Archive for the 'medical anthropology' Category

08
Jan
10

Das Keramikmesser unter der Achselhöhle und der Körperscanner

Vor zwei Jahren, als mich ein Freund aus den USA in Deutschland besuchte, fand er nach einer Woche in seiner Reisetasche einen geladenen Revolver. Wie sich herausstellte, hatte sein Vater, von dessen Dachboden er die Tasche genommen hatte, vor etlichen Jahren die geladene Waffe dort versteckt und vergessen. Wie das passieren konnte, ist bis heute unklar geblieben. Noch viel unklarer aber blieb wie mein Freund es schaffte mit einem geladenen Revolver durch die US-amerikanischen und deutschen Sicherheitskontrollen am Flughafen zu gelangen. Ein unlängst veröffentlichter Spiegelbericht könnte endlich Licht ins Dunkel dieser mysteriösen Geschichte bringen. Demzufolge ist es Polizeibeamten gelungen in drei von zehn Selbstversuchen Schusswaffen an manchen Flughäfen durch die bestehenden Sicherheitskontrollen zu schmuggeln.
Diese für die Öffentlichkeit nicht uninteressante Information kam mit politischen Forderungen einer anderen Erscheinung ans Tageslicht: dem Nacktscanner oder – wie er jetzt schöner heisst – Körperscanner, der es jetzt wahrscheinlich doch noch im zweiten Anlauf in die Flughafenhallen schafft. Die 120.000 Euro teuren Durchleuchtungs-Duschkabinen, mit denen noch vor einem knappen Jahr kein Parlamentarier in Brüssel etwas zu tun haben wollte (die tageschau berichtete) sind, nach dem vereitelten Anschlag des Nigerianers Abdul Faruk Abdulmutallab in Detroit am 25.12.09, der 80 Gramm Sprengstoffs an Bord schmuggeln konnte, selbstverständliches Instrument einer widersinnigen Sicherheitspolitik.
Im Oktober 2008 stimmte das Europäische Parlement noch beinahe einstimmig gegen den “Nacktscanner” in Flughäfen, da “der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit” einer demokratischen Gesellschaft bei dem Einsatz des Scanners nicht mehr gewährleistet sei. Was vor 14 Monaten noch menschenunwürdig war, ist heute Garant für ein sicheres Leben? Nein, denn Sicherheit wird heute ethisch unbedenklich hergestellt. Die “ethische” Version des Körperscanners ist bereits in der Mache, sponsored by Bundesforschungsministerium. Der ethische Körperscanner ist dabei eines von insgesamt 95 Projekten, die die Detektion von unterschiedlichen Gefahrstoffen zum Ziel haben. Der “Berliner Morgenpost” erklärte der Innenexperte Wolfgang Bosbach (CDU), was die geplanten Geräte zeigten, nämlich “nicht den Körper des einzelnen Passagiers, sondern ein Piktogramm. Und nur im Falle eines Treffers wird dann die Körperstelle angezeigt, an der sich beispielsweise ein in der Achselhöhle verstecktes Keramikmesser befindet.” Ob Zahnstocher, die man sich unter die Zunge legt, auch erkannt werden, bleibt weiterhin ungeklärt.

Es bleiben noch mehr Fragen offen: Wenn Waffen ungehindert durch Metalldedektoren und den abtastenden Händen des Sicherheitspersonal kommen, was sollen dann neue Geräte bewirken? Zumindest nicht weniger Arbeit. Wie Bundespolizei-Sprecherin Nicole Ramrath dem Magazin “Focus” berichtete seien allein am Frankfurter Flughafen von Januar bis November 2009 mehr als 64.000 als gefährlich eingestufte Objekte beschlagnahmt worden. Darunter seien auch 726 Gewehre und Pistolen gewesen.
Nichtsdestotrotz oder vielleicht deswegen sprachen sich einer repräsentativen Umfrage des stern zufolge 63 Prozent der 1006 Befragten dafür aus, dass Reisende vor allen Flügen mit den Scannern kontrolliert werden. 31 Prozent waren dagegen, 6 Prozent antworteten mit “weiß nicht”. Vor allem unter den Ostdeutschen treffen die Geräte auf Zustimmung: 72 Prozent von ihnen stimmten für den Einsatz – verglichen mit 61 Prozent im Westen. Unter den einzelnen Parteien stossen die Körperscanner bei Anhängern von CDU/CSU mit 73% Zustimmung auf den geringsten Widerstand. Nach dem Motto Metalldetektoren und Hände sind gut, Scanner sind besser. Auch wenn es seit 9/11 weltweit zu keinem einzigen Anschlag auf ein Passagierflugzeug mehr kam. Lediglich drei Anschläge mussten verhindert werden: 2001 der “Schuhbomber” Reid, 2006 in London der Versuch, Flüssigsprengstoff in mehrere Flugzeuge zu schmuggeln, sowie der jüngste vereitelte Sprengstoffanschlag.

Im Schlagloch der taz vom 6.1.10 mit dem wunderschönen Titel “Alles is durchleuchtet”, erklärt Ilija Trojanow, warum der Fall von Abdul Faruk Abdulmutallab vieles beweise aber nicht weshalb wir ein weiteres Kontroll-Instrument benötigen, welches die Bürger gesundheitlich schädige und demütige. “Zwar wissen wir momentan nicht, ob der 23-jährige Nigerianer Abdul Faruk Abdulmutallab den Sprengstoff in einen Kondom gestopft, in seiner Unterwäsche eingenäht oder an seinen Beinen versteckt hat (so die verschiedenen Erklärungen des Tathergangs). Aber wir wissen, dass am 19. November 2009 sein Vater, ein wohlhabender Bankier, persönlich die US-amerikanische Botschaft in Abuja vor seinem Sohn warnte, der zunehmend extremistische Positionen vertrete und sie wohl bald in die Tat umsetzen werde. Das ist der feuchte Traum eines jeden Sicherheitsbeamten. Er muss niemanden verhören, entführen, foltern oder einsperren. Diese Information sinnvoll zu verwenden wäre jeder Bürgerwehr gelungen. Dazu wären keine sündhaft teuren Sicherheitsorgane notwendig, die unsere Bürgerrechte seit Jahren immer stärker einschränken.”

Diese Notwendigkeit sieht Ben Wallace, konservativer Abgeordneter im britischen Unterhaus und ehemaliger Berater des Rüstungunternehmens QinetiQ, das an der Entwicklung der Terahertz-Technik beteiligt war und entsprechende Scanner herstellt, auch nicht. Allerdings aus rein pragmatischen Gründen. Die Scanner, sagt Wallace, seien ideal, um selbst aus größerer Entfernung Schusswaffen, Messer und sogar feinste Metallsplitter zu erkennen. Selbst schwerer Plastiksprengstoff wie C4 würde von den Geräten nachgewiesen. Nicht aber Materialien geringer Dichte, pulverförmige Substanzen, Flüssigkeiten – Materialien eben wie das Sprengstoffmaterial des jüngsten, gescheiterten Attentäters. Den idealen Apparat gebe es nicht. Kein Grund zu versagen, meint Wallace, der schon einen Schritt weiter denkt. Denn wenn es den Apparat nicht gibt, müsse man eben eine Schritt früher mit der Kontrolle anfangen: “Wir müssen uns fragen, ob eine solche Frage der nationalen Sicherheit nicht danach verlangt, die Passagiere nach bestimmten Fahndungsprofilen zu sieben.” Psychologische Täterprofile heisst also die nächste öffentliche Debatte. Wenn ihr nicht die Kontroverse um ein neues, “ethisches” Lügendetektoren-Modell zuvor kommt.

Das beste Argument für die Dummy-Maschine lieferte Nina Rogg vor wenigen Tagen in einer taz-Kolumne mit dem Titel “Nebensachen aus Bagdhad”. Sie stelle sich in der Green Zone, in der sie sich auf weniger als einem halben Kilometer mehr als 16 Leibesvisitationen unterziehen muss, gerne in einen Körperscanner. Den interessieren wenigstens nicht die weiblichen Intimzonen, sondern tatsächlich nur Sprengstoff und Waffen. Nachdem allerdings kürzlich selbst auf der Damentoilette des irakischen Parlament ein Sprengsatz gefunden wurde, forderte eine fromme Abgeordnete, die sich bis dahin selbst immer für den Scanner ausgesprochen hatte, den Einsatz von Spürhunden. Hundenasen, so ihr einleuchtendes Argument, liessen sich nur selten täuschen und seien unbestechlich.

23
Nov
09

student of marijuana studies

Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marihuana_en_sem%C3%A1foro.jpg
“Pasted to the wall is a chart of the labyrinth of marijuana species, their effect on different diseases and their particular tastes. The horticulturist explains that there’s money to be made from the trade in medicinal marijuana but growers must tailor the plant to the customer’s need. ‘There’s pot that makes you not shut up for five hours. There’s pot where you sit on the couch and drool for five hours. That’s not what you need if you’re going to hold down a job. There’s thousands of people getting patient cards and they all have needs. If you can work out how to meet those individual needs you’re gonna get rich,’ he says.”
This is how a reporter of the Guardian magazine describes the new cannabis college, recently opened with courses on how to grow marijuana – and harvest, cook and sell it too – in Michigan, after the US state legalised the drug as a medicine.
The path was carved by California, where permission to buy marijuana requires little more than telling a sympathetic doctor it would make you feel better. Attitudes are changing in Washington too, where the Obama administration has told the FBI and other federal agencies to adhere to state marijuana laws in deciding who to arrest.
Recently the first coffee shop opened in Portland, Oregon that is the first cafe in the US that gives away certified medical marijuana users a place to obtain the drug and smoke it.

24
Nov
08

Placebo und Heilung im Vodou

Wie kein anderes Phänomen der afrikanischen (Kreol-)Kultur haben die magisch-religiösen Praktiken, die unter Vodou subsumiert (1) werden das Interesse außen stehender Beobachter auf sich gezogen. Kaum ein Glaubenssystem schien als Projektionsfläche für schadensmagische Praktiken geeigneter zu sein als Vodou. Ob als „mysteriöser Geheimkult“ in der (Trivial-)Literatur oder im Sensationsjournalsimus, als notorische Grundlage für blutrünstige Splatter-und Zombiefilme im Mainstream- und Indiependantkino oder in Form von Do-it-yourself Anleitungen für Geister-und Dämonenbeschwörung, selten ist ein religiöses Phänomen kontroverser und vorurteilsbeladener diskutiert und rezipiert worden. Spätestens die „Voodoo Lounch“-Tournee der Rolling Stones verschaffte dem Begriff nach dem Motto „sex sells“ einen neuen Auftrieb mit altem Image. Heute, im Zeitalter von New Age, boomt die Vermarktung des Faszinosums Vodou oder besser noch Voodoo, dem das Stigma der Scharlatanerie anhaftet, wie nie zuvor: 20.600.000 Einträge lassen sichunter „voodoo“ ergoogeln. Darunter: viel schwarze Magie, Liebeszauber, Hokuspokus und wilde Spekulationen in parapsychologischen Foren.
Was sich tatsächlich hinter diesem Glaubenssystem verbirgt, wird aller Voraussicht nach keiner so schnell herausfinden. „Denn“ – darf man den so genannten vodousi, den Eingeweihten des Vodou Glauben schenken – „wenn man sein ganzes Leben mit Vodou zubringt, egal ob einheimisch oder fremd, man versteht und weiß soviel wie man zwischen zwei Lidschlägen sieht.“ Trotz oder gerade wegen seiner Komplexität möchte ich dem Phänomen Vodou aus religionswissenschaftlicher und medizinethnologischer (2) Perspektive begegnen.

Die komplette Arbeit, die im Rahmen eines religionspsychologischen Seminars bei Sebastian Dr. Murken an der Universität Leipzig entstanden ist, steht hier zum freien download bereit:

inhaltsverzeichnis
Placebo und Heilung im Vodou
Literaturangaben

(1) Wichtig an dieser Stelle zu sagen ist, dass es den Vodou nicht gibt, weshalb die folgende Darstellung recht artifiziell bleiben muss. Die Erscheinungsformen des Vodou sind von großen regionalen und individuellen Unterschieden in Glaubensvorstellung und Praxis geprägt.

(2) Bei dem Begriff Medizinethnologie verstehe ich unter dem hinteren Wortbestandteil „Ethnologie“ die Vorgehensweise und dem vorderen Teil „Medizin“ den Anwendungsbereich (vgl. Lux 2003:15).




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