Mit acht Stunden täglichem Fernsehkonsum, sind es laut einer OECD-Studie die Bürger der USA, die weltweit am meisten fern sehen. Auf Platz 2 folgt die Türkei mit 5 Stunden täglich. In der Tat gibt es viele Konsum-Parallelen zwischen den USA und der Türkei. Der Fetisch Fernsehen gehört zu den auffälligsten.
Das wichtigste Möbelstück in der Türkei ist der Fernseher. Türkische Wohnzimmer sind deshalb in der Regel um den Fernseher herum angeordnet. Die ökonomische Situation der Familie bzw. die Klasse scheint da ausnahmsweise einmal keine Rolle zu spielen. Denn auch wenn die Familie noch so arm und der Fernsehapparat auch noch so klein und flimmrig ist, bekommt er den Promiplatz, in der Regel gleich neben dem Elektro-Heizgerät/Ventilator.
Wer keinen Fernseher hat oder fern sieht, outet sich nicht nur als Herausforderer Status Quo, sondern scheint geradezu asozial. Schliesslich kann der nicht fern sehende Mensch weder das hoch geschätzte und bis ins kleinste Detail ausdiskutierte private Leben der türkischen Celebrities verfolgen, noch über die vielen un- bis mitteltalentierten “Künstler”, der unzähligen Talentshows herziehen. Viel schlimmer als das wiegt aber, dass einem das Gemeinschaft stiftende frühabendliche Ritual Serien in Serie zu schauen abgeht und mensch lediglich Zuschauer bleibt während sich Freunde, Nachbarn und Verwandte täglich über die letzten unfassbaren Ereignisse von “Kurtlar Vadisi” und den “Kücük Kadinlar” in Rage reden. Der Fernseher scheint aber nicht nur ein wichtiges Status-Element, sondern hat auch eben auch eine wichtige soziale Rolle in der türkischen Gesellschaft inne.

In Istanbul leben geschätzte 20 Millionen Menschen, die in Millionen Häusern leben in denen Millionen von Fernsehapparaten stehen. Präziser: Millionen Satellitenfernsehapparate, die von Millionen von Satellitenschüsseln bespielt werden. Kabelfernsehen gibt es in der Türkei nicht. Die überall aus dem Boden stakenden mehrstöckigen ohnehin schon unfassbar hässlichen Apartment-Blöcke, die ihre Funktion der Massenunterbringung förmlich ausstrahlend dennoch uneingeschränkte Popularität in Istanbul geniessen, werden von den charakteristisch schmutzig-weißen konkaven Scheiben in ihrer Funktionssucht noch betont. Sie kleben an den Häusern wie tote Fliegen an der Windschutzscheibe und tatsächlich hängen sie mitunter auch direkt vor den Fenstern. Denn wer braucht schon Licht, wenn den ganzen Tag gearbeitet wird und abends eh fern gesehen wird? Oder sich abends in der Bar über Fernsehen unterhalten wird….
Eine Freundin, die Regisseurin ist, hat seit einigen Monaten einen Regie-Assistentenjob einer vom staatlichen Fernsehkanal TRT1 produzierten Serie: “Leyla ile Mecnun”, ist der Name des Paares aus 1001 Nacht, das bei uns als Romeo und Julia bekannt ist und jetzt den Stoff für die absurde Serien-Komödie bildet, die das arabeske Märchen durch den urbanen Istanbul-Kakao zieht. Als mich besagte Freundin neulich zu ihrem Geburtstags in eine Bar eingeladen hatte, entpuppte sich der Umtrunk als verschleiertes Filmset-Teamtreffen, denn auch hier drehten sich die Gespräche, wenn auch weniger um den Inhalt der Serie, so doch um die Produktionsstrapazen.
Aber Fernsehen ist längst keine Privatangelegenheit mehr. Dudel- und Brüllkästen hängen in Kaffee- und Teehäusern und selbst in den allseits beliebten Lokalen, in denen es Essen zu erschwinglichen Preisen gibt, glotzen einem Nachrichtenmoderatoren beim Essen zu oder belästigen einen mit Horrornachrichten, die mensch zumindest beim Essen mal gerne ausblenden würde. Aber drauf geschissen. Wenn ich mir gerade eine Gabel Spinat mit Joghurt in den Mund schiebe, explodiert garantiert wieder irgendwo eine Bombe, Granatsplitter fliegen, Blut, Leichenteile, Menschen kreischen in die Kamera. Scheint aber keinen weiter zu stören, es wird munter drauf losgefuttert und wirklich zuhören tut eh keiner. Alles schon tausendmal gesehen. Das Opium fürs Volk wirkt aber trotzdem, denn es hält die nicht essenden Menschen in gefesselter Apathie und stattet sie mit Meinungen aus, deren ursächliches Ereignis sie gleich mitgeliefert bekommen. Aha- und Lerneffekt: 2in1.
Die einmalige Ruhe der Fähre (im Sinn von kein Verkehrslärm außer dem Motorengerattere, kein Geschrei außer dem Çay-Mann), die alle 20 Minuten zwischen den Kontinenten hin- und her gondelt, gehört mittlerweile auch der Vergangenheit an. Denn in den neuen, noch geräumigeren und noch luxuriöseren Fähren prangen neuerdings auf jedem Stock alle fünf Meter Riesenflachbildschirme, aus dem mensch mit den letzten sensationellen Nachrichten des Landes beeimert wird. Das Fernsehen ist im öffentlichen Raum angekommen.
Neulich während einer der zahlreichen Abende bei meiner türkischen Familie, wurde ich fassungsloser Zeuge einer neuen Fernsehshow auf einem Privatsender: der Kreis. Die Regeln: Sechs ausgewählte Personen müssen sich 76 Stunden in einem Kreis von ca. 2 Meter Radius aufhalten und dabei möglichst wenig essen und trinken. Wer Durst oder Hunger hat, muss virtuelles Cash opfern und erhält als Gnadenerlass sein Essen auf einem Silbertablett, das dann, als ob man andere für seine “Sünden” (denn das Essen ist hier die Sünde) leiden lassen möchte, den hungrigen Kreis-Gefangenen triumphierend unter die Nase gehalten wird. Die Show ist garniert mit retrospektiven Interviewsequenzen der geläuterten Überlebenden, die über ihre Kreis-Mitleidenden herziehen, wie in all den anderen Stirb-Langsam-oder-tu-wenigstens-so-Reality-Shows. Gewonnen hat, wer es am längsten ohne essen aushält bzw. zum Schluss noch genug virtuelles Geld im Speicher hat. Die Show erinnerte mich an etwas, was mir tagelang nicht einfallen wollte, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: die Agenda der AKP-Regierung: populistisch agieren, privat wirtschaften (virtuelle Cash-Crops im global Polit-Showbiz anzapfen) und Frömmigkeit zum Lebensprinzip erheben (Fasten wie an Ramadan, mit zwischendurch auf Silbertellern servierten Köstlichkeiten). Islamisch verträglicher Neoliberalismus auf türkisch.
Definitiv unterhaltsamer als “der Kreis” ist eine türkische Talkshow, die auf Youtube unter “turkish flying man” zu finden ist und die, obwohl schon Jahre seit der ersten Live-Ausstrahlung vergangen sind, noch immer für Lachkrämpfe beim Publikum sorgt. Der fliegende Mann erzählt dort von einer gewissen göttlichen Bio-Energie, die ihn persönlich zum Fliegen veranlasse. Als er zum Fliegen aufgefordert wird, springt er plötzlich wie von der Tarantel gestochen und inbrünstig schreiend von der Couch rotiert und wälzt sich auf dem Boden. Während der kurzen Darbietung, rennen nervöse, aufgebrachte Menschen durchs Bild. Die Moderatorin reagiert gelassen: “Evet….evet…” (Dt.: Jaaa….jaa….) und unterhält sich schließlich mit dem Überflieger weiter, der sich mittlerweile wieder auf der Couch eingefunden hat, als wäre nichts passiert. Ein anderer türkischer Talkmaster einer anderen Show, die der auf dem Boden fliegende Mann aufsuchte, ist direkter: “Den Scheiß glaub Ihnen doch niemand!” Als der Mann wie zum Beweis wieder seinen Anfall bekommt, wird er vor laufender Kamera freundlich aufgefordert einen Psychologen aufzusuchen. Anthropologen, die bislang dachten, Besessenheit könne erst durch Trancezustände hervorgerufen werden, werden hier eines Besseren belehrt;)

Yo krass- die Bioenergie habsch leider nur in meinen Träumen. Hey die Synthese für den islamischen Neokonservatismus ist lupenrein! lange nicht mehr so gute, schlüssig argumentierte Beschreibung aus eigener Sicht einer so banalen? Sache gelesen, die doch versucht auf uns alle Einfluss zu nehmen – kann dir nur zustimmen!
Ich möchte in Zusammenhang mit diesem Text auf eine äußerst nützliche Erfindug hinweisen.
Es handelt sich um eine kleine Fernbedienung mit einem einzigen Knopf.
Dem Aus-Knopf.
Das tolle ist, dass fast alle handelsüblichen Fernsehgeräte darauf ansprechen.
TV-B-Gone
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http://en.wikipedia.org/wiki/TV-B-Gone
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http://www.youtube.com/results?search_query=tv+b+gone&aq=f
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auch in einschlägen online versandhäusern für etwa 25€ zu erhalten.
°`’*~.zapp off.~*’`°