Archive for the 'roma/gypsies' Category

04
Jul
11

Von Sündenböcken in Jägerkasernen – Mazedonische Roma in Sachsen. Zur Geschichte eines Gerüchtes 

Als die EU am 19. Dezember 2009 den Visumzwang für Mazedonien, Serbien und Montenegro aufhob, war dort die Freude groß: Bis zu 90 Tage sollten sich Angehörige dieser Staaten nun legal innerhalb der EU-Schengengrenzen aufhalten dürfen. Was dann geschah, war vorherzusehen. Tausende von Menschen wechselten aus rechtlicher Perspektive von einem legalen Status in den anderen und beantragten vor Ablauf ihres Touristenvisums Asyl. Denn zu Hause war ein hartnäckiges Gerücht im Umlauf: Wer im Besitz eines biometrischen Passes sei, hieß es, könne nach Westeuropa auswandern. In Belgien oder in den skandinavischen Staaten erhalte man sogar Asyl. Für Angehörige von Minderheiten wie mazedonischen Roma oder Albanern, die unter struktureller Arbeits- und Perspektivlosigkeit leiden, ein verlockendes Angebot.

545 Menschen sollen es laut dem Medienservice allein in Sachsen gewesen sein, die in den ersten neun Monaten nach Abschaffung des Visumzwangs Anträge auf Asyl gestellt haben, im Vergleich zu insgesamt 45 im Jahr 2009. Der Spiegel schrieb von einer „Asylbewerberwelle“, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) von einem „offenkundigen Missbrauch“ des Asylrechts und Sachsens damaliger Innen- und amtierender Staatsminister Markus Ulbig (CDU) wetterte: „Wer missbräuchlich Asyl beantragt, schadet denen, die unseren Schutz brauchen. Hier muss der Staat reagieren.“ Wie ein autoritärer Vater, der nicht weiß wie er seine undisziplinierten Kinder, bestrafen soll, reagierte der Staat, indem er bereits im vergangenen Oktober die finanziellen Rückkehrhilfen strich – 400 Euro pro erwachsene Asylsuchende aus Serbien und Mazedonien, der “freiwillig” das Land verlässt. Schliesslich sei nicht auszuschließen, verlautete in sächsischen Regierungskreisen, dass die AsylbewerberInnen nur gekommen wären, um das Geld abzugreifen.
Das Argument hatte schon jemand anders salonfähig gemacht: Sarkozy, während der massiven Abschiebungen von Roma aus Frankreich.
Für den Staat ist die freiwillige Rückkehr billiger als Abschiebungen. Und sie werfen in den Statistiken für die EU und für die der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ein wärmeres Licht auf die im internationalen Kontext als repressiv bekannte Ausländerpolitik in Deutschland.

In einer Pressemitteilung vom September 2009, beklagte die Landesdirektion Sachsen eine “punktuellen Belastung” speziell von Asylbewerbern aus Mazedonien, deren Unterbringung sich immer schwerer gestalte. Man arbeitete an Lösungen, hiess es weiter. Trotz des überproportionalem Gebäude-Leerstandes in Sachsen, sind es oft ehemals militärische Gebäude, die zur “lösenden” Unterbringung der Flüchtlinge umfunktioniert werden. Wie in Schneeberg im Erzgebirge, wo die Mazedonischen Flüchtlinge im Zuge der “Migrationswelle” in einer Jägerkaserne untergebracht wurden. Noch vor ihrer Einquartierung, heizte Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) die Stimmung in der Regionalpresse an. Ein Anstieg von Diebstählen im Ort sei nicht auszuschließen. Zudem sei eine Erstaufnahmeeinrichtung in Schneeberg „nicht gerade förderlich, wenn ich dort Gewerbe ansiedeln will“. Die Gefahr in Verzug durch die eingereisten “Nichtdeutschen” wie “Ausländer” im Kriminalistik-Slang genannt werden, sieht auch der neue Eigentümer der Jägerkaserne Gustav Struck, Bruder des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD). Auch er könne nicht ausschließen, dass die Vermarktung des Geländes durch die Unterbringung von Asylbewerbern erschwert werde.

Die Landesdirektion Chemnitz bemühte sich die mazedonischen Familien zur „Zurücknahme der Asylanträge und zur freiwilligen Ausreise“ zu bewegen. Im November fuhren schließlich zwei mit
Flüchtlingen gefüllte Reisebusse von Sachsen nach Mazedonien.
Auch in Leipzig ist die Überredung zur freiwilligen Ausreise bereits übliche Praxis geworden. Im Flüchtlingsheim, in Grünau, werden speziell mazedonische Roma-Familien von Behörden-VertreterInnen aufgesucht, die das Einverständnis ihrer freiwilligen Ausreise unterschreiben sollen.
Für Lunchpakete werde gesorgt.

Auch auf europäischer Ebene wurden Maßnahmen getroffen. Brüssel ermahnte die mazedonischen Behörden. Das zeigte bereits Wirkung. Mazedonische Behörden schlossen im März mehrere Reiseagenturen, die Ausreisewillige nach Westeuropa transportiert haben sollen. Eines der betroffenen Busunternehmen in der Hauptstadt Skopje gehörte der Familie eines Abgeordneten, der die Roma im mazedonischen Parlament vertritt. Währenddessen wird in Skopje ein architektonisches Prestige-Projekt geplant: bis 2014 sollen Denkmäler und repräsentative Bauten im Zentrum von Skopje für 80 Millionen Euro saniert werden. Gelder für ökonomisch rückständige Gebiete wie die, in denen Roma leben, werden indes nicht locker gemacht. Also gehen sie. Hier angekommen geht es ihnen meist nicht viel besser. Arbeiten dürfen sie auch hier nicht. Schließlich gelten integrative Maßnahmen für Geduldete nicht. Dabei müsste die Stadt Leipzig sie willkommen heißen, denn laut dem Amt für Statistik und Wahlen der Stadt , sind es “überdurchschnittlich Migranten-Familien unterschiedlichster Herkunft, die durch Kinderreichtum dafür sorgen, das die Geburtenraten in Leipzig in den letzten Jahren beständig über bundesdeutschem Durchschnitt lagen.”

Dieser Text wurde im Feierabend Nr.41, Libertäres Monatsheft für Leipzig veröffentlicht

06
Dec
10

roma and urban transformation in sarıgöl/ istanbul

“Können sie uns sagen, wie wir nach Sarıgöl kommen?” fragen wir ein paar Çay trinkende Männer in einem Kaffeehaus. Sarıgöl ist ein mahalle (Nachbarschaft, Stadtviertel) in Gaziosmanpaşa auf der europäische Seite von Istanbul. Araber, Kurden und viele Roma leben dort. Wir haben gehört, dass dem mahalle ein ähnliches Schicksal bevorsteht wie Sulukule vor zwei Jahren: Stadtviertelerneuerung. Das Wort klingt gut, ist es aber nicht. Die kleinen, einstöckigen slumartigen Häuser im Viertel, so genannte gecekondus, die meisten mehrere Jahrzehnte alt, sollen abgerissen werden. Wir wollen wissen, was es damit auf sich hat.

“Sarıgöl? Das ist kein Viertel für euch, Mädchen. Es ist gefährlich. Dort hinuzugehen ist gefährlich. Was wollt ihr denn dort?” “Wir machen eine Recherche zum städtischen Wandel.” “Das ist schön, aber ihr solltet dort wirklich nicht hingehen.” Ein anderer sagt: “Ja, er hat Recht, ich wohne dort selbst seit vielen Jahren und selbst ich würde Euch diesen Ort nicht empfehlen.” “Also ich mein, wenn ihr dort unbedingt hinwollt, dann begleite ich euch natürlich” lässt der erste gönnerhaft verlautbaren, “wartet noch bis ich meinen Çay getrunken habe.”

Sarıgöl liegt am Hügel, kleine steile Gässchen winden sich in das Tal, das aussieht wie eine Riesenmüllhalde. Dazwischen vereinzelt ein paar gecekondu-Häuschen (über Nacht ohne Baulizenz gebaute Häuser). Roma Frauen in langen bunten Röcken laufen den Strassen. Wir werden neugierig, aber freundlich angeschaut. Weniger misstrauisch als sonst. Mensch begrüsst uns. Wir fühlen uns weder bedroht noch unwohl. Wir kommen mit den ersten Romanlar ins Gespräch, stellen uns vor. Wir fragen sie, ob sie wissen würden, dass die Stadt hier Häuser abreissen will. “Die Stadt will hier Häuser abreissen? Nein, davon haben wir noch nichts gehört, woher wisst ihr das?” Wir haben das in einer Kurzmeldung in der Hürriyet gelesen.” “Doch, natürlich wissen wir das,” mischt sich eine andere Frau ein. Sie waren schon da und haben unsere Häuser ausgemessen. Dort drüben, seht ihr, dort wo jetzt keine Häuser mehr stehen”, sie weist auf die Müllhalde, die andere Seite des Hügels, dort haben sie schon angefangen.” “Ja, unser mahalle hat der Stadtgemeinde schon einen Brief geschrieben, dass wir nicht damit einverstanden sind. Wir sind arme Leute, wir haben nichts. Unsere Häuser sind brüchig. Seit über 20 Jahren dürfen wir offiziell unsere Häuser nicht selbst sanieren und von der Stadt kommt keine Hilfe. Nicht einmal einen Nagel dürfen wir in unsere Häuser schlagen, obwohl sie unsere Väter selbst gebaut haben. Die Stadt sagt, die Häuser gehören uns nicht, weil wir damals keine Baulizenz hatten. Toki (das größte Bauunternehmen der Türkei) will uns jetzt die Häuser abkaufen.” “Wieviel Geld bieten sie Euch dafür?” “50 Milliarden YTL (2500 Euro).” “Aber ich werde mein Haus nicht für so einen Spottpreis verhökern. Ich habe eine Familie und vier Geschwister. Wenn die Stadt uns ein paar Stockwerke auf unser Haus bauen würde und wir weiter darin leben können, würde ich es verkaufen, aber sonst keine Chance.” “Was macht ihr, wenn sie wie in Sulukule einfach mit dem Bagger kommen und die Häuser einreissen?” “Was sollen wir machen? Wir sind arm.” “Seid ihr organisiert?” “Organisiert? Was heißt das? Das verstehe ich nicht.” “Ich meine, habt ihr eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass eure Häuser nicht eingerissen werden?” “Nein, so etwas haben wir nicht”. “Werdet ihr euch denn wehren, wenn sie kommen?” “Ja, auf jeden Fall werden wir uns wehren. Wir leben hier seit Jahren, wir haben uns an hier gewöhnt.” “Dort unten,” wir zeigen in das Tal “wer wohnt denn dort?” “Dort könnt ihr nicht hin, Mädchen, dort unten ist es wirklich gefährlich, nicht so wie bei uns,” “Ja, wirklich” eine andere Frau pflichtet ihr bei “dort unten könnt ihr um diese Zeit (es ist 4 Uhr nachmittags) auf keinen Fall hin. Die verkaufen Drogen dort unten, Haschisch und Heroin, sie rauben euch aus und wollen euch vergewaltigen. Ich lebe hier seit 31 Jahren. Wir sind saubere Leute. Hier bei uns auf den Strassen seid ihr sicher, aber dort unten ist es vorbei” “Wer wohnt denn dort?” “Die meisten sind Kurden. Dort drüben, dort wo sie die Häuser bereits eingerissen haben, hatten sich die Bewohner bei der Stadtgemeinde beschwert, weil vor ihren Häusern Drogen verkauft wurden. Sie haben sich nicht mehr sicher gefühlt. Eine Weile später wurden ihre Häuser eingerissen.” “Mädchen, wenn ihr wollt, gehen wir ins Haus, kommt wir können dort etwas trinken und uns dort weiter unterhalten. Aber nur die Mädchen”. Unser Begleiter, der uns die ganze Zeit keinen Meter von der Seite rücken wollte, verabschiedet sich von uns. Wir sind froh ihn loszuwerden. Ceriye führt uns in ihr Haus. Wir ziehen die Schuhe aus und steigen in ein kleines, enges Zimmer, in dem zwei Sofas und ein Fernseher stehen. Der Raum ist sehr sauber. Der Ofen glüht, es ist warm. Ihr Mann holt einen Fruchtsaft und Kekse. Eine Nachbarin und der erwachsene Sohn sind anwesend. Auf ihre Frage wer wir sind, antworten sie, dass wir Journalisten sind. “Wisst ihr, wenn sie uns umsiedeln, siedeln sie nicht das ganze mahalle um. Das ist das schlimmste, das wir dann nicht mehr zusammen wohnen können. Sie versuchen uns kaputt zu machen. Unsere Männer arbeiten als Musiker oder Verkäufer. Sie kaufen Klamotten, Telefone und so weiter. Sie haben ihre Märkte und Kunden hier.” “Ja, schaut, ich arbeite in der Kosmetikbranche”, sagt der Ehemann von Ceriye und kramt eine Gucci-Parfumschachtel aus einem Schrank. Es ist gutes Parfum, wenn ihr welches kaufen wollt…” und bevor ich etwas sagen kann sprüht er mir das Parfum auf die Hand. Entschuldigend winke ich ab und gebe zu, dass ich nicht viel für Parfums übrig habe. “Ja wir haben gute Jobs, wir verkaufen keine Drogen, wir sind saubere Leute.” “Nennt ihr euch eigentlich Roma oder Zigeuner?” Der Mann antwortet lachend: “Zigeuner? Nein, wir sind keine Zigeuner, wir sind Romanlar.” “Und wer sind die Zigeuner?” fragen wir zurück. “Die Zigeuner sind die, die zum Beispiel unter der Brücke in Esenler am Busbahnhof leben. Sie leben in Zelten und arbeiten als Müllsammler, als Papiersammler, sie haben nicht so gute Jobs wie wir.”

04
Sep
10

Roma und die pathologisierende Berichterstattung



Die französische Regierung folgt derzeit dem „Sicherheitspaket“ Italiens aus dem Jahr 2008. So genannte “Nomaden” wurden damals als Bedrohung der nationalen Sicherheit dargestellt. Auf Grundlage der damit verbundenen Notstandsgesetzgebung wurden schließlich alle nicht italienischen Roma ausgewiesen. Dass es schon lange Praxis innerhalb der EU ist, die größte europäische Minderheit systematisch zu “entfernen”, hat die Medien bislang relativ wenig interessiert. Dafür, dass sonst – außer den üblichen Sterotypen – nur wenige etwas über Roma/Zigeuner zu wissen scheinen, wird seit Beginn der Deportationen der Roma in Frankreich nun erstaunlich viel “Fachwissen” über sie verbreitet. Und mit dem vermeintlichen Fachwissen werden erneut Sterotype transportiert.

In einem aktuellen Artikel der Welt mit dem Titel “Die Macht der Roma-Clans behindert ihre Integration” listet der Autor Pierre Heumann anhand von sechs “Hindernissen” auf, weshalb Roma es nicht schaffen sich in westliche Gesellschaften zu integrieren. In Folge werde die meines Erachtens problematischten “Hindernisse” (die ersten vier) kurz unter die Lupe nehmen.

“Hindernis Nr. 1: das Verhältnis zur Arbeit” (oder: Individuell=arbeitsuntauglich?)

“Eigene Fehler hindern viele Roma daran, Anschluss an die Moderne zu finden”, so Heumann und pathologisiert im Folgenden ungeniert ihre Kultur. Als “eigene Fehler” wertet der Autor hier “kulturelle” Merkmale. Roma sind demnach selbst schuld, dass die systematisch von Abschiebungen bedroht sind? Gute Journalsitische Artikel leben davon, dass sie mehrere Seiten beleuchten und nicht nur eine. Die Schuld einer Kultur in die Schuhe zu schieben ist historisch schon immer einfach und schmerzfrei für die Ankläger-Seite gewesen. Kulturen bevölkern aber gemeinsam die Regionen in denen sie leben und sie beeinflussen sich. Sarkozy nach dem Mund zu reden und zu behaupten, Roma seien eben nicht integrationswillig, verkürzt die Realität. Auch wenn Roma sich historisch schon immer von ihren Mehrheitsbevölkerungen abgegrenzt haben, waren es gleichzeitig auch diese Mehrheitsbevölkerungen, die sie ausgegrenzt haben.

Roma, so Heumann, dulden keine hierarchischen Strukturen. Der Sozialanthropologe Thomas Acton, der seit den 1960er Jahren zur Sozialstruktur von Roma in Europa forscht, interpretiere dies als Reaktion auf die Unterwerfung unter die Nichtroma (die sogenannten Gadsche), welche die Roma seit ihrer Einwanderung nach Europa vor rund tausend Jahren hinnehmen mussten.

Diese Ablehnung von Hierarchien (vor allem auch unter Einbeziehung der historischen Aspekte) ist sehr verständlich. Wieso kommt der Autor nicht auf die Idee das Prinzip Hierarchie grundsätzlich zu hinterfragen? Denn, was ist eigentlich gut an Hierarchien? Mittlerweile gibt es in unserer “mobilen und flexiblen” postmodernen Gesellschaft viele Gruppen, die hierarchische Strukturen am Arbeitsplatz ablehnen, bzw. abbauen möchten. Der Terminus “flache Hierarchie” gilt in der Ära der sozialen Netzwerke und interaktiven Open-Source-Technologien , nicht nur als arbeitnehmerfreundlich, sondern auch als obligatorisch für jene Arbeitgeber, die sich gerne als modern und hip outen.

Ein anderer Aspekt des “Hindernis Nr. 1” ist, laut Heumann, die nicht vorhandene Fähigkeit von Roma in langen Zeiträumen zu planen. Dies wäre einer Integration in die moderne Industriegesellschaft abträglich.

Abgesehen davon, dass es sich hier um eine grobe, ungeprüfte Verallgemeinerung handelt, frage ich mich, ob wir mittlerweile schon so weit sind, dass hier nur leben darf, wer in langen Zeiträumen planen kann? Ob Herrn Heumann außerdem schon einmal aufgefallen ist, dass die Fähigkeit in langen Zeiträumen zu planen nicht nur Menschen abgeht, die nichts für unsere “Zeit-ist-Geld-Gesellschaft” übrig haben, sondern tendenziell auch unseren lieben Politikern, die mit “Nachhaltigkeit” zwar gerne Wahlkampf betreiben, aber in der Regel höchstens bis zur nächsten Legislaturperiode sehen. Welchen Grund gibt es hier, einer Minderheit so exklusiv eine Eigenschaft zu verpassen, die unserer ach so homogenen Gesellschaft entgegenläuft, außer genau diese Minderheit zum genuin “Anderen” hochzustilisieren?

“Hindernis Nr.2: Kultur” (oder: Kein Geld, keine Rechte?)

Wer über Kultur schreibt, sollte sich damit auskennen, oder sehr sorgfältig recherchieren: Beides trifft auf Heumann nicht zu. Ansonsten stehen die so genannten “kulturellen Merkmale” schnell synonym für das, was mensch früher als “rassisch bedingt” interpretiert hat.

Ein Beispiel. Über die Kultur der Roma, weiß Heumann nach der Lektüre einer Quelle, die nicht weiter benannt wird: “Was nach dem Tod eines Familienvorstandes nicht zerstört wurde, wurde verkauft. Man wolle nicht in einem Haus leben oder Land besitzen, das mit dem Toten assoziiert werde. So ist es nicht möglich, Vermögen aufzubauen.”

Der letzte Satz soll wohl selbst erklärend sein: Wer kein Vermögen aufbauen kann, hat hier nichts zu suchen!?
Tatsächlich gibt es beispielsweise bei den Sinti in Südtirol (siehe Elisabeth Tauber) oder bei den Manuš in Zentralfrankreich (siehe Patrick Williams), den Brauch den Wohnraum des Verstorbenen zu verlassen, zu zerstören, oder auch im Falle der ökonomischen Dringlichkeit zu verkaufen – ohne dabei allerdings Wert auf einen guten Deal zu legen. Der Grund dafür, der hier von Heumann ausgeblendet wird, liegt im Respekt gegenüber den eigenen Toten. Stille und Vergessen sind die vollsten Formen des Respekts, der “Gläubigkeit” gegenüber den Toten, gegenüber der Erinnerung. Respekt gegenüber den Toten walten zu lassen, ist eine Fähigkeit, die der medialen Berichterstattung übrigens oft abgeht. Ich erinnere nur an das medial aufbereitet Sterben der schwedischen Außenministerin Anna Lindh oder den entgleisten Chroniken zu Michael Jackson’s Tod. Respekt vor dem Tod, so scheint es, wird heute weniger Wert beigemessen, als der Fähigkeit kapitalwirksames Vermögen aufzubauen.

“Hindernis 3: Schule und Ausbildung” (oder: Lektionen in Demut)

Heumann schreibt:

“Mit der Betonung der Gegenwart einher geht die Skepsis gegenüber einer schulischen Ausbildung. In Deutschland kommen die meisten Kinder von Roma-Familien zwar der Schulpflicht nach. Doch viele besuchen die Lektionen unregelmäßig, stellte die deutsche Ethnologin Ute Koch bei einer Feldstudie mit Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien fest, die in einer westdeutschen Großstadt leben.”

Der Nationalstaat hat ein Interesse daran die Menschen in seinem Land zu integrieren. Soziologen, Philosophen und Anthropologen, sie sich mit National-Staaten beschäftigt haben, sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne von staatlicher Kontrolle. Ein Grund übrigens, weshalb Menschen ohne festen Wohnsitz wie Nomaden, vom Staat davon abgehalten werden, Ländergrenzen zu übertreten: Wer nicht erfasst ist, zahlt keine Steuern und entzieht sich der staatlichen Bildung. Aus staatlicher Perspektive ein No-go.

Für viele Roma und auch andere Gruppen wie beispielsweise englische Traveller macht das staatliche Bildungssystem wenig Sinn. In die Schule zu gehen bedeutet nämlich nicht immer relevante Dinge zu lernen. Die werden vielmehr in der familiären Ausbildung weiter gegeben und sind oft mit Tätigkeiten verbunden, die seit Generationen von der jeweiligen Familie praktiziert werden wie traditionellem Handwerk.
Bei unserem Bildungssystem hört die Individualität auf. Schüler, die in bestimmten Bereichen gefördert werden möchten/sollten, müssen dafür teilweise kostenpflichtige AGs besuchen (in Köln ist beispielsweise an vielen Schulen der Kunst-Unterricht abgeschafft worden und durch kostenpflichtige AGs ersetzt worden), sich dafür in ihrer Freizeit kümmern oder haben, sollten sich die Eltern keine Vereine etc. leisten können, schlicht Pech gehabt.

“Hindernis 4: Eigentumsbegriff” (oder: Teilen ist asozial)

Heumann dazu:

Die Eigentumsverhältnisse sind fließend. Man helfe sich wie unter Brüdern gegenseitig aus, ganz im Sinne einer Gemeinschaftsethik, die einem egalitären Verhältnis unter Roma entspreche. Statt vom individuellen Eigentum werde das Roma-Denken in vielen Fällen vom Primat des kollektiven Familienbesitzes geleitet, meint der tschechische Anthropologe Marek Jakoubek.

Wird über Eigentum geredet wird, ist die “individualistische Perspektive” wieder angebracht, die beim Thema Arbeit und Kultur noch als hinderlich eingestuft wurde. Die Frage, die sich hier aufdrängt: Kann diese Gemeinschaftethik, die sich im übrigen bei den meisten nicht-westlichen Kulturen findet, Ausschlag gebend dafür sein, dass es Roma nicht gelingt sich zu integrieren? Oder ist es so, dass wer sich hilft wie unter Brüdern, bei uns fremd ist?

Soll dieser Artikel eine Erklärung für die völlig inakzeptable politische Praxis der französischen Regierung sein? Weshalb schreibt der Autor nur darüber, dass Roma sich nicht integrieren wollen? Wieso erwähnt er in keiner Zeile die strukturellen, staatlich bedingten Faktoren, die einer solchen Integration im Wege stehen? Weshalb wird nicht darauf verwiesen, dass Deportationen das Gegenteil von Integration darstellen, nämlich aktive Exklusion? In dem Artikel werden auffallend viele Anthropologen und Tsiganologen wie Thomas Acton, Michael Stewart und Marek Jacoubek zitiert. Diese Leute sind in langjährige Forschungen mit und bei Roma involviert. Ihre Stimmen einzuholen ist sinnvoll und wichtig und trotzdem: Wieso kommt kein einziger betroffener Rom selbst zu Wort?

Mir liegt es fern, Heumann`s Artikel ausschließlich schlecht zu machen. Ich möchte ledigleich darauf hinweisen, dass sehr viele Passagen missverständlich sind. Gleichzeitig gibt es auch gute Passagen, wie beispielsweise das Ende, wo Heumann auf das eigentliche Dilemma verweist: Auf der einen Seite sollen Roma sollen im Interesse ihrer Integration die westlichen Kulturprämissen annehmen. Anderseits sollen sie auch ihre Eigenart und ihre Kultur bewahren.

Seit es Roma gibt, leben sie in einem Spannungsverhältnis zur jeweiligen Mehrheitsbevölkerung. Tatsächlich ist das wahrscheinlich die einzige Gemeinsamkeit, die die sehr verschiedenen Roma-/Zigeunergruppen eint. Vielleicht wollen sich manche nicht integrieren, ganz sicher aber haben auch viele Nicht-Roma kein Bedürfnis daran sie in ihre Gesellschaft zu integrieren. Bisher hat es (abgesehen von den ehemaligen Ostblock-Staaten) noch kein National-Staat geschafft, sie in seinem Interesse zu integrieren und assimilieren. Roma sind wer sie sind. Versuche sie zu vertreiben werden auf längere Sicht scheitern. Nicht nur weil die Grenzen in der EU offen sind und die deportierten Roma mit noch mehr Verwandten zurückkommen. Sondern, weil eine Gesellschaft, die sich plural nennt und beginnt bestimmte (ethnische Gruppen) zu exkludieren, sich selbst zerstört.

Mehr Informationen aus der Presse gibt es hier:

Artikel von Georges Soros in der Welt. Soros ist Vorstand des Open Society Instituts, Schüler von Karl Popper und Milliardär. Seit Jahren setzt er sich für die strukturelle Gleichberechtigung von Roma ein.

Artikel aus dem Schweizer Tagesanzeiger vom Beginn der Deportationen in Frankreich.

“Darf Frankreich Roma massenweise ausweisen?” Ein hinterfragender Artikel auf tagesschau.de

“Auf der Flucht von den Bulldozern”. Ein Artikel aus der taz

Eine andere Perspektive bietet Alexandre Lévy auf seinem französischen blog “Western Balkans”. Hier ein Post über die “Galaxie Rom” und die Arbeit der französischen Kalderasch

Eine aktuelle Zusammenstellung des Eurotopics.net von unterschiedlichen europäischen Tageszeitungen zum Thema Roma in Europa

Am 4. September gab es eine Protestmarsch in Belgrad, der vor die französische Botschaft und das EU-Hauptquartier in der serbischen Hauptstadt zog. Roma und Nicht-Roma protestierten gemeinsam. Vor der französischen botschaft riefen sie den Slogan der französischen Revolution “Liberté, égalité, fraternité, solidarité”. Es entstand eine Audioslide-Show

15
Sep
09

Eye candy – the art of hair

If you go to Shutka/Macedonia in the summer you will notice mainly two things: people building houses and people celebrating weddings new borns and circumsicions. In order to attend an official festivity, particulary women dress up, sometimes several times a day in different dresses depending on the ocassion and location. One thing that strucked me most every time I participated or observed women doing their body preparations for celebration or dancing during the ceremonies, was their incredible hair. Not rarely it takes them several hours or even days to get the taintless hair they desire. And then: layers of perfect curled raven-black or dyed-blond hair, pieces of art somewhere between sacral architecture and opulent, voluptuous pastry. Excuberant Grace. Fantastic.








13
Sep
09

Shutka – Momente aus einem Sommer in der Stadt der Roma

Auf der Strassen Shutkas, im Norden Skopjes....

Auf den Strassen Shutkas, im Norden Skopjes....


...beschäftigen sich die BewohnerInnen selbst, denn offiziell arbeitslos sind fast alle....


.....sie bauen Häuser im Akkord.....

.....sie bauen Häuser im Akkord.....


.....und lieben Prestige: Teppiche,....


.....Kinder......

.....Kinder......


.....gutes Essen........

.....gutes Essen........


.....Feste......

.....Feste......


und Freundschaften........so wie überall dort auf der Welt wo das Leben prall, bunt und laut ist.

und Freundschaften........so wie überall dort auf der Welt wo das Leben prall, bunt und laut ist.

13
Sep
09

Wort-Händel in Shutka

207 (84)

Es ist später Nachmittag. Eine Gruppe ortsansässiger Roma hat sich vor einem Haus in der Volt Dizni Straße versammelt. Eine hitzige Debatte ist im Gange. Wild gestikulierend reden Männer und Frauen durcheinander. Sie streiten sich über Rang, Status und Daseinsberechtigung ihrer Dialekte. Insgesamt besitzt die Roma-Zunge (romani chib) über 60 Dialekte. Allein in Shutka werden mehr als ein Dutzend davon gesprochen: Madjuri, Arli, Djambasi, Topaanski, Kovachija, Barutchi, Ashkalija, Xoraxane, Gavutne. Einzelne (Sprecher-) Gruppen behaupten von sich „älter“ zu sein oder „die bessere Sprache“ zu besitzen.

Wenn die Bewohner Shutkas über ihre Sprache debattieren, wiegen sie die Wörter ab, wie Händler ihre Paprika auf dem Markt. Statt Farbe und Reife bestimmen Klang und Alter den Wert der Worte. Die Menge bestimmt wie auf dem Markt auch hier das Gewicht – nicht die Menge an Worten, sondern die Menge an schlagfertigen Argumenten der Wortverfechter ist dabei ausschlaggebend. Ähnlich wie auf dem Markt gleicht die Szenerie rund um die Wort-Händler mit ihrer positiv aufgeladenen Stimmung einer Auktion.

Gerade wird ein neues Wort der Begierde ausgehandelt: Maus, das im Arli-Dialekt kermuso und im Djambasi-Dialekt kandoi heißt, ist der Aufhänger für ein spontanes Improvisations-Theater mit explosiver Handlung. Mit einer guten Portion Pathos und einer buchstäblich bewegenden Verteidigungsrede versucht ein kleiner, alter Mann mit schütterem Haar, die Umstehenden von dem authentischen Klang des Djambasi-Wortes zu überzeugen.

K-a-n-d-o-i. Er lässt das Wort auf seiner Zunge zergehen, lautmalerisch den Klang des Wortes zärtlich mit seinen Händen nachzeichnen, wie ein Liebhaber den Körper seiner Geliebten. Dann schaut er seine Zuschauer provozierend an, als wolle er sagen: „Habe ich euch nicht gesagt, dass nur unseres das Beste sein kann?“ Sein Nachbar wi-derspricht energisch: K-e-r-m-u-u-u-s-o! Mit der Wucht eines kleinen Orkans fegt das Wort aus seinem Mund in das noch leicht verzückte Gesicht seines Gegenübers. Überschwänglich, aber mit unnachgiebiger Bestimmtheit versucht er, das Wort, das gerade seinem Körper entwichen ist, in der Luft zu greifen, wie ein Dirigent, in dessen Körper der Geist der Noten gefahren ist. Für einen kurzen Moment blicken sich die Wort-Opponenten tief und funkelnd in die Augen. Es ist, als ob sie sich gegenseitig des Mundraubes bezichtigten; die rhetorischen Anklagen wiegen schwer.

Selbst wenn sich die Worte ähneln, wie beispielsweise bei Topf, das tendjera in Arli oder tendjerava im Djambasi heißen kann, wird geräuschvoll darüber diskutiert, welche Roma-Gruppe die ältere ist und das Wort als erstes auf den Sprach-Markt geworfen hat. Meistens steht Aussage gegen Aussage, wobei der Begriff der Aussage aussagelos gegenüber dem steht, was sich tatsächlich auf der Sprach- und Konfliktbühne Shutkas abspielt: Schauspiel gegen Schauspiel. Nicht der reine Inhalt der Argumentation ist es, der zählt, sondern vielmehr die Darbietung der Argumentation, ihre Verkörperung. Während in unseren Breiten der körperliche Einsatz in Unterhaltungen dazu benutzt wird, dem Gemeinten Nachdruck zu verleihen, scheint es hier, als würde das Gesagte die Körpersprache unterstreichen. Wer es schafft dem Gemeinten den be-wunderungswürdigsten Ausdruck zu verleihen, steht hoch in der Gunst des Publikums. Für ein publikumswirksames Rezept braucht Bewunderung Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit Übertreibung. Übertreibung ist deshalb eine der wichtigsten Zutaten der hitzigen Diskussionsbühnen in Shutka.

Auch wenn ich in solchen Momenten neben der aufgekratzten Menschentraube stand, besorgt darüber, dass der lautstarke Streit jeden Augenblick eskalieren könnte, gehörten diese Kontroversen für die Be-wohner von Shutka zur Kommunikation des Alltags. Die Bedeutung der Unterhaltung wird hier buchstäblich ausgeschöpft, denn es bedeutet sowohl eine Konversation zu führen, das Gespräch zu pflegen und in Stand zu halten, als auch sich zu unterhalten im Sinne von Entertainment. Ein Gespräch, so scheint es fast, ist kein Gespräch, solange es kein Vergnügen bringt. Sich zu Vergnügen ist dabei aber nicht gleichbedeutend mit reinem Amüsement. Auch Streit kann, wie im Falle der Wort-Händler, durchaus dem Entertainment dienen, vor allem dem des Publikums. Solche öffentlichen Händel- und Streitzirkel setzen die Show-Befähigung voraus. Hier stehen heimliche und gestandenen Entertainer im Rampenlicht, können ihren Humor, ihre rhetorischen und charismatischen Fähigkeiten, inklusive dem Auskosten des Schimpfwort-Repertoires, unter Beweis stellen. Doch das Streiten über die Sprache dient nicht nur dem Show-Effekt. Vorrangig geht es um die Kommunikation. Und da Roma es lieben zu kommunizieren, ist das Streiten für viele praktisch eine notwendige Konsequenz. Sowohl beim Wort-Handel, als auch beim Wort-Händel geht es um das inbrünstig-energische Feilschen der Worte und darum, dass bestimmte ausgesprochene Worte und damit ihre Träger Macht besitzen.

Da Sprache seit jeher eines der effektivsten Instrumente ist, sich von anderen abzugrenzen, kann sie unter gewissen Umständen der perfekte Nährboden einer fruchtbaren Streit-Diskussion sein. Doch genauso, wie die Bilder einer Kamera kann auch die Sprache zu einer Waffe instrumentalisiert werden. In der Ethnologie wird beispielsweise gelehrt, dass Worte in Kulturen, die ihr Wissen mündlich überliefert haben, so wie es bei den Roma bis in das 20. Jahrhundert hinein noch der Fall war, ein größeres Gewicht hätten. Sie wögen schwerer als die abstrakten Worthülsen in Schrift-Kulturen, weil sie von einer Person gesprochen würden, die ihren Worten ihren Atem, ihre Stimme und ihren eigenen Klang verleiht. Folgt man dieser Theorie, sind Worte Handlungen, Taten, die segnen und heilen können, Leben einhauchen oder töten, dramatisch oder kunstvoll sind, einreißen und aufdecken, das Innere nach Außen kehren.

Es war mitten in der Nacht, als ich von einem ohrenbetäubenden Geschrei aufwachte. Im Nachbarhaus, sprich auf der anderen Seite der Rigipswand, brüllten sich ein Mann und eine Frau so inbrünstig an, dass ich als allererstes eine Ehekrise dahinter vermutete. Wäre ich des Romani genug mächtig gewesen, hätte ich jedes Wort verstanden. So begriff ich lediglich rudimentäre Wortfetzen zweier sich überschlagender Stimmen und das sonore Schnarchen meines Gastvaters im Nebenzimmer. Nichts schien seine Nachtruhe zu stören. Auch nicht die in der Zwischenzeit wach gewordenen Hunde aus der Nachbarschaft, die sich im Takt mit dem lautstarken Streitgespräch die Seele aus dem Leib kläfften. Ich war hellwach und weit davon entfernt, mich über eine schlaflose Nacht zu ärgern. Im Gegenteil: Die Geräuschkulisse hatte etwas Fas-zinierendes. Wie in einem Theater für Blinde lauschte ich im Dunkeln gebannt und angestrengt einem Streit, der immer mehr außer Kontrolle zu geraten schien.

Die Anziehungskraft, die das leidenschaftliche Wortgefecht auf der anderen Seite der kartondicken Wand auf mich ausübte, teilte ich of-fensichtlich mit ein paar anderen Bewohnern der Nachbarschaft. Denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite knipste jemand das Licht an, ein Eisentor quietschte, Silhouetten huschten über die Straße. In einer angespannten Schweigesekunde hörte ich Gemurmel. Ich schaute aus dem Fenster. Eine kleine schaulustige Menschenmenge hatte sich um das Haus der Streitenden versammelt. Während sie anfangs noch darum bemüht waren, ihre Neugierde möglichst unauffällig, bzw. tuschelnder- und kichernderweise zu befriedigen, mischten sich innerhalb kurzer Zeit immer wieder laute Kommentare des Publikums unter das Wortgefecht des Paares, das sich, sollte es die Anwesenheit der Zaungäste bemerkt haben, in keiner Weise stören ließ. Im Gegenteil, je mehr Publikum die Straße vor dem Haus bevölkerte, desto intensiver und lauter wurde der Streit.

Mittlerweile näherten sich die Streithähne dem fünften Höhepunkt: Während der Hysterie der Frau nun eine immer kleinlautere Stimme folgte, rastete der Mann buchstäblich aus, wurde aggressiver. Meine anfängliche Begeisterung verpuffte schlagartig. Ängstlich verkroch ich mich unter meiner Bettdecke. Dann knallte etwas, es hörte sich an, wie das Schlagen einer Hand auf nackte Haut, aber sicher war ich mir nicht. Streiten können sie gut, dachte ich noch, genauso professionell, wie wir immer mutmaßen. Dann fiel ich in einen unruhigen Schlaf.

In den folgenden Wochen wurde ich Zeuge weiterer ausschweifender Streitereien. Obwohl die meisten Auseinandersetzungen sich innerhalb der vier Wände abspielten, waren sie aufgrund der nach außen dringenden Lautstärke und des Publikums, das sich in der Regel selbst einlud, um der Szenerie beizuwohnen, eigentlich mehr ein öffentliches Ereignis als ein privates Intermezzo. Die Regelmäßigkeit und der Unterhaltungswert dieser Happenings veranlasste mich zu der Überlegung, dass es sich dabei um eine rituellen Akt handeln könnte, der in der Sache vergleichbar mit diversen Familienabenden vor dem Fernseher in unseren Breitengraden ist, auch wenn der interaktive Faktor bei letzterem eher in das Hintertreffen gerät. Geschaut wird, was bewegt, und das sind schließlich meistens die Dinge, von denen Menschen selbst betroffen sind: unser täglich Alltag. Könnten die uraufgeführten Tragödien auf den Häuserbühnen Shutkas etwa aus dem selben Grund so populär sein,weshalb Doku-Soaps oder Seifenopern in unseren Breitengraden so hohe Einschaltquoten erzielen? Immerhin ist das reale Schauspiel sowohl in Shutka, als auch auf den Mattscheiben dieser Welt auf wenige Personen konzentriert, mit denen sich die Zuschauer indentifizieren können, es werden „alltägliche“ Menschen in außergewöhnlichen Situationen beobachtet und der Inszenierungsgrad ist nicht unbedingt niedrig angesetzt.

Die grundlegende Verbindung: Beide Darstellungsformen, sowohl die virtuellen, als auch die in Fleisch und Blut auftretenenden Protagonisten dienen gleichermaßen der Unterhaltung als auch der Information und werden vorwiegend als Zeitvertreib wertgeschätzt. Während unsere von Infotainment und Waren übersättigte Gesellschaft derweil nicht müde wird, sich ihre tägliche Ration (Ent-)Spannung und Katharsis auf Knopfdruck zu Hause abzuholen, spielt sich der spannende Film in Shutka auf der Straße ab. Hier wird gelitten, geschrien und gelacht. Privatsphäre gibt es nicht. Und selbst, wenn einer einschlägigen Szene nur wenige Zeugen beigewohnt haben: auf Tratsch ist als Informations-überträger mindestens so viel Verlass wie auf Rundfunkwellen.

Aber auch in Shutka wird viel ferngesehen. Jeder, der etwas auf sich hält, hat einen virtuellen Theaterapparat zu Hause stehen. Der Fernseher ist ein klassisches Status-Symbol. Auch wenn Soap-Operas mit der Popularität der pittoresk-pathetischen Bollywoodfilme nicht mithalten können, wird ihnen besonders von der jüngeren Bevölkerung viel Beachtung geschenkt. Auch die in der latino-amerikanischen Oberschicht spielenden Soaps wecken bei den Jugendlichen Shutkas Sehnsüchte nach einer vermeintlich besseren Welt. Diese “bessere Welt” hat es immer-hin geschafft, dass sich meine beiden Gastschwestern einen passablen Spanisch-Wortschatz angeeignet haben.

Mehrsprachigkeit ist in Shutka im übrigen Standard. Neben einem oder mehreren Romani-Dialekten beherrschen die meisten Roma Maze-donisch und noch mindestens eine weitere Sprache wie Türkisch, Serbo-kroatisch, Albanisch oder Englisch. In beinahe allen Familien hat sich mindestens ein Mitglied für einen mehr oder weniger langen Zeitraum als Wirtschafts-Flüchtling oder aufgrund der instabilen politischen Lage in Ex-Jugoslawien in einem EU-Land aufgehalten und spricht daher meistens noch Schwedisch, Belgisch, Französisch oder Deutsch – so auch mein Gastvater, der sieben Jahre im Ruhrgebiet gewohnt hat und fließend deutsch spricht. Sein Sohn Abraham, ein 18-jähriger “Gangsta-Rapper”, hat sich, aufgrund seines Faibles für US-amerikanischen Rap, die Texte seiner Idole im Internet beigebracht. Beide haben mir während meines Aufenthaltes in Shutka wertvolle Übersetzungsdienste geleistet und mir auf der langen Straße der Roma-Zunge einige Steine aus dem Weg geräumt. Mit Sprache zu handeln, mit Worten zu jonglieren, Worte als Noten zu begreifen, die sich zu beliebigen Kompositionen zusammenstellen lassen, habe ich mir schnell bei den Roma in Shutka abgeschaut.

Es kam vor, dass ich innerhalb von zehn Minuten fünf Sprachen vermischte, fehlende Worte aus anderen uns bekannten Sprachen ausborgte, mich auf Englisch unterhielt, mazedonische Worthäppchen mit meinen rudimentären Wortfetzen aus dem Romani garnierte. Eine Strategie von Viel-Reisenden, die im Romani schon lange Tradition hat: Je nach Gegend ist die Roma-Zunge regional eingefärbt und gespickt mit Lehnworten aus der Mehrheitsbevölkerung. Im Fall der unterschiedlichen Romani-Dialekte in Shutka sind es vor allem Wörter aus dem Mazedonischen und anderen südslawische Sprachen, die sich im Wörter-See des Romani tummeln. Nicht umsonst dachten viele Menschen in Europa früher, als sie Romani hörten und den fremden Klang in keine der ihr bekannten Sprachen einordnen konnten, obwohl sie gleichzeitig Worte aus ihrer eigenen Sprache vernahmen, dass es sich um eine Geheimsprache handeln würde. Doch Romani ist weder Geheimsprache,und noch weniger Jargon, als eine eigenständige Sprache, die sich aus dem alt-indischen Sanskrit ableitet.

Geht man von der linguistischen These aus, dass die Roma-Zunge in unzähligen Dialekten mehr als 1.300 Jahre in der Diaspora überlebt hat, erscheint es logisch, dass konsequente Abgrenzungsprozesse der unterschiedlichen Roma-Gruppen, vor allem gegenüber der Mehr-heitsgesellschaft, stattfinden mussten. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, dass, obwohl die Roma-Zunge durch eine Vielzahl von Ländern gereist ist und griechische, türkische, persische etc. Wörter die Sprache beeinflusst haben, die Sprache einen höheren Anteil so genannter „einheimischer“ Vokabeln als beispielsweise das Englische aufweist, bei dem mehr als zwei Drittel des Wortschatzes aus dem Französischen, Lateinischen oder anderen Sprachen stammt.

Wie konnte sich die Sprache, die erst seit einem Jahrhundert schriftlich fixiert wird, auf ihrer langen Gratwanderung zwischen Abgrenzung und Einbindung so konsequent und facettenreich halten?

Ist es letztlich die Abgrenzung der verschiedenen Roma-Gruppen un-tereinander, die viel wichtiger ist als die gegenüber der Mehrheitsbevöl-kerung? Auch wenn man heute nicht mehr, wie früher Sprachgruppen Berufsgruppen zuordnen kann und es mittlerweile auch Leute gibt, die als Schmiede arbeiten wollen, obwohl sie nicht als Kovachi (Schmiede) geboren wurden, spielen offensichtlich die einzelnen Dialekte der unterschiedlichen Gruppen, besonders im Wort-Händel, eine stark gemeinschaftsstiftende Rolle.

Obwohl mein Gastvater beispielsweise unterschiedliche Dialekte beherrscht, fühlt er sich dem Djambasi am stärksten verbunden und bezeichnet sich selbst als Djambasi. Sein Vater, der in seiner persönlichen Werte-Skala einen Platz noch vor Gott einnimmt, hatte mit ihm als Kind Djambasi gesprochen. Das Besondere an den Djambasi umschreibt er so: „Viele Menschen, die Djambasi sprechen, hatten früher viel Gold, sie waren reich und dachten an das Morgen, sie arbeiteten für die Zukunft. Heutzutage versuchen viele Arli so zu leben, wie es die Djambasi früher taten. Ich akzeptiere beide Dialekte, aber mein Temperament sagt mir, dass ich Djambasi sprechen soll.“ Welchen besonderen Stellenwert der Dialekt in seinen Augen einnimmt, macht sich daran bemerkbar, dass er lediglich mit seinem jüngsten Sohn, der bei den Roma in Shutka die wichtigste Rolle einnimmt, weil er später einmal die Familie versorgen wird, konsequent Djambasi spricht.

Manchmal kommt es vor, dass während einer Unterhaltung, in der unterschiedliche Dialekte gesprochen werden, Worte nicht verstanden werden oder in der eigenen Gruppe nicht bekannt sind. In solchen Fällen wird gerne auf das „grammatikalische Romani“ verwiesen. Es besteht nach Angaben von Angehörigen unterschiedlicher Roma-Gruppen hauptsächlich aus Wörtern des Arli-Dialekts, wird deshalb auch „Arli International“ genannt und scheint sich langsam, auch außerhalb der Dunstkreise einschlägiger Roma-Aktivisten und Sprachstandardisierer als eine Art Hoch-Romani durchzusetzen. In Shutka wird dieses „grammatikalische Romani“ fakultativ in der Grundschule unterrichtet und ist auch der „Dialekt“, der von den beiden Roma-Fernsehsendern BTR und Sutel TV verwendet wird. Das heißt, dass diejenigen, die nicht der Gruppe der Arli entstammen und regulär in mazedonisch unterrichtet werden, ihre eigene Muttersprache, die Roma-Zunge nicht unbedingt verstehen, wenn sie fernsehen. Safets Neffe Adrian schaut deshalb in den beiden Fernsehsendern, die im Romani senden, nur die Nachrichten, denn die sind auf Mazedonisch. „Chinesisch“, sagt er „ist einfach, Romanes ist schwer.“

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Was ist es, das Shutka und seine Bewohner so besonders macht? Die Gastfreundschaft der Menschen? Ihre Mischung aus Widerspenstigkeit und Anpassungsfähigkeit? Die Bewohner Shutkas lassen sich genauso wenig einkategorisieren wie ihre Sprache. Zu vielschichtig, heterogen und divers ist ihre Kultur. Roma sind Lebenskünstler, Sprachkünstler, Wandlungskünstler. Wie Chamäleons passen sie sich ihrer Umgebung an. Man könnte sagen, sie haben ein unbewusstes Faible für die Schauspielerei – für die professionelle Schauspielerei, denn sie sind auch imstande, wieder aus ihrer Rolle zu schlüpfen, wenn ihre Darstellung zu Ende ist. Sie sind Meister der Kommunikation und last but not least nicht nur fliegende Teppich-Händler, sondern auch fliegende Wort-Händler. Sie wechseln, wenn es die Situation erfordert, virtuos von ihrem eigenen Dialekt in den ihres Nachbarn, von der Sprache der Mehrheitsbevölkerung in der sie leben, in die einer fernen Region. Diese Fähigkeit verdanken sie einem einfachen aber besonderen Umstand, den sie mit Ethnologen gemein haben: ihre Arbeit setzt voraus, dass sie ständigen Kontakt zu den verschiedensten Menschen suchen.

Der Artikel wurde veröffentlicht in: “Shutka Shukar – Zu Gast bei Roma, Ashkali und Ägyptern” (2009). Bernhard Streck (Hg.), erschienen im Leipziger Universitätsverlag

10
Aug
09

Embodying Masculinity and Ethnicity in Macedonia

by vaporiss on deviantART

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What is masculinity? What are its indicators and who defines them? What role play
women in the establishing and reproduction of the notion of the masculine gender? How does ethnicity, nationality and class influence gender?

These questions are discussed in the following essay (4 pages) that you can download as a pdf file @: Embodying Masculinity and Ethnicity in Macedonia




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