Archive for the 'kurdish people' Category

12
Feb
10

buchstabensalat a la turca

<a href="http://www.feverandthirst.com/thebook.php">Fever and Thirst </a>. Dr. Grant and the Kurdish Tribes of Kurdistand by Gordon Taylor
Nestorianische Christen in Persien, vermutlich gegen Ende des 19.Jahrhunderts, Anfang des 20 Jahrhunderts. Quelle: “Dr. Grant and the Kurdish Tribes of Kurdistan by Gordon Taylor

Eine “Wahrheit” mit dem der Reisende in der Türkei oft konfrontiert wird ist, dass Türken im Vergleich zu anderen Nationen unschlagbar seien. Das muss man nicht wortwörtlich nehmen. Doch Sevan Nişanyan, Kolumnist der türkischen Tageszeitung Taraf wollte es genau wissen. Worin sind die Türken unschlagbar? Nicht wie unsereins gedacht hätte im Aufstellen von Nationalfahnen oder der anhaltenden Verehrung des Republikgründers – auch noch über 70 Jahre nach seinem Tod. Nein, unschlagbar sind die Türken in der Verwendung ihres Alphabets.
Nişanyan zufolge ist Türkisch das einzige Alphabet, das im Laufe seiner Sprachgeschichte acht verschieden Alphabete verwendete. Die einzige Sprache, die das noch getoppt habe sei Persisch gewesen, das vier Alphabete nutzte. Alle anderen zwei. An eine Sprache, die drei verwendete kann er sich nicht mehr erinnern. Für die erste Türkische Schriftsprache wurde das Köktürk Alphabet verwendet. Nicht einmal hundert Jahren später adaptierten die Uiguren das mitteliranische Sogdisch. Später als die Hälfte der Türken zum Buddhismus konvertierte, wurde das Brahmanische Alphabet importiert. Mit dem Islam im 11. Jahrhundert wurde Arabisch adaptiert, das für die folgenden 800 Jahre verwendet wurde. Im 20. Jahrhundert schliesslich führte Atatürk mit seinen (Sprach-)Reformen schliesslich das Lateinische Alphabet ein, für wiederum die Hälfte der Bevölkerung, während die andere Hälfte das kyrillische Alphabet der Soviet Union “wählte”. Zusätzlich gibt es eine reiche türkische Literatur in Armenisch und Griechisch seit dem 14. Jahrhundert.

Am Ende, schliesst Nişanyan, ist ein Alphabet zwar nur ein praktisches Werkzeug, ein “signalisierendes” System, auf der anderen Seite ist es ein grundlegendes Element mit dem sich eine Kultur und Zivilisation identifiziert. Während Reiche und Regierungen gehen, die Welt sich wie im Fluß verändert, scheint es bei manchen Alphabeten, als verkörpern sie den Fels in der Brandung ihrer Kulturen. Das Griechische Alphabet ist beispielsweise seit rund 2800 Jahren unverändert geblieben und stellt damit wahrscheinlich das einzige Element des Griechisch Seins dar, das sich nicht veränderte. Auch das Hebräische Alphabet blieb im Laufe von 2600 Jahren unverändert und verschmolz mit der jüdischen Identität. Das Lateinische Alphabet wiederum kann als Fundament des Römischen Reiches und seiner Weiterführung in der westlichen Europäischen Zivilisation angesehen werden. Ähnliche sieht es mit dem Chinesischen, dem Hindi und dem Amharischen und dem Armenischen Alphabet.

Doch was sagt uns das? Wie können wir es interpretieren, dass die Türken ihre Alphabete wechselten, als wären es Socken? fragt Nişanyan. Und waren es wirklich nur die Alphabete, die die Türken sich aneigneten wie die Osmanen auf ihren Expansionszügen all die leckeren Speisen anderer Kulturen? Nişanyan fällt da noch was anderes ein: die Religionen. Die Türken, behauptet er, seien die einzige Nation, die kollektiv vier unterschiedlichen, großen Religionen angehörte – dem Christentum, dem Judentum (1), dem Buddhismus und dem Islam.



Islamische Kalligraphie und reich verzierte Herrschergräber während der arabischen Schriftphase der Türkei

Der Historiker Gordon Taylor, der eine Englische Übersetzung von Nişanyan’s Kolumne auf seinem blog veröffentlichte, fügte hinzu, dass der Journalist ein Alphabet vergessen habe. Nämlich das der nestorianischen Christen aus Mesopotamien und Persien, die sich in den Hochtälern um Hakkari unter den Kurden ansiedelten und über mehrere Jahrhunderte in den ersten Jahren der christlichen Ära ihre Missionare nach Turkistan und in die Mongolei schickten. In dieser Zeit konvertierten Gordon zufolge viele Türkisch sprachigen Menschen zum Christentum und man finde noch immer Gräber von Turkistan, die in Türkisch geschrieben sind und dabei das Aramäische, auch syrianisch oder syrisch (2) genannte Alphabet verwendeten. Das Alphabet, das sich ca. 1500 v. Chr. aus der phönizischen Schrift heraus entwickelte, wich erst im 7. Jahrhundert dem arabischen Alphabet.

Syrianische Christen in Mardin/Südostanatolien an der syrischen Grenze
Syrianische Christen in Mardin/Südostanatolien nahe der syrischen Grenze im Sommer 2009

Sprache ist für Gordon der entscheidende gemeinsame Faktor, alles andere sei konstruiert. Und tatsächlich hat es in der vergangenen Jahrhunderten nur wenige “echte” Türken (3) in der Türkei gegeben hat. Statt dessen viele Kasachen, Usbeken, Uiguren – sprich zentralasiatische Turkvölker. Heute sind “Türken” Anatolier, die Türkisch sprechen oder Türkisch begonnen haben zu sprechen, nachdem sie ihre Muttersprache aufgegeben haben. Türkische Nationalisten wiederum sind der Meinung, dass alle nicht verräterischen Anatolier Türkisch sprechende sunnitisch muslimische “Türken” sind. Demzufolge, so Gordon, ist es die Sprache die überdauert hat, nicht die Türken selbst. Den Grund dafür sieht er in den idealen Grundbedingungen der Türkischen Sprache. Die Grundstrukturen sind simpel, es gibt weder ein Geschlecht noch Deklinationen und kann ohne weiteres Wörter anderer Sprachen entlehnen, was es auch zu Tausenden gemacht hat. Tatsächlich besitzt Türkisch eine Fähigkeit fremde Wörter aufzunehmen und sie zu Verben, Adverben und Adjektiven zu transformieren.

Transformiert wurde im Übrigen auch das Zeitsystem. Zum 1. März 1917 fand in der Türkei eine Umstellung vom islamischen Kalender auf den gregorianischen Kalender, der “westlicher Kalender” (arab.: takvim-i garbi). Bei der Umstellung gingen 13 Tage und 2 Monate verloren. Am 26. Dezember 1925 schliesslich wurde durch Atatürk die abendländischen Jahreszählung AD, der so genannte “Internationaler Kalender” (türkisch: Beynelmilel Takvim) eingeführt. Ein Grund war dabei sicher auch, dass sich der silamische Kalender für wirtschaftliche Verwaltung als ungeeignet entpuppte. Mit einem Schlag zeigte die Jahreszahl 585 Jahre (584 Differenz plus Jahreswechsel) mehr an! Denn auf 1341 MI folgte 1926 AD. Und trotzdem tickt die islamische Zeit weiter und scheint dabei die gregorianische nicht wirklich zu stören. Auf dem Pazar in Eminönü arbeiten die Standbesitzer nach internationalem Standard aber wenn der Muezzin ruft, eine islamisches Fest gefeiert oder Ramadan gehalten wird, halten die Gläubigen sich an den Mond. Dann beginnt das Jahr, der Monat und der Tag wieder mit dem ersten Sichtbarwerden des Mondes.


Was tun wenn man in einem Zeitsystem geboren und in einem völlig anderen gestorben ist? Man bleibt pragmatisch. Ein Grabstein auf dem Pierre Lotti Friedhof in Istanbul zeigt das Geburtsdatum des Verstorbenen in islamischer Jahreszahl während sein Sterbejahr im neuen, gregorianischer Zeitauffassung widergegeben ist.

Im Laufe der türkischen Geschichte wurden nicht nur Buchstaben und Zahlen, sprich Schriften und Zeiten geändert. Auch die Menschen, die Kulturen selbst änderten, sich, verschmolzen miteinander, trennten sich wieder. Der Freund von heute wurde, wie heute noch überall auf der Welt, zum Feind von morgen. Selbst die Sprache, und hier möchte ich Gordon widersprechen, hat es nicht geschafft die Zeit zu überdauern und ist als Zeit überdauerendes Gemeinschaft stiftendes Element, nicht haltbar. Allein die Geschichte des heutigen Hochtürkisch ist von Unterbrechungen und Umwälzungen geprägt. Und mir scheint, dass Religion und Politik bei der Aneignung von (neuen) Sprachen eine oft zentrale Rolle gespielt hat. Ein Phänomen, dass es weiter zu untersuchen gilt, dass aber defintiv das Entstehen des Altanatolischen – der Sprache, auf die das heutige Hochtürkisch im weitesten Sinne zurückgeht – beeinflusst hat. Denn erst im 11. Jahrhundert als die Seldschuken nach Kleinasien vorstiessen kam es zu einer schrittweise Islamisierung und Turkisiserung Kleinasiens, das bis dahin unter griechischer und byzantinischer Herrschaft stand. Mit dem Zusammentreffen der turkisierten und islamisierten Seldschuken und der anatolischen Bevölkerung bildete sich schliesslich das Alt-Anatolisch heraus. Ab dem 15. Jahrhundert, mit den Eroberungszügen der Osmanen entstand das Osmanische Türkisch, eine Amtssprache, die stark vom Persischen und Arabischen beeinflusst war. Parallel zu dieser elitären Kunstsprache entwickelte sich eine oder mehrere Volkssprachen. Auf dem Istanbuliter Dialekt dieser Volkssprache baute schliesslich Atatürks modernes Anatolische Türkisch auf, dessen Ziel es nicht nur die Bevölkerung zu alphabetisieren, sondern auch die Sprache von Arabismen und persischen Lehnwörtern zu reinigen. Das heute gesprochene Türkisch ist wie viele andere Sprachen auch so dynamisch, das man ohne weiteres behaupten kann es verändere sich jeden Tag durch Jugendkulturen, die Medien, das Ausland und nicht zuletzt auch Binnenmigration.
Die Idee einer konstruierten ethnischen Reinheit, kann also auch die Sprache nicht standhalten.

(1) Die Türkischen Chasaren in Südrussland und auf der Krim adaptierten das Judentum.

(2) Während die Schrift verschwand, hielt sich die Sprache bis heute. Syrisch ist allerdings nicht die Sprache, die in Syrien gesprochen wird, sondern die Sprache der syrischen Christen, die vorwiegend im Osten der Türkei, Norden des Iraks, und Nordosten Syriens lebt.

(3) Wenn Anatolien Reisende im 19. Jahrhundert von Türken sprachen, stellte sich in der Regel heraus, dass es sich eigentlich um Albaner, Tscherkessen oder Bosniaken handelte. Und auch heute noch ist die Türkei ein Vielvölkerstaat, auch wenn dieser Umstand durch jahrzehntelange und erfolgreiche Assimilationspolitik oft unter den Gebetsteppich gekehrt wird. Kurden, Zaza, Araber, Roma, Lasen, Bosniaken, Albaner, Tscherkessen, Armenier/Hemşinli, Bulgaren/Pomaken, Aramäer, Georgier, Tschetschenen und Griechen u.v.m.

13
Dec
09

Kurdische Partei DTP wird verfassungsrechtlich verboten

Kurden mit Öcalan-Transparent bei der Newruz-Feier Ende Mai 2009

Die Kurden waren im türkischen Parlament bislang mit einer Partei vertreten. Seit Freitag mit keiner mehr, denn die Kurdische Partei DTP wurde in Ankara per Verfassungsgericht verboten. Der Antrag zum Parteiverbot der DTP lag dem Verfassungsgericht bereits seit zwei Jahren vor. Jetzt ist es ausgesprochen: “Nach der Bewertung ihrer Verbindungen mit der Terrororganisation wurde entschieden, dass die DTP ein Zentrum von AKtionen gegen die Einheit des Staates ist. Die Nähe einer Partei von Terror und Gewalt ist nicht zu dulden,” sagte Hasim Kilic, Vositzender des türkischen Verfassungsgerichtes. Auch, wenn in den deutschen Mainstream-Medien davon nichts zu lesen ist, das Fass zum Überlaufen brachte vermutlich ein Vorfall, der sich vor einigen Tagen in der türkischen Provinz Tokat ereignete. Dort wurden sieben Soldaten von PKK-Rebellen getötet. Kurdische Quellen gehen hier von einer Reaktion auf die Gefängniszellen-Verkleinerung Öcalans durch den türkischen Staat aus. Zuvor wurde bei Protesten kurdischer Demonstranten in Diyarbakir ein Student erschossen.

Damit dürfte sich die Lage zwischen Türken und Kurden wieder zuspitzen, ausgerechnet nachdem in den letzten Wochen und Monaten Bewegung in den Dialog der seit Jahrzehnten verhärteten Fronten gekommen war. Die DTP, die 21 Abgeordnete im 550-köpfigen türkischen Parlament stellt, hat die Vorwürfe mutmasslicher Kontakte zu kurdischen Extremisten zurückgewiesen. Seine Partei setze sich für Frieden und Demokratie ein, hatte Parteichef Ahmet Turk zu Beginn der Beratungen des Verfassungsgerichts über die DTP gesagt. Das Urteil des Gerichts, das Turk zufolge ein politisches und kein juristisches gewesen sei, werde Auswirkungen für die gesamte Türkei haben. “Niemand sollte ein Verbot der Partei als legitim betrachten”, sagte Turk weiter. “Wir werden unseren Kampf für eine friedliche Lösung fortsetzen. Das Verbot seiner Partei wird den Kurden-Konflikt nicht lösen.” Das Verfassungsgericht hatte schon mehrere Vorgängerparteien der DTP verboten.

Nach der Entscheidung des Verfassungsgerichts kam es in mehreren Städten zu Protesten. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sich am Samstag Hunderte kurdischer Demonstranten in der an der Grenze zum Irak und zum Iran gelegenen Stadt Yuksekova Strassenschlachten mit der Polizei lieferten. Auch in Diyarbakır, Batman, Silvan, Bingöl, Cizre, Silopi, Şırnak, Van, Siirt und İstanbul kam es am Samstag zu Protestaktionen. In Hakkari im Südosten des Landes, wurden zwei Kinder bei Gefechten mit der Polizei schwer verletzt.

Der Zeitpunkt dieser erneuten Eskalation erscheint besonders schlecht gewählt, denn seit einigen Monaten gab es erstmalig Ansätze zu Fortschritten der kurdisch-türkischen Beziehung: Die Beendigung Abdullah Öcalans Isolationshaft, die Freilasung einer kleinen Gruppe kurdischer Rebellen, die versprachen ihre Waffen für den politischen Dialog abzulegen, Zugeständnisse in der Verwendung der kurdischen Sprache etc., waren Zeichen der Regierungspartei AKP für eine politische Entspannung zwischen den verhärteten Fronten, Gesten der Versöhnung. Das alles ist nun Schnee von gestern. Die Karten werden neu gemischt. Und wie es aussieht haben dabei die radikaleren Kräfte, die türkischen Nationalisten auf der einen Seite und die kurdischen Seperatisten auf der anderen, die Joker in der Hand.

30
Oct
09

Mardin und Derik – unterwegs in Südost-Anatolien

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Das ist Mardin. Im äußersten Südosten der Türkei gelegen, sind es bis zur syrischen Grenze 20 Kilometer. Irak ist nicht weit. Die Geschichte der Stadt ist mehr als turbulent. Und grausam. Während des Massakers an den Armeniern 1915-1916 wurden hier ausnahmslos alle arabischen, aramäischen und armenischen Christen der Stadt umgebracht. Heute leben alle in Frieden zusammen: Kurden, Araber, Aramäer und Türken. Keine Selbstverständlichkeit im konfliktträchtigen anatolischen Osten. Praktisch jeder, den wir auf der Strasse treffen spricht fliessend türkisch, arabisch und kurdisch. Neben Moslems und aramäischen Christen lebten bis vor einigen Jahrzehnten mehrere tausend jesidische Kurden in der Provinz Mardin. Die meisten von ihnen sind mittlerweile nach Deutschland ausgewandert.
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Der Blick vom alten Teil Mardins in Richtung Syrien auf die mesopotamische Ebene
Der Blick vom alten Teil Mardins in Richtung Syrien auf die mesopotamische Ebene
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Und der Blick in einer alte Leblebi-Manufaktur, wo noch immer wie früher Kichererbsen geröstet und verkauft werden. Bei dem Besitzer des Ladens durften wir unser Gepäck abstellen, unendlich viele Çays trinken, seine islamisch-nationalistischen Tiraden über uns ergehen lassen und fanden einen unglücklichen Kurden, der uns um ein bisschen glücklicher zu werden, durch Mardin begleitete.

Während wir auf einer Anhöhe in Richtung Syrien blicken, bemerken wir, dass wir nicht alleine sind. Wir kommen mit den beiden Mädchen die auf der Aussichtshöhe sitzen ins Gespräch. Nach fünf Minuten laden sie uns zu sich nach Hause ein.
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Dort erwartet uns eine 15-köpfige Kernfamilie, die bis auf ihre zwei männlichen Vertreter aus den liebenswürdigsten lachenden, schreienden, Kindern, Mädchen und Frauen besteht. Nachdem wir unseren Kaffee ausgetrunken haben, werden wir aufgefordert die Nacht bei ihnen zu verbringen. Wir nehmen die Einladung dankend an und werden wir bis zur Bettgehzeit mit Reis Gemüse, Süssigkeiten, frischen Pflaumen, Feigen, Granatäpfeln gefüttert. Beim Versuch erste kurdische Worte zu lernen, stellt sich heraus, dass Kurmanci und Romanes gemeinsame Wörter besitzen. Und ich frage mich weshalb die kurdische Mama wie eine klassische Zigeunermama aussieht.
On the way from Mardin to Derik we passed No-where-but-people-land
Von Mardin aus machen wir uns auf den Weg nach Derik, passieren trostlose und doch lebendige Orte
On the way to a holy spring in Derik we walked through the village
Während wir zu einer heiligen Quelle in den Bergen durch das Dorf wandern…

treffen wir Schulkinder auf ihrem Weg nach Hause…
We met schoolkids on their way home...
…junge Männer, die gerade von der Arbeit kommen…
...young men coming from work...

…und Familien mit ihren mit Feuerholz für den Winter beladenen Eseln
...and families with their loaden donkeys bringing home some wood for the winter.

01
Oct
09

“Wir erkennen die Türken als Türken an, aber sie uns nicht als Kurden”

Es ist Sonntag in Dıyarbakır/Amed auf dem 1. Mesopotamischen Sozialforum/Amed Camp und die Sonne scheint noch immer unberührt vom kommenden Herbst. Auf dem Gelände tanzen Besucher, essen selbst gebackene Gözleme, debattieren. Es wird viel gelacht. Die Idylle trügt. Das wird spätestens klar, als fünf Kriegsflugzeuge nacheinander über uns hinwegdonnern um irgendwo in den Bergen eine Operation zu fliegen. Ich unterhalte mich gerade mit zwei 16-jährigen Jungs. Rhetorisch versierter als so mancher Politiker, den ich reden gehört habe, sprechen sie darüber was Freiheit für sie bedeutet, weshalb sie sich für Politik interessieren.

Özgür und Emin auf dem 1. Mesopotamischen Sozialforum/ Amed Camp

Özgür und Emin auf dem 1. Mesopotamischen Sozialforum/ Amed Camp

“Freiheit”, sagt Özgür, “bedeutet nicht morgens aufzustehen ins Auto zu steigen, zur Arbeit zu fahren und abends wieder nach Hause zu fahren. Freiheit, so wie sie heute verstanden wird, ist nichts anderes als die moderne Form eines Sklavereisystems.” Sein Freund Emin gibt ein Beispiel: “Viele unserer Verwandten sind im Gefängnis. Wenn wir sie besuchen, dürfen wir nicht kurdisch mit ihnen sprechen, obwohl es gesetzlich nun schon seit einigen Jahren erlaubt ist. Fall wir uns der Polizei widersetzten, drücken sie uns eine türkische Flagge in die Hand, mit der wir dann zweimal ums Gefängnis laufen müssen.” “Und genau hier fängt das Problem an”, ergänzt Özgür. “Wir erkennen die Türken als Türken an, aber sie uns nicht als Kurden.”
Bereits in der Grundschule hochgradig politisiert, ist es in Amed und dem Rest der kurdischen Gebiete möglich mit Kindern politische Diskussionen zu führen. Während in unseren Breitengraden, politisches Interesse, wenn überhaupt, dann nach Abschluss der Schule bzw. in der Universität von Belang wird, gehört Politik hier so zum Alltag wie das täglische Brot.
“Warum ich mich für Politik interessiere? Weil ich dafür kämpfe, dass die nächste Generation nicht mehr unterdrückt wird,” erklärt der Junge mit strotzendem Selbtsbewusstsein. “Wenn ich nicht kämpfe, werde ich assimiliert. Und das würde bedeuten ich werde Türke.”

01
Oct
09

Bilder einer Demonstration in Dıyarbakır/Amed

Die Situation in Dıyarbakır ist gespannt. Schon seit Jahrzehnten, denn hier herrscht Krieg. Auch wenn sich viele militärische Operationen und Kämpfe mit den kurdischen Guerilla in den Bergen abspielen, befindet sich die so genannte Hauptstadt Kurdistans im Ausnahmezustand. In jeder Familie im Krieg gefallene, Vermisste, in den Bergen lebende Guerillas. Nicht endende Polizeikontrollen, unzählige Verhaftungen, Kriegsfliegeralarm, fast tägliche Demonstrationen. Wenn einmal wieder zwei Duzend Parlamentarier aus der DTP (Partei der demokratischen Gesellschaft) festgenommen werden, werden ohne Weiteres auf die Schnelle tausende von Menschen auf der Strasse mobilisiert. Während des Sozialforums in Amed vergangene Woche befanden sich unter den Demonstranten auf einmal auch ein paar hundert EuropäerInnen aus unterschiedlichen linken Spektren, die für eine andere Welt protestiert haben….

Nein zu Operationen und Verhaftungen!

Nein zu Operationen und Verhaftungen!

"Still not loving capitalism"
Kopfbedeckung a la Ost und West

Kopfbedeckung a la Ost und West

Politisierte und Plastikbewaffnete Jugend auf den Strassen von Amed

Politisierte und Plastikbewaffnete Jugend auf den Strassen von Amed

Als unser Demonstrationszug vorbeizieht jubeln die Kinder...

Als unser Demonstrationszug vorbeizieht jubeln die Kinder...

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auf den Mauern...

auf den Mauern...

die Erwachsenen auf den Dächern...

die Erwachsenen auf den Dächern...

...und Strassen

...und Strassen

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05
Sep
09

First Mesopotamian Social Forum coming up

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From the 25th to the 30th of September, the first Mesopotamian social forum takes place in Amed/Diyabakir (Eastern Anatolia/ Turkish Kurdistan). Grass root activist from the Kurdish movement, Turkey, Europe and everybody who is interested is invited to meet, live and work together for a week. Discussions, workshops and cultural activities are planned. Topics of interest will be the Kurdish movement, the Middle East, women, ecology, youth, migration and economy. There are camping facilities on a park ground in the city. Accomodation in families and hotels can be provided.

More information for subscription and in general about the camp@ http://international-amed-camp.org/

15
Jun
09

Commenting Cola Turka vs. Cola Kurda

Es braucht nicht immer Coca-Cola um es zu einem kleinen Krieg um die braune Brause kommen zu lassen. Wie aus kurdischen und türkischenMedien zu entnehmen ist, haben kurdische Unternehmer aus Deutschland wiederholt Anträge beim türkischen Patentamt für die Lizenzvergabe der ersten kurdischen Cola gestellt, die bislang in Kurdistan (Irak) und bei Kurdish Airlines vertrieben wird.

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Das Ziel: das Produkt soll auch in der Türkei vermarktet werden. Die Anträge wurden wiederholt mit der Begründung abgelehnt die Verpackung enthalte die selben Farben (rot, gelb, grün) und den fünfzackigen roten Stern die auch von der staatsfeindlichen PKK verwendet werden. Das äussere Erscheinungsbild verstoße daher gegen die öffentliche Ordnung und allgemeine Ethik.

Ist hier mit Ethik rein zufällig das Bewusstsein für eine “imagined community” diverser ultra-nationalistischer Türken gemeint? Und was genau darf mensch unter “allgemein” verstehen? Geht es noch ein bisschen genauer?

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Gäbe es ein kurdisches Gericht in der Türkei, würden dieses ggf. den Vertrieb der Cola Turka in den kurdischen Gebieten der Türkei mit der Begründung untersagen: die Verpackung enthalte die selben Farben (rot, weiss) und den fünfzackigen weissen Stern, die auch von dem Kurdenfeindlichen türkischen Staat verwendet werden. Das äussere Erscheinungsbild verstoße daher gegen die öffentliche Ordnung und allgemeine Ethik.

Auf der Kurdistan-Plattform kurdmania.com schrieb ein User am 27. Aug 2008 zum Thema:

“Die Türkei tut mir wahrlich leid, denn sie lebt in ständigem Angst vor “Kurdistan”, “den Kurden” und allem “Kurdischen”! Überall stehen Ampel mit den kurdischen Farben, auf Wiesen blühen Blumen mit den kurdischen Farben, zwischen Hängen kriecht die “Vipera raddei kurdistanica”, türkische Waldschützer werden von “Vulpes Vulpes Kurdistanica” bedroht, ein seniler Deutscher geziemt sich im 19.Jh. das verbotene Wort als “wild” zu bezeichnen, ausländische Zeitungen werden mit fremden und bedrohlichen Buchstaben (W, X, Q) garniert und selbst die türkische Flagge ist mit einem “Symbol der PKK”, dem “fünfzackigen Stern”, bestückt! Gott erbarme sich ihrer und nehme Sich ihrer Volkskrankheit – dem Nationalismus – an!”




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