01
Apr
10

Facebook und der Datenhunger

Soziale Netzwerke im Internet boomen. Knapp ein Viertel der Deutschen nutzt regel­mäßig Portale wie Facebook, Myspace oder StudiVZ, bei Jugendlichen liegt der Anteil dreimal so hoch. Pingdom.com veröffentlichte kürzlich eine Graphik (siehe oben), die die permanent steigenden Mitgliederzahlen von Facebook mit den Einwohnerzahlen von Russland und China vergleicht. Demnach hat es facebook im Februar 2010 auf 400 Millionen Mitglieder gebracht. Pro Monat kommen derzeit durchschnittlich 21 Millionen dazu.

Die Zahlen verwundern, verdeutlicht mensch sich den unstillbaren Datenhunger von Facebook. Dort heißt es zum Beispiel beim Erstellen oder Bearbeiten der eigenen Seite: „Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, unentgeltliche, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest“. Unter IP-Inhalte ist das geistige Eigentum beispielsweise an Texten und Bildern gemeint. Wer seine persönlichen Daten etwa bei Facebook vor Unbekannten schützen will, muss umständlich Einstellungen suchen und ändern. Seit Dezember 2009 sind die Einstellungen bei Facebook so geändert worden, dass viele Profildaten wie Name, Nutzerfoto und Mitgliedschaft in Gruppen für jeden Nutzer einsehbar sind.

In Zukunft soll es für Facebook noch leichter sein, Daten seiner Nutzer, leichter an Dritte weiterzugeben. Zu der “Generellen Information” der Nutzer, die weitergegeben wird, zählen

“your and your friends’ names, profile pictures, gender, connections, and any content shared using the Everyone privacy setting. We may also make information about the location of your computer or access device and your age available to applications and websites in order to help them implement appropriate security measures and control the distribution of age-appropriate content.”

Die Daten beinhalten also auch den “soziale Graphen”, sprich die Verbindungen des Nutzers zu anderen. Bei den Unternehmen, die im Netzwerk-Jargon so gerne Dritte genannt werden, handelt es sich um “vorher überprüfte” Web-Angebote und Programme. Die Angebote, deren Vertrauenswürdigkeit von Facebook selbst beurteilt wird, können selbstverständlich geblockt werden – wenn der Nutzer clever genug ist. Denn natürlich ist alles nur zum Vorteil der Nutzer ausgerichtet. Die sollen in Zukunft schliesslich noch mehr Möglichkeiten haben “auch außerhalb Facebooks mit den Freunden zu interagieren und sie zu finden”. Dazu sei die Weitergabe “einer kleinen Menge grundlegender Daten” notwendig. Man wolle aber zunächst nur mit einer “kleinen, ausgewählten Gruppe von Partnern” zusammenarbeiten.

Durch einen peinlichen Zufall, wurde die “kleine, ausgewählte Gruppe von Partnern” von der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch zur interessierten Weltöffentlichkeit. Wie die Webseite gawker.com berichtete, waren am 31. März alle Mailadressen, die bei Facebook angegeben sind, für eine halbe Stunde lang für alle einsehbar. Auch für “Nicht-Freunde”. Der Fauxpas scheint wie geschaffen in das Konzept des Firmengründers Mark Zuckerberg zu passen. Der nämlich hält Privatsphäre für eine “alte Konvention”. Im Gespräch mit dem Tech-Blogger Michael Arrington anlässlich einer Preisverleihung im Silicon Valley, sagte der 25-jährige Firmengründer, Facebook habe sich schlicht an die heutigen “gesellschaftlichen Normen” angepasst.

“Als ich im Studentenwohnheim in Harvard angefangen habe, fragten viele Leute noch, warum man überhaupt irgendwelche Informationen ins Internet stellen wolle.” In den letzten sechs Jahren habe sich mit dem Bloggen und anderen neuen Diensten aber sehr viel verändert. Die Leute fühlen sich nicht nur wohl dabei, mehr und andersartige Informationen zu teilen, sondern offener und mit mehr Leuten.”

Der viel beachtete IT-Journalist Marshall Kirkpatrick, der das Interview mit dem Facebook-Boss transkribierte und ins Netz stellte, hält Zuckerbergs Aussage für unglaubwürdig: “Facebook reflektiert nicht einfach die Veränderungen der Gesellschaft. Ich denke, Facebook selbst schafft soziale Veränderungen.”

Und es schafft Kunden. Der Medienwissenschaftler Hendrik Speck von der Fachhochschule Kaiserslautern, der sich seit langem mit Sozialen Netzwerken beschäftigt, argumentierte gegenüber dem dem stern, Facebook verhalte sich wie ein “blinder Passagier auf dem sozialen Graphen des Nutzers”. Mit sozialem Graphen ist hier das gesamte Spektrum der sozialen Aktivitäten im Netz gemeint. Nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip, werden hier die Identitäten nach Lust und Plattform gewechselt. “In World of Warcraft sind Sie der Goldene Krieger, in Wer-kennt-Wen der Knuddelprinz und auf eBay der Schnäppchenkönig.” Für die Sozialen Netzwerke sei es spannend, all diese Teilidentitäten zusammenzuführen. “Was früher in getrennten Datensilos war, wird jetzt zusammengezogen.” Wer rund um die Uhr über sämtliche Plattformen hinweg die Nutzeraktivitäten verknüpfe, könne Werbekunden exakt die von ihnen gewünschte Zielgruppe bieten. Mithilfe der GPS-Ortung aktueller Smartphones könne die Werbung zusätzlich auf den jeweiligen Standort des Nutzers zugeschnitten werden.

Diese Aussage deckt sich mit der einer anonymen Facebook-Mitarbeiterin, deren Interview seit geraumer Zet im Netz kursiert. Daraus ein Auszug:

Rumpus: When you say “click on somebody’s profile,” you mean you save our viewing history?
Employee: That’s right. How do you think we know who your best friends are? But that’s public knowledge; we’ve explicitly stated that we record that. If you look in your type-ahead search, and you press “A,” or just one letter, a list of your best friends shows up. It’s no longer organized alphabetically, but by the person you interact with most, your “best friends,” or at least those whom we have concluded you are best friends with.

Die anonyme Facebook-Mitarbeiterin, die einige Kommentatoren für erfunden halten, weil sie zu leichtfertig zu viele “heiße” Firmendetails enthüllt habe, fügt später hinzu: “We track everything. Every photo you view, every person you’re tagged with, every wall-post you make, and so forth.” Desweiteren erfährt mensch, dass es sich bei Facebook um den weltweit größten Foto-Anbieter handelt und alle Nachrichten, egal ob sie gelöscht sind oder nicht, gespeichert bleiben. Und das trotz der gefühlten Drohung, die eine “echte” Freundin neulich erhielt, als sie ihr Profil löschen wollte: Wenn du jetzt deine Daten löscht, sind sie unwiderruflich gelöscht und du kannst unter diesem Namen nie wieder eine Seite anlegen!

Ob das Interview nun gefälscht ist, die Dame schon längst gefeuert oder nicht. Fest steht, dass soziale Netzwerke wie Facebook die Rechte ihrer Nutzer stark einschränken, gleichzeitig aber sich selbst weitreichende Rechte genehmigen, vor allem bei der Weitergabe der Daten an Dritte. Zu diesem Befund kommt eine aktuelle Studie der Stiftung Warentest.
Und tatsächlich: Wer gibt, bekommt Aufmerksamkeit, aus allen möglichen, oft unbemerkten Richtungen. Das aktuelle Facebook-Programm für das iPhone beispielsweise ermöglicht die Einbindung aller “Freunde” ins Handy-Telefonbuch. Gleichzeitig verlangt Facebook den Datenaustauch auch in die Gegenrichtung. “Wenn du diese Funktion aktivierst, werden alle Kontakte von deinem Handy (Name, E-Mail-Adresse, Telefonnummer) an Facebook gesendet”, heißt es nach dem Update der App auf dem iPhone.

Natürlich sei man bei Facebook immer stark an der Meinung seiner Nutzer interessiert, das sei schliesslich Teil des “offenen und transparenten Systems” des Unternehmens. Ein Kommentator auf taz.de hat sich seine Meinung schon lang gebildet: Facebook braucht die Menschen…aber kein Mensch braucht Facebook.

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