Archive for the 'balkans' Category

04
Jul
11

Von Sündenböcken in Jägerkasernen – Mazedonische Roma in Sachsen. Zur Geschichte eines Gerüchtes 

Als die EU am 19. Dezember 2009 den Visumzwang für Mazedonien, Serbien und Montenegro aufhob, war dort die Freude groß: Bis zu 90 Tage sollten sich Angehörige dieser Staaten nun legal innerhalb der EU-Schengengrenzen aufhalten dürfen. Was dann geschah, war vorherzusehen. Tausende von Menschen wechselten aus rechtlicher Perspektive von einem legalen Status in den anderen und beantragten vor Ablauf ihres Touristenvisums Asyl. Denn zu Hause war ein hartnäckiges Gerücht im Umlauf: Wer im Besitz eines biometrischen Passes sei, hieß es, könne nach Westeuropa auswandern. In Belgien oder in den skandinavischen Staaten erhalte man sogar Asyl. Für Angehörige von Minderheiten wie mazedonischen Roma oder Albanern, die unter struktureller Arbeits- und Perspektivlosigkeit leiden, ein verlockendes Angebot.

545 Menschen sollen es laut dem Medienservice allein in Sachsen gewesen sein, die in den ersten neun Monaten nach Abschaffung des Visumzwangs Anträge auf Asyl gestellt haben, im Vergleich zu insgesamt 45 im Jahr 2009. Der Spiegel schrieb von einer „Asylbewerberwelle“, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) von einem „offenkundigen Missbrauch“ des Asylrechts und Sachsens damaliger Innen- und amtierender Staatsminister Markus Ulbig (CDU) wetterte: „Wer missbräuchlich Asyl beantragt, schadet denen, die unseren Schutz brauchen. Hier muss der Staat reagieren.“ Wie ein autoritärer Vater, der nicht weiß wie er seine undisziplinierten Kinder, bestrafen soll, reagierte der Staat, indem er bereits im vergangenen Oktober die finanziellen Rückkehrhilfen strich – 400 Euro pro erwachsene Asylsuchende aus Serbien und Mazedonien, der “freiwillig” das Land verlässt. Schliesslich sei nicht auszuschließen, verlautete in sächsischen Regierungskreisen, dass die AsylbewerberInnen nur gekommen wären, um das Geld abzugreifen.
Das Argument hatte schon jemand anders salonfähig gemacht: Sarkozy, während der massiven Abschiebungen von Roma aus Frankreich.
Für den Staat ist die freiwillige Rückkehr billiger als Abschiebungen. Und sie werfen in den Statistiken für die EU und für die der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ein wärmeres Licht auf die im internationalen Kontext als repressiv bekannte Ausländerpolitik in Deutschland.

In einer Pressemitteilung vom September 2009, beklagte die Landesdirektion Sachsen eine “punktuellen Belastung” speziell von Asylbewerbern aus Mazedonien, deren Unterbringung sich immer schwerer gestalte. Man arbeitete an Lösungen, hiess es weiter. Trotz des überproportionalem Gebäude-Leerstandes in Sachsen, sind es oft ehemals militärische Gebäude, die zur “lösenden” Unterbringung der Flüchtlinge umfunktioniert werden. Wie in Schneeberg im Erzgebirge, wo die Mazedonischen Flüchtlinge im Zuge der “Migrationswelle” in einer Jägerkaserne untergebracht wurden. Noch vor ihrer Einquartierung, heizte Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) die Stimmung in der Regionalpresse an. Ein Anstieg von Diebstählen im Ort sei nicht auszuschließen. Zudem sei eine Erstaufnahmeeinrichtung in Schneeberg „nicht gerade förderlich, wenn ich dort Gewerbe ansiedeln will“. Die Gefahr in Verzug durch die eingereisten “Nichtdeutschen” wie “Ausländer” im Kriminalistik-Slang genannt werden, sieht auch der neue Eigentümer der Jägerkaserne Gustav Struck, Bruder des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD). Auch er könne nicht ausschließen, dass die Vermarktung des Geländes durch die Unterbringung von Asylbewerbern erschwert werde.

Die Landesdirektion Chemnitz bemühte sich die mazedonischen Familien zur „Zurücknahme der Asylanträge und zur freiwilligen Ausreise“ zu bewegen. Im November fuhren schließlich zwei mit
Flüchtlingen gefüllte Reisebusse von Sachsen nach Mazedonien.
Auch in Leipzig ist die Überredung zur freiwilligen Ausreise bereits übliche Praxis geworden. Im Flüchtlingsheim, in Grünau, werden speziell mazedonische Roma-Familien von Behörden-VertreterInnen aufgesucht, die das Einverständnis ihrer freiwilligen Ausreise unterschreiben sollen.
Für Lunchpakete werde gesorgt.

Auch auf europäischer Ebene wurden Maßnahmen getroffen. Brüssel ermahnte die mazedonischen Behörden. Das zeigte bereits Wirkung. Mazedonische Behörden schlossen im März mehrere Reiseagenturen, die Ausreisewillige nach Westeuropa transportiert haben sollen. Eines der betroffenen Busunternehmen in der Hauptstadt Skopje gehörte der Familie eines Abgeordneten, der die Roma im mazedonischen Parlament vertritt. Währenddessen wird in Skopje ein architektonisches Prestige-Projekt geplant: bis 2014 sollen Denkmäler und repräsentative Bauten im Zentrum von Skopje für 80 Millionen Euro saniert werden. Gelder für ökonomisch rückständige Gebiete wie die, in denen Roma leben, werden indes nicht locker gemacht. Also gehen sie. Hier angekommen geht es ihnen meist nicht viel besser. Arbeiten dürfen sie auch hier nicht. Schließlich gelten integrative Maßnahmen für Geduldete nicht. Dabei müsste die Stadt Leipzig sie willkommen heißen, denn laut dem Amt für Statistik und Wahlen der Stadt , sind es “überdurchschnittlich Migranten-Familien unterschiedlichster Herkunft, die durch Kinderreichtum dafür sorgen, das die Geburtenraten in Leipzig in den letzten Jahren beständig über bundesdeutschem Durchschnitt lagen.”

Dieser Text wurde im Feierabend Nr.41, Libertäres Monatsheft für Leipzig veröffentlicht

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23
Jul
10

Staro Sajmište – das vergessene Konzentrationslager in Belgrad

"SS" is the short cut for Staro Sajmiste (Old Fair) as it appeared on a door of house on the ground of the former "Judenlager Semlin" in Belgrade which is inhabited now by families

“SS” steht auf dieser Tür in Belgrad. Die Abkürzung steht für das Gelände auf dem das Gebäude steht: Staro Sajmište (Alte Messe). Und für einen grausamen Teil seiner Geschichte während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Auf einer anderen Tür, die vor rund 70 Jahren die Eingangstür zu dem Krankenhaus des NS-Konzentrationslagers in Staro Sajmište war, kleben heute Visa-Card und American Express Sticker und ein Schild: “Poseydon Travels”. Das ehemalige Krankenhaus der deutschen Besatzer ist heute ein Reisebüro. Daneben befindet sich ein Autoteilehändler und auf der anderen das Restaurant “Salz und Pfeffer” – das ehemalige Leichenhaus des KZ.

Nachdem die Nazis im April 1941 das damalige Königreich Jugoslawien zerschlugen und besetzten, wählten sie in Belgrad (Hauptstadt des heutigen Serbiens) einen ungewöhnlichen Ort um die absolute Kontrolle ihrer Gräueltaten auszuüben: Staro Sajmište an dem Fluß Sava gelegen, war ein 15 000 Quadratmemtergroßes Messegelände, das 1938 gebaut wurde, zu dem Zweck die Wirtschaft zu förden und internationale Messen zu veranstalten.

Das Messeglände von Staro Sajmiste vor der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg

Das Messeglände von Staro Sajmiste vor der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg

Der Ort war deshalb ungewöhnlich, weil er sich mitten in der Stadt befand und die Nazis für gewöhnlich ihre systematischen Mordfabriken an weniger zentralen Orten installierten. Sajmište, das innerhalb kürzester Zeit nach der Besatzung zum “Judenlager Semlin” umbenannt wurde, aber war zentral gelegen und von vielen Seiten, wie der nahe gelegenen Brücke und der anderen Uferseite der Sava einsehbar. War die Auswahl dieser Stätte durch den Mangel an Alternativen begründet oder sollte sie das Klima der Angst in der Mehrheitsbevölkerung schüren?

Die jüdischen Familien, die in Sajmište inhaftiert oder umgebracht wurden, stammten aus Belgrad, teilweise auch aus der der damaligen Tschecheslowakei und Österreich. Auch Roma und Serben waren unter den Gefangenen. Grundsätzlich wurden Partisanen und all die inhaftiert, die von den Nazis als ihre Gegner bw. als kommunistische Kollaborateure identifiziert wurden. Während sie in den ersten Tagen der deutschen Besatzung noch öffentlich in Belgrad von den Nazis exekutiert wurden und ihre Leichen tagelang an Laternenpfosten hängen blieben, wurden sie später nach Sajmište oder in andere Konzentrations-und Arbeitslager in Belgrad und Umgebung deportiert.

Ursprünglich hatte die Führung des deutschen Nationalsozialisten vorgesehen die Judenfrage zu lösen, indem die Inhaftierten in Konzentrationslager nach Polen, Rumänien und Russland deportiert werden sollten. Doch dementsprechende Lager in Polen waren noch nicht vorhanden und in Russland und Rumänien noch nicht “bereit” die serbischen Gefangenen aufzunehmen. Nazi-Deutschland beschloss daraufhin kurzerhand die Judenfrage durch Massenerschießungen zu lösen, die Methode, denen auch sowjetische Juden zum Opfer fielen. Es waren hauptsächlich Männer, die wagenweise aus Arbeitslagern zu den Massenerschießungsfeldern deportiert wurden.
Im Oktober 1941, als der Partisanen-Widerstand schließlich wuchs, erliess der damalige kommandierende General Franz Böhme seinen Vergeltungserlass: die Exekution von 100 Zivilisten für jeden getöteten deutschen Soldaten und die Exekution von 50 Zivilisten für jeden verwundeten deutschen Soldaten. In den zwei Monaten in den Böhme kommandierte, wurden rund 30 000 Zivilisten in Serbien erschossen, davon nahezu sämtliche jüdischen Männer.

Im Dezember 1941 schließlich eröffnete das “Judenlager Semlin” in Staro Sajmište. Dort wurde in den folgenden sechs Monaten die verbleibende jüdische Bevölkerung – die zu diesem Zeitpunkt nahezu ausschließlich aus Kindern, Frauen und Alten bestand – systematisch ermordet. Die meisten von ihnen, die in Semlin nicht an Hunger, Kälte oder Krankheit starben, wurden vergast – in einem als Polizeifahrzeug getarnten Wagen. Der aus Berlin eingetroffene Wagen (Firma Saurer), der in Belgrad schnell traurige Berühmtheit unter dem Namen “Seelentöter” erlangte, hielt das erste Mal im März 1942 vor den Toren des “Judenlager Semlins”.

Der "Seelentöter", mit dem die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg in Belgrad vorwiegend jüdische Frauen, Kinder und Alte vergasten

Während einer der beiden Fahrer die Kinder mit Süßigkeiten anlockte, versprach die nationasozialistische Lagerpolizei den Erwachsenen den Umtransport in ein anderes, besseres Lager. Viele meldeten sich daraufhin freiwillig für den Transport. Auf der Ladefläche des “Seelentöters” hatten mehrere duzend Menschen Platz. Nachdem der Wagen einige hundert Meter über die Brücke der Sava gefahren war, hielt er kurz an. Der Beifahrer des Fahrzeuges stieg daraufhin aus dem Wagen, richtete die Spezialkonstruktion des Auspuffes nach innen in den luftdicht verschlossenen Laderaum und fuhr mitten durch das Zentrum von Belgrad 10 Kilometer außerhalb der Stadt zu einem Schießplatz in Jajinci. Die Frauen, Kinder und Alten wurden nicht erschossen, wie zuvor die meisten ihrer Männer. Als sie Jajinci erreichten, waren sie bereits tot. Vergast in einem fahrenden Wagen.

Im Sommer 1942 meldete der Chef der Sicherheit Emanuel Schäfer, dass Belgrad die einzige Europäische Hauptstadt sei, die “Judenrein” sei. In Serbien, wie zuvor bereits in Estland, erreichten die Nazis erreichten ihr Ziel: die “Endlösung”.

Sajmište und das, was damals im Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände passiert ist, interessiert heute kaum noch jemanden in Belgrad. Viele fahren täglich an dem Gelände vorbei ohne zu wissen, was für ein Horror sich dort abgespielt hat. Sajmište ist auch kein Thema in der Schule. Vor allem aber hat der letzte Balkankrieg noch zu viele frische Wunden hinterlassen. Statements wie “die NATO hat uns damals mit Uranium bombardiert” sind zu hören. Bei der Frage nach Sajmište erntet man oft nur erstaunte oder unwissende Blicke.
Auf dem Gelände selbst, das heute von Künstlern genutzt und von oftmals armen Familien, unter ihnen viele Roma, bewohnt wird, erinnert nur eine unauffällige Tafel generell an die Opfer des Faschischmus.

Straßenszene auf dem Gelände von Staro Sajmiste heute

Straßenszene auf dem Gelände von Staro Sajmiste heute

Auch in Deutschland ist Sajmište weitestgehend unbekannt. Oftmals reicht das Wissen über die tödliche Besatzung der deutschen Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges nicht einmal bis nach Südosteuropa.

Sajmište scheint vergessen. Die Erinnerung verdrängt oder ausgelöscht. Das Interesse nicht vorhanden. Doch Sajmište hinterlässt viele Fragen für das heute: Wieso ist dieser Ort des Grauens so unbekannt? Was wissen die Belgrader heute noch über Sajmište? Weshalb gibt es so wenig Forschung zu diesem Thema? Weshalb scheint das Thema tabuisiert? Welche Interessenskonflikte spiegeln sich in Sajmište wieder? Welche politischen, ökonomischen und zivilgesellschaftlichen Akteure sind mit diesem Ort beschäftigt? Inwiefern hängt der letzte Balkankrieg mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen? Fragen, die auch in der Vergangenheit gesucht werden müssen: Wo befinden sich die Dokumente der Nazis über das Lager, die nicht zerstört wurden? Inwiefern war die damalige lokale Administration in die Morde der deutschen Besatzer verwickelt? Wie verhielt sich damals die Bevölkerung Belgrads gegenüber den Opfern und den Tätern? Zu welchen Solidaritätsbeziehungen kam es? Und wie kann die Vergangenheit in die Gegenwart Eingang finden: Wie kann Sajmište zu einem Ort der Erinnerung werden, ohne die dort ansässige Bevölkerung, die teilweise in jahrzehntelangem Besitz ihrer Wohnungen auf dem Gelände ist, umzusiedeln? Wie können Stadtpolitiker und interessierte Investoren, die kommerzielle Zentren auf einem der mittlerweile teuersten und attraktivsten Grundstücke Belgrads installieren wollen, davon überzeugt werden, dass Sajmište erinnert und nicht kommerziell ausgeschlachtet werden soll? Welche Alternativen gibt es zu “toten” Museen und Denkmälern, die die Diskussion über das Thema eher stoppen als evozieren? Wann ist Erinnerung politisch? Und weshalb ist Erinnerung überhaupt wichtig?

Hier ist ein multimedialer Besuch von Sajmište möglich, wo Bewohner, Künstler, Politiker und Medienmacher zu Wort kommen, die alle andere Visionen für die Zukunft des Geländes haben.




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