Archive for the 'anthropology' Category

25
Nov
12

Der Clara-Zetkin-Park. Ein kleines Stück Leipziger Kolonialgeschichte

Clara Zetkin

Wenn Leipziger den Namen Clara Zetkin hören, verbinden sie damit meistens zwei Dinge: ein kleines Stück historische Revolution und einen wunderschönen Park. Was die meisten nicht wissen ist, dass die imposanten Bäume nicht nur im Herbst schön aussehen und Schatten spenden, sondern wachsende Produkte einer dunkel-deutschen Kolonial-Geschichte sind. Tatsächlich wurde „unser Clara-Park“ für eine Garten-Ausstellung entworfen, dessen zentraler Teil eine großzügig angelegte Menschenschau war. Informationen darüber zu bekommen, ist noch immer nur über alternative Quellen (1) möglich. Beispielhaft dafür liest sich der Text zur Geschichte des Clara Zetkin-Park auf der Homepage der Stadt Leipzig:

„Wer sich mit den genannten Parkanlagen etwas näher beschäftigt, begibt sich auf einen interessanten Streifzug durch die Leipziger Geschichte der Gartenkunst von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.“ (2)

Die Frage, weshalb die Leipziger Geschichte der Gartenkunst für die Besucher_innen/Bürger_innen von Interesse sein sollte, aber nicht die Kolonialgeschichte, bleibt so unbeantwortet wie die Frage, weshalb der Bundestag das Thema deutsche Kolonien in seinen Diskursen gekonnt ignoriert. Grund genug weiter zu forschen und Informationen zu teilen.

Als Clara Zetkin (1857-1933) in Leipzig eine Ausbildung zur Volksschullehrerin machte, knüpfte sie Kontakte mit der revolutionären, antimilitaristischen Arbeiter- und Frauenbewegung. Sie gehörte bis 1917 der marxistischen Fraktion der SPD an, die sich später in den Spartakus-Bund (USPD) abspaltete. Wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht übte Zetkin massive Kritik an der Deutschen Kolonialpolitik. Mit dieser Position machte sich die Frauenrechtlerin in der Mehrheitsbevölkerung nicht beliebt. Das wurde spätestens durch die so genannten “Hottentottenwahlen” 1907 deutlich. Dort verlor die SPD ein Drittel ihrer Reichstag-Sitze, weil sie sich nach dem Genozid an den Herero und Nama in “Deutsch-Südwest” (heutiges Namibia) gegen die Gewährung weiterer Gelder für die Kolonialtruppen entschieden hatte.

10 Jahre zuvor eröffnete die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung im heutigen Clara-Zetkin-Park unter der Leitung von Leutnant Blümcke, der zuvor unter Gouverneur Hermann von Wissmann in der „Schutztruppe“ in Deutsch-Ostafrika diente. Sie war Teil der Sächsisch-Thüringischen Gewerbe-Ausstellung und eine von vielen Ausstellungen, die zu Beginn des Deutschen Kolonialismus auch das Fußvolk für die “Koloniale Idee” begeistern sollte. Und das Fußvolk kam in Scharen. Denn die als Sensationen angepriesenen Kolonialausstellungen erfreuten sich zu einer Zeit, zu der es noch kein Fernsehen oder Billigflüge gab, großer Popularität.

Ziel der Ausstellung, zu der insgesamt rund 635.000 Gäste pilgerten, sollte es sein “…neben die hoch entwickelte moderne europäische Kultur die eigenartig gestaltete afrikanische, welche die ersten Stufen unseres Kulturlebens etwa erst zu erreichen bestrebt ist, zum Vergleich zu setzen.” (3). Auch Fabrikanten und Unternehmer sollten durch die Ausstellung angeregt und auf die neuen deutsch-kolonialen Absatzmärkte aufmerksam gemacht werden. Gesponsert wurde der massentauglich verbreitete Sozialdarwinismus von Leipziger Unternehmern, dem Stadtrat und dem Staat. Um sich mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie zu brüsten wurden keine Kosten und Mühen gescheut. So sollte das “Schutzgebiet” möglichst originalgetreu nachgebaut werden. Dazu zählten zwei Kolonialstationen (Usungula und Mquapua), ein militärisches Expeditionslager, eine evangelische Missionsstation und die Haupthandels-Straße Barra-Rasta in Dar es Salaam, die in der Ausstellung als Souvenir- und Cafémeile diente.

In den Gebäuden selbst fanden die Besucher unzählige ethnographische Gegenstände, landestypische Produkte und Bilder. Darunter auch

“einige sehr interessante Stücke aus der Sammlung des Herrn Gouverneur v. Wissmann, von ihm (…) in den Gefechten gegen die Wawamba erbeutet.” (4).

Um den Besuchern ein “wahrhaftiges” Antlitz der “schützenswerten” Zone zu verleihen, wurden auch Menschen aus Fleisch und Blut ausgestellt. Für dieses “authentische” Erlebnis reiste der Beamte Karl Kaufmann am 27. Dezember 1896 mit Erlaubnis der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes und des Gouverneurs DOAs nach Dar es Salaam. Sein Auftrag: Anwerbung von “Eingeborenen”. Vier Monate später erreichte Kaufmann mit 47 BewohnerInnen DOAs Leipzig. Bei der Auswahl der “Eingeborenen” achtete Kaufmann darauf, dass sie vorher möglichst wenig Kontakt mit Europäern hatten. Schließlich ging es laut seinem Auftrag darum

“… Vertreter der innerafrikanischen Stämme zu gewinnen, da die Suaheli als etwas Bekanntes – wie viele Suaheli-Karawanen gab es in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zu sehen! – niemals die Anziehungskraft ausüben konnten, wie Repräsentanten anderer Stämme.” (5).

Das gesteigerte Interesse wurde durch Kannibalen-Gerüchte angeheizt. Die Ausstellungs-Zeitung verkündete am 12.April 1897:

“…dass bei besonderen Festlichkeiten dort Menschen verspeist wurden, und dass auch drei Matrosen von Sr. Majestät Schiff “Leipzig”, die sich im Jahre 1888 zur Zeit des Buschiri- Aufstandes vom Schiffe entfernten, von ihnen verspeist sein sollen. Herrn Kaufmann gaben die Leute auf sein Befragen die Erklärung ab, dass sie früher Menschen gegessen hätten, der drei Matrosen könnten sie sich aber nicht entsinnen…”.

Auf diese und ähnliche Weise konstruierte mensch die “Anderen” entlang einer Differenz, die sich bis heute durch Dualismen auszeichnet: “Primitive” vs. hoch entwickelte Kulturen. “Naturkinder”, “Ungläubige”, “schwarze Teufelsanbeter”die vor noch mehr Unheil geschützt werden muss – durch eine als hoch entwickelt geglaubte westliche Zivilisation. Ein “Schutz” der heute auch gerne von so genannten Nicht-Regierungsorganisationen als Entwicklungszusammenarbeit verkauft wird. Aber das nur am Rande.

Die in ihren nachgestellten Behausungen eingesperrten “Primitiven” durften ihre “gut beheizten Räume” nur einmal für einen Rundgang mit ihrem Fänger verlassen, wo dieser sie in Tänze, Kämpfe und traditionelles Handwerk einführte.

Trotz der “guten Beheizung” und der medizinischen Betreuung starb ein junger Angehöriger der Wassukuma kurz nach der Eröffnung der Ausstellung an einer Lungenentzündung. Er wurde auf dem Leipziger Südfriedhof bestattet. Er war nicht das einzige Todesopfer. Viele der “Ausgestellten” starben. Dokumente von ihnen gibt es nur sehr wenige. Eines davon stammt von Abraham. Er wurde in der “Eskimo-Völkerschau” ausgestellt und starb wie alle anderen Ausgestellten dieser Schau an Pocken. In seinem Tagebuch vermerkte er:

“…Donnerstag, 7 November. Hatten wir wieder betrübtes gehabt. Unser Gefährte, der led. Tobias wurde von unserem Herrn Jakobsen mit der Hundepeitsche gehauen…” (6).

Herr Jakobsen und sein Bruder waren auch von Interesse für das Leipziger Völkerkundemuseum. Das kaufte nämlich 1885 deren ethnographische Sammlung aus Nordwestamerika. Wie die ausgestellten Gegenstände erworben wurden, wird dem Besucher damals wie heute nicht verraten. Zum Völkerkundemeusum gäbe es noch viel zu sagen, doch dazu ein anderes Mal. Nur so viel: An der Fassade der Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz, das damals als Völkerkundemuseum erbaut und genutzt wurde, prangt noch heute die Amazone aus der Armee der Dahomey (heutiges Benin), das zu jener Zeit gerade von Frankreich besiegt worden war. Und wer sich nicht nur für die Artefakten interssiert, sondern auch dafür, was aus den Menschen dieser Völkerschauen geworden ist, kann einen kleinen Geschmack aus unserem Nachbarland bekommen. In Zürich wurden nämlich im Januar 2010 die Skelette von fünf Seenomaden der Kawésqar-Indianer, die vor über 130 Jahren nach Zürrich für eine Völkerschau verschleppt wurden, erstmalig nach Chile zurückgeflogen worden.

Koloniale Spuren in Leipzig gibt es viele. Sie führen unter anderem zu akademischen Elite-Institutionen wie dem Institut für Ethnologie, dem Institut für Geographie, sie führen aber auch zu öffentlichen Orten wie dem Grassi-Museum, dem Ring-Messehaus, zum Krystallpalast-Varité, zur Nikolaikirche, zum Völkerschlacht-Denkmal, aber vor allem zum Leipziger Zoo, dem Ort, der früher Menschenschauen bewarb wie heute neue Tiergeburten. Im Leipziger Zoo werden die kolonialen Spuren zwar geleugnet, aber weiterhin “authentisch” reproduziert:

“Abendveranstaltung “Hakuna Matata” in der Kiwara-Lodge. Erleben Sie eine spannende Tour mit den Zoolotsen durch den abendlichen Zoo, ein spannendes Programm mit afrikanischen Tänzern und Trommlern und ein Bufett im exotischen Ambiente der Kiwara-Savanne. Tickets und weitere Infos im Safari-Büro.”

(1) http://www.engagiertewissenschaft.de

(2) http://www.leipzig.de/de/buerger/freizeit/leipzig/parks/clara/allg/

(3) Ausstellungs-Zeitung vom 29.4.1897

(4) D.K. Blümcke 1897, S.23

(5) Ausstellungs-Zeitung vom 29.5.1897

(6) Tagebuch von Abraham, übersetzt von Bruder Kretschmer 7.11.1880 nach Thode-Arora 1989, S. 125

Wer sich stärker für das Thema interessiert, dem sei die Homepage www.leipzig-postkolonial.de empfohlen, auf der in Kürze Texte zu postkolonialen Orten in Leipzig erscheinen. Die Seite wird von der Arbeitsgruppe Postkolonial/Engagierte Wissenschaft e.V. betrieben, die regelmäßig auch “postkoloniale” Stadtrundgänge in Leipzig anbieten.

Infokasten:

Deutschland begann mit der Kolonisierung verstärkt “erst” Ende des 19. Jahrhunderts. Die größte Kolonie war Deutsch-Südwestafrika, auf dem Gebiet des heutigen Namibia, das von 1884 bis 1915 kolonisiert wurde. Ab 1904 kämpften deutschen Truppen gegen die Herero, die erbitterten Widerstand leisteten. Später schlossen sich auch die Nama, die im Süden des Landes lebten und von den Deutschen “Hottentotten” genannt wurden, dem Kampf gegen die deutsche Kolonialmacht an. Die meisten Historiker bezeichnen den Krieg gegen die Herero und Nama als Genozid, da die Ziele nicht nur Sieg und Unterwerfung miteinschlossen, sondern vor allem Vertreibung und Vernichtung.

Schätzungen gehen davon aus, dass damals 50 bis 70 Prozent der bis zu 100.000 Herero und die Hälfte der damals rund 20.000 zählenden Nama, ums Leben kamen. Tausende von ihnen starben in Konzentrationslagern. Zu den verfolgten Völkern gehörten auch die Damara und San. Der Krieg wurde offiziell am 31. März 1907 für beendet erklärt. Erst 1908 wurden die letzten Konzentrationslager aufgelöst. Am 22.3.12, einen Tag nach dem 22. namibischen Unabhängigkeitstag und dem internationalen UN-Tag gegen Rassismus, lehnte der Bundestag einen Antrag der Linksfraktion vom 29.2.2012 ab, in dem diese forderte, das Parlament möge den Krieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika als Völkermord anerkennen.

Dieser Artikel erschien leicht gekürzt in der 46. Ausgabe des Feierabend, dem libertären Monatsheft aus Leipzig, November 2011

23
Nov
12

Afrika spendet Heizungen für Norwegen!

Wer sich in den Mittelpunnkt stellt, muss damit rechnen verarscht zu werden. Hier ist ein grandioses Beispiel, das Dekolonisation massentauglich vorantreibt. Endlich on air: Die globale und viel verteufelte Peripherie schlägt zurück. Denn gönnerisch und großzügig sein kann jeder, nicht nur Vertreter der White Charity oder der Entwicklungsökonomie. Radi-Aid brings warmth! Say no to the “West and the Rest”! Say yes to Radi-aid! Be warm!

31
Jul
12

Das Leben “der Anderen”

Bild

Deutsche Piekser, Bild: dpda

Leipzig/Grünau, 11. Juni 2012. Mehrere hundert aufgebrachte Bürger stehen vor der Tür der “Völkerfreundschaft”. Die meisten von ihnen im Rentenalter. Sie warten ungeduldig darauf Einlass zur Stadtbezirksbeiratsitzung zu bekommen um ihrem Ärger gegen das zweite geplante große Flüchtlingsheim in ihrem Stadtteil Luft zu machen. Auf ihren Mobilisierungsplakaten steht: “Grünau = Berlin-Kreuzberg. Wir Grünauer sagen NEIN!” Sie haben genug von der Völkerfreundschaft. Die müsse sich schließlich nicht immer in ihrem Viertel abspielen. Ein Flüchtlingsheim sei genug, es gebe schon genug soziale Probleme, Alkoholmissbrauch und Kriminalität. Das und vieles mehr wollen sie dem Leipziger Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD) sagen. Der ist heute gekommen um den Grünauern zu vermitteln, dass die Weißdornstraße 102 derzeit das einzige Objekt in der Stadt ist, das die nötige Kapazität für 180 Flüchtlinge aufbringt. Er möchte ihnen erklären, dass die Zahl der Flüchtlinge im letzten Jahr wieder angestiegen ist (1), dass Leipzig im nächsten Jahr eventuell mit über 400 Flüchtlingen mehr rechnen muss, und dass es sich dabei um eine Weisung des Freistaates Sachsen handelt.

Die Grünauer fühlen sich übergangen, weil sie niemand in den Entscheidungsprozess mit einbezogen hat. Unter Dezentralisierung verstehen sie nicht, dass die Mehrzahl der Leipziger Flüchtlinge in Grünau lebt. Noch immer werden sie nicht hereingelassen. Einige beginnen unruhig an der Tür zu rütteln. In der Hoffnung endlich gehört zu werden, rufen sie: “Wir sind das Volk!” Später wird ein Redner während der Bürgerdiskussion das bereits bestehende Flüchtlingsheim in der Liliensteinstraße kommentieren:

“Ich bemüh mich schon seit zwölf, dreizehn Jahren, dass in diesem Heim Ordnung einkehrt (Gelächter aus dem Publikum). […] Da wird an kirchlichen Feiertagen orientalische Musik abgeleiert. Ruft man de Polizei an: Ich bin nicht zuständig. Ruf ich das Ordnungsamt an: Ich bin nicht zuständig. Das Sozialamt […] und es tut sich gar nichts(tosender Beifall und Johlen aus dem Publikum). Aber so geht das nicht, dass hinterher der Bürger dann alleine gelassen wird. Und ich bin froh, dass diese Diskussion nun entsteht. Bis jetzt war ich ein Einzelkämpfer. Ich wurde seit 1998 als Rechts in die Ecke gestellt […]” (Aus dem Publikum johlt ein Mann:“Du bist nicht allein!”, daraufhin tobender Applaus und Johlen) (3).

Als ein anderer Redner vorsichtig äußert”…die Menschen kommen auch her, weil sie Angst haben”, ertönt aus dem Publikum höhnisches Gelächter.

Angefangen hatte alles mit Amazon. Als das Versandhaus vor rund drei Jahren offiziell Interesse an dem Gelände der Thorgauerstraße 290 bekundete, begann die Diskussion um die alternative Unterbringung der dort lebenden Flüchtlinge in der Stadtverwaltung. Der Stadt Leipzig kam Amazon’s Wunsch nach Expansion gelegen. Die Stadt suchte händeringend nach Investoren um nicht nur die maroden Häuser, sondern auch die marode Arbeitsmarktlage zu sanieren. Gleichzeitig musste nun für die Flüchtlinge ein neuer Ort her. Im Sinne der politischen Entscheidungsträger ein Ort “nicht unmittelbar in einem Wohngebiet, insbesondere entfernt von Schulen, Kindergärten, Spielplätzen”. Als die Stadt ihren Vorschlag bekannt gab – ein Containerwohnheim für 300 Personen in der Wodanstraße, im Norden der Stadt, nahe der Autobahn – machten sich lautstarke Proteste in der Zivilgesellschaft und in einigen Fraktionen des Stadtparlamentes breit. Im Dezember reichten DIE LINKE und Bündnis 90/ Die Grünen ein erstes Konzept ein, indem sie eine weitestgehende dezentrale Unterbringung von Asylbewerber_innen und Geduldeten forderten. Das Konzept, das im Juni 2010 angenommen wurde, sah eine Mitbestimmung von Initiativen und Vereinen vor, die die SPD und CDU damals ablehnten. Am 8.Mai 2012 stellte die Stadt ihr Konzept “Wohnen für Berechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in Leipzig” vor. Danach soll das Heim in der Thorgauer Straße bis Ende 2013 durch sechs kleinere und ein größeres dezentralisiertes Objekt – letzteres in Grünau – ersetzt werden.

Ajmal (2) ist ein Bewohner aus der Thorgauer Straße. Vor fünf Monaten flüchtete der Innenarchitekt vor dem Regime im Iran nach Deutschland. Über das Heim in der Thorgauer Straße und die neuen Entwicklungen sagt er:

“Keiner von uns wohnt gerne in diesem Gefängnis. Aber seit wir wissen, dass wir aus der Thorgauer Straße gehen müssen, haben viele von uns auch Angst zu gehen. Wir wissen nicht wo die neuen Häuser stehen. Einige haben gehört, dass es Proteste gegen uns gibt und würden gern mit unseren Gegnern ins Gespräch kommen. Aber viele von uns haben keine Kontakte nach draußen. Wir wissen nicht was passieren wird.”

Eine andere Bewohner_in des Flüchtlingsheimes in der Thorgauer Straße ist Rashida. Sie ist alleine aus Pakistan geflohen, weil sie zu Hause der Ahmadi Minderheit angehört, deren Angehörige von der pakistanischen Mehrheitsbevölkerung nicht als Muslime anerkannt werden.

Wenn ich einkaufen war, haben die Leute in meinem Dorf mir den Schleier vom Kopf gerissen, weil sie unseren Propheten nicht akzeptieren“,

erzählt sie und zieht den locker um ihren Kopf geworfenen Schal straff über das Kinn. Tatsächlich ist die Ahmadiyya in Pakistan seit 1994 verboten. Angehörigen dieser Glaubensrichtung ist Begrüßungsformel “Salām” untersagt und wird mit Haftstrafen geahndet. Wie sich die Verfolgung auf Ahmadis in Pakistan auswirken kann, zeigte der Anschlag auf zwei Ahmadiyya-Moscheen in Lahore am 28. Mai 2010, zu der sich pakistanische Taliban-Milizen bekannten, bei dem während eines Freitagsgebetes 86 Ahmadis getötet wurden. Zu Hause hatte Rashida Angst um ihr Leben. Deshalb nach Deutschland geflüchtet. Sie wollte mit ihrem Ehemann kommen, doch die pakistanische Regierung stellte ihm bislang keine Ausreisepapiere aus. Rashida sagt sie fühle sich alleine, verbringe die meiste Zeit auf ihrem Zimmer. Nach sieben Uhr verlasse sie das Haus nicht mehr. Die junge Frau hat auch hier Angst. Dabei hat sie von den Bürgerprotesten in Grüau, Wahren und Portitz noch gar nichts mitbekommen. Ihr reicht schon was sie im Heim erlebt. Da ist ein Heimbewohner, der regelmäßig an ihre Türe klopft und etwas zu ihr sagt, dass sie nicht versteht. Rashida ist eine von einer Handvoll Frauen unter 200 Männern in der Thorgauer Straße. Die anderen Frauen sprechen ihre Sprache nicht. Jetzt hat sie einen Antrag gestellt um nach Grünau in die Liliensteinstraße umziehen zu dürfen. Dort hat sie Freundinnen, die wie sie Muslima sind und aus Pakistan kommen.

Eine junge Mutter aus Grünau, die einen Bericht über die dezentralisierte Unterbringung von Asylbewerber_innen auf leipzig-fernsehen.de kommentiert, glaubt zu wissen, weshalb die Flüchtlinge wirklich kommen:

“Ich habe nix gegen Ausländer, aber wieso sollen wir sie hier aufnehmen wo sie selbst ein eigenes Land haben. Sie nehmen den Deutschen hier Arbeitsplätze weg oder kassieren schön das Hartz IV, leben da schon auf Staatskosten und dann noch die Unterbringung. Dass kann es nicht sein […]”

Fremdenfeindliche Evergreens aus der Mitte unserer Gesellschaft wie diese können tatsächlich nicht sein und lassen sich schnell entkräften. Erstens: AsylbewerberInnen dürfen frühestens nach einem Jahr arbeiten und werden nur dann angestellt, wenn kein_e Deutsche_r, EU-Bürger_in diese Stelle annehmen will. Zweitens: Die statistische Arbeitslosenrate unter Migrant_innen ist mehr als doppelt so hoch wie unter der Mehrheitsbevölkerung (4). Drittens müssen grundsätzlich Gesetz- und Arbeitgeber_innen verantwortlich gemacht werden. Letztere nutzen die prekäre Situation der Flüchtlinge/Migrant_innen oft schamlos aus und beschäftigen sie ohne Versicherungen und Sozialabgaben zu Niedriglöhnen. Es kommt nicht selten vor, dass der Lohn gar nicht ausgezahlt wird.

Was in Grünau dieser Tage deutlich wird ist, dass es zu kurz gegriffen wäre die Protestierenden einfach als Rassisten zu bezeichnen. Vielmehr verschränken sich hier oftmals diskriminierende Einstellungen: “Wenn 150 deutsche Obdachlose in die Unterkunft kämen, würden wir auch dagegen protestieren!” rechtfertig ein Grünauer Bürger seine Wut. Und schon in diesem kurzen Satz durchkreuzen sich fremdenfeindliche, klassenorientierte und sozialdarwinistische Weltanschauungen. Ob Obdachlose, “Asoziale” oder “Asylanten”, die Kategorien werden beliebig ethnisch oder sozial auf- und abgeladen. Und es scheint eine anthropologische Konstante, dass die Menschen, die diese Zuschreibungen aufgedrückt bekommen, diejenigen sind, die systematisch überwacht und eingesperrt werden.

13. Juni 2012. Plagwitz, Schule am Adler. Rund 200 junge, bunte Menschen füllen den Saal bei der Stadtbezirksbeiratssitzung, bei der das Objekt in der Markranstädterstraße 16-18 im Stadtteil vorgestellt wird. Das Haus ist für rund 45 Menschen ausgelegt. Gleich ob von Stadtbezirksbeirät_innen oder Anwohner_innen, m Saal findet das Konzept trotz vieler konstruktiv kritischer Anmerkungen als “ein Schritt in die richtige Richtung” eine so breite Zustimmung, dass dem Sozialbürgermeister und der Sozialamtsleiterin Martina Kador-Probst zum Schluß die Tränen in den Augen stehen.

Tatsächlich ist eine idealere sozio-(sub)kulturelle Einbindung der dezentralisierten Unterbringung wie in der Markkranstäder Straße kaum vorstellbar. Die unmittelbare Nachbarschaft – die Zollschuppen-Häuser, der Bauspielplatz Wilder Westen, die Meta Rosa und der Wagenplatz Karl Helga bekunden nicht nur Freude über die Entscheidung, sondern bieten den Flüchtlingen mit Volxküchen, Zirkusprojekten, Baustellen bis hin zu politischen Veranstaltungen einen potentiellen abwechslungsreichen Alltag.

Bei genauerem Hinsehen erscheint das Objekt in Plagwitz nicht nur einzigartig in seiner sozio-kulturellen Einbindung, sondern auch in seiner Symbolik. Dafür sorgt Siemens, ein Global Player in der Rüstungsindustrie. Denn es ist kein Zufall, dass das Rüstungsgerät zufälligerweise in die Länder exportiert wird aus denen das Gros der Flüchtlinge kommt. Damit wird der gewählte Standort in der Markranstädter Straße unfreiwillig zum dreidimensionalen Schaubild der Konsequenzen neokolonialer Praxis – und unserer eigenen Verwicklung in die Fluchtgeschichten der Flüchtlinge.

Komplexe Themen wie Krieg und Massenunterbringung wurden bei der Sitzung in Plagwitz allerdigs ausgespart. Es schien als wollte mensch an den gegebenen Umständen arbeiten und keine neuen Grundsatzdiskussionen vom Zaun brechen. Kritisiert wurde beispielsweise die 0,8 Prozent Sozialarbeiter-Stelle, die für die Flüchtlinge in der Unterbringung vorgesehen ist. Tatsächlich ist dieser Schlüssel schon seit Jahren Standard in Leipziger Flüchtlingsheimes, ohne dass er bislang auf öffentlichen Sitzungen kritisiert wurde. Stattdessen arbeitet sich “der/die/das gute Linke_r” gern wie andere Wir-Gruppen auch an seinen geglaubten Anderen ab. So lautet der Tenor auch in Plagwitz an diesem Tag: Der gutgemeinte Versuch der politischen BefürworterInnen die Flüchtlinge in Leipzig zu integrieren, scheitert womöglich nicht an dem Verhalten der Flüchtlinge, sondern an der Unfähigkeit der Mehrheitsgesellschaft die Flüchtlinge zu integrieren. Eine Rednerin fragt deshalb: “Wäre es nicht langsam an der Zeit die Bürger und Bürgerinnen Leipzigs, die so gegen die Flüchtlinge hetzen zu demokratisieren?” Ist es womöglich an der Zeit Integrationskurse für die deutsche Mehrheitsgesellschaft anzubieten?

Anstatt Menschen in rechte und linke Schubladen zu stecken, ist es an der Zeit, Begegnungen und Dialoge zwischen den Menschen herzustellen, die Angst voreinander haben. Ansonsten bleibt es beim Lagerdenken. Das beinhaltet eben nicht nur Rassisten zu entlarven und sich und seinen eigenen Aktionismus zu mögen, sondern die gegen die mensch ist und die, für die mensch ist, kennenzulernen, Freundschaften mit ihnen zu schließen und zwischen ihnen und ihren Gegnern zu vermitteln. Nicht auf Podien, sondern direkt, im Sinne einer face-to-face Gesellschaft.

(1) 2011 stieg der Zahl der in Leipzig angekommenen Asylsuchenden von 198 auf 278, eine Steigerung um 31 Prozent. Quelle: http://jule.linxxnet.de/index.php/2012/06/burgerinnen-gegen-asylsuchende/

(2) Alle Namen der Bewohner_innen des Heimes wurden von der Redaktion anonymisiert

(3) Quelle: http://agdezentralisierungjetzt.blogsport.eu/2012/06/13/bericht-von-der-stadtbezirksbeiratssitzung-west-grunau-am-11-juni-2012/

(4) Im März 2011 waren in Westdeutschland 14, 5 Prozent Ausländer gegenüber 5,2 Prozent Deutschen arbeitslos gemeldet. In Ostdeutschland 24,6 Prozent Ausländer gegenüber 11,9 Prozent Deutschen. Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2011: http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Statistische-Analysen/Analytikreports/Zentrale-Analytikreports/Monatliche-Analytikreports/Generische-Publikationen/Analyse-Arbeitsmarkt-Auslaender/Analyse-Arbeitsmarkt-Auslaender-201103.pdf

Dieser Artikel erschien in leicht abgeänderter Version im Leipziger libertären Monatsheft “Feierabend”.

26
Oct
11

Glänz glänz, glitzer glitzer – Gender und Konsum in der Türkei

“Piril piril!” ruft Arzu Freude strahlend aus. “Piril piril!” gibt Nebahat anerkennend zurück. Piril piril ist Türkisch und heißt soviel wie “shiny shiny” oder auf deutsch “glitzer glitzer”. Die beiden Studentinnen sind gerade in Cevahir, dem größten Konsum-Tempel Europas angekommen. Sie lachen aufgeregt. Ihr Körper schüttet Endorphine aus. Glänzende Marmorfußböden und andere spiegelglatte Oberflächen, luxuriöse und ausladende Innenarchitektur. Hier sind sie wer. Hier ist es egal, ob sie eigentlich aus einem unteren Mittelklasse-Viertel stammen. Hier fühlen sie sich wie Prinzessinnen – selbst wenn sie auf der Toilette ihr Geschäft verrichten. Alles ist sauber, die Luft, die Böden, das Glas. Die Menschen sind gut gekleidet, als würden sie gleich bei einem Werbe-Casting für die neue Zara-Winterkollektion vorsprechen. 48 Stockwerke voller Dinge, die sie sich schon lange gewünscht haben. Doch wohin zuerst? Arzu möchte auf direktem Weg zum Adidas Store, sie hat Schuhe in der Werbung gesehen, die sie unbedingt anprobieren möchte. Nebahat möchte lieber zu Mango. Noch bevor sie die Läden ihrer Begierde erreicht haben, überfällt sie der Hunger. Burger King oder lieber zum traditionellen Muhallebici nebenan, der türkische Milchsüßspeisen verkauft? Die Mädchen diskutieren. Bei 343 Läden wird die Wahl leicht zur Qual.

Arzu’s Telefon klingelt. Ihr Vater ist am Apparat und möchte wissen wo sie ist. Dieses mal muss sie nicht, wie sonst so oft, lügen. “Cevahirdayiz” (dt.: Wir sind in der Cevahir), sagt sie gut gelaunt. Der Vater wünscht viel Spaß und bestellt einen Gruß von der Mutter und einen an ihre Freundin. Arzu weiß, dass es ihren Eltern gefällt, wenn sie in der Shopping-Mall ist. Es beruhigt sie zu wissen, dass ihre Tochter in einer sicheren und sauberen Umgebung ist. An einem gut gekühlten öffentlichen Ort, wo sie zwar auch mit dem gefährlichen anderen Geschlecht konfrontiert wird, jedoch in einer Prestige trächtigen Umgebung. Es beruhigt die Eltern auch zu wissen, dass Arzu nicht allein ist und somit “tugendhafter” erscheint. Die Eltern sehen es nicht gern, wenn Arzu draußen auf der Straße herumläuft. Frauen, die draußen – womöglich noch alleine – herumlaufen, riskieren sexuelle Belästigungen.

Die Tempel des globalen Bürgertums

Früher waren Einkaufstrips zu Shopping-Malls der Elite vorbehalten. Mittlerweile sind Shoppingmalls zum Symbol einer demokratischen Massenkultur geworden, zu der auch untere Klassen Zugang besitzen und damit eine Stück vom Kuchen der Konsumfantasie, des Raumexzesses und des Massenspektakels abbekommen und somit am “globalen Bürgertum” partizipieren. Die Shopping-Mall ist deshalb nicht nur ein Ort des reinen Konsums von Waren. Sie ist auch ein Ort an dem bessere Lifestyles imaginiert werden, auf und durch den Wünsche projiziert werden. Shopping Malls können als Tempel der kollektiven Imagination interpretiert werden. Das reiche, moderne und luxuriöse Ambiente animiert die Sinne der Flaneure und lässt in ihnen das Gefühl keimen der globalen, urbanen Welt anzugehören. Die Flaneure von Shopping Malls befinden sich gleichzeitig und gleichräumlich in München, Singapore, Lima, Austin oder Kapstadt. Im Gegensatz zu einem normalen Laden, ist es möglich in einer Shopping-Mall einfach nur herumzuhängen und sich trotzdem dazugehörig zu fühlen. Die soziale Identität bleibt im Autohaus. Shopping-Malls sind Orte der Rollenspiele.
Wikipedia listet 73 aktuelle Shopping Malls in Istanbul, 14 weitere befinden sich in Planung. Und dennoch – die Einkaufskultur bleibt vielschichtig.

Konsumwelten in der Türkei

Die Shoppingmall-Einkaufskultur der Türkei unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem Einkaufen auf dem Bazar oder dem Einkaufen in kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein traditioneller, überdachter und ebenerdiger Bazar in der Türkei ist eine Männer-Domäne. Konsumenten stehen in der Regel männlichen Verkäufern gegenüber, die sie oft und üblich auf einen Tee einladen, einen Schwatz mit ihnen halten und mit denen sie über den Preis verhandeln können. Die “offenen” Bazare, also die nicht überdachten unterscheiden sich von den geschlossenen dadurch, dass sie zunehmend auch weibliche Verkäuferinnen zulassen. Im Gegensatz zu den Bazaren, kann in den kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft zwar nicht ganz so selbstverständlich über den Preis der Produkte verhandelt werden. Ausschlag gebend ist aber die Beziehung des Konsumenten zum Verkäufer/Ladenbesitzer. Ist dieses Verhältnis gut, kann durchaus auch über den Preis verhandelt werden, mehr noch, es kann “angeschrieben” werden. Das “Kaufen auf Pump” ist eine gängige Praxis innerhalb der Handelskultur einzelner (unterer Mittelklasse) Nachbarschaften. Mit diesem Prinzip werden Beziehungen aufrecht erhalten. Wenn Person X Person Y noch etwas schuldig ist, ist Person X solange an Person Y gebunden bis sie ihre Schuld beglichen hat. Hat sie ihre Schuld beglichen, wächst automatisch das Vertrauensverhältnis zwischen X und Y und Y ist ggf. beim nächsten Einkauf von X bereit ihr noch einen größeren Kauf “auf Pump” zu gewähren. Das Verhältnis wird somit immer reziproker (gegenseitiger). Neben dem informellen Kreditsystem bieten kleine Läden in der Nachbarschaft ihren Kunden auch Hausservice an. Wenn X, die in einem Mehrfamilienhaus im 3. Stock wohnt beispielsweise Brot, Milch und Oliven aus dem nächsten Bakkal (Tante Emma Laden) braucht, ruft sie den Bakkal ihres Vertrauens an, der in der Regel ein Kind oder einen Jugendlichen mit den Bestellungen zum Haus von X schickt. X lässt daraufhin einen Korb an einer Leine mit dem vom Bakkal angeforderten Betrag herunter, das Geld wird entnommen und die Bestellungen werden hinein gelegt – fertig ist der Einkauf.

Obwohl die Art des Einkaufes stark mit der sozialen Klasse der Konsumenten zusammenhängt, ist die Segregation von Klasse, Alter, Gender und Ethnie des Konsums bei Shopping Malls weitest gehend aufgehoben. Je höher die Klasse jedoch, desto eher können die Konsumenten flexibel zwischen unterschiedlichen Einkauf-Settings profitieren. Im Stadtteil Etiler, einem obere Mittelschicht Viertel beispielsweise haben Konsumenten die Wahl zwischen Bakkals in der Nachbarschaft, zwei Shoppingmalls und einem Open-Air-Bazar des Typs Sosyete pazari (High Society Bazar).
In allen Einkaufsräumen jedoch, werden die Kunden wie Könige behandelt. Ob sie auf dem Bazar mit dem Händler pazarlik betreiben, also handeln, ihre Waren ins Haus geliefert bekommen, “auf Pump” kaufen können oder in einer Shopping-Mall beraten werden, das Konsum-Erlebnis in der Türkei ist ein personalisiertes, Vertrauen orientiertes.

Genderorientierter Konsum in der Türkei

Unter bestimmten Berufsgruppen, wie Händlern, Bauern und Besitzern kleiner Läden, ist es üblich, dass die Männer die Einkäufe übernehmen und in der Regel auch die Kontrolle über den Finanzhaushalt der Familie besitzen. In solchen Familien entscheiden die männlichen Oberhäupter was für die Familie oder für Gäste gekocht wird.

Einer türkischen Studie des Sosyal Egitim ve Danismanlik Sirketi zufolge, die in 37 Läden, welche üblicherweise in Shoppingmalls vertreten sind (wie etwa Benneton, Mudo und Bata) ausgeführt wurde, sind 54,7 Prozent der Manager Frauen, die in der Regel sehr Karriere orientiert sind und einer “protestantischen Arbeitsethik” folgen. Manager gaben grundsätzlich an, dass sie keine Frauen einstellen wollen, die Kinder oder Familie haben, da diese nicht in der Lage wären sich an die Arbeitsstunden zu halten und eine 6 bis 7-Tage-Woche zu absolvieren, bei der pro Tag 12 Stunden gearbeitet wird.

Tendenziell besetzen Frauen die Spitze in der “Hierarchie des Geschmacks”, während Männer eher die Spitze in der “Hierarchie des Wohlstandes” bilden.
Während Frauen mit ihren Männern shoppen, haben sie die Möglichkeit finanzielle Entscheidungen mit zu beeinflussen und die Männer stärker in die alltäglichen Aktivitäten und Familienangelegenheiten einzubinden. Das Shopping kann so zu einem Machtinstrument der Frauen über ihre Männer werden. Kann das Shoppen also als ein emanzipatorische Akt begriffen werden?

Das Shoppen und Konsumieren von Produkten und Waren gehört sowohl bei Männern, als auch bei Frauen zu einer Prestige-Aktivität. In Shopping-Malls bekommen Frauen Zugang zum kapitalistischen Markt durch individuelle Erfüllungen anstelle durch Gemeinschaft orientierte, soziale Aktivitäten.
Während sie bestimmte Waren anderen Waren bevorzugen, wählen sie gleichzeitig eine bestimmte Kultur, während sie sich von einer anderen abgrenzen. Sätze wie “Wie widerlich, da steht vielleicht ein Dorfmädchen drauf” drücken Frauen nicht nur ihre Geringschätzung gegenüber einem Produkt, sondern betonen auch ihren Klassen-Status.

Shoppen ist eine Erfahrung, die viele KritikerInnen als passiv begreifen. Tatsächlich kann diese Aktivität aber durchaus auch aktiven Zielen dienen, auch wenn diese nicht unbedingt bewusst gelebt werden.

Dieser Text wurde informiert und inspiriert durch den Artikel “Encounters at the Counter: Gender and the Shopping Experience” von
Ayse Durakbasa und Dilek Cindoglu aus dem Buch: “Fragments of Culture: the everyday of modern Turkey” von Deniz Kandiyoti und Ayse Saktanber (Hg.)

04
Jul
11

Von Sündenböcken in Jägerkasernen – Mazedonische Roma in Sachsen. Zur Geschichte eines Gerüchtes 

Als die EU am 19. Dezember 2009 den Visumzwang für Mazedonien, Serbien und Montenegro aufhob, war dort die Freude groß: Bis zu 90 Tage sollten sich Angehörige dieser Staaten nun legal innerhalb der EU-Schengengrenzen aufhalten dürfen. Was dann geschah, war vorherzusehen. Tausende von Menschen wechselten aus rechtlicher Perspektive von einem legalen Status in den anderen und beantragten vor Ablauf ihres Touristenvisums Asyl. Denn zu Hause war ein hartnäckiges Gerücht im Umlauf: Wer im Besitz eines biometrischen Passes sei, hieß es, könne nach Westeuropa auswandern. In Belgien oder in den skandinavischen Staaten erhalte man sogar Asyl. Für Angehörige von Minderheiten wie mazedonischen Roma oder Albanern, die unter struktureller Arbeits- und Perspektivlosigkeit leiden, ein verlockendes Angebot.

545 Menschen sollen es laut dem Medienservice allein in Sachsen gewesen sein, die in den ersten neun Monaten nach Abschaffung des Visumzwangs Anträge auf Asyl gestellt haben, im Vergleich zu insgesamt 45 im Jahr 2009. Der Spiegel schrieb von einer „Asylbewerberwelle“, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) von einem „offenkundigen Missbrauch“ des Asylrechts und Sachsens damaliger Innen- und amtierender Staatsminister Markus Ulbig (CDU) wetterte: „Wer missbräuchlich Asyl beantragt, schadet denen, die unseren Schutz brauchen. Hier muss der Staat reagieren.“ Wie ein autoritärer Vater, der nicht weiß wie er seine undisziplinierten Kinder, bestrafen soll, reagierte der Staat, indem er bereits im vergangenen Oktober die finanziellen Rückkehrhilfen strich – 400 Euro pro erwachsene Asylsuchende aus Serbien und Mazedonien, der “freiwillig” das Land verlässt. Schliesslich sei nicht auszuschließen, verlautete in sächsischen Regierungskreisen, dass die AsylbewerberInnen nur gekommen wären, um das Geld abzugreifen.
Das Argument hatte schon jemand anders salonfähig gemacht: Sarkozy, während der massiven Abschiebungen von Roma aus Frankreich.
Für den Staat ist die freiwillige Rückkehr billiger als Abschiebungen. Und sie werfen in den Statistiken für die EU und für die der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ein wärmeres Licht auf die im internationalen Kontext als repressiv bekannte Ausländerpolitik in Deutschland.

In einer Pressemitteilung vom September 2009, beklagte die Landesdirektion Sachsen eine “punktuellen Belastung” speziell von Asylbewerbern aus Mazedonien, deren Unterbringung sich immer schwerer gestalte. Man arbeitete an Lösungen, hiess es weiter. Trotz des überproportionalem Gebäude-Leerstandes in Sachsen, sind es oft ehemals militärische Gebäude, die zur “lösenden” Unterbringung der Flüchtlinge umfunktioniert werden. Wie in Schneeberg im Erzgebirge, wo die Mazedonischen Flüchtlinge im Zuge der “Migrationswelle” in einer Jägerkaserne untergebracht wurden. Noch vor ihrer Einquartierung, heizte Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) die Stimmung in der Regionalpresse an. Ein Anstieg von Diebstählen im Ort sei nicht auszuschließen. Zudem sei eine Erstaufnahmeeinrichtung in Schneeberg „nicht gerade förderlich, wenn ich dort Gewerbe ansiedeln will“. Die Gefahr in Verzug durch die eingereisten “Nichtdeutschen” wie “Ausländer” im Kriminalistik-Slang genannt werden, sieht auch der neue Eigentümer der Jägerkaserne Gustav Struck, Bruder des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD). Auch er könne nicht ausschließen, dass die Vermarktung des Geländes durch die Unterbringung von Asylbewerbern erschwert werde.

Die Landesdirektion Chemnitz bemühte sich die mazedonischen Familien zur „Zurücknahme der Asylanträge und zur freiwilligen Ausreise“ zu bewegen. Im November fuhren schließlich zwei mit
Flüchtlingen gefüllte Reisebusse von Sachsen nach Mazedonien.
Auch in Leipzig ist die Überredung zur freiwilligen Ausreise bereits übliche Praxis geworden. Im Flüchtlingsheim, in Grünau, werden speziell mazedonische Roma-Familien von Behörden-VertreterInnen aufgesucht, die das Einverständnis ihrer freiwilligen Ausreise unterschreiben sollen.
Für Lunchpakete werde gesorgt.

Auch auf europäischer Ebene wurden Maßnahmen getroffen. Brüssel ermahnte die mazedonischen Behörden. Das zeigte bereits Wirkung. Mazedonische Behörden schlossen im März mehrere Reiseagenturen, die Ausreisewillige nach Westeuropa transportiert haben sollen. Eines der betroffenen Busunternehmen in der Hauptstadt Skopje gehörte der Familie eines Abgeordneten, der die Roma im mazedonischen Parlament vertritt. Währenddessen wird in Skopje ein architektonisches Prestige-Projekt geplant: bis 2014 sollen Denkmäler und repräsentative Bauten im Zentrum von Skopje für 80 Millionen Euro saniert werden. Gelder für ökonomisch rückständige Gebiete wie die, in denen Roma leben, werden indes nicht locker gemacht. Also gehen sie. Hier angekommen geht es ihnen meist nicht viel besser. Arbeiten dürfen sie auch hier nicht. Schließlich gelten integrative Maßnahmen für Geduldete nicht. Dabei müsste die Stadt Leipzig sie willkommen heißen, denn laut dem Amt für Statistik und Wahlen der Stadt , sind es “überdurchschnittlich Migranten-Familien unterschiedlichster Herkunft, die durch Kinderreichtum dafür sorgen, das die Geburtenraten in Leipzig in den letzten Jahren beständig über bundesdeutschem Durchschnitt lagen.”

Dieser Text wurde im Feierabend Nr.41, Libertäres Monatsheft für Leipzig veröffentlicht

07
Mar
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Ich sehe fern also bin ich – das Phänomen Fernsehen in der Türkei

Mit acht Stunden täglichem Fernsehkonsum, sind es laut einer OECD-Studie die Bürger der USA, die weltweit am meisten fern sehen. Auf Platz 2 folgt die Türkei mit 5 Stunden täglich. In der Tat gibt es viele Konsum-Parallelen zwischen den USA und der Türkei. Der Fetisch Fernsehen gehört zu den auffälligsten.

Das wichtigste Möbelstück in der Türkei ist der Fernseher. Türkische Wohnzimmer sind deshalb in der Regel um den Fernseher herum angeordnet. Die ökonomische Situation der Familie bzw. die Klasse scheint da ausnahmsweise einmal keine Rolle zu spielen. Denn auch wenn die Familie noch so arm und der Fernsehapparat auch noch so klein und flimmrig ist, bekommt er den Promiplatz, in der Regel gleich neben dem Elektro-Heizgerät/Ventilator.
Wer keinen Fernseher hat oder fern sieht, outet sich nicht nur als Herausforderer Status Quo, sondern scheint geradezu asozial. Schliesslich kann der nicht fern sehende Mensch weder das hoch geschätzte und bis ins kleinste Detail ausdiskutierte private Leben der türkischen Celebrities verfolgen, noch über die vielen un- bis mitteltalentierten “Künstler”, der unzähligen Talentshows herziehen. Viel schlimmer als das wiegt aber, dass einem das Gemeinschaft stiftende frühabendliche Ritual Serien in Serie zu schauen abgeht und mensch lediglich Zuschauer bleibt während sich Freunde, Nachbarn und Verwandte täglich über die letzten unfassbaren Ereignisse von “Kurtlar Vadisi” und den “Kücük Kadinlar” in Rage reden. Der Fernseher scheint aber nicht nur ein wichtiges Status-Element, sondern hat auch eben auch eine wichtige soziale Rolle in der türkischen Gesellschaft inne.


In Istanbul leben geschätzte 20 Millionen Menschen, die in Millionen Häusern leben in denen Millionen von Fernsehapparaten stehen. Präziser: Millionen Satellitenfernsehapparate, die von Millionen von Satellitenschüsseln bespielt werden. Kabelfernsehen gibt es in der Türkei nicht. Die überall aus dem Boden stakenden mehrstöckigen ohnehin schon unfassbar hässlichen Apartment-Blöcke, die ihre Funktion der Massenunterbringung förmlich ausstrahlend dennoch uneingeschränkte Popularität in Istanbul geniessen, werden von den charakteristisch schmutzig-weißen konkaven Scheiben in ihrer Funktionssucht noch betont. Sie kleben an den Häusern wie tote Fliegen an der Windschutzscheibe und tatsächlich hängen sie mitunter auch direkt vor den Fenstern. Denn wer braucht schon Licht, wenn den ganzen Tag gearbeitet wird und abends eh fern gesehen wird? Oder sich abends in der Bar über Fernsehen unterhalten wird….

Eine Freundin, die Regisseurin ist, hat seit einigen Monaten einen Regie-Assistentenjob einer vom staatlichen Fernsehkanal TRT1 produzierten Serie: “Leyla ile Mecnun”, ist der Name des Paares aus 1001 Nacht, das bei uns als Romeo und Julia bekannt ist und jetzt den Stoff für die absurde Serien-Komödie bildet, die das arabeske Märchen durch den urbanen Istanbul-Kakao zieht. Als mich besagte Freundin neulich zu ihrem Geburtstags in eine Bar eingeladen hatte, entpuppte sich der Umtrunk als verschleiertes Filmset-Teamtreffen, denn auch hier drehten sich die Gespräche, wenn auch weniger um den Inhalt der Serie, so doch um die Produktionsstrapazen.

Aber Fernsehen ist längst keine Privatangelegenheit mehr. Dudel- und Brüllkästen hängen in Kaffee- und Teehäusern und selbst in den allseits beliebten Lokalen, in denen es Essen zu erschwinglichen Preisen gibt, glotzen einem Nachrichtenmoderatoren beim Essen zu oder belästigen einen mit Horrornachrichten, die mensch zumindest beim Essen mal gerne ausblenden würde. Aber drauf geschissen. Wenn ich mir gerade eine Gabel Spinat mit Joghurt in den Mund schiebe, explodiert garantiert wieder irgendwo eine Bombe, Granatsplitter fliegen, Blut, Leichenteile, Menschen kreischen in die Kamera. Scheint aber keinen weiter zu stören, es wird munter drauf losgefuttert und wirklich zuhören tut eh keiner. Alles schon tausendmal gesehen. Das Opium fürs Volk wirkt aber trotzdem, denn es hält die nicht essenden Menschen in gefesselter Apathie und stattet sie mit Meinungen aus, deren ursächliches Ereignis sie gleich mitgeliefert bekommen. Aha- und Lerneffekt: 2in1.
Die einmalige Ruhe der Fähre (im Sinn von kein Verkehrslärm außer dem Motorengerattere, kein Geschrei außer dem Çay-Mann), die alle 20 Minuten zwischen den Kontinenten hin- und her gondelt, gehört mittlerweile auch der Vergangenheit an. Denn in den neuen, noch geräumigeren und noch luxuriöseren Fähren prangen neuerdings auf jedem Stock alle fünf Meter Riesenflachbildschirme, aus dem mensch mit den letzten sensationellen Nachrichten des Landes beeimert wird. Das Fernsehen ist im öffentlichen Raum angekommen.

Neulich während einer der zahlreichen Abende bei meiner türkischen Familie, wurde ich fassungsloser Zeuge einer neuen Fernsehshow auf einem Privatsender: der Kreis. Die Regeln: Sechs ausgewählte Personen müssen sich 76 Stunden in einem Kreis von ca. 2 Meter Radius aufhalten und dabei möglichst wenig essen und trinken. Wer Durst oder Hunger hat, muss virtuelles Cash opfern und erhält als Gnadenerlass sein Essen auf einem Silbertablett, das dann, als ob man andere für seine “Sünden” (denn das Essen ist hier die Sünde) leiden lassen möchte, den hungrigen Kreis-Gefangenen triumphierend unter die Nase gehalten wird. Die Show ist garniert mit retrospektiven Interviewsequenzen der geläuterten Überlebenden, die über ihre Kreis-Mitleidenden herziehen, wie in all den anderen Stirb-Langsam-oder-tu-wenigstens-so-Reality-Shows. Gewonnen hat, wer es am längsten ohne essen aushält bzw. zum Schluss noch genug virtuelles Geld im Speicher hat. Die Show erinnerte mich an etwas, was mir tagelang nicht einfallen wollte, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: die Agenda der AKP-Regierung: populistisch agieren, privat wirtschaften (virtuelle Cash-Crops im global Polit-Showbiz anzapfen) und Frömmigkeit zum Lebensprinzip erheben (Fasten wie an Ramadan, mit zwischendurch auf Silbertellern servierten Köstlichkeiten). Islamisch verträglicher Neoliberalismus auf türkisch.

Definitiv unterhaltsamer als “der Kreis” ist eine türkische Talkshow, die auf Youtube unter “turkish flying man” zu finden ist und die, obwohl schon Jahre seit der ersten Live-Ausstrahlung vergangen sind, noch immer für Lachkrämpfe beim Publikum sorgt. Der fliegende Mann erzählt dort von einer gewissen göttlichen Bio-Energie, die ihn persönlich zum Fliegen veranlasse. Als er zum Fliegen aufgefordert wird, springt er plötzlich wie von der Tarantel gestochen und inbrünstig schreiend von der Couch rotiert und wälzt sich auf dem Boden. Während der kurzen Darbietung, rennen nervöse, aufgebrachte Menschen durchs Bild. Die Moderatorin reagiert gelassen: “Evet….evet…” (Dt.: Jaaa….jaa….) und unterhält sich schließlich mit dem Überflieger weiter, der sich mittlerweile wieder auf der Couch eingefunden hat, als wäre nichts passiert. Ein anderer türkischer Talkmaster einer anderen Show, die der auf dem Boden fliegende Mann aufsuchte, ist direkter: “Den Scheiß glaub Ihnen doch niemand!” Als der Mann wie zum Beweis wieder seinen Anfall bekommt, wird er vor laufender Kamera freundlich aufgefordert einen Psychologen aufzusuchen. Anthropologen, die bislang dachten, Besessenheit könne erst durch Trancezustände hervorgerufen werden, werden hier eines Besseren belehrt;)

24
Jan
11

Residenzpflicht in Sachsen abgeschafft. Ein Grund zu feiern?

Illustration aus: Ernst Mach, Antimetaphysische Vorbemerkungen, erschienen in Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen

Residenzpflicht bedeutet residieren zu müssen. Oder anders ausgedrückt: sich nicht außerhalb seines nicht selbst gewählten Wohnsitzes aufhalten zu dürfen. Die Residenzpflicht ist Teil des beispiellosen Ausländerrechts in Deutschland und besagt, dass hier lebende Asylbewerber und Geduldete sich lediglich in dem vom Staatsapparatus zugeteilten Landkreis oder der jeweiligen kreisfreien Stadt aufhalten dürfen und sich nicht ohne Genehmigung – die gegen Bezahlung von der Ausländerbehörde einzuholen ist – außerhalb dieser festgelegter Grenzen bewegen dürfen. Verstösse gegen die Residenzpflicht gelten als so genannte opferlose Straftat und fliessen mit in die Kriminalitätsstatistik ein.

Wie der Medienservice Sachsen am 17.01.11 berichtete, ist die Residenzpflicht für Asylbewerber in Sachsen mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Die erweiterte Residenzpflicht kann nicht in Anspruch nehmen “wer vorbestraft ist oder wer seinen Mitwirkungspflichten selbstverschuldet nicht nachkommt”.

Ich frage: Was ist unter “Mitwirkungspflichten” zu verstehen? Der Wille zur Integration? Solange Asylbewerber nicht dezentral untergebracht werden, sondern in Heimen an sozio-geographischen Peripherien eingepfercht bleiben, wie kann die viel gepredigte Integration stattfinden? Werden Asylbewerber überhaupt als Teil der Integrationsagenda wahrgenommen? Gehört es zu den”Mitwirkungspflichten” Termine bei der Ausländerbehörde wahrzunehmen? Gehört es nicht auch zu den “Mitwirkungspflichten” des Staates Menschen, die staatliche Behörden aufsuchen, mit Hilfe von Beamten, die zumindest einer weiteren Fremdsprache mächtig sind oder Dolmetscherservice verständlich zu machen, weshalb sie diese Termine wahrnehmen sollten? Denn, wenn Behörden-Deutsch nicht einmal von Deutsch-MuttersprachlerInnen verstanden wird, wie sollen es Asylbewerber verstehen? Oder geht es nur um die Vermittlung von Pflichten, aber nicht die von Rechten?

Der Medienservice zitiert Staatsminister Markus Ulbig:

„Mir ist daran gelegen, pragmatische Lösungen zu finden ohne falsche Anreize zu setzen.“

Ich frage: Anreize zu zuviel Integrationswillen? Zählt zuviel physische Bewegung auch unter falsche Anreize? Zählen Verwandtenbesuche in anderen Bundesländern der BRD unter falsche Anreize? Ich muss an Adorno’s “Es gibt kein richtiges Leben im falschen” denken. Das falsche Leben ist dabei das Leben in einem Nationalstaat, der seine Pflichten als Wahrheit und die Bewegungsfreiheit als falschen Anreiz verkauft.

Der Medienservice konstatiert:

“Hintergrund für die neue Regelung sind die Erfahrungen nach der Kreisreform. Durch die Zusammenlegung der Kreise hatte sich in Folge der erlaubnisfreie Bewegungsradius für Geduldete praktisch verdoppelt.”

Ich frage: Ist es sinvoll menschenwürdiges Leben durch die Erstellung einer neuen Kreisreform zu ermöglichen oder wäre es für die Staats- und Länderapparatuse nicht angebrachter menschenwürdiges Leben als Selbstverständlichkeit zu begreifen und durch dementsprechenden politischen Willen umzusetzen? Was ist das für eine Sprache, die von einem “erlaubnisfreien Bewegungsradius für Geduldete” spricht? Soll mensch sich darüber freuen, dass es auch erlaubnisfreie Bewegungsradien gibt? Als sei Freiheit etwas, das mensch sich erst verdienen muss. Der Preis, den Menschen zahlen, die in Deutschland Asyl beantragen oder die sich erfolgreicherweise schon zum Duldungsstatus hochgehangelt haben, ist ihre Bewegungsfreiheit. Es scheint als ist physische Un-Freiheit in demokratischen Systemen so sicher wie das Amen in der Kirche.




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