen Versammlungen ist es möglich, sich gegenseitig über Entwicklungen in der Kooperative, aber auch in der Bewegung generell, zu informieren.
Aufgrund des Fehlens jeglicher staatlicher Unterstützung für die Menschen in dieser Region, haben die Produzenten nach einer sozialen Alternative, einer eigenständigen ökonomischen Entwicklung ihrer Gemeinschaften gesucht.
Mut Vitz kann als die Schaffung eines alternativen ökonomischen Modells betrachtet werden, das auf das soziale Auftreten und die Festigung der Indigenen Gemeinschaften abzielt. Es dient als Ausgangspunkt für Demokratie, Selbstverwaltung und Eigenverantwortlichkeit und unterstützt die Grundbedürfnisse der Menschen nach Ernährung, ärztlicher Versorgung und lokaler Infrastruktur.

Die Genossenschaftler, also die Kaffeebauern verfügen in der Regel über 0,5 bis 1 Hektar Land für ihren Kaffeeanbau. Bei einer guten Ernte kann auf dieser Fläche (10 bis 20 quintales
1 quintal=46kg) 460 bis 920 kg Rohkaffee gepflückt werden. Die Kooperative hat bereits große Fortschritte bei der Stärkung ihrer Organisationsstrukturen gemacht und lokalen Einfluss erreicht.

Was ist also zapatistisch an Mut Vitz? Was unterscheidet die Kooperative von anderen?
das das Beharren auf Unabhängigkeit: Die Kooperative will kein Geld vom Staat und keine externen BeraterInnen
– sie funktioniert selbst verwaltet
– die Vorstandsfunktionen sind ehrenamtlich und wechseln
– Biolandbau


3.1. 1 Die Hauptziele der Kooperative

– Verbesserung und Aneignung des lokalen Wissens über die alternative Technologie der ökologischen Produktion ihres Kaffees
– Verbesserung der Möglichkeiten der Genossenschaftsmitglieder, ihren Kaffee zu “fairen Preisen” zu vermarkten, national wie international
– Verbesserung der Infrastruktur für jedes einzelne Kooperativen-Mitglied, um eine strikte Qualitätskontrolle zu garantieren und die schwere Arbeit des Kaffeewaschens zu reduzieren Verbesserung der umfassenden, kollektiven Infrastruktur des Trocknungs-Prozesses und des Transportes des Kaffees.

Der Import und Verkauf von Mut Vitz-Kaffee wird schließlich was den europäischen Raum betrifft durch die Café Libertad Kooperative in Hamburg und Rébeldia in der Schweiz gewährleistet.

3.1.2 Die ökonomischen Herausforderungen
– Bereitstellung/Beschaffung von Bar-Krediten für die Produzenten um Arbeitskräfte zu beschäftigen
– die Boden-Konservierung
– Beschneidung der Pflanzungen
– die aktuelle Ernte und die Verarbeitung bezahlen zu können
– die Organisation während der Kaffee-Ernte zu gewährleisten, um den Produzenten während der Ernte einen kleinen Vorschuss auf ihre Ernte bezahlen zu können, bis das Geld vom Verkauf der Ernte eingetroffen ist und um kleine Infrastuktur-Verbesserungen, technische Ausbildung, Aufbau einer Setzlings-Zucht und schwere Infrastuktur zu bezahlen, die Kosten für die Kontrolle und biologische Zertifizierung abzudecken


4.Öko-Imperialismus

Die derzeitige wirtschaftliche Situation im Süden Mexikos, die manche „Öko-Imperialismus“ andere „Handels-Imperialismus“ oder auch „Yankee-Coyotismus“ nennen, drückt sich beispielsweise in dem folgenden Beispiel exemplarisch aus:

4.1 Öko-Imperialismus á la Starbucks
Im Jahr 200 betrat die US-amerikanische NGO Conservation International (CI) die Szenerie in Chiapas und bot den Kaffee-Bauern Biokaffee-Verträge an, die besser waren als die üblichen Marktpreise. Der Vertrag schloss mit ein, dass die Bohnen an Agroindustrias de Mexico (AMSA) verkauft werden sollten. Es stellte sich heraus, dass die Endverbraucher multinationale Unternehmen wie Starbucks (Das Unternehmen kauft jährlich 1% der weltweiten Kaffeeproduktion auf!) Obwohl viele Kaffee-Kleinbauern in die Verträge einwilligten, sprachen sich viele Kaffeekooperativen in Chiapas gegen die Verträge aus
Starbucks ergriff mehrmals die Chance, sein gefährdetes Image zu sichern, und nahm zunächst einen Fairtrade-Kaffee ins Sortiment. Auch heute noch ist ein gesiegelter Kaffee in seinem reichhaltigen Angebot zu finden: zur Zeit Café Estima Blend in den hiesigen Cafés – wofür nach den FLO-Regeln TransFair Deutschland die Lizenzgebühren bekommt. Starbucks hat offenbar Gefallen daran gefunden, neue Marktsegmente zu erschließen und sein Image zu pflegen: die einzige Fairtrade-Sorte läuft unter dem Slogan „good coffee, doing good“, gehört wie die Bio-Sorten zum „Commitment to Origins Sortiment“, Firmengründer Howard Schultz hat eine Stiftung für Straßenkinder ins Leben gerufen, man fertigt jährlich einen „Corporate Social Responsibility Report“, nennt seine Angestellten Partner – und verschenkt Kaffee an US-Truppen im Auslandseinsatz. Viel Aufsehen erregt das alles nicht. Auch Versuche von Mc Donalds mit fair gehandeltem Kaffee in der Schweiz und von Kraft Foods mit einem „Café responsable“ in Frankreich haben nicht viel Aufmerksamkeit erregt.

Nebenbei hat Starbucks mit der Aufnahme eines fair gehandelten Kaffees in sein immer größer werdendes Sortiment den Beweis dafür erbracht, dass auf dem Weltmarkt wie in jedem einzelnen Geschäft die zwei Prozent fair gehandelter Waren gut zusammen leben können mit den 98 Prozent unfair gehandelter Waren. Solange das den KonsumentInnen nicht übel aufstößt – und wie sollte es auch an harmonischen Orten wie Supermärkten, Discountern und Cafés –, können die Konzerne das ethische Marktsegment aufrollen, ohne Verluste befürchten zu müssen. Es ist das Verdienst passionierter Fairhändler, diesen Beweis erbracht zu haben.

4.2 Der Fall Nestlé

Die mexikanischen KleinbäuerInnen geraten zunehmend in die Abhängigkeit großer Nahrungsmittelkonzerne. Das weltweit größte Nahrungsmittelunternehmen Nestlé hat in Mexiko eine marktbeherrschende Stellung auf dem Kaffeemarkt: Achtzig Prozent des landesweiten Konsums besteht aus löslichem Kaffee. Davon besitzt Nestlé mit seiner Marke Nescafé einen Marktanteil von achtzig Prozent. Den Rest teilen sich die US-amerikanischen Großunternehmen Philipp Morris und Kraft mit einigen regionalen Marken. Für seinen Nescafé importiert Nestlé seit Jahren billigen Roh-Kaffee der Sorte Robusta aus Brasilien, Vietnam, Indonesien und Ecuador, rund 7600 Tonnen jährlich.

Auf der Website von Nestlé findet man wunderbare Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit. Doch die Firmenpolitik sieht in der Realität anders aus. So hat Nestlé beispielsweise im Kaffeeland Mexiko Schritte eingeleitet, die für viele KleinbäuerInnen und Kaffeekooperativen verheerende Folgen haben.

Diese Billigimporte halten die Preise in Mexiko niedrig. So zahlt Nestlé auch für den in Mexiko angebauten Robusta sehr tiefe Preise, nämlich sechs bis sieben Pesos (ca. 50 Cent) pro Kilo Rohkaffee. Seit Jahren protestieren die KleinbäuerInnen gegen diese Dumpingpreise, jedoch erfolglos. Nestlé lässt sich davon nicht beirren und ist dabei, ein im Jahr 2003 begonnenes Großanbauprojekt in der Region Tezonapa, im Bundesstaat Veracruz, umzusetzen. Auf diese Weise will der Nahrungsmittelkonzern noch preiswerter an den begehrten Robusta kommen. Dieser schmeckt zwar nicht so gut wie die edlere Sorte Arabica und erzielt deshalb niedrigere Preise. In der Region Tezonapa – sie grenzt an die Provinz Oaxaca – wurde bisher Arabicakaffee angebaut, denn dieser wächst in Höhen ab 800 Meter besonders gut.

Nestlé erwartet nun von den BäuerInnen dort, dass sie ihre Arabicapflanzen vernichten und neue Robustapflanzen setzen, die aber erst in vier bis fünf Jahren geerntet werden können. So kalkuliert Nestlé Das Unternehmen stellte den Campesinos bei der Präsentation des Projekts im Jahr 2003 hohe Absatzzahlen in Aussicht und fuhr mit vier großen LKWs vor, um Süßigkeiten an die Kinder zu verteilen. Nestlé- Chef Peter Brabeck-Letmathe versprach zudem ein neues Schulhaus.

Die Robustasetzlinge wurden in einem französischen Kaffeelabor geklont und schließlich in Tezonapa ausgebracht. Im Jahr 2019 will Nestlé dort bis zu 69 000 Tonnen Robustakaffee jährlich ernten, mehr als die derzeitige gesamte mexikanische Arabicakaffee-Produktion. Doch viele KaffeebäuerInnen wehren sich gegen das Vorhaben, weil Nestlé weder Preis- noch Absatzgarantien anbietet. Die große unabhängige BäuerInnenorganisation CIOAC (Central Independiente de Obreros Agricolas y Campesinos) hat deshalb Delegierte in den Betriebsrat der Anlage entsandt, die auch die Nestlé-Bohnen verarbeitet. Sie wollen gegen das Nestlé-Projekt stimmen.

Warum will Nestlé den Anbau von Robusta in Mexiko durchsetzen? Der Plan der USA für eine Freihandelszone, die ganz Lateinamerika und die Karibik mit Ausnahme Kubas umfassen soll – ALCA (Area de Libre Comercio de las Américas) -, lässt Nestlé hoffen, künftig den ganzen lateinamerikanischen Markt mit billig produziertem Nescafé überschwemmen zu können. Um seinen ohnehin schon riesigen Marktanteil noch zu vergrößern, kauft Nestlé zudem in ganz Lateinamerika Kaffeefirmen auf und schließt die Konkurrenzbetriebe. Dies war etwa 2003 in El Salvador der Fall, als Nestlé die alteingesessene Firma Café Listo kaufte, dicht machte und dabei rund hundert MitarbeiterInnen auf die Straße setzte. Dafür gibt es nun die Marke «Nescafé Listo» – hergestellt in Brasilien. Selbst eigene Produktionsanlagen werden nicht verschont. So wurden bereits in Argentinien und Chile Nescafé-Fabriken geschlossen – diese Länder werden nun ebenfalls von Brasilien aus beliefert, wo Nestlé unermüdlich investiert.

(Anders der recht aufwändig betriebene Einzug von Nestlé in den britischen FairTrade-Markt im vergangenen Oktober, von dem FLO betont, es handle sich um einen Alleingang ihres Mitglieds Fairtrade Foundation. Nescafé Partners’ Blend ist ein löslicher Kaffee aus vier salvadorianischen und einer äthiopischen Herkunft. Das Tässchen wurde von langer Hand gebrüht: Victor Mancía, ein Veteran salvadorianischer Kaffeegeschäfte, vormals tätig für einen Kooperativenverband zweiten Grades, dann Berater für die staatliche US-Entwicklungshilfe US-AID und die Interamerikanische Entwicklungsbank, hat ab dem Jahre 2000 acht kleinbäuerliche Kooperativen mit jeweils zehn bis knapp 400 Mitgliedern gegründet, von denen mehrere von US-AID mit Verarbeitungsanlagen ausgerüstet worden sind. Das gibt Nestlé Stoff für einschlägige Werbung: „Die Not hat uns vereint und die Experten haben uns geholfen, uns selbst zu helfen.)

Nestlé gilt als der verantwortungsloseste Multi, ist in Großbritannien der am häufigste boykottierte Konzern und hat als einer der maßgeblichen globalen Kaffeegiganten mit dazu beigetragen, die Weltkaffeepreise zu drücken. Deshalb meint die NRO World Development Movement, dass Nestlé, solange nicht alle seine Kaffeelieferanten Preise bekommen, die ihre Kosten decken und ihnen ein einträgliches Einkommen verschaffen, Teil des Problems bleibt und nicht seine Lösung. Und das Netzwerk für Solidarischen Konsum stellt fest, dass Nestlé und andere Multis versuchen, den Fairtrade-Markt für ein Linsengericht zu übernehmen.

5. Fairtrade

Ausgerechnet Konzerne wie Nestlé und Starbucks engagieren sich nun mit Kleinprojekten im Fairtrade-Bereich. Nestlé beispielsweise hat im Oktober 2005 erstmals ein Fairtrade-Label für die Marke Partner’s Blend bekommen, die auf dem englischen Markt vertrieben wird. Nestlé reagierte damit auf eine Öffentlichkeitskampagne der internationale Hilfsorganisation Oxfam, die den Konzern wegen seiner Einkaufspolitik und Preisdrückerei anprangerte. Die Labelverleihung an Nestlé ist auch innerhalb der weltweiten Labelorganisation Fair Label Organisation (FLO), die das Nestlé-Produkt mit ihrem Gütesiegel versehen hat, umstritten.
Bei einem ersten Anlauf bei Plus im Jahre 1998 schnellte der Jahresumschlag auf 4500 Tonnen hoch, um auf unter 3000 zu sinken, als der Fairtrade-Kaffee bei Plus wieder aus dem Sortiment genommen wurde.
Die FLO-Partnerorganisation Comercio Justo México etwa war gegen den Fairlabel-Vertrag mit Nestlé gewesen, sagt deren Vorsitzender Jeronimo Pruijn. Man kenne den Konzern ja eher als Auftraggeber der Zwischenhändler, die die Kooperativen unter Druck setzen: «Wir nehmen einen Container Fairtrade-Kaffee und die restlichen zehn Container zu Weltmarktbedingungen, sonst gehen wir woanders hin.» So oder ähnlich erpressten die Zwischenhändler – «Coyotes» genannt – die KaffeebäuerInnen, berichtet Fernando Celis von der mexikanischen Kaffee-Kleinbäuerinnenorganisation CNOC (Coordinadora Nacional de Organizaciones Cafetaleros).
Mariano Santis von der Kooperative OTPC (Organizacion Tzeltal Productores de Café) in Chiapas sagt, dass selbst die derzeitigen Fairtrade-Mindestpreise nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren.
Die Anpassung der Preise für Fairtrade- oder Biokaffee an die Weltmarktpreise durch die Handelspartner erfolgt immer mit einer zeitlichen Verzögerung.

Was heißt gesiegelter Kaffee und wer ist FLO?
Weil in der ungerechten Weltwirtschaftsordnung die Handelsbeziehungen ungerecht sind, die Rohstoffpreise nicht von den ProduzentInnen in der Dritten Welt, sondern an den Börsen der Industrieländer gemacht werden, in denen die Importeure, Weiter-Verarbeiter und Händler dann eben auch die lukrativen Teile der Wertschöpfung kontrollieren, kamen Kaffeebauern und -bäuerinnen und ihre Organisationen auf die Idee, in den Importländern eigene Verarbeitungs- und Vermarktungskapazitäten aufbauen zu wollen. Dort aber waren und sind die Kaffeemärkte hoch oligopolisiert, weshalb konkurrenzfähige Investitionen sehr teuer geworden wären. Da winkten die PartnerInnen im Norden ab und erfanden das sehr viel billigere Fairtrade-Siegel-System, zuerst in den Niederlanden unter dem Namen Max Havelaar und dann in vielen anderen KonsumentInnenländern unter demselben Namen oder als TransFair. Mehr als zwanzig solcher nationaler Siegelhändler haben sich inzwischen zur Fair Label Organisation (FLO) zusammengeschlossen. Die Label-Dachorgansition und mit ihr die nationalen Siegelinitiativen arbeiten mit der Mainstreaming-Strategie. Was heißt sie arbeiten auf das Ziel hin aus der alternativen Nische des Weltladens hinauszutreten und die großen Marktteilnehmer zu mehr Fairness zu zwingen. Der Bezug zu sozialen Kämpfe. „Meist handelt es sich um ganz normale Kooperative, die ganz normale Produkte im ganz normalen Kapitalismus herstellen. Bei der Mainstraeming-Strategie besteht nun die Gefahr, dass die ursprüngliche Fair-Trade Idee so stark verwässert, dass von den ursprünglichen emanzipatorischen kapitalismuskritischen Ansätzen nichts mehr übrig bleibt.

TransFair USA hat inzwischen, ohne dass das in Europa groß aufgefallen wäre, zwei weitere große Kunden gefunden: Millstone Coffee, die zu Procter and Gamble gehören, einem der Marktführer in den Vereinigten Staaten, und Sam’s Club, eine Kette von Membership Shopping Stores (um dort einzukaufen, muss man Mitglied werden), die zu Wal-Mart gehört. Sam’s Club kauft bislang bei Millstone Coffee, dessen Lieferant für Siegelkaffee Café Bom Dia ist, einer der fünf größten brasilianischen Kaffeeröster und -exporteure. In Zukunft will Sam’s Club direkt bei den Brasilianern kaufen, wodurch derselbe Kaffee in den Filialen des Konzerns um ein Drittel billiger angeboten werden kann.
Falls Wal-Mart demnächst entscheidet, Siegelkaffee aus Brasilien nicht nur in ein paar Hundert Läden von Sam’s Club zu nehmen, sondern in ein paar Tausend ihrer direkten Läden, ist das Geschäftsglück von TransFair USA gemacht und könnte vielleicht auch mal was abfallen für TransFair Deutschland.

5.1 Der Fall Lidl

Transfair & Co. haben mit ihrem Lidl-Deal und für ein bisschen Geld, Anerkennung und Schulterklopfen alle Grundsätze über Bord geworfen. Die Vereinbarung mit dem Billig-Discounter Lidl wurde abgenickt und wird mitgetragen von den 38 Transfair-Mitgliedern, darunter Brot für die Welt, Misereor, der Weltladen-Dachverband, die Verbraucher-Initiative, der BUND, das Forum Eine Welt der SPD, der Bund der Katholischen Jugend, die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend, die Heinrich-Böll-Stiftung, das DGB-Bildungswerk, die Friedrich-Ebert-Stiftung, terre des hommes. Von den 38 Organisationen, die im Alltag nicht müde werden, ihr Engagement für soziale Gerechtigkeit zu betonen, gehören viele dem so genannten rot-grünen Milieu an. Jede einzelne dieser Organisationen ist mitverantwortlich für diesen Kniefall und das Verscherbeln der eigenen Ethik. Besonders makaber: Während die Gewerkschaft Verdi Lidl zu Recht wegen katastrophaler Arbeitsbedingungen kritisiert, trägt das DGB-Bildungswerk als Transfair-Mitglied den Deal mit. Die Gewerkschaft Ver.di stellt fest, dass das soziale Engagement von Lidl solange nicht glaubwürdig ist, wie die 40 000 VerkäuferInnen in den 2600 Filialen des Discounters nicht ihre sozialen Grundrechte zugestanden bekommen.
BanaFair spricht von „reiner Kosmetik“, WEED von einer „Schönheitsoperation“, INKOTA hat den Eindruck, der Billigdiscounter wolle vor allem sein angesichts vielfältiger Kritik beschädigtes Image aufwerten und findet, dass der faire Handel mehr bedeutet, „als den ProduzentInnen einen leicht erhöhten Preis zu zahlen.“
Selbst die Gepa, seit der Gründung von TransFair 1992 Deutschlands größter Importeur von gesiegelten Produkten, spricht von „Imagepolitur“ und kritisiert, dass die Kooperation mit Lidl „dem Fair-Trade-Image einen Schaden zufügen wird.“ Da die beiden großen christlichen Kirchen zugleich Gesellschafter der Gepa und tragende Mitglieder des Vereins TransFair sind, klingt das Bekenntnis von dessen Vorstandsvorsitzenden, Norbert Dreßen (Misereor), verhalten: Das Geschäft mit Lidl sei eine Gratwanderung. Dieter Overath, seit der Gründung von TransFair dessen Geschäftsführer und also mit vielen Wassern gewaschen, wird zwar blumig beim Gedanken an seine neuen Partner bei Lidl („Wir hatten schnell das Gefühl, dass Lidl es ernst meint mit uns.“), sagt aber auch ganz klar, dass es das Ziel von TransFair sei, den ProduzentInnen im Süden möglichst breite Absatzmärkte zu erschließen; andere Aufgaben, etwa für sozialverträgliche Verhältnisse im hiesigen Handel zu sorgen, gehörten keinesfalls zu ihrem Ressort.
TransFair und Co. Dürfen sich also nicht nur freuen, wenn die Multis endlich auch in das ethische Marktsegment gehen, sondern müssen auch bereit sein, dafür einen hohen politischen Preis zu zahlen.

6. Fazit
Das Etikett „ethisch“ wertvoll wird zum markttechnischen Vorteil gegenüber Konkurrenzprodukten und Branchenriesen.
Dass sich Firmen wie Starbucks, Nestlé, Wal-Mart, Procter and Gamble, Mc Donalds, Kraft Foods (Kaffee Jacobs) und eben auch Lidl zunehmend für diesen lukrativen Markt interessieren, Mittel und Wege finden, das Geschäft nach ihrem Gusto zu gestalten, und FLO-Mitglieder ihnen Zugang zu jenem Teil des ethischen Marktes verschaffen, den sie via Lizenzvergabe kontrollieren, auch wenn die Fairtrader dabei die Anstrengungen von Gewerkschaften, Globalisierungsgegnern und AntikapitalistInnen unterlaufen müssen – das alles sind keine moralischen Fragen, sondern Ergebnisse der Marktordnung.

Die Richtung weist bisher dahin, dass die Multis das Fairtrade-Marktsegment vollends übernehmen werden, kleinere Importeure und Händler wie die Gepa oder die britische Café Direct werden dabei auf der Strecke bleiben und die in FLO zusammengeschlossenen Siegelhändler werden prosperieren. Ist das ganze Marktsegment einmal in den Händen der transnationalen Konzerne, wird darin der Preiskampf vollends entbrennen, mit dem Ergebnis, dass kleinere ProduzentInnengruppen nicht mehr mithalten können werden.

Vorschläge wie die der Aktion 3.Welt und von INKOTA, die Standards zu schärfen, sie auf alle Akteure anzuwenden und also auch von den Lizenznehmern die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards zu verlangen, werden auch schon in FLO-Kreisen ventiliert. So wie diese gebaut sind, könnte das zu einer neuen Welle von Verhaltenskodizes, in diesem Fall der einschlägigen Lebensmittelkonzerne, führen; einige von ihnen haben so was eh schon. Taucht dann früher oder später die Frage nach einer unabhängigen Überwachung solcher selbst auferlegter Sozial- und Umweltstandards auf, werden die FLO-Mitglieder womöglich neue Aufgaben bekommen: social auditing. Schließlich haben sie im Zertifizieren ja schon Übung und womöglich werden sie dafür auch neue Objekte brauchen, weil ihre alten Lieblinge, die KleinproduzentInnen, unter die Räder geraten sind.

6.1 Was bedeutet die derzeitige Entwicklung des offenen und neoliberalen Marktes für die Kooperativen?
Die niedrigen Abnahmepreise und die hohen Gebühren der FLO sowie der Bio-Zertifizierungsorganisation Certimex (Certificadora Mexicana de Productos y Procesos Ecológicos) machen den Kooperativen zu schaffen. Noch mehr Angst macht den KleinbäuerInnen die Idee der FLO, auch die Großgrundbesitzer in den fairen Handel einzubeziehen. Dies und der Eindruck, dass die FLO sich zunehmend internationalen Konzernen wie Nestlé annähere, führen zu einem immer stärkeren Vertrauensverlust bei den Produzenten und KonsumentInnen. Viele KleinbäuerInnen, die bisher bei Fairtrade mitmachten, verkaufen inzwischen wieder an die «Coyotes», die Zwischenhändler der Kaffeekonzerne. Durch den Ernteeinbruch sind auch diese unter Druck geraten, denn sie brauchen die guten Arabicaqualitäten, und die Preise stiegen im Dezember und Januar kräftig an.
So zahlen zum Beispiel US-amerikanische und kanadische alternative Händler wie die Cloudforest Initiative und Cooperate Coffees den zapatistischen Kaffeekooperativen in Chiapas bis zu zwei Franken pro Pfund, ebenso die Hamburger Kaffee-Libertad- Kooperative und der Schweizer Verein Café Rebeldia. In diesem Preis inbegriffen ist ein fixer Betrag, der in lokale Sozialprojekte fließt. Angesichts der schlechten Ernte und der Konkurrenz durch die «Coyotes» sind auch die alternativen Händler zu Preisaufschlägen gezwungen. Inzwischen kaufen sogar große Kooperativen in Mexikovon kleineren Kooperativen Kaffee auf, um die eigenen Lieferverträge erfüllen zu können.
Im Hochland von Chiapas hat ein Wettrennen um die wertvollen Kaffeebohnen begonnen.
Weder Fairtrade-Organisationen noch Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé zahlen Preise, die ein Überleben ermöglichen.

Was können wir machen?

1. Alternative handeln und konsumieren

Wie im Laufe des Texts deutlich geworden ist, ist der Faire Handel keine antikapitalistische Alternative mehr. Er bedeutet jedoch eine konkrete Verbesserung der Lebenssituation der Produzenten, und er kann, die Bezugnahme auf soziale Bewegungen hier wie dort vorausgesetzt, ein Druckmittel sein, um Firmen zur Einhaltung sozialer Mindeststandards wie Gewerkschaftsfreiheit und Ausschluss von ausbeuterischer Kinderarbeit zu zwingen. Fair gehandelte Produkte bedeuten heute nicht mehr nur für den Konsument oder die Konsumentin, dass sie verantwortungsbewusst und ethisch handelt. Gerade deshalb ist es wichtig sich mit den regelmäßig gekauften Produkten und deren Vertreibern auseinanderzusetzen. Der alternative Handel, wie er beispielsweise von mir betrieben wird, setzt darauf, dass die Handelserfordernisse mit den entwicklungspolitisch gesetzten Zielen Hand in Hand gehen, was einen regen Austausch mit den Projektpartnern voraussetzt. Das bedeutet jedoch, dass der alternative Handel auf ein relativ kleines überschaubares lokales Netzwerk angewiesen ist und daher daran interessiert die kleinen Nischen im Gegensatz zu den Interessen der großen Multis gerade zu erhalten. Der Alternative Handel kann so also als eine Widerstandspraxis angesehen werden.

2.Einen würdigen und friedlichen Kampf unterstütze indem wir zapatistischen Kaffe kaufen:
Die EZLN weigert sich bis heute, diese Aufforderung zum offenen Bürgerkrieg anzunehmen und setzt nach wie vor auf einen breiten gesellschaftlichen Dialog, um auf politischem Wege eine indigene Autonomie und einen gerechten und würdigen Frieden zu erreichen.
Allerdings können und wollen sich nicht alle zapatistischen Bauern eine teure Biozertifizierung durch einen kapitalistischen Zertifizierungsbetrieb (andere gibt es nicht) leisten. Es ist uns wichtig gerade auch durch das Angebot von nicht zertifiziertem Kaffee aber traditionell angebautem Kaffee der Kooperativen in Chiapas zu unterstützen.

3. Ideen kreieren:
Walter Zwald, der ehemalige Präsident des Schweizer Kaffeehändlerverbandes beispielsweise hat eine alternative Initiative lanciert: Pro Sack Kaffe à 60 Kilo sollen die großen Röster einen Dollar in einen Fonds einzahlen. So kämen rund 70 Millionen Dollar pro Jahr zusammen, die einerseits in soziale Projekte und in die Ausbildung der Kaffeebauern in den Anbaustaaten und andererseits ins Marketing zur Kaffeekonsumsteigerung verwendet werden sollen.

Empfehlenswerte Lektüre zum Thema:
Gerber, Philipp (2005) Das Aroma der Rebellion. Zapatistischer Kaffee, indigener Aufstand und autonome Kooperativen in Chiapas, Mexiko, Münster: Unrast Verlag

Weitere Infos unter:
chiapas98.ch
Lateinamerika Nachrichten

Wer sich leckeren zapatistischen Kaffee/Espresso nach Hause bestellen möchte, kann dies über die Homepage der Cafe-Libertad Kooperative in Hamburg tun.




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