“SS” steht auf dieser Tür in Belgrad. Die Abkürzung steht für das Gelände auf dem das Gebäude steht: Staro Sajmište (Alte Messe). Und für einen grausamen Teil seiner Geschichte während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.
Auf einer anderen Tür, die vor rund 70 Jahren die Eingangstür zu dem Krankenhaus des NS-Konzentrationslagers in Staro Sajmište war, kleben heute Visa-Card und American Express Sticker und ein Schild: “Poseydon Travels”. Das ehemalige Krankenhaus der deutschen Besatzer ist heute ein Reisebüro. Daneben befindet sich ein Autoteilehändler und auf der anderen das Restaurant “Salz und Pfeffer” – das ehemalige Leichenhaus des KZ.
Nachdem die Nazis im April 1941 das damalige Königreich Jugoslawien zerschlugen und besetzten, wählten sie in Belgrad (Hauptstadt des heutigen Serbiens) einen ungewöhnlichen Ort um die absolute Kontrolle ihrer Gräueltaten auszuüben: Staro Sajmište an dem Fluß Sava gelegen, war ein 15 000 Quadratmemtergroßes Messegelände, das 1938 gebaut wurde, zu dem Zweck die Wirtschaft zu förden und internationale Messen zu veranstalten.
Der Ort war deshalb ungewöhnlich, weil er sich mitten in der Stadt befand und die Nazis für gewöhnlich ihre systematischen Mordfabriken an weniger zentralen Orten installierten. Sajmište, das innerhalb kürzester Zeit nach der Besatzung zum “Judenlager Semlin” umbenannt wurde, aber war zentral gelegen und von vielen Seiten, wie der nahe gelegenen Brücke und der anderen Uferseite der Sava einsehbar. War die Auswahl dieser Stätte durch den Mangel an Alternativen begründet oder sollte sie das Klima der Angst in der Mehrheitsbevölkerung schüren?
Die jüdischen Familien, die in Sajmište inhaftiert oder umgebracht wurden, stammten aus Belgrad, teilweise auch aus der der damaligen Tschecheslowakei und Österreich. Auch Roma und Serben waren unter den Gefangenen. Grundsätzlich wurden Partisanen und all die inhaftiert, die von den Nazis als ihre Gegner bw. als kommunistische Kollaborateure identifiziert wurden. Während sie in den ersten Tagen der deutschen Besatzung noch öffentlich in Belgrad von den Nazis exekutiert wurden und ihre Leichen tagelang an Laternenpfosten hängen blieben, wurden sie später nach Sajmište oder in andere Konzentrations-und Arbeitslager in Belgrad und Umgebung deportiert.
Ursprünglich hatte die Führung des deutschen Nationalsozialisten vorgesehen die Judenfrage zu lösen, indem die Inhaftierten in Konzentrationslager nach Polen, Rumänien und Russland deportiert werden sollten. Doch dementsprechende Lager in Polen waren noch nicht vorhanden und in Russland und Rumänien noch nicht “bereit” die serbischen Gefangenen aufzunehmen. Nazi-Deutschland beschloss daraufhin kurzerhand die Judenfrage durch Massenerschießungen zu lösen, die Methode, denen auch sowjetische Juden zum Opfer fielen. Es waren hauptsächlich Männer, die wagenweise aus Arbeitslagern zu den Massenerschießungsfeldern deportiert wurden.
Im Oktober 1941, als der Partisanen-Widerstand schließlich wuchs, erliess der damalige kommandierende General Franz Böhme seinen Vergeltungserlass: die Exekution von 100 Zivilisten für jeden getöteten deutschen Soldaten und die Exekution von 50 Zivilisten für jeden verwundeten deutschen Soldaten. In den zwei Monaten in den Böhme kommandierte, wurden rund 30 000 Zivilisten in Serbien erschossen, davon nahezu sämtliche jüdischen Männer.
Im Dezember 1941 schließlich eröffnete das “Judenlager Semlin” in Staro Sajmište. Dort wurde in den folgenden sechs Monaten die verbleibende jüdische Bevölkerung – die zu diesem Zeitpunkt nahezu ausschließlich aus Kindern, Frauen und Alten bestand – systematisch ermordet. Die meisten von ihnen, die in Semlin nicht an Hunger, Kälte oder Krankheit starben, wurden vergast – in einem als Polizeifahrzeug getarnten Wagen. Der aus Berlin eingetroffene Wagen (Firma Saurer), der in Belgrad schnell traurige Berühmtheit unter dem Namen “Seelentöter” erlangte, hielt das erste Mal im März 1942 vor den Toren des “Judenlager Semlins”.
Während einer der beiden Fahrer die Kinder mit Süßigkeiten anlockte, versprach die nationasozialistische Lagerpolizei den Erwachsenen den Umtransport in ein anderes, besseres Lager. Viele meldeten sich daraufhin freiwillig für den Transport. Auf der Ladefläche des “Seelentöters” hatten mehrere duzend Menschen Platz. Nachdem der Wagen einige hundert Meter über die Brücke der Sava gefahren war, hielt er kurz an. Der Beifahrer des Fahrzeuges stieg daraufhin aus dem Wagen, richtete die Spezialkonstruktion des Auspuffes nach innen in den luftdicht verschlossenen Laderaum und fuhr mitten durch das Zentrum von Belgrad 10 Kilometer außerhalb der Stadt zu einem Schießplatz in Jajinci. Die Frauen, Kinder und Alten wurden nicht erschossen, wie zuvor die meisten ihrer Männer. Als sie Jajinci erreichten, waren sie bereits tot. Vergast in einem fahrenden Wagen.
Im Sommer 1942 meldete der Chef der Sicherheit Emanuel Schäfer, dass Belgrad die einzige Europäische Hauptstadt sei, die “Judenrein” sei. In Serbien, wie zuvor bereits in Estland, erreichten die Nazis erreichten ihr Ziel: die “Endlösung”.
Sajmište und das, was damals im Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände passiert ist, interessiert heute kaum noch jemanden in Belgrad. Viele fahren täglich an dem Gelände vorbei ohne zu wissen, was für ein Horror sich dort abgespielt hat. Sajmište ist auch kein Thema in der Schule. Vor allem aber hat der letzte Balkankrieg noch zu viele frische Wunden hinterlassen. Statements wie “die NATO hat uns damals mit Uranium bombardiert” sind zu hören. Bei der Frage nach Sajmište erntet man oft nur erstaunte oder unwissende Blicke.
Auf dem Gelände selbst, das heute von Künstlern genutzt und von oftmals armen Familien, unter ihnen viele Roma, bewohnt wird, erinnert nur eine unauffällige Tafel generell an die Opfer des Faschischmus.
Auch in Deutschland ist Sajmište weitestgehend unbekannt. Oftmals reicht das Wissen über die tödliche Besatzung der deutschen Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges nicht einmal bis nach Südosteuropa.
Sajmište scheint vergessen. Die Erinnerung verdrängt oder ausgelöscht. Das Interesse nicht vorhanden. Doch Sajmište hinterlässt viele Fragen für das heute: Wieso ist dieser Ort des Grauens so unbekannt? Was wissen die Belgrader heute noch über Sajmište? Weshalb gibt es so wenig Forschung zu diesem Thema? Weshalb scheint das Thema tabuisiert? Welche Interessenskonflikte spiegeln sich in Sajmište wieder? Welche politischen, ökonomischen und zivilgesellschaftlichen Akteure sind mit diesem Ort beschäftigt? Inwiefern hängt der letzte Balkankrieg mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen? Fragen, die auch in der Vergangenheit gesucht werden müssen: Wo befinden sich die Dokumente der Nazis über das Lager, die nicht zerstört wurden? Inwiefern war die damalige lokale Administration in die Morde der deutschen Besatzer verwickelt? Wie verhielt sich damals die Bevölkerung Belgrads gegenüber den Opfern und den Tätern? Zu welchen Solidaritätsbeziehungen kam es? Und wie kann die Vergangenheit in die Gegenwart Eingang finden: Wie kann Sajmište zu einem Ort der Erinnerung werden, ohne die dort ansässige Bevölkerung, die teilweise in jahrzehntelangem Besitz ihrer Wohnungen auf dem Gelände ist, umzusiedeln? Wie können Stadtpolitiker und interessierte Investoren, die kommerzielle Zentren auf einem der mittlerweile teuersten und attraktivsten Grundstücke Belgrads installieren wollen, davon überzeugt werden, dass Sajmište erinnert und nicht kommerziell ausgeschlachtet werden soll? Welche Alternativen gibt es zu “toten” Museen und Denkmälern, die die Diskussion über das Thema eher stoppen als evozieren? Wann ist Erinnerung politisch? Und weshalb ist Erinnerung überhaupt wichtig?
Hier ist ein multimedialer Besuch von Sajmište möglich, wo Bewohner, Künstler, Politiker und Medienmacher zu Wort kommen, die alle andere Visionen für die Zukunft des Geländes haben.


wer nicht erinnert, wiederholt!
auch in deutschland gibt es orte ehemaliger konzentrationslager, die vergessen wurden, oder deren funktionen als kz schlichtweg verharmlost werden.
eine internationale feministisch- antifaschistische initiative setzt sich beispielsweise für ein angemessenes gedenken an das mädchenkonzentrationslager uckermark, einem außenlager des kz ravensbrück, ein.
von offizieller seite wird hier nicht von einem konzentrationslager gesprochen, sondern faschistische termini unreflektiert übernommen.
nähere informationen findet mensch hier:
http://www.maedchen-kz-uckermark.de/
smrt fašizmu: kampf dem faschismus- mit allen mitteln, auf allen ebenen.
Natürlich wissen die Menschen in Belgrad was Staro Sajmiste bedeutet ihre Behauptung ist schlicht weg Falsch. Wenn es junge menschen nicht wissen kann man es auch auf Deutschland wiederspiegeln wo sehr viele deutsche Jugendliche nicht mal wissen wer der Bundespräsident ist.
Ihr Artikel Feindlich gegenüber Serbien zu verstehen, ist Unwissen der Grund? Sie sollten schon in ihrem Artikel schreiben das Serbien nicht dem Faschismus gefallen ist wie die Meisten Europäischen Staaten, Serbien war vom ersten Tage gegen Hitler und seine Mörderbande. Im Kampf gegen die Faschisten wurde über 1 Million Serben in KZ umgebracht, leider wird nicht sehr viel darüber berichtet, aus welchem Grund, sind Serben Opfer 2 Klasse?
Die vielen, vielen toten Serben, in KZs in Serbien und in Kroatien sind für die Deutschen nicht nur Opfer 2. Klasse, sie sind überhaupt Menschen 2. wenn nicht gar 3. Klasse. Das ist ganz praktisch, so muß man sich weniger wegen der eigenen Verbrechen schämen, man hat den Ausweg gefunden “diese Serben sind noch viel, viel schlimmer!” Aber dabei vergessen diese Deutschen: Wenn man mit dem Finger auf den anderen zeigt, dann zeigen DREI Finger auf einen selbst !
Ich darf so was sagen, ich bin Deutsche, freilich mit einem Serben verheiratet. Ich kenne die Geschichte beider Völker. Auf die der Deutschen in den letzten 150 Jahren (seit dem Berliner Kongress wg. Bosnien) bin ich weniger stolz …..