
Japan gilt als globaler Führer im Bereich High-Tech und Virtualität. Künstlich geschaffene Welten, wie Felsengärten, Karpfen-Tümpel, Waserfällen, kleinen auf Steinpfaden angebrachten Schreinen und Bonsai-Anlagen nehmen Elemente aus der Natur auf und gestalten sie zu Objekten visueller und spiritueller Refugien. C., eine Freundin, die unlängst zwei Monate durch Japan reiste, berichtete aus Tokyo: “Für Erholung sorgen kann auch einer der künstlich angelegten natürlichen Parks. Allerdings scheinen sich auch hier die Lungen nicht von der klimatisierten Abgasluft Tokyos erholen zu können, die Japaner tragen weißen Mundschutz zur Entspannung im Park. Hightech hat eben seinen Preis.”
Edward T. Hall schreibt in “The dance of life” über den traditionellen japanischen Garten: Er hat in der Regel Stufen, die so arrangiert sind, das man stehenbleibt, herunterschaut, dann wieder nach oben schaut und so bei jeder Stufe eine andere Perspektive einnimmt.
Japan, schöne neue Welt. Du gabst uns den ersten Anrufbeantworter, der uns den Zustand permanentem Zu-Hause-Seins erlaubte. Und dein Sony Walkman half uns auf Knopfdruck die Konzerthallen und Musikstudios unseres Geistes zu erleben und unsere physikalische Umgebung auszuschalten. Und dann, das Tamagotchi, geliebtes virtuelles Haustier, das mobile, immerpräsente Wesen, das wir fütterten und mittels anthropomorpher Liebe pflegten.
William Gibson, seines Zeichens Schriftsteller, und einer der ersten westlicher Autoren, der das Gesicht des 21. Jahrhunderts in Japan zu erkennen glaubte, sagte einmal: “Wenn du glaubst, so wie ich das tue, dass aller Wandel im Grunde genommen Technologie gesteuert ist, schenkt man Japan eine Menge Beachtung.” Um zu verstehen, warum in Japan Virtualität gross geschrieben wird, reicht es sich mit Menschen zu unterhalten, die bereits in Japan waren. Wenn man fragt wie sie japanische Kultur erlebt haben, wird oft voller Verwunderung von der geordneten, symetrischen Lautlosigkeit der Japaner berichtet. C. berichtete aus Tokyo`s Untergrund: “An den Bahnsteigen der Metro sind die Stellen, an denen die Türen sein werden, wenn die Metro hält, markiert. Die Menschen hier strömen zu Tausenden in die Metroschächte, auf die Bahnsteige und reihen sich umgehend in symmetrischen Zweierreihen entlang dieser Markierungen auf. Es gibt kein Gedrängel, sondern geordnetes Ein- und Aussteigen.” Und weiter: “Die Modells auf Plakaten wirken durch ihre Symmetrie, Ebenmaessigkeit und Glattheit so unnahbar und weit entfernt, dass sie nicht von dieser Welt zu sein scheinen.”
Edward T. Hall schreibt über die Entstehung japanischer Haltestellen: Die Strecke von Kyoto nach Tokyo umfasst 53 Stationen. Jeder einzelne Halt wurde ausgewählt, weil er dem Reisenden ein besonders schönes Panorama versprach oder den Blick auf ein besonderes Charakteristikum der Landschaft freigab.

Das Stumme whoosh der Metro wird einzig durch die Klicks, Beep-und Klingeltöne der mobilen Geräte der Passagiere unterbrochen. Mit Ausnahme von gehauchten “sumimasem”, oder “excuse me” mit denen Passagiere um Platz ringen, sagt niemand ein Wort. Direktheit wird unter allen Umständen vermeidet, dazu gehört auch Augenkontakt, der als schiere Anmaßung betrachtet wird. Aus der westlich genormten Perspektive eines Europäers wird Privatheit hier mitten im öffentlichen Leben zum Zwang. Den digitalen Medien kommt dabei die Rolle einer nachhaltigen Unterstützung dieser Privatssphäre zu. Digitale Aura als virtueller Schutzraum?
Hochtechnologisierten Schutz gibt es nicht zuletzt auch auf dem stillen Örtchen. C. schreibt dazu: “Das faszinierendste Hightech-Phänomen war bisher ein Gang auf die öffentliche Toilette im U-Bahn-Getümmel. Die Klobrillen sind beheizt und auf Knopfdruck werden kleine Wasserdüsen ausgefahren, um den Hintern zu Waschen. Der nächste Knopfdruck lässt einen Fön aus der Kanalisation erscheinen, der das ganze wieder trocknet. Der Nachteil dieser gut durchdachten Erfindung liegt mal wieder in der Unwissenheit- denn die Bedienungsknöpfe befinden sich auf Armlehnenhöhe, so dass es leicht passieren kann, dass man ausversehen einen Knopf betätigt, vor Schreck aufspringt, das Wasser weiter spritzt, man gar nicht weiss wie einem geschieht. Bis man sich seiner Lage bewusst geworden ist, ist die Toilettenkabine trotz Hightech nass, sowie man selber. Leider gibt es keinen Fön, der auf Knopfdruck erscheint und das Dilemma trocknet.”
Privat bleibt privat, auch im Netz. Wie eine AP Studie aus dem letzten Jahr aufzeigte, enthüllen Japaner nichts im Netz über ihr echtes Privatleben – geschweige denn geben ihre Identität preis. Japaner surfen und kommunizieren im Netz mit erfundenen Namen, falschen Altersangaben und fiktiven Adressen um Privatssphäre und Anonymität zu wahren, ein Faktor, der in einer Gesellschaft wo aus der Masse herauszustechen und die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, noch immer missgebilligt wird, was durch das japanische Sprichwort deru kugi-wa utareru (Der Nagel, der herausragt, wird eingehämmert) deutlich wird. Dieselbe Studie kam zu dem Ergebnis, dass auf der dating-site match.com mehr als die Hälfte der user nicht bereit waren eigene Photographien hochzuladen. Auf youtube werden viel eher Videos von den eigenen Haustieren als von der eigenen Person hochgestellt. Als google die Karten-Anwendung Street View in Japan welche dem Internetnutzer Nahaufnahmen von bestimmten Adressen und Orten bietet, das erste Mal veröffentlichte, gab es einen Aufschrei in der japanischen Bevölkerung und es kam zu Massenklagen gegen google, das daraufhin spezielle Konzessionen zum Schutz der japanischen Bevölkerung entwarf.

Für Menschen, speziell Jugendliche, die sich der sozialen Sphäre entziehen in ebenjenen virtuellen Schutzraum flüchten, gibt es im Japanischen den Ausdruck hikikomori. Sie schliessen sich in der Regel in ihre Zimmer ein, kommunizieren ausschliesslich digital und schafften es in den letzten Jahren zunehmend in die Medien. Roland Nozomu Kelts, Professor an der University of Tokyo, der dieses Jahr in dem Magazin Adbusters (Vol. 17, No. 6) einen Artikel über Japan’s Private Worlds publizierte, erwähnt noch andere Kategorien für Menschen, die in die Virtualität ab- bzw. eintauchen. Als “Parasitäre Singles”, werden jene junge Frauen bezeichnet, die es ablehnen von zu Hause auszuziehen, zu heiraten und schwanger zu werden. Außerdem identifiziert er die arubaito workers und Internet- Obdachlosen, in der Regel Teilzeit Vertrags-Arbeiter, die Nachtschichten-Anstellungen in Internet Cafes suchen und die unlängst gelabelten soshoku-danshi, junge Männer, die die Grundsätze der Männlichkeit – Sex mit dem anderen Geschlecht zu haben, Fleisch zu essen, Karrierepläne zu verfolgen und Markenartikel zu kaufen – ablehnen. Endet die Abkehr vom Waren-Konsum notgedrungen in der virtuellen Sphäre?
Im Jahr 2008 an einem Sonntagmittag fuhr der 25-jährige Tomohiro Kato einen geleasten Truck in eine Menge von Fußgängern, stach auf 17 von ihnen ein und tötete dabei sieben Menschen. Die Szene spielte sich mitten in Akihabara, Tokyos digitaler Medien Shopping-District. Wer elektronische Artikel, Handys, Video- und Computerspiele, Anime, Manga oder Pornos sucht, kommt geht nach Akihabara. Kato trug dafür Sorge, dass in den Stunden und Minuten vor seinem Amoklauf Kommentare zum Geschehen auf einem entsprechenden Internet Bulletin Board System von seinem Handy aus geschickt wurden. Polizeiberichten zufolge hatte Katon in den 30 Tagen vor seiner Tat mehr als 3000 postings im Internet getätigt, viele davon enthielten Klagen über Einsamkeit, Unattraktivheit und soziales Versagen. Den Polizisten erzählte Kato später: “I’m tired of life”.
Ist es etwas Japan spezifisches sichtendenziell weniger jenseits von Schlafzimmern, Internetcafe-Kabinen oder online chat rooms aufzuhalten? Wie wirkt sich die Kommunikation aus dem privaten Raum heraus auf die Beziehungen dieser Menschen zu communities im weitesten Sinne aus?
Die Konsum- und Kulturkritikerin Mariko Fujiwara schreibt: “When we talk about quote-unquote communities on the internet, some people are very commite
ted, while others are smply casual visitors on the site. They say whatever they feel like saying at the moment in five words…and then go on surfing the web for a few hours, never paying attention to what other members of the online community might go through in the next five hours.” Kato glaubte an seine online community, sonst hätte er wohl kaum soviele Kommentare gepostet. Zu Personen in seinem nächsten Umfeld, seinen geschiedenen Eltern, Nachbarn und Kollegen, hatte er kaum oder ein schlechtes Verhältnis. Trotzdem, die online-community war nicht in dem Maße vorhanden, als das sie ihn hätte unterstützen können – schon gar nicht in den Momenten, als er es am meisten brauchte.
Japan besetzt nach den USA und China den weltweit dritten Platz was Internetaktivitäten betrifft. Japanische Internet user haben mit 160 megabytes pro Sekunde den schnellsten Netz-Zugang, sprich sie können ohne Mühe hochqualitative Medien posten, konsumieren und downloaden. Aber was bewegt die Jugendlichen, wenn sie sich im Netz surfen? Fujiwara zufolge “they just want to have as many friends as they can. It’s very important to have lots of friends in your cell phone adress book or on Mixi (a social networking site), but to have a very casual and noncommittal relationship is even more important. The experience of having a best friend (…) seems to be long gone. They think that sort of deep relationship is just too much…It`s too heavy, too much effort to maintain and too scary.”
Die japanisch-amerikanische Journalistin Lisa Katayama veröffentlichte im Sommer diesen Jahres in der NYT einen Artikel über die so genannte 2-D-Lieben – einer Subkultur japanischer Männer, die ihre romantische Beziehungen mit den Illustrationen ihrer idealen Partner suchen – manchmal Anime-Charakteren, manchmal Puppen ähnliche Figuren oder wie im Fall von Nisan, dem Protagonisten in Katayamas Reportage, einem lebensgroßen Kissen mit der Zeichnung des Objekts seiner Begierde. Toru Honda, der Guru des moe, wie das 2-D-Phänomen im slang genannt wird, hat schon mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Er schreibt: “I’m not saying that everyone should throw away hopes of real romance right away. I am simply saying that guys like me who have gotten to a point of no return can be happy living in 2-D (…) Pure love is completely gone in the real worl (…) as long as you train your imagination, a 2-D relationship is much more passionate than a 3-D one.”
Wenn er jemals seine dreidimensionale Liebe finden sollte, sagt der Nisan, hoffe er, dass sie Nemutan, den Charakter auf seinem Kissen, für die akkzeptiere, die sie ist: “She is my life’s work. I would be devastated if that was taken away from me.”






























