26
Oct
11

Glänz glänz, glitzer glitzer – Gender und Konsum in der Türkei

“Piril piril!” ruft Arzu Freude strahlend aus. “Piril piril!” gibt Nebahat anerkennend zurück. Piril piril ist Türkisch und heißt soviel wie “shiny shiny” oder auf deutsch “glitzer glitzer”. Die beiden Studentinnen sind gerade in Cevahir, dem größten Konsum-Tempel Europas angekommen. Sie lachen aufgeregt. Ihr Körper schüttet Endorphine aus. Glänzende Marmorfußböden und andere spiegelglatte Oberflächen, luxuriöse und ausladende Innenarchitektur. Hier sind sie wer. Hier ist es egal, ob sie eigentlich aus einem unteren Mittelklasse-Viertel stammen. Hier fühlen sie sich wie Prinzessinnen – selbst wenn sie auf der Toilette ihr Geschäft verrichten. Alles ist sauber, die Luft, die Böden, das Glas. Die Menschen sind gut gekleidet, als würden sie gleich bei einem Werbe-Casting für die neue Zara-Winterkollektion vorsprechen. 48 Stockwerke voller Dinge, die sie sich schon lange gewünscht haben. Doch wohin zuerst? Arzu möchte auf direktem Weg zum Adidas Store, sie hat Schuhe in der Werbung gesehen, die sie unbedingt anprobieren möchte. Nebahat möchte lieber zu Mango. Noch bevor sie die Läden ihrer Begierde erreicht haben, überfällt sie der Hunger. Burger King oder lieber zum traditionellen Muhallebici nebenan, der türkische Milchsüßspeisen verkauft? Die Mädchen diskutieren. Bei 343 Läden wird die Wahl leicht zur Qual.

Arzu’s Telefon klingelt. Ihr Vater ist am Apparat und möchte wissen wo sie ist. Dieses mal muss sie nicht, wie sonst so oft, lügen. “Cevahirdayiz” (dt.: Wir sind in der Cevahir), sagt sie gut gelaunt. Der Vater wünscht viel Spaß und bestellt einen Gruß von der Mutter und einen an ihre Freundin. Arzu weiß, dass es ihren Eltern gefällt, wenn sie in der Shopping-Mall ist. Es beruhigt sie zu wissen, dass ihre Tochter in einer sicheren und sauberen Umgebung ist. An einem gut gekühlten öffentlichen Ort, wo sie zwar auch mit dem gefährlichen anderen Geschlecht konfrontiert wird, jedoch in einer Prestige trächtigen Umgebung. Es beruhigt die Eltern auch zu wissen, dass Arzu nicht allein ist und somit “tugendhafter” erscheint. Die Eltern sehen es nicht gern, wenn Arzu draußen auf der Straße herumläuft. Frauen, die draußen – womöglich noch alleine – herumlaufen, riskieren sexuelle Belästigungen.

Die Tempel des globalen Bürgertums

Früher waren Einkaufstrips zu Shopping-Malls der Elite vorbehalten. Mittlerweile sind Shoppingmalls zum Symbol einer demokratischen Massenkultur geworden, zu der auch untere Klassen Zugang besitzen und damit eine Stück vom Kuchen der Konsumfantasie, des Raumexzesses und des Massenspektakels abbekommen und somit am “globalen Bürgertum” partizipieren. Die Shopping-Mall ist deshalb nicht nur ein Ort des reinen Konsums von Waren. Sie ist auch ein Ort an dem bessere Lifestyles imaginiert werden, auf und durch den Wünsche projiziert werden. Shopping Malls können als Tempel der kollektiven Imagination interpretiert werden. Das reiche, moderne und luxuriöse Ambiente animiert die Sinne der Flaneure und lässt in ihnen das Gefühl keimen der globalen, urbanen Welt anzugehören. Die Flaneure von Shopping Malls befinden sich gleichzeitig und gleichräumlich in München, Singapore, Lima, Austin oder Kapstadt. Im Gegensatz zu einem normalen Laden, ist es möglich in einer Shopping-Mall einfach nur herumzuhängen und sich trotzdem dazugehörig zu fühlen. Die soziale Identität bleibt im Autohaus. Shopping-Malls sind Orte der Rollenspiele.
Wikipedia listet 73 aktuelle Shopping Malls in Istanbul, 14 weitere befinden sich in Planung. Und dennoch – die Einkaufskultur bleibt vielschichtig.

Konsumwelten in der Türkei

Die Shoppingmall-Einkaufskultur der Türkei unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem Einkaufen auf dem Bazar oder dem Einkaufen in kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein traditioneller, überdachter und ebenerdiger Bazar in der Türkei ist eine Männer-Domäne. Konsumenten stehen in der Regel männlichen Verkäufern gegenüber, die sie oft und üblich auf einen Tee einladen, einen Schwatz mit ihnen halten und mit denen sie über den Preis verhandeln können. Die “offenen” Bazare, also die nicht überdachten unterscheiden sich von den geschlossenen dadurch, dass sie zunehmend auch weibliche Verkäuferinnen zulassen. Im Gegensatz zu den Bazaren, kann in den kleinen Läden in der unmittelbaren Nachbarschaft zwar nicht ganz so selbstverständlich über den Preis der Produkte verhandelt werden. Ausschlag gebend ist aber die Beziehung des Konsumenten zum Verkäufer/Ladenbesitzer. Ist dieses Verhältnis gut, kann durchaus auch über den Preis verhandelt werden, mehr noch, es kann “angeschrieben” werden. Das “Kaufen auf Pump” ist eine gängige Praxis innerhalb der Handelskultur einzelner (unterer Mittelklasse) Nachbarschaften. Mit diesem Prinzip werden Beziehungen aufrecht erhalten. Wenn Person X Person Y noch etwas schuldig ist, ist Person X solange an Person Y gebunden bis sie ihre Schuld beglichen hat. Hat sie ihre Schuld beglichen, wächst automatisch das Vertrauensverhältnis zwischen X und Y und Y ist ggf. beim nächsten Einkauf von X bereit ihr noch einen größeren Kauf “auf Pump” zu gewähren. Das Verhältnis wird somit immer reziproker (gegenseitiger). Neben dem informellen Kreditsystem bieten kleine Läden in der Nachbarschaft ihren Kunden auch Hausservice an. Wenn X, die in einem Mehrfamilienhaus im 3. Stock wohnt beispielsweise Brot, Milch und Oliven aus dem nächsten Bakkal (Tante Emma Laden) braucht, ruft sie den Bakkal ihres Vertrauens an, der in der Regel ein Kind oder einen Jugendlichen mit den Bestellungen zum Haus von X schickt. X lässt daraufhin einen Korb an einer Leine mit dem vom Bakkal angeforderten Betrag herunter, das Geld wird entnommen und die Bestellungen werden hinein gelegt – fertig ist der Einkauf.

Obwohl die Art des Einkaufes stark mit der sozialen Klasse der Konsumenten zusammenhängt, ist die Segregation von Klasse, Alter, Gender und Ethnie des Konsums bei Shopping Malls weitest gehend aufgehoben. Je höher die Klasse jedoch, desto eher können die Konsumenten flexibel zwischen unterschiedlichen Einkauf-Settings profitieren. Im Stadtteil Etiler, einem obere Mittelschicht Viertel beispielsweise haben Konsumenten die Wahl zwischen Bakkals in der Nachbarschaft, zwei Shoppingmalls und einem Open-Air-Bazar des Typs Sosyete pazari (High Society Bazar).
In allen Einkaufsräumen jedoch, werden die Kunden wie Könige behandelt. Ob sie auf dem Bazar mit dem Händler pazarlik betreiben, also handeln, ihre Waren ins Haus geliefert bekommen, “auf Pump” kaufen können oder in einer Shopping-Mall beraten werden, das Konsum-Erlebnis in der Türkei ist ein personalisiertes, Vertrauen orientiertes.

Genderorientierter Konsum in der Türkei

Unter bestimmten Berufsgruppen, wie Händlern, Bauern und Besitzern kleiner Läden, ist es üblich, dass die Männer die Einkäufe übernehmen und in der Regel auch die Kontrolle über den Finanzhaushalt der Familie besitzen. In solchen Familien entscheiden die männlichen Oberhäupter was für die Familie oder für Gäste gekocht wird.

Einer türkischen Studie des Sosyal Egitim ve Danismanlik Sirketi zufolge, die in 37 Läden, welche üblicherweise in Shoppingmalls vertreten sind (wie etwa Benneton, Mudo und Bata) ausgeführt wurde, sind 54,7 Prozent der Manager Frauen, die in der Regel sehr Karriere orientiert sind und einer “protestantischen Arbeitsethik” folgen. Manager gaben grundsätzlich an, dass sie keine Frauen einstellen wollen, die Kinder oder Familie haben, da diese nicht in der Lage wären sich an die Arbeitsstunden zu halten und eine 6 bis 7-Tage-Woche zu absolvieren, bei der pro Tag 12 Stunden gearbeitet wird.

Tendenziell besetzen Frauen die Spitze in der “Hierarchie des Geschmacks”, während Männer eher die Spitze in der “Hierarchie des Wohlstandes” bilden.
Während Frauen mit ihren Männern shoppen, haben sie die Möglichkeit finanzielle Entscheidungen mit zu beeinflussen und die Männer stärker in die alltäglichen Aktivitäten und Familienangelegenheiten einzubinden. Das Shopping kann so zu einem Machtinstrument der Frauen über ihre Männer werden. Kann das Shoppen also als ein emanzipatorische Akt begriffen werden?

Das Shoppen und Konsumieren von Produkten und Waren gehört sowohl bei Männern, als auch bei Frauen zu einer Prestige-Aktivität. In Shopping-Malls bekommen Frauen Zugang zum kapitalistischen Markt durch individuelle Erfüllungen anstelle durch Gemeinschaft orientierte, soziale Aktivitäten.
Während sie bestimmte Waren anderen Waren bevorzugen, wählen sie gleichzeitig eine bestimmte Kultur, während sie sich von einer anderen abgrenzen. Sätze wie “Wie widerlich, da steht vielleicht ein Dorfmädchen drauf” drücken Frauen nicht nur ihre Geringschätzung gegenüber einem Produkt, sondern betonen auch ihren Klassen-Status.

Shoppen ist eine Erfahrung, die viele KritikerInnen als passiv begreifen. Tatsächlich kann diese Aktivität aber durchaus auch aktiven Zielen dienen, auch wenn diese nicht unbedingt bewusst gelebt werden.

Dieser Text wurde informiert und inspiriert durch den Artikel “Encounters at the Counter: Gender and the Shopping Experience” von
Ayse Durakbasa und Dilek Cindoglu aus dem Buch: “Fragments of Culture: the everyday of modern Turkey” von Deniz Kandiyoti und Ayse Saktanber (Hg.)

04
Jul
11

Von Sündenböcken in Jägerkasernen – Mazedonische Roma in Sachsen. Zur Geschichte eines Gerüchtes 

Als die EU am 19. Dezember 2009 den Visumzwang für Mazedonien, Serbien und Montenegro aufhob, war dort die Freude groß: Bis zu 90 Tage sollten sich Angehörige dieser Staaten nun legal innerhalb der EU-Schengengrenzen aufhalten dürfen. Was dann geschah, war vorherzusehen. Tausende von Menschen wechselten aus rechtlicher Perspektive von einem legalen Status in den anderen und beantragten vor Ablauf ihres Touristenvisums Asyl. Denn zu Hause war ein hartnäckiges Gerücht im Umlauf: Wer im Besitz eines biometrischen Passes sei, hieß es, könne nach Westeuropa auswandern. In Belgien oder in den skandinavischen Staaten erhalte man sogar Asyl. Für Angehörige von Minderheiten wie mazedonischen Roma oder Albanern, die unter struktureller Arbeits- und Perspektivlosigkeit leiden, ein verlockendes Angebot.

545 Menschen sollen es laut dem Medienservice allein in Sachsen gewesen sein, die in den ersten neun Monaten nach Abschaffung des Visumzwangs Anträge auf Asyl gestellt haben, im Vergleich zu insgesamt 45 im Jahr 2009. Der Spiegel schrieb von einer „Asylbewerberwelle“, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) von einem „offenkundigen Missbrauch“ des Asylrechts und Sachsens damaliger Innen- und amtierender Staatsminister Markus Ulbig (CDU) wetterte: „Wer missbräuchlich Asyl beantragt, schadet denen, die unseren Schutz brauchen. Hier muss der Staat reagieren.“ Wie ein autoritärer Vater, der nicht weiß wie er seine undisziplinierten Kinder, bestrafen soll, reagierte der Staat, indem er bereits im vergangenen Oktober die finanziellen Rückkehrhilfen strich – 400 Euro pro erwachsene Asylsuchende aus Serbien und Mazedonien, der “freiwillig” das Land verlässt. Schliesslich sei nicht auszuschließen, verlautete in sächsischen Regierungskreisen, dass die AsylbewerberInnen nur gekommen wären, um das Geld abzugreifen.
Das Argument hatte schon jemand anders salonfähig gemacht: Sarkozy, während der massiven Abschiebungen von Roma aus Frankreich.
Für den Staat ist die freiwillige Rückkehr billiger als Abschiebungen. Und sie werfen in den Statistiken für die EU und für die der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ein wärmeres Licht auf die im internationalen Kontext als repressiv bekannte Ausländerpolitik in Deutschland.

In einer Pressemitteilung vom September 2009, beklagte die Landesdirektion Sachsen eine “punktuellen Belastung” speziell von Asylbewerbern aus Mazedonien, deren Unterbringung sich immer schwerer gestalte. Man arbeitete an Lösungen, hiess es weiter. Trotz des überproportionalem Gebäude-Leerstandes in Sachsen, sind es oft ehemals militärische Gebäude, die zur “lösenden” Unterbringung der Flüchtlinge umfunktioniert werden. Wie in Schneeberg im Erzgebirge, wo die Mazedonischen Flüchtlinge im Zuge der “Migrationswelle” in einer Jägerkaserne untergebracht wurden. Noch vor ihrer Einquartierung, heizte Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) die Stimmung in der Regionalpresse an. Ein Anstieg von Diebstählen im Ort sei nicht auszuschließen. Zudem sei eine Erstaufnahmeeinrichtung in Schneeberg „nicht gerade förderlich, wenn ich dort Gewerbe ansiedeln will“. Die Gefahr in Verzug durch die eingereisten “Nichtdeutschen” wie “Ausländer” im Kriminalistik-Slang genannt werden, sieht auch der neue Eigentümer der Jägerkaserne Gustav Struck, Bruder des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD). Auch er könne nicht ausschließen, dass die Vermarktung des Geländes durch die Unterbringung von Asylbewerbern erschwert werde.

Die Landesdirektion Chemnitz bemühte sich die mazedonischen Familien zur „Zurücknahme der Asylanträge und zur freiwilligen Ausreise“ zu bewegen. Im November fuhren schließlich zwei mit
Flüchtlingen gefüllte Reisebusse von Sachsen nach Mazedonien.
Auch in Leipzig ist die Überredung zur freiwilligen Ausreise bereits übliche Praxis geworden. Im Flüchtlingsheim, in Grünau, werden speziell mazedonische Roma-Familien von Behörden-VertreterInnen aufgesucht, die das Einverständnis ihrer freiwilligen Ausreise unterschreiben sollen.
Für Lunchpakete werde gesorgt.

Auch auf europäischer Ebene wurden Maßnahmen getroffen. Brüssel ermahnte die mazedonischen Behörden. Das zeigte bereits Wirkung. Mazedonische Behörden schlossen im März mehrere Reiseagenturen, die Ausreisewillige nach Westeuropa transportiert haben sollen. Eines der betroffenen Busunternehmen in der Hauptstadt Skopje gehörte der Familie eines Abgeordneten, der die Roma im mazedonischen Parlament vertritt. Währenddessen wird in Skopje ein architektonisches Prestige-Projekt geplant: bis 2014 sollen Denkmäler und repräsentative Bauten im Zentrum von Skopje für 80 Millionen Euro saniert werden. Gelder für ökonomisch rückständige Gebiete wie die, in denen Roma leben, werden indes nicht locker gemacht. Also gehen sie. Hier angekommen geht es ihnen meist nicht viel besser. Arbeiten dürfen sie auch hier nicht. Schließlich gelten integrative Maßnahmen für Geduldete nicht. Dabei müsste die Stadt Leipzig sie willkommen heißen, denn laut dem Amt für Statistik und Wahlen der Stadt , sind es “überdurchschnittlich Migranten-Familien unterschiedlichster Herkunft, die durch Kinderreichtum dafür sorgen, das die Geburtenraten in Leipzig in den letzten Jahren beständig über bundesdeutschem Durchschnitt lagen.”

Dieser Text wurde im Feierabend Nr.41, Libertäres Monatsheft für Leipzig veröffentlicht

07
Mar
11

Ich sehe fern also bin ich – das Phänomen Fernsehen in der Türkei

Mit acht Stunden täglichem Fernsehkonsum, sind es laut einer OECD-Studie die Bürger der USA, die weltweit am meisten fern sehen. Auf Platz 2 folgt die Türkei mit 5 Stunden täglich. In der Tat gibt es viele Konsum-Parallelen zwischen den USA und der Türkei. Der Fetisch Fernsehen gehört zu den auffälligsten.

Das wichtigste Möbelstück in der Türkei ist der Fernseher. Türkische Wohnzimmer sind deshalb in der Regel um den Fernseher herum angeordnet. Die ökonomische Situation der Familie bzw. die Klasse scheint da ausnahmsweise einmal keine Rolle zu spielen. Denn auch wenn die Familie noch so arm und der Fernsehapparat auch noch so klein und flimmrig ist, bekommt er den Promiplatz, in der Regel gleich neben dem Elektro-Heizgerät/Ventilator.
Wer keinen Fernseher hat oder fern sieht, outet sich nicht nur als Herausforderer Status Quo, sondern scheint geradezu asozial. Schliesslich kann der nicht fern sehende Mensch weder das hoch geschätzte und bis ins kleinste Detail ausdiskutierte private Leben der türkischen Celebrities verfolgen, noch über die vielen un- bis mitteltalentierten “Künstler”, der unzähligen Talentshows herziehen. Viel schlimmer als das wiegt aber, dass einem das Gemeinschaft stiftende frühabendliche Ritual Serien in Serie zu schauen abgeht und mensch lediglich Zuschauer bleibt während sich Freunde, Nachbarn und Verwandte täglich über die letzten unfassbaren Ereignisse von “Kurtlar Vadisi” und den “Kücük Kadinlar” in Rage reden. Der Fernseher scheint aber nicht nur ein wichtiges Status-Element, sondern hat auch eben auch eine wichtige soziale Rolle in der türkischen Gesellschaft inne.


In Istanbul leben geschätzte 20 Millionen Menschen, die in Millionen Häusern leben in denen Millionen von Fernsehapparaten stehen. Präziser: Millionen Satellitenfernsehapparate, die von Millionen von Satellitenschüsseln bespielt werden. Kabelfernsehen gibt es in der Türkei nicht. Die überall aus dem Boden stakenden mehrstöckigen ohnehin schon unfassbar hässlichen Apartment-Blöcke, die ihre Funktion der Massenunterbringung förmlich ausstrahlend dennoch uneingeschränkte Popularität in Istanbul geniessen, werden von den charakteristisch schmutzig-weißen konkaven Scheiben in ihrer Funktionssucht noch betont. Sie kleben an den Häusern wie tote Fliegen an der Windschutzscheibe und tatsächlich hängen sie mitunter auch direkt vor den Fenstern. Denn wer braucht schon Licht, wenn den ganzen Tag gearbeitet wird und abends eh fern gesehen wird? Oder sich abends in der Bar über Fernsehen unterhalten wird….

Eine Freundin, die Regisseurin ist, hat seit einigen Monaten einen Regie-Assistentenjob einer vom staatlichen Fernsehkanal TRT1 produzierten Serie: “Leyla ile Mecnun”, ist der Name des Paares aus 1001 Nacht, das bei uns als Romeo und Julia bekannt ist und jetzt den Stoff für die absurde Serien-Komödie bildet, die das arabeske Märchen durch den urbanen Istanbul-Kakao zieht. Als mich besagte Freundin neulich zu ihrem Geburtstags in eine Bar eingeladen hatte, entpuppte sich der Umtrunk als verschleiertes Filmset-Teamtreffen, denn auch hier drehten sich die Gespräche, wenn auch weniger um den Inhalt der Serie, so doch um die Produktionsstrapazen.

Aber Fernsehen ist längst keine Privatangelegenheit mehr. Dudel- und Brüllkästen hängen in Kaffee- und Teehäusern und selbst in den allseits beliebten Lokalen, in denen es Essen zu erschwinglichen Preisen gibt, glotzen einem Nachrichtenmoderatoren beim Essen zu oder belästigen einen mit Horrornachrichten, die mensch zumindest beim Essen mal gerne ausblenden würde. Aber drauf geschissen. Wenn ich mir gerade eine Gabel Spinat mit Joghurt in den Mund schiebe, explodiert garantiert wieder irgendwo eine Bombe, Granatsplitter fliegen, Blut, Leichenteile, Menschen kreischen in die Kamera. Scheint aber keinen weiter zu stören, es wird munter drauf losgefuttert und wirklich zuhören tut eh keiner. Alles schon tausendmal gesehen. Das Opium fürs Volk wirkt aber trotzdem, denn es hält die nicht essenden Menschen in gefesselter Apathie und stattet sie mit Meinungen aus, deren ursächliches Ereignis sie gleich mitgeliefert bekommen. Aha- und Lerneffekt: 2in1.
Die einmalige Ruhe der Fähre (im Sinn von kein Verkehrslärm außer dem Motorengerattere, kein Geschrei außer dem Çay-Mann), die alle 20 Minuten zwischen den Kontinenten hin- und her gondelt, gehört mittlerweile auch der Vergangenheit an. Denn in den neuen, noch geräumigeren und noch luxuriöseren Fähren prangen neuerdings auf jedem Stock alle fünf Meter Riesenflachbildschirme, aus dem mensch mit den letzten sensationellen Nachrichten des Landes beeimert wird. Das Fernsehen ist im öffentlichen Raum angekommen.

Neulich während einer der zahlreichen Abende bei meiner türkischen Familie, wurde ich fassungsloser Zeuge einer neuen Fernsehshow auf einem Privatsender: der Kreis. Die Regeln: Sechs ausgewählte Personen müssen sich 76 Stunden in einem Kreis von ca. 2 Meter Radius aufhalten und dabei möglichst wenig essen und trinken. Wer Durst oder Hunger hat, muss virtuelles Cash opfern und erhält als Gnadenerlass sein Essen auf einem Silbertablett, das dann, als ob man andere für seine “Sünden” (denn das Essen ist hier die Sünde) leiden lassen möchte, den hungrigen Kreis-Gefangenen triumphierend unter die Nase gehalten wird. Die Show ist garniert mit retrospektiven Interviewsequenzen der geläuterten Überlebenden, die über ihre Kreis-Mitleidenden herziehen, wie in all den anderen Stirb-Langsam-oder-tu-wenigstens-so-Reality-Shows. Gewonnen hat, wer es am längsten ohne essen aushält bzw. zum Schluss noch genug virtuelles Geld im Speicher hat. Die Show erinnerte mich an etwas, was mir tagelang nicht einfallen wollte, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: die Agenda der AKP-Regierung: populistisch agieren, privat wirtschaften (virtuelle Cash-Crops im global Polit-Showbiz anzapfen) und Frömmigkeit zum Lebensprinzip erheben (Fasten wie an Ramadan, mit zwischendurch auf Silbertellern servierten Köstlichkeiten). Islamisch verträglicher Neoliberalismus auf türkisch.

Definitiv unterhaltsamer als “der Kreis” ist eine türkische Talkshow, die auf Youtube unter “turkish flying man” zu finden ist und die, obwohl schon Jahre seit der ersten Live-Ausstrahlung vergangen sind, noch immer für Lachkrämpfe beim Publikum sorgt. Der fliegende Mann erzählt dort von einer gewissen göttlichen Bio-Energie, die ihn persönlich zum Fliegen veranlasse. Als er zum Fliegen aufgefordert wird, springt er plötzlich wie von der Tarantel gestochen und inbrünstig schreiend von der Couch rotiert und wälzt sich auf dem Boden. Während der kurzen Darbietung, rennen nervöse, aufgebrachte Menschen durchs Bild. Die Moderatorin reagiert gelassen: “Evet….evet…” (Dt.: Jaaa….jaa….) und unterhält sich schließlich mit dem Überflieger weiter, der sich mittlerweile wieder auf der Couch eingefunden hat, als wäre nichts passiert. Ein anderer türkischer Talkmaster einer anderen Show, die der auf dem Boden fliegende Mann aufsuchte, ist direkter: “Den Scheiß glaub Ihnen doch niemand!” Als der Mann wie zum Beweis wieder seinen Anfall bekommt, wird er vor laufender Kamera freundlich aufgefordert einen Psychologen aufzusuchen. Anthropologen, die bislang dachten, Besessenheit könne erst durch Trancezustände hervorgerufen werden, werden hier eines Besseren belehrt;)

24
Jan
11

Residenzpflicht in Sachsen abgeschafft. Ein Grund zu feiern?

Illustration aus: Ernst Mach, Antimetaphysische Vorbemerkungen, erschienen in Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen

Residenzpflicht bedeutet residieren zu müssen. Oder anders ausgedrückt: sich nicht außerhalb seines nicht selbst gewählten Wohnsitzes aufhalten zu dürfen. Die Residenzpflicht ist Teil des beispiellosen Ausländerrechts in Deutschland und besagt, dass hier lebende Asylbewerber und Geduldete sich lediglich in dem vom Staatsapparatus zugeteilten Landkreis oder der jeweiligen kreisfreien Stadt aufhalten dürfen und sich nicht ohne Genehmigung – die gegen Bezahlung von der Ausländerbehörde einzuholen ist – außerhalb dieser festgelegter Grenzen bewegen dürfen. Verstösse gegen die Residenzpflicht gelten als so genannte opferlose Straftat und fliessen mit in die Kriminalitätsstatistik ein.

Wie der Medienservice Sachsen am 17.01.11 berichtete, ist die Residenzpflicht für Asylbewerber in Sachsen mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Die erweiterte Residenzpflicht kann nicht in Anspruch nehmen “wer vorbestraft ist oder wer seinen Mitwirkungspflichten selbstverschuldet nicht nachkommt”.

Ich frage: Was ist unter “Mitwirkungspflichten” zu verstehen? Der Wille zur Integration? Solange Asylbewerber nicht dezentral untergebracht werden, sondern in Heimen an sozio-geographischen Peripherien eingepfercht bleiben, wie kann die viel gepredigte Integration stattfinden? Werden Asylbewerber überhaupt als Teil der Integrationsagenda wahrgenommen? Gehört es zu den”Mitwirkungspflichten” Termine bei der Ausländerbehörde wahrzunehmen? Gehört es nicht auch zu den “Mitwirkungspflichten” des Staates Menschen, die staatliche Behörden aufsuchen, mit Hilfe von Beamten, die zumindest einer weiteren Fremdsprache mächtig sind oder Dolmetscherservice verständlich zu machen, weshalb sie diese Termine wahrnehmen sollten? Denn, wenn Behörden-Deutsch nicht einmal von Deutsch-MuttersprachlerInnen verstanden wird, wie sollen es Asylbewerber verstehen? Oder geht es nur um die Vermittlung von Pflichten, aber nicht die von Rechten?

Der Medienservice zitiert Staatsminister Markus Ulbig:

„Mir ist daran gelegen, pragmatische Lösungen zu finden ohne falsche Anreize zu setzen.“

Ich frage: Anreize zu zuviel Integrationswillen? Zählt zuviel physische Bewegung auch unter falsche Anreize? Zählen Verwandtenbesuche in anderen Bundesländern der BRD unter falsche Anreize? Ich muss an Adorno’s “Es gibt kein richtiges Leben im falschen” denken. Das falsche Leben ist dabei das Leben in einem Nationalstaat, der seine Pflichten als Wahrheit und die Bewegungsfreiheit als falschen Anreiz verkauft.

Der Medienservice konstatiert:

“Hintergrund für die neue Regelung sind die Erfahrungen nach der Kreisreform. Durch die Zusammenlegung der Kreise hatte sich in Folge der erlaubnisfreie Bewegungsradius für Geduldete praktisch verdoppelt.”

Ich frage: Ist es sinvoll menschenwürdiges Leben durch die Erstellung einer neuen Kreisreform zu ermöglichen oder wäre es für die Staats- und Länderapparatuse nicht angebrachter menschenwürdiges Leben als Selbstverständlichkeit zu begreifen und durch dementsprechenden politischen Willen umzusetzen? Was ist das für eine Sprache, die von einem “erlaubnisfreien Bewegungsradius für Geduldete” spricht? Soll mensch sich darüber freuen, dass es auch erlaubnisfreie Bewegungsradien gibt? Als sei Freiheit etwas, das mensch sich erst verdienen muss. Der Preis, den Menschen zahlen, die in Deutschland Asyl beantragen oder die sich erfolgreicherweise schon zum Duldungsstatus hochgehangelt haben, ist ihre Bewegungsfreiheit. Es scheint als ist physische Un-Freiheit in demokratischen Systemen so sicher wie das Amen in der Kirche.

06
Dec
10

roma and urban transformation in sarıgöl/ istanbul

“Können sie uns sagen, wie wir nach Sarıgöl kommen?” fragen wir ein paar Çay trinkende Männer in einem Kaffeehaus. Sarıgöl ist ein mahalle (Nachbarschaft, Stadtviertel) in Gaziosmanpaşa auf der europäische Seite von Istanbul. Araber, Kurden und viele Roma leben dort. Wir haben gehört, dass dem mahalle ein ähnliches Schicksal bevorsteht wie Sulukule vor zwei Jahren: Stadtviertelerneuerung. Das Wort klingt gut, ist es aber nicht. Die kleinen, einstöckigen slumartigen Häuser im Viertel, so genannte gecekondus, die meisten mehrere Jahrzehnte alt, sollen abgerissen werden. Wir wollen wissen, was es damit auf sich hat.

“Sarıgöl? Das ist kein Viertel für euch, Mädchen. Es ist gefährlich. Dort hinuzugehen ist gefährlich. Was wollt ihr denn dort?” “Wir machen eine Recherche zum städtischen Wandel.” “Das ist schön, aber ihr solltet dort wirklich nicht hingehen.” Ein anderer sagt: “Ja, er hat Recht, ich wohne dort selbst seit vielen Jahren und selbst ich würde Euch diesen Ort nicht empfehlen.” “Also ich mein, wenn ihr dort unbedingt hinwollt, dann begleite ich euch natürlich” lässt der erste gönnerhaft verlautbaren, “wartet noch bis ich meinen Çay getrunken habe.”

Sarıgöl liegt am Hügel, kleine steile Gässchen winden sich in das Tal, das aussieht wie eine Riesenmüllhalde. Dazwischen vereinzelt ein paar gecekondu-Häuschen (über Nacht ohne Baulizenz gebaute Häuser). Roma Frauen in langen bunten Röcken laufen den Strassen. Wir werden neugierig, aber freundlich angeschaut. Weniger misstrauisch als sonst. Mensch begrüsst uns. Wir fühlen uns weder bedroht noch unwohl. Wir kommen mit den ersten Romanlar ins Gespräch, stellen uns vor. Wir fragen sie, ob sie wissen würden, dass die Stadt hier Häuser abreissen will. “Die Stadt will hier Häuser abreissen? Nein, davon haben wir noch nichts gehört, woher wisst ihr das?” Wir haben das in einer Kurzmeldung in der Hürriyet gelesen.” “Doch, natürlich wissen wir das,” mischt sich eine andere Frau ein. Sie waren schon da und haben unsere Häuser ausgemessen. Dort drüben, seht ihr, dort wo jetzt keine Häuser mehr stehen”, sie weist auf die Müllhalde, die andere Seite des Hügels, dort haben sie schon angefangen.” “Ja, unser mahalle hat der Stadtgemeinde schon einen Brief geschrieben, dass wir nicht damit einverstanden sind. Wir sind arme Leute, wir haben nichts. Unsere Häuser sind brüchig. Seit über 20 Jahren dürfen wir offiziell unsere Häuser nicht selbst sanieren und von der Stadt kommt keine Hilfe. Nicht einmal einen Nagel dürfen wir in unsere Häuser schlagen, obwohl sie unsere Väter selbst gebaut haben. Die Stadt sagt, die Häuser gehören uns nicht, weil wir damals keine Baulizenz hatten. Toki (das größte Bauunternehmen der Türkei) will uns jetzt die Häuser abkaufen.” “Wieviel Geld bieten sie Euch dafür?” “50 Milliarden YTL (2500 Euro).” “Aber ich werde mein Haus nicht für so einen Spottpreis verhökern. Ich habe eine Familie und vier Geschwister. Wenn die Stadt uns ein paar Stockwerke auf unser Haus bauen würde und wir weiter darin leben können, würde ich es verkaufen, aber sonst keine Chance.” “Was macht ihr, wenn sie wie in Sulukule einfach mit dem Bagger kommen und die Häuser einreissen?” “Was sollen wir machen? Wir sind arm.” “Seid ihr organisiert?” “Organisiert? Was heißt das? Das verstehe ich nicht.” “Ich meine, habt ihr eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass eure Häuser nicht eingerissen werden?” “Nein, so etwas haben wir nicht”. “Werdet ihr euch denn wehren, wenn sie kommen?” “Ja, auf jeden Fall werden wir uns wehren. Wir leben hier seit Jahren, wir haben uns an hier gewöhnt.” “Dort unten,” wir zeigen in das Tal “wer wohnt denn dort?” “Dort könnt ihr nicht hin, Mädchen, dort unten ist es wirklich gefährlich, nicht so wie bei uns,” “Ja, wirklich” eine andere Frau pflichtet ihr bei “dort unten könnt ihr um diese Zeit (es ist 4 Uhr nachmittags) auf keinen Fall hin. Die verkaufen Drogen dort unten, Haschisch und Heroin, sie rauben euch aus und wollen euch vergewaltigen. Ich lebe hier seit 31 Jahren. Wir sind saubere Leute. Hier bei uns auf den Strassen seid ihr sicher, aber dort unten ist es vorbei” “Wer wohnt denn dort?” “Die meisten sind Kurden. Dort drüben, dort wo sie die Häuser bereits eingerissen haben, hatten sich die Bewohner bei der Stadtgemeinde beschwert, weil vor ihren Häusern Drogen verkauft wurden. Sie haben sich nicht mehr sicher gefühlt. Eine Weile später wurden ihre Häuser eingerissen.” “Mädchen, wenn ihr wollt, gehen wir ins Haus, kommt wir können dort etwas trinken und uns dort weiter unterhalten. Aber nur die Mädchen”. Unser Begleiter, der uns die ganze Zeit keinen Meter von der Seite rücken wollte, verabschiedet sich von uns. Wir sind froh ihn loszuwerden. Ceriye führt uns in ihr Haus. Wir ziehen die Schuhe aus und steigen in ein kleines, enges Zimmer, in dem zwei Sofas und ein Fernseher stehen. Der Raum ist sehr sauber. Der Ofen glüht, es ist warm. Ihr Mann holt einen Fruchtsaft und Kekse. Eine Nachbarin und der erwachsene Sohn sind anwesend. Auf ihre Frage wer wir sind, antworten sie, dass wir Journalisten sind. “Wisst ihr, wenn sie uns umsiedeln, siedeln sie nicht das ganze mahalle um. Das ist das schlimmste, das wir dann nicht mehr zusammen wohnen können. Sie versuchen uns kaputt zu machen. Unsere Männer arbeiten als Musiker oder Verkäufer. Sie kaufen Klamotten, Telefone und so weiter. Sie haben ihre Märkte und Kunden hier.” “Ja, schaut, ich arbeite in der Kosmetikbranche”, sagt der Ehemann von Ceriye und kramt eine Gucci-Parfumschachtel aus einem Schrank. Es ist gutes Parfum, wenn ihr welches kaufen wollt…” und bevor ich etwas sagen kann sprüht er mir das Parfum auf die Hand. Entschuldigend winke ich ab und gebe zu, dass ich nicht viel für Parfums übrig habe. “Ja wir haben gute Jobs, wir verkaufen keine Drogen, wir sind saubere Leute.” “Nennt ihr euch eigentlich Roma oder Zigeuner?” Der Mann antwortet lachend: “Zigeuner? Nein, wir sind keine Zigeuner, wir sind Romanlar.” “Und wer sind die Zigeuner?” fragen wir zurück. “Die Zigeuner sind die, die zum Beispiel unter der Brücke in Esenler am Busbahnhof leben. Sie leben in Zelten und arbeiten als Müllsammler, als Papiersammler, sie haben nicht so gute Jobs wie wir.”

13
Nov
10

Wenn Atatürk die Zeit anhält

Morgens neun Uhr mitten in Istanbul: Ich sitze eingequetscht in einem Linienbus zwischen zwei Sitzen auf einer Ablage, die eigentlich für Gepäck vorgesehen ist, als plötzlich eine schrecklich laute Sirene zu heulen beginnt. Es ist die Art Sirene, die mensch bei einer Bombenwarnung erwartet. Wenn Metall schreien könnte, würde es sich so anhören: kreischend, unerbittlich für jeden hörbar. Die Kakophonie der Muezzine ein Glockenspiel dagegen. Die wenigen Buspassagiere, die einen Sitzplatz ergattern konnten, stehen auf. Keine Spur von Hektik, geschweige denn Panik. Sie erheben sich in Würde, bleiben einfach stehen, starren Löcher in die Luft. Ich bleibe sitzen, starre irritiert nach draußen wo das tägliche Verkehrschaos zum Stehen gekommen, das allgegenwärtige Hupen der Autos verstummt ist. Der Sesamkringel-Verkäufer verkauft auf einmal keine Sesamkringel mehr, sondern steht wie angewurzelt vor seinem Stand. Die Großstadt erprobten Autofahrer, steigen aus ihren Wagen. Die Hundertschaften von Arbeitenden, die gerade noch über die Kreuzung geeilt sind, halten mitten im Schritt inne, setzen die Füße nebeneinander, wie in der ersten Balletposition. Ihr Kinn ist leicht angehoben. Ihre Arme hängen gerade an ihren Seiten, ihre Fingespitzen zeigen gen Boden. Mehr noch als einer Volksballett-Kompanie oder einem stadtweiten Flashmob, gleichen sie einem Heer freiwilliger Soldaten.
Die Szenerie ist surreal, sie gleicht einem Traum, in dem Meister Hora die Zeit angehalten hat. Meister Hora alias Mustafa Kemal Atatürk. Sein Geist bzw. der seiner Schäfchen scheint zu flüstern: Stand still, don’t move. Think about the one who saved you. Nur wenige Momos eilen weiter, scheinbar ohne ihre eingefrorenen Weggenossen auch nur annähernd zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn so fasziniert von ihrem Anblick zu sein wie ich es bin.

Quelle: Haber Online TR vom 10.11.10

Es ist der 10.November, 9:05 Uhr. Vor genau 72 Jahren ist Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der türkischen Republik gestorben. Doch Atatürk lebt weiter in Myriaden von Bildern, Statuen, Sprüchen, Erzählungen, politischen Überzeugungen, Fahnen, Fotografien, Ansteckern usw., sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum. Die Ehre, die diesem Politiker so viele Jahre nach seinem Tod von einem ganzen Volk beschert wird, dürfte weltweit nicht nur einzigartig, sondern mutet auch ironisch angesichts der Tatsache an, dass er selbst gesagt hat: “Mein bescheidener Körper wird eines Tages zu Erde werden. Aber die türkische Republik wird auf immer leben!” (“Benim naçiz vücudum nasıl olsa bir gün toprak olacaktır. Fakat Türkiye Cumhuriyeti ebediyen yaşayacaktır.”) Sie wird leben und sie wird einmal im Jahr stehen bleiben.

19
Sep
10

Wurst


Wenn ich an meine Grundschulzeit denke, denke ich vor allem an eines: an Wurstbrot essende Kinder. Der fleischige Geruch hängt bis heute in meiner olifaktorischen Erinnerung fest und raubt mir beim Gedanken daran sämtliche Sinne.

Der Horror begann, wenn die Schulglocke zur großen Pause läutete. Dann rissen, die sich wie im Wahn auf ihre Amigo-und Scout Schulranzen stürzenden Kinder, ihre in Alu verpackten Pausenbrote und Bifis aus ihren Plastik-Ranzen. Noch bevor sie Mama’s Proviant auspacken konnten, waberte bereits Lyoner- und Salamigeruch durch das ohnehin schon sauerstoffarme und kaugummi-aromatisierte Zimmer. Um den Wurstbrot essenden und Wurstbrot ausdünstenden Kindern zu entkommen, versuchte ich, bevor sie die Alu-Pakete aus ihren Ranzen fingerten, das Weite zu suchen. Mein Wurstbrot-Eskapismus scheiterte in der Regel aber bereits im Schulflur wo ich mich in einer Masse wurstbrot- und kaugummikauender Kinder-Zombies wiederfand, die sich in einer undefinierbaren Masse Richtung Schulhof quetschten.

Zum Glück haben Grundschulbesuche wie alles andere ein Ende, nur die Wurst…

Hörbares zu Wurst, Kindergruppen besuchende Kinder und Frust

05
Sep
10

Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010

Fast 50 Millionen Menschen sind inzwischen in Deutschland online. Neun von zehn Menschen unter 50 nutzen das Internet regelmäßig. Bei den über 50-Jährigen ist es immerhin knapp jeder zweite. Das ergibt die aktuelle ARD-ZDF-Onlinestudie (1) vom Frühjahr 2010. Demnach wird rund die Hälfte der Zeit, die online verbracht wird, für Kommunikation genutzt, etwa ein Fünftel dient der Informationsbeschaffung. Zu den meist genutzten Inhalten im Netz gehören außerdem aktuelle Nachrichten.

Die Ergebnisse der aktuellen ARD-ZDF-Onlinestudie bestätigen die Ergebnisse früherer Jahre. Nämlich dass die meisten Angebote durch eine nur geringe Zahl von Onlinern mit Inhalten versorgt werden, der Kreis der aktiven Web 2.0 Nutzern sinkt bei den meisten Anwendungen. Es festigt sich außerdem das Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft der Mitmachanwendungen: Neben massenattraktiven Formen wie Videoportalen, wikipedia und privaten Netzwerken, stehen solche, die relativ kleine Zielgruppen bedienen, wie etwa Foto-Communities, Weblogs und Twitter.

Generation und Gender

Interessant dabei: Die “Generationskluft” hat sich verschoben. Sie verläuft nicht mehr wie noch vor einigen Jahren zwischen den unter und über 50-Jährigen, sondern zwischen unter und ab 65-Jährigen. Eine andere Kluft hat sich dagegen stärker geschlossen: Das “Gender Gap” wird laut der -Online-Studie immer geringer, Frauen sind also immer häufiger online (47% der deutschen Internetnutzer sind Frauen. Im Vergleich: 1997 kam auf drei männliche Nutzer eine Nutzerin). Männer gehen häufiger und länger ins Netz und sind dabei “aktiver” und “experimentierfreudiger”. Die einzigen Anwendungen die laut der Studie häufiger von Frauen, als von Männern genutzt werden, sind Online-Communities.

Social Media

Die Idee Bilder und Videos im Netz hochzuladen oder sich selbst zu repräsentieren und Kontakte zu pflegen, ist nur ein paar Jahre alt und schon zum multimedialen Massenphänomen geworden, dem sich mehrere 100 Millionen Menschen angeschlossen haben. “Social Media und Videos sind in der mitte der Gesellschaft angekommen”, schreiben Birgit von Eimeren und Beate Frees in Media Perspektiven 7-8/2010, in der die Ergebnisse der aktuellen Onlinestudie veröffentlicht sind.
In manchen Gebieten der BRD ist inzwischen sogar eine – wie Kommunikationswissenschaftler es ausdrücken – Sättigung erreicht: Bei den 14 bis 19-Jährigen sind dort bis zu 100 Prozent online. Im gesamten Frühjahr 2010 nutzten rund 69,4 Prozent der deutschsprachigen Erwachsenen wenigstens gelegentlich das Internet.

Videos und Mediatheken

Laut einer Youtube-Statistik werden 53 Prozent aller Videos weniger als 500 Mal angeschaut, 30 weniger als 100 Mal. Nur 0,3 Prozent der Videos erzielt mehr als eine Million Abrufe. Die meisten Videos werden nur Sekundenweise angeschaut. Parallel zum Anstieg der Videoportale nutzen immer mehr Menschen auch die Mediatheken der Fersehsender. Die Nutzung, so Eineren und Frees sei aber noch nicht habitualisiert.

Audio

Das Internet ist außerdem für den Hörfunk ein weiterer Distributionsweg geworden, also eine Plattform für Inhalte, die im und für das Radion produziert werden. Fast 27 % aller onliner haben 2010 schon einmal Radio als Livestream gehört. Charakteristisch ist eine eher gelegentliche Nutzung.

Tendenzen

Die Bedeutung von “Social Media” steigt weiter an und grundsätzlich gehört die Nutzung von Bewegtbildern zu den weiter wachsenden Bereichen des Internets. Die Konvergenz zwischen Fernsehen und Internet nimmt ebenso zu. Zeitversetztes Fernsehen über das Internet wird immer beliebter. Videos im Netz werden dabei (noch) ergänzend zu herkömmlichen Fernsehen genutzt. Die Befürchtung, dass professionelle oder nicht-profesionelle Videos die Fernsehinhalte verdrängen, kann die Studie somit nicht bestätigen.
Grundsätzlich kann die Studie keinen Verdrängungswettbewerb zwischen alten und neuen Medien feststellen. Statt eines “entweder oder” gebe es ein “sowohl als auch” sowohl für die Anbieter als auch für das Nutzerverhalten. Der Medienkonsum steigt tendenziell an. Das gilt, so Eimeren und Frees, auch für die Erwartungen an die traditionellen Medien. Da die Grenzen zwischen “klassischen” Medien und Internet verschwimmen, steigen auch die Erwartungen an die multimediale Vernetzung der Inhalte. Von Fernseh-, Radio- und Printinhalten wird demzufolge erwartet, dass sie “zum zeit- und ortssouveränen Abruf im Netz bereit gestellt werden”.

(1) Die Langzeitstudie untersucht seit 1997 die Entwicklung der Internetnutzung in Deutschland. Für die aktuelle Studie wurde mit 1804 Erwachsenen ab 14 Jahren ein vollständiges Interview durchgeführt.

05
Sep
10

Die Inflation der Nachhaltigkeit


Alle reden von Nachhaltigkeit. Nachhaltige Wirtschaft, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Nachhaltigkeit, Bildung für nachhaltige Entwicklung. Allerorts wird Mut zur Nachhaltigkeit gefordert, Unternehmen werben mit nachhaltiger Forschung, Nachhaltigkeit wird zum Leitbild deklariert. Auch ein Lexikon für Nachhaltigkeit ist mittlerweile im Umlauf. Nachhaltige Plastikworte brauchen lange bis sie schwinden. Und so werden wir wohl noch eine Weile mit nachhaltigen Dingen konfrontiert sein. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich?

Noch im 15. Band der Brockhaus-Enzyklopädie, findet mensch unter dem Eintrag “Nachhaltigkeit”: “Forstwirtschaft, ein Bewirtschaftungsprinzip, dass dadurch charakterisiert ist, dass nicht mehr Holz geerntet wird, als jeweils nachwachsen kann.” Knappe 20 Jahre später hat das Wort bereits einen spektakulären Bedeutungswandel erfahren. Die Kommission der UN, die damals von der norwegischen Außenministerin Gro Harlem Brundtland geleitet wurde hatte schließlich darüber beraten, wie wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen auf Dauer schützen könnten und entschied sich zur Beschreibung dieser Bemühung für das englische Wort “sustain”. Im Englischen bedeutet das Wort “sustain” auch widerstehen. “‘Sustainable development’ ist daher auch”, so schreibt Erhard Eppler, der von 1968-1947 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit war, “ein Aufruf zum Widerstand gegen eine Ökonomie, die nur nach der maximalen Rendite strebt, ganz gleich was sie zukünftigen Generationen damit antut.” Eppler ist der Ansicht, dass das deutsche “nachhaltig” der Dramatik des englischen “sustainable” nicht gerecht wird und schlägt deshalb vor “nachhaltig” durch “zukunftstauglich” zu ersetzen.

Günter Kunert schrieb unlängst in seiner Cicero-Kolumne “Kunerts Unwörter” über das Wörtchen “Nachhaltigkeit”:

Ein altes deutsches Leiden ist die Blasenschwäche. Oder anders gesagt: die Schwäche für Sprechblasen. Die gedeihen besonders gut im politischen Terrain. Und weil irgendjemand mal auf die Idee gekommen ist, den Begriff der Nachhaltigkeit in Umlauf zu bringen, strotzen die Reden nun von derselben – nicht allerdings von Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinn. Denn sie verfliegt – kaum den Mündern entflohen, ins Nirwana der Gedächtnisleere. Kein Problem im Öffentlichkeitszirkus. Auf den Benutzeroberflächen der Fernsehschirme erzeugt dieser Begriff noch immer eine Bedeutungsschwere, die auch das Gewicht des Redners deutlich erhöht. Nicht nur Frieden im Nahen Osten zu fordern, ist wesentlich sondern einen Frieden von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit bei der Krisenbekämpfung, jawohl, das verlangen die Nachhaltiger. Zwar wäre es einfacher, aber eben auch banaler, einen dauerhaften Frieden zu wünschen.

Quelle: Jahrbuch für Journalisten 2010. Johann Oberauer (Hg.).

04
Sep
10

Roma und die pathologisierende Berichterstattung



Die französische Regierung folgt derzeit dem „Sicherheitspaket“ Italiens aus dem Jahr 2008. So genannte “Nomaden” wurden damals als Bedrohung der nationalen Sicherheit dargestellt. Auf Grundlage der damit verbundenen Notstandsgesetzgebung wurden schließlich alle nicht italienischen Roma ausgewiesen. Dass es schon lange Praxis innerhalb der EU ist, die größte europäische Minderheit systematisch zu “entfernen”, hat die Medien bislang relativ wenig interessiert. Dafür, dass sonst – außer den üblichen Sterotypen – nur wenige etwas über Roma/Zigeuner zu wissen scheinen, wird seit Beginn der Deportationen der Roma in Frankreich nun erstaunlich viel “Fachwissen” über sie verbreitet. Und mit dem vermeintlichen Fachwissen werden erneut Sterotype transportiert.

In einem aktuellen Artikel der Welt mit dem Titel “Die Macht der Roma-Clans behindert ihre Integration” listet der Autor Pierre Heumann anhand von sechs “Hindernissen” auf, weshalb Roma es nicht schaffen sich in westliche Gesellschaften zu integrieren. In Folge werde die meines Erachtens problematischten “Hindernisse” (die ersten vier) kurz unter die Lupe nehmen.

“Hindernis Nr. 1: das Verhältnis zur Arbeit” (oder: Individuell=arbeitsuntauglich?)

“Eigene Fehler hindern viele Roma daran, Anschluss an die Moderne zu finden”, so Heumann und pathologisiert im Folgenden ungeniert ihre Kultur. Als “eigene Fehler” wertet der Autor hier “kulturelle” Merkmale. Roma sind demnach selbst schuld, dass die systematisch von Abschiebungen bedroht sind? Gute Journalsitische Artikel leben davon, dass sie mehrere Seiten beleuchten und nicht nur eine. Die Schuld einer Kultur in die Schuhe zu schieben ist historisch schon immer einfach und schmerzfrei für die Ankläger-Seite gewesen. Kulturen bevölkern aber gemeinsam die Regionen in denen sie leben und sie beeinflussen sich. Sarkozy nach dem Mund zu reden und zu behaupten, Roma seien eben nicht integrationswillig, verkürzt die Realität. Auch wenn Roma sich historisch schon immer von ihren Mehrheitsbevölkerungen abgegrenzt haben, waren es gleichzeitig auch diese Mehrheitsbevölkerungen, die sie ausgegrenzt haben.

Roma, so Heumann, dulden keine hierarchischen Strukturen. Der Sozialanthropologe Thomas Acton, der seit den 1960er Jahren zur Sozialstruktur von Roma in Europa forscht, interpretiere dies als Reaktion auf die Unterwerfung unter die Nichtroma (die sogenannten Gadsche), welche die Roma seit ihrer Einwanderung nach Europa vor rund tausend Jahren hinnehmen mussten.

Diese Ablehnung von Hierarchien (vor allem auch unter Einbeziehung der historischen Aspekte) ist sehr verständlich. Wieso kommt der Autor nicht auf die Idee das Prinzip Hierarchie grundsätzlich zu hinterfragen? Denn, was ist eigentlich gut an Hierarchien? Mittlerweile gibt es in unserer “mobilen und flexiblen” postmodernen Gesellschaft viele Gruppen, die hierarchische Strukturen am Arbeitsplatz ablehnen, bzw. abbauen möchten. Der Terminus “flache Hierarchie” gilt in der Ära der sozialen Netzwerke und interaktiven Open-Source-Technologien , nicht nur als arbeitnehmerfreundlich, sondern auch als obligatorisch für jene Arbeitgeber, die sich gerne als modern und hip outen.

Ein anderer Aspekt des “Hindernis Nr. 1″ ist, laut Heumann, die nicht vorhandene Fähigkeit von Roma in langen Zeiträumen zu planen. Dies wäre einer Integration in die moderne Industriegesellschaft abträglich.

Abgesehen davon, dass es sich hier um eine grobe, ungeprüfte Verallgemeinerung handelt, frage ich mich, ob wir mittlerweile schon so weit sind, dass hier nur leben darf, wer in langen Zeiträumen planen kann? Ob Herrn Heumann außerdem schon einmal aufgefallen ist, dass die Fähigkeit in langen Zeiträumen zu planen nicht nur Menschen abgeht, die nichts für unsere “Zeit-ist-Geld-Gesellschaft” übrig haben, sondern tendenziell auch unseren lieben Politikern, die mit “Nachhaltigkeit” zwar gerne Wahlkampf betreiben, aber in der Regel höchstens bis zur nächsten Legislaturperiode sehen. Welchen Grund gibt es hier, einer Minderheit so exklusiv eine Eigenschaft zu verpassen, die unserer ach so homogenen Gesellschaft entgegenläuft, außer genau diese Minderheit zum genuin “Anderen” hochzustilisieren?

“Hindernis Nr.2: Kultur” (oder: Kein Geld, keine Rechte?)

Wer über Kultur schreibt, sollte sich damit auskennen, oder sehr sorgfältig recherchieren: Beides trifft auf Heumann nicht zu. Ansonsten stehen die so genannten “kulturellen Merkmale” schnell synonym für das, was mensch früher als “rassisch bedingt” interpretiert hat.

Ein Beispiel. Über die Kultur der Roma, weiß Heumann nach der Lektüre einer Quelle, die nicht weiter benannt wird: “Was nach dem Tod eines Familienvorstandes nicht zerstört wurde, wurde verkauft. Man wolle nicht in einem Haus leben oder Land besitzen, das mit dem Toten assoziiert werde. So ist es nicht möglich, Vermögen aufzubauen.”

Der letzte Satz soll wohl selbst erklärend sein: Wer kein Vermögen aufbauen kann, hat hier nichts zu suchen!?
Tatsächlich gibt es beispielsweise bei den Sinti in Südtirol (siehe Elisabeth Tauber) oder bei den Manuš in Zentralfrankreich (siehe Patrick Williams), den Brauch den Wohnraum des Verstorbenen zu verlassen, zu zerstören, oder auch im Falle der ökonomischen Dringlichkeit zu verkaufen – ohne dabei allerdings Wert auf einen guten Deal zu legen. Der Grund dafür, der hier von Heumann ausgeblendet wird, liegt im Respekt gegenüber den eigenen Toten. Stille und Vergessen sind die vollsten Formen des Respekts, der “Gläubigkeit” gegenüber den Toten, gegenüber der Erinnerung. Respekt gegenüber den Toten walten zu lassen, ist eine Fähigkeit, die der medialen Berichterstattung übrigens oft abgeht. Ich erinnere nur an das medial aufbereitet Sterben der schwedischen Außenministerin Anna Lindh oder den entgleisten Chroniken zu Michael Jackson’s Tod. Respekt vor dem Tod, so scheint es, wird heute weniger Wert beigemessen, als der Fähigkeit kapitalwirksames Vermögen aufzubauen.

“Hindernis 3: Schule und Ausbildung” (oder: Lektionen in Demut)

Heumann schreibt:

“Mit der Betonung der Gegenwart einher geht die Skepsis gegenüber einer schulischen Ausbildung. In Deutschland kommen die meisten Kinder von Roma-Familien zwar der Schulpflicht nach. Doch viele besuchen die Lektionen unregelmäßig, stellte die deutsche Ethnologin Ute Koch bei einer Feldstudie mit Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien fest, die in einer westdeutschen Großstadt leben.”

Der Nationalstaat hat ein Interesse daran die Menschen in seinem Land zu integrieren. Soziologen, Philosophen und Anthropologen, sie sich mit National-Staaten beschäftigt haben, sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne von staatlicher Kontrolle. Ein Grund übrigens, weshalb Menschen ohne festen Wohnsitz wie Nomaden, vom Staat davon abgehalten werden, Ländergrenzen zu übertreten: Wer nicht erfasst ist, zahlt keine Steuern und entzieht sich der staatlichen Bildung. Aus staatlicher Perspektive ein No-go.

Für viele Roma und auch andere Gruppen wie beispielsweise englische Traveller macht das staatliche Bildungssystem wenig Sinn. In die Schule zu gehen bedeutet nämlich nicht immer relevante Dinge zu lernen. Die werden vielmehr in der familiären Ausbildung weiter gegeben und sind oft mit Tätigkeiten verbunden, die seit Generationen von der jeweiligen Familie praktiziert werden wie traditionellem Handwerk.
Bei unserem Bildungssystem hört die Individualität auf. Schüler, die in bestimmten Bereichen gefördert werden möchten/sollten, müssen dafür teilweise kostenpflichtige AGs besuchen (in Köln ist beispielsweise an vielen Schulen der Kunst-Unterricht abgeschafft worden und durch kostenpflichtige AGs ersetzt worden), sich dafür in ihrer Freizeit kümmern oder haben, sollten sich die Eltern keine Vereine etc. leisten können, schlicht Pech gehabt.

“Hindernis 4: Eigentumsbegriff” (oder: Teilen ist asozial)

Heumann dazu:

Die Eigentumsverhältnisse sind fließend. Man helfe sich wie unter Brüdern gegenseitig aus, ganz im Sinne einer Gemeinschaftsethik, die einem egalitären Verhältnis unter Roma entspreche. Statt vom individuellen Eigentum werde das Roma-Denken in vielen Fällen vom Primat des kollektiven Familienbesitzes geleitet, meint der tschechische Anthropologe Marek Jakoubek.

Wird über Eigentum geredet wird, ist die “individualistische Perspektive” wieder angebracht, die beim Thema Arbeit und Kultur noch als hinderlich eingestuft wurde. Die Frage, die sich hier aufdrängt: Kann diese Gemeinschaftethik, die sich im übrigen bei den meisten nicht-westlichen Kulturen findet, Ausschlag gebend dafür sein, dass es Roma nicht gelingt sich zu integrieren? Oder ist es so, dass wer sich hilft wie unter Brüdern, bei uns fremd ist?

Soll dieser Artikel eine Erklärung für die völlig inakzeptable politische Praxis der französischen Regierung sein? Weshalb schreibt der Autor nur darüber, dass Roma sich nicht integrieren wollen? Wieso erwähnt er in keiner Zeile die strukturellen, staatlich bedingten Faktoren, die einer solchen Integration im Wege stehen? Weshalb wird nicht darauf verwiesen, dass Deportationen das Gegenteil von Integration darstellen, nämlich aktive Exklusion? In dem Artikel werden auffallend viele Anthropologen und Tsiganologen wie Thomas Acton, Michael Stewart und Marek Jacoubek zitiert. Diese Leute sind in langjährige Forschungen mit und bei Roma involviert. Ihre Stimmen einzuholen ist sinnvoll und wichtig und trotzdem: Wieso kommt kein einziger betroffener Rom selbst zu Wort?

Mir liegt es fern, Heumann`s Artikel ausschließlich schlecht zu machen. Ich möchte ledigleich darauf hinweisen, dass sehr viele Passagen missverständlich sind. Gleichzeitig gibt es auch gute Passagen, wie beispielsweise das Ende, wo Heumann auf das eigentliche Dilemma verweist: Auf der einen Seite sollen Roma sollen im Interesse ihrer Integration die westlichen Kulturprämissen annehmen. Anderseits sollen sie auch ihre Eigenart und ihre Kultur bewahren.

Seit es Roma gibt, leben sie in einem Spannungsverhältnis zur jeweiligen Mehrheitsbevölkerung. Tatsächlich ist das wahrscheinlich die einzige Gemeinsamkeit, die die sehr verschiedenen Roma-/Zigeunergruppen eint. Vielleicht wollen sich manche nicht integrieren, ganz sicher aber haben auch viele Nicht-Roma kein Bedürfnis daran sie in ihre Gesellschaft zu integrieren. Bisher hat es (abgesehen von den ehemaligen Ostblock-Staaten) noch kein National-Staat geschafft, sie in seinem Interesse zu integrieren und assimilieren. Roma sind wer sie sind. Versuche sie zu vertreiben werden auf längere Sicht scheitern. Nicht nur weil die Grenzen in der EU offen sind und die deportierten Roma mit noch mehr Verwandten zurückkommen. Sondern, weil eine Gesellschaft, die sich plural nennt und beginnt bestimmte (ethnische Gruppen) zu exkludieren, sich selbst zerstört.

Mehr Informationen aus der Presse gibt es hier:

Artikel von Georges Soros in der Welt. Soros ist Vorstand des Open Society Instituts, Schüler von Karl Popper und Milliardär. Seit Jahren setzt er sich für die strukturelle Gleichberechtigung von Roma ein.

Artikel aus dem Schweizer Tagesanzeiger vom Beginn der Deportationen in Frankreich.

“Darf Frankreich Roma massenweise ausweisen?” Ein hinterfragender Artikel auf tagesschau.de

“Auf der Flucht von den Bulldozern”. Ein Artikel aus der taz

Eine andere Perspektive bietet Alexandre Lévy auf seinem französischen blog “Western Balkans”. Hier ein Post über die “Galaxie Rom” und die Arbeit der französischen Kalderasch

Eine aktuelle Zusammenstellung des Eurotopics.net von unterschiedlichen europäischen Tageszeitungen zum Thema Roma in Europa

Am 4. September gab es eine Protestmarsch in Belgrad, der vor die französische Botschaft und das EU-Hauptquartier in der serbischen Hauptstadt zog. Roma und Nicht-Roma protestierten gemeinsam. Vor der französischen botschaft riefen sie den Slogan der französischen Revolution “Liberté, égalité, fraternité, solidarité”. Es entstand eine Audioslide-Show




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